Kunst und Museen in Berlin

Die Austellung „Forensis“ im Haus der Kulturen der Welt

Forensik kennt man aus dem Tatort oder aus der Serie "CSI": Ermittler versuchen die Wahrheit über ein Verbrechen zu klären, etwa indem sie die Leiche untersuchen. Viele Verbrechen sind aber weit komplexer. Auch das zeigt die Ausstellung Forensis im Haus der Kulturen der Welt.

DNA-Identifikationsraum in Guatemala

Der historisch spektakulärste Fall der Ausstellung „Forensis“ ist „Mengele’s Skull“ von Thomas Keenan und Kurator Eyal Weizman: Überlagerungen aus Porträts und Schädelaufnahmen des Nazi-Doktors Josef Mengele, der 1985 in einem Vorort von Sгo Paolo exhumiert wurde. Durch neue Bildgebungsverfahren konnte man seine Identität nachweisen – ein Wendepunkt für die Forensik und deren juristische Betrachtung: Spätestens nach dem Eichmann-Prozess von 1966 hatten lange die Aussagen von Opfern im Mittelpunkt des juristischen Interesses gestanden. Mit der Mengele-Exhumierung wurden verstärkt körperliche Objekte unter die Lupe genommen. Das wird auch für die zukünftige Frage von Zeugenschaft im Dritten Reich von Belang sein. Die Besucher in der „Forensis“-Ausstellung werden mit solchen Themen aber nicht alleingelassen: Was für sich genommen nach Geisterbahn oder Freak-Show aussehen könnte, erden die kuratorischen Texte wissenschaftlich. Einer der beiden Kuratoren, Anselm Franke, sagt dem tip: „Wir gehen in der Ausstellung von Knochen aus und zeigen den Paradigmenwechsel vom Subjekt zum Objekt anhand dessen neuen Stellenwertes.“ Denn in aller Welt graben forensische Anthropologen Massengräber aus, um politische Verbrechen zu untersuchen – von Srebenica bis Guatemala.

Agentur für Forensis

Im 21. Jahrhundert interpretieren nicht nur Menschen, sondern auch Algorithmen Satellitenbilder von Menschenrechtsverletzungen, etwa im Sudan. Hier setzt das Projekt „Forensic Architecture“ von Eyal Weizman an, der seit drei Jahren die forensische Agentur am Goldsmith College der Londoner Universität leitet. Künstler und Theoretiker arbeiten dort an der Beweisführung, aber auch der künstlerischen Prüfung brisanter Fälle menschlicher und natürlicher Gewalt, die manchmal verflochten sind. Zu den Auftraggebern der Agentur zählen selbst die Vereinten Nationen. Zusammen mit seinem Co-Kurator Anselm Franke präsentiert Weizman in der Schau „Forensis“ im HKW eine Auswahl dieser Projekte. Weizman geht es aber nicht darum den Beweisen mehr Sex-Appeal zu verleihen: „Dennoch brauchen wir Ästhetik, um die Wahrheit zu verstehen. Künstlerische Sensibilität dient als Behelf der Wahrheitssuche“, sagt er uns. Die überschreitet den eng gesetzten Bereich der Rechtsmedizin. Deshalb sprechen die Kuratoren von „Forensis“ statt „Forensik“, denn ihnen geht es allgemein um bildgebende Formen der Suche nach Wahrheit – abgeleitet vom lateinischen „Forum“, dem Ort des öffentlichen Dialogs.

Die Ausstellung unterscheidet zwischen zwei Kategorien von Projekten: „Files“ und „Cases“. Die „Cases“ sind forensische Untersuchungen, die eine Beweisführung für die Strafverfolgung zum Ziel haben. Die „File“-Projekte hinterfragen, stärker künstlerisch ästhetisierend, den Gebrauch forensischer Methoden. 

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