Adel trifft auf Erde

ParioliHotelDeRome__CatherineGBerlin ist und bleibt anders. Letztens gab es im Parioli, dem Restaurant des Hotel de Rome, ein Arbeitsessen, bei dem für das kommende Frühjahr für Galeria Kaufhof Weine ausgesucht  wurden. Insgesamt ein netter Abend. Geadelt wurde die Runde durch den aus­tralischen Zweig der Faber-Castells. Der junge Graf Anton Andreas bringt gerade eine Forellenzucht in Bayern wieder in Schwung – und der Daddy Graf Roland repräsentiert ordentlich. Schon bei der arbeitsintensiven Weinbewertung wurde der junge Mann ständig von den angeblichen Experten unterbrochen. Als Frau kennt man das und unterbricht entweder oder spricht einfach seine Sätze lauter zu Ende. Der schüchterne Graf schwieg dann irgendwann. Und der Daddy wurde beim anschließend gemeinsamen Essen vom jungen Kellner irgendwann aufgefordert mitzuarbeiten, sprich sich seinen Teller selbst zu servieren. Tja, in München wäre das garantiert nicht passiert, in Berlin gang und gäbe.

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Foto: Katherine Gericke

von  Eva-Maria Hilker
Veröffentlicht: 01.02.2012 , Zuletzt aktualisiert: 01.02.2012

Zwischen Disko und Dispo, Folge 145: Berliner Tresengespräche

Tresengespräche

Letztens stand ich an einer Bar in Mitte. Ich sprach ausschließlich mit freundlichen und gut gekleideten Leuten, die Cocktails waren exzellent  - es fühlte sich nur überhaupt nicht nach Berlin an. Ich versuchte mich zu erinnern, wann sich Tresengespräche in Berlin mal besonders nach Berlin anfühlten und weil es mir nicht einfallen wollte, startete ich eine Umfrage auf Facebook. Marcus R. schrieb: "Mein Klassiker sind die beiden Suffis um die 50 im Metzer Eck. Nach 30 Minuten schweigen und Herrengedeck kippen, lehnte sich der eine zum anderen, tippte mit dem Finger auf den Tresen und sagte: Also wenn's zum Kriege kommt, WENN'S zum Kriege kommt, ich versteck dich!"
Ich mochte Marcus Geschichte, sie erinnerte mich auch an Moabit. Wir standen da mal in einer Kneipe bei halben Litern Bier, im Hintergrund liefen die Dire Straits und es gab Erdnussflipps in Schälchen. Der Barmann sagte: "Das alte Gerichtsgebäude drüben steht leer." Aha, dachte ich, jetzt geht‘s los. Leute werden kommen um Partys und Streetart-Ausstellungen zu veranstalten, Studentenzuzug, Galerieeröffnungen, Bubble-Ice-Tea-Shops, gefolgt von Start-Up-Unternehmern in Survival-Outdoor-Jacken.
"Ne, ne. Das dauert hier noch. Erst mal ist Neukölln-Süd dran." - meinte einer, der offensichtlich Gedanken lesen konnte und hauptberuflich Partys in kaputten Industrieanlagen ausrichtet. Als der dann sein Bier hob und "Prost" sagte, betrat eine Frau mit Tasche das Etablissement. Ihre Tasche war wirklich riesig.
Es saß sich gut da am Tresen in Moabit. Wir dachten uns TV-Formate aus, wie die "Heavy-Metal-Garten-Show" - rasant geschnitten, maximale Lichteffekte, Rock-Star-Frisuren, Gartentipps. Der Barmann fand‘s gut. Ich beobachtete die Frau, die sich an einen Tisch gesetzt hatte und dabei war, etwas umständlich aus ihrer Tasche zu heben. Ich staunte nicht schlecht, als sie ein sehr großes Ei freilegte, eine Art Dinosaurierei. Nach und nach kamen Gäste an ihren Tisch, sprachen ein paar Worte und nahmen das Ei in den Arm - ein absurdes Bild. Ich schaute mich um, aber es gab nichts, was auf eine dieser "Versteckte Kamera"-Shows hindeuten könnte. Als die Frau an den Tresen kam, um einen Wein zu ordern, sprach ich sie an. Sie erklärte mir, dass sie das Ei seit Oktober 2011 betreue. Im ersten Monat bemühte sie sich zudem um eine konstante Temperatur (24 Grad), was bedeutete, sie transportierte neben dem Ei auch noch eine Wärmflasche durch die Stadt. Inzwischen genüge soziale Wärme, sagte sie, und bei kurzen Gängen, wie in den Supermarkt, nähme sie es ohnehin nicht mehr mit. Die Frau wirkte klar und fröhlich und als sie erzählte, sie hätte inzwischen eine enge persönliche Bindung zum Ei aufgebaut, da nahm ich es dann auch mal in den Arm. Es hatte schon paar Risse in der Schale, fühlte sich aber überraschend gut an: warm, liebenswert und ein bisschen kaputt  - so ähnlich wie ein Tresengespräch nachts in Moabit.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 30.01.2012 , Zuletzt aktualisiert: 30.01.2012

Zwischen Disko und Dispo, Folge 144: Ost-Sex, West- Sex, Österreich.


Erotik

Das Jahr beginnt bescheiden mit einer hartnäckigen Erkältung und geringer Erwartungshaltung. Zudem bot mir jemand auf dem Facebook-Profil an, meine Füße abzulecken. Ich nehme dies zum Anlass das Thema Erotik zu behandeln - auch, weil ich nicht über Wulff, "Dschungelcamp"  oder "Mitte-Hipster"-Phänomene sprechen möchte. Dann doch lieber über Sex, diese enorm wichtige und völlig unterbewertete Aktivität! 

Der Eindruck variiert natürlich von Stunde zu Stunde, und, wie sich im weiteren Textverlauf zeigen wird, möglicherweise auch von Ost nach West . Als ich im Kit Kat-Club einen untersetzten Gast (Westen) auf der Tanzfläche beobachtete, wie er seinen erigierten Penis von einer Frau im kurzen Gummikleid (Osten), begleitet von unfassbar billiger Tribal-Technomusik massiert bekam, da schien mir Sex ja auch eher überbewertet - dem Gesichtsausdruck des Mannes nach zu urteilen, lag ich mit meiner Einschätzung allerdings extrem daneben.
Was also könnte ich  zum Thema beitragen, was nicht schon tausende Male auseinander analysiert wurde? Ich hatte da dieses besoffene Gespräch mit einer Freundin. Wir trafen uns zufällig in einer Einkaufspassage, setzten uns in eine dieser ewig gleichen Espresso-Bars und tranken diverse Sekt-Piccolöchen. Gegen 17 Uhr hatten wir dann mächtig einen sitzen und kamen auf dieses Thema. Meine Freundin Luise, wie ich aus dem Osten stammend,  stellte die These auf, das es einen Unterschied gäbe beim Sex zwischen Ost- und Westmännern.
Sie meinte, bei Geschlechtspartnern aus dem Westen in der Abfolge sexueller Handlungen eine Ähnlichkeit zu Dramaturgien in handelsüblichen Pornofilmen beobachtet zu haben. Hingegen bei Ostmännern empfand sie den Ablauf tendenziell freier und experimentierfreudiger gestaltet, was wir uns erst mal gar nicht, und dann mit einer vorausgegangenen Jahrzehntelangen Kommerzialisierung des Sex im Westen erklärten. Bedeutete das Großwerden zwischen Pornofilmen und Erotik-Märkten für den Wessi, seine Freiheit im Bett verloren zu haben? Vielleicht war Luise einfach nur mit den falschen Westmännern intim - wenige waren es jedenfalls nicht. Fakt ist, der Ost-Mann wuchs unbedarfter auf. Ein "Sex als Ware" gab es nicht in der DDR, bzw. nur in kleinen, für die Masse uneinsehbaren Nischen. Das fehlende Vorgaben mehr Platz für Fantasie und lustige Improvisationen ließen, schien uns nur logisch. Trotz der Bedenklichkeit der Theorie, verlief das Gespräch in der Espressobar äußerst gut gelaunt. Es gab auch keine Lobeshymnen auf den geilen Ostmann, im Gegenteil. Luise ist seit 6 Jahren mit einem Wessi liiert und hat zwei Töchter, so lahm kann der Sex mit dem Westen also nicht sein. Zudem musste ich beim letzten Besuch der Erotikmesse "Venus" feststellen, dass der Osten die letzten 20 Jahre seit Mauerfall nutzte, sich dem bundesdeutschen Schnitt anzugleichen. Noch nie habe ich so viele Menschen mit Sächsischem Dialekt getroffen, wie an den Porno-Ständen im ICC - einzig im Areal mit  schweren Käfigen und Apparaturen für den S/M- Bedarf dominierten Westdeutsche und Österreichische Händler - mögliche Schlüsse darf hier jeder selber ziehen... muss aber nicht!

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 16.01.2012 , Zuletzt aktualisiert: 17.01.2012

Blitzlichtig

udo-lindenbergSelbst schuld! Wie kann man nur zwischen den Feiertagen richtig Bock kriegen auf den Thai-Salat im Tizian, dem Restaurant vom Hyatt? Nachdem so gut wie jeder Reiseführer Berlin als die beste Partystadt zu Silvester postuliert hat. Sie haben sich was gegönnt, die netten Menschen aus Öschelbronn oder Paderborn. Sie kommen zwischen den Feiertagen angereist, sitzen in der Hotel-Lobby und staunen über jeden, der da vorbeispaziert, mit einer Blicklänge, die auf eine ziemliche Trägheit der Erkenntnisdauer schließen lässt, ob prominent oder nicht. Jeder, der in Berlin vier Wochen verbringt, lernt,
seine Umgebung schnell und unauffällig zu scannen. Deutlich erkennbar daher die Provinz, wenn zum Beispiel Sarah Connor vorüberschwebt oder Udo Lindenberg. Nicht nur, dass dann das Handy gezückt wird, nein, zu Silvester hat man eine kleine Kamera mitgenommen und die feuert Blitze. Und wenn das mit der Prominenz nicht klappt, dann wird die Tochter vor dem Kamin, neben dem Sessel, im Sessel, am Tresen, die Mama noch dazu, der Kellner, die gesamte Familie … – das ist kein Thai-Salat der Welt wert!

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von  Eva-Maria Hilker
Veröffentlicht: 11.01.2012 , Zuletzt aktualisiert: 11.01.2012

Zwischen Disko und Dispo, Folge 143: Zwischen den Jahren

Chez Icke

Diese Kolumne wurde in Hektik verfasst, zwischen den Jahren, einen Tag vor Weihnachten, Mutter im Nacken, Geschenke nicht zusammen, 20-Meter-Schlange vor der Post. Nun hier der Versuch Heiteres zu formulieren. Dabei habe ich vorhin noch auf dem Karstadt-Kunden-WC geheult, weil es ein bestimmtes Produkt  nicht gab, weil die Nerven blank lagen und dieses Weihnachten einen so dermaßen schafft und ich verstehe, wenn Menschen zum Amoklaufen den 23.12. als überaus geeigneten Termin empfinden.
Dann kam dieser Anruf mit der Nachricht, dass die Übergabe eines Geschenkes bevorsteht, so groß und schwer, dass man es nicht mit zu meiner Mutter aufs Land transportieren könne, sondern ein Schließfach auf dem Bahnhof anmieten müsse. Danach  ging es mir etwas besser und wenn sie das hier lesen ist Weihnachten und dieses ganze, verdammte 2011 vorüber.
Lassen sie mich abschließend nun das tun, was all die Günter Jauchs, Johannes B. Kerners und Ulrich Meyers dieser Welt in diesen Wochen erledigen:  einen Blick zurückwerfen. Ich möchte ihnen Zusammenschnitte von beklemmenden und schönen Ereignissen präsentieren, gedanklich mit passender Musik unterlegt bzw. in Klammern hinzugefügt.

Flop 2011- vergeigtes Bryan-Ferry-Meeting (Musik: Bryan Farry "Avalon")
Der Fankult zur Person hat Familientradition. Meine Mutter liebt Bryan Ferry, meine Tante sowie deren Tochter, mein Vater bewundert laut Eigenaussage die radikale Eleganz des Künstlers aber nur ich hatte die Einladung zur Ausstellungseröffnung im .HBC mit Möglichkeit zur privaten Audienz. Ha! Leider lief der Abend dann nicht wie geplant. Man sagte, ich könne den Star in einem abgeschirmten Raum für ein paar Fragen treffen, wenn ich zuvor ein Getränk ("Please without Gas!") organisierte - nur als ich wiederkam, war meine forsche Freundin bereits drinnen und verstörte den Star mit Fragen zu Sexismus in Ferry'schen Fotomotiven. Audienz beendet.

Tier 2011 - Bretonisches Zwergschaf  (Musik: Gonjasufi "Sheep")
Regelmäßig spiele ich ein Spiel Namens "Endhaltestellenlotto". Hierzu setzt man sich an eine Haltestelle, nimmt das erste öffentliche Verkehrsmittel, was kommt,  reist bis zur Endstation und ckeckt vor Ort die Lage. Im August landete ich an einem Feldweg in Caputh. Ich lief ein paar Schritte, bis ich vor einer eingezäunten Wiese stand. Hier weideten Tiere, die ich nie zuvor sah, beeindruckende Geschöpfe, kaum höher als Reiskochtöpfe: wollig, lebhaft, aufdringlich! - Seither träume ich von einer eigenen Mikro-Schafe-Zucht.

Club 2011 - Last Exit Landsberger (Musik: Todd Terje "Inspector Norse")
Bevor der Club so richtig bekannt wurde, war er schon wieder weg.  Das Gebäude der ehemaligen "Pfennigland"-Filiale am S Bahnhof Landsberger Allee  ist inzwischen abgerissen. Im Februar noch, zwischen sauguten Lichtinstalationen und überquellenden Aschenbechern, hielt ich hier morgens um vier einen betrunken-pathetischen Vortrag über die Großartigkeit Berliner Partykultur, die nur durch stetigen Wechsel und in Momentaufnahmen erlebbar sei, und dem - so mitten im Fallbeispiel - natürlich niemand zuhörte.

Idee 2011- Chez Icke (Musik: Udo Jürgens "Auf der Suche nach mir selbst")
Gesine Dankwart's Idee einer Bar, die Interntet, Variete und Party miteinander verbindet, hat mich umgehauen. Es hatte zuvor nur etwas gedauert, bis ich überhaupt verstand, worum es hier ging: ...Kneipe? ...Theater? ...W-Lan? ...Barpersonal steuern übers Laptop? ...WTF?  "Probelauf für eine nahende Zukunft" - beschrieb eine Tageszeitung treffend und ich bin heilfroh auf der Teststecke an Bord gewesen zu sein. Danke Marcus! Danke Chez-Icke-Team!

Danke 2011!

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 27.12.2011 , Zuletzt aktualisiert: 28.12.2011

Zwischen Disko und Dispo, Folge 142: Ernie- Ein Weihnachtsdrama

Bild_Bastian_SchreckErnie steht an der Schnellstraße. Es ist ein sachlicher Beschluss, den er hier heute umsetzen wird. Sein Leben soll nun zu ende sein, kurz und schmerzlos, ohne melancholisches Geknurre. Dieses Leben war sowieso nie sein eigenes. Es war das Leben eines alternden Pudels,  der die meiste Zeit in Handtaschen transportiert und in winzige Steppjacken gesteckt wurde, obwohl er dies  für ausgemachten Chiwawa-Nonsens hielt. Ernie‘s Frauchen, eine High-Society-Kolumnistin mit mäßiger Schreibbegabung hat ihn, den von einem alten Jagdhundegeschlecht abstammenden Ernie, nie verstanden. Sie hat seine Bedürfnisse ignoriert und ihn zum Accessoire degradiert, ihm mit pinker Farbe im Pelz dem Gespött des Gesellschaftlichen Flachzangen-Klüngels preisgegeben und ihn auf Vernissagen in Berliner In-Lokalitäten  beschämende Anweisungen erteilt, wie "Ernie mach Männchen!" oder "Ernie, aus!"
Ernie ist intelligent genug zu verstehen, dass sein Dasein zwischen Handtaschen und Hühnchenpasteten ein privilegiertes ist. Er sah die Filme von Hunden, die verwahrlost am Straßenrand Spaniens lebten. Und doch beneidete er sie um ihre Freiheit so sehr.

Ernie leidet an seinem Image, dieser Harald-Glööckerhaften Idiotie, die man sofort unterstellt, wenn Körperbehaarung in absonderliche Formen gestutzt wurde, mit Puscheln an den Knöcheln kahler Beine und einem beachtlichen Lockentuff auf dem Kopf. Zu stark weicht das Äußere vom Inneren ab, denn Ernie hat Substanz, verfügt über eine überdurchschnittliche Auffassungsgabe, was nicht einmal seinem ignoranten Frauchen entging.
Es witterte die Chance auf leicht verdientes Geld und wurde mit Ernie bei Agenturen vorstellig. Man zeigte sich beeindruckt von der Apportier- und Kostümierungsbereitschaft des Pudels und Ernie erlebte eine kometenhaften Aufstieg als Werbemodel. Er war der einzige Hund Deutschlands, der in Kostüme anderer Hunderassen schlüpfte und diese in Perfektion imitierte. Er übernahm frisiert als West-Highland White  die Hauptrolle in einem Hundefutter-Spott, mit blonden Extansions überzeugte er als Windhund zwischen  Fotomodellen im Auftrag einer Stromfirma und als Jack-Russel apportierte er Zeitungen in die Kulisse eines kleinbürgerlichen Eigenheims. Es sah so aus, als ob Ernie ein glücklicher Hund werden könnte, denn sein Beruf erfüllte ihn. Hier konnte er zeigen, was in ihm steckt, seine ungeliebte Pudelidentität hinter Kostümen verschanzen. Dann kehrte die Routine ein, immer wieder sollte er den braven wie dümmlichen Kläffer mimen, schwanzwedelnd mit niedlichem Augenaufschlag.  Ernie fühlte sich zunehmend unterfordert, fraß seinen Frust in sich hinein. Seine Darstellungen wurden nachlässiger und die Booking‘s für den mittlerweile übergewichtigen Pudel seltener. Die Agentur versprach neue Herausforderungen, er sollte beim Fernsehen arbeiten in einer Serie als Assistent eines polizeilichen Ermittlers. Die Tätigkeit schien anspruchsvoll,  bis Ernie am  Drehbuch schnüffelte . Die Rolle des Rex war schlecht recherchiert wie banal und heimlich hoffte Ernie auf eine Anstellung beim Off-Theater.

Dies jedoch würde nie passieren, zu gering der Lohn, zu wenig Verständnis von Seiten des Frauchens. Ernie steht in der Dämmerung und wartet auf ein Auto. Flirrende lichter ziehen vorüber. Langsam zählt er rückwärts von 10... bei 6 rennt er los auf die Mitte der Straße. Ein Kleintransporter bremst. Ernies Herz rast. Vorsichtig nimmt der Bühnenbildner den Hund auf den Arm. "Wo kommst du denn her?" - fragt er und legt Ernie auf eine leicht muffelige Decke auf die Rückbank. Ernie schließt die Augen. Es fühlt sich an wie zuhause.

Bild: Bastian Schreck www.bastian-schreck.de

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 19.12.2011 , Zuletzt aktualisiert: 20.12.2011

Zwischen Disko und Dispo, Folge 141: Der gute Ruf

U-Bahn

Berlin ist eine geile Stadt, so von Mai bis Oktober. Das stimmt schon. Da kann man nichts sagen. Leider haben wir Dezember und Berlin ist nicht Miami, wie jemand letztens treffend bemerkte. Dennoch wäre ich interessiert den Ruf der Stadt als weltweit beachteter Quell der Inspiration und touristischen Hotspot auch über die Wintermonate zu erhalten, die Touristen sind mir Wurscht aber wir brauchen das Geld.
Unglücklicherweise ist die Attraktivität nur zum Teil von der Architektur abhängig oder der Infrastruktur, oder einem völlig durchgedrehten Nachtleben- und Kulturangebot. In erster Linie sind es die Menschen, die der Stadt ihr Gesicht geben, um genau zu sein, jeder einzelne Berliner steht für Berlin. Also auch der Busfahrer, der mich da nachts auf einer schlecht beleuchteten Straße im Wedding nicht zusteigen ließ, weil ich statt mit Münzgeld, mit einem Schein zahlen wollte. Auf dem zweistündigen Fußmarsch Richtung Pankow dachte ich nach und kam zu folgender Lösung. Ich bin für Schauspielkurse, bezirksübergreifend, staatlich gefördert und für jeden Bewohner der Stadt.
Wenn es dem Berliner im Winter so schwer fällt, weltstädtisches Format zu bewahren, irgendwie offen, lässig und humorvoll zu bleiben, dann sollte er dies zumindest professionell spielen können - für den guten Ruf in der Welt!
Busfahrer dürften hinter der Performance des serviceorientierten BVG-Angestellten ruhig Arschlöcher bleiben, bocklose Bedienungen blieben bocklos hinter der Showfassade einer flinken und superaufmerksamen Serviererin, faule Kolumnistinnen blieben faul hinter der Kulisse der zuverlässigen und freundlichen Textlieferantin... Ein kleiner Kurs für den Berliner - eine tolle Wirkung nach Außen! Dass es funktioniert ist längst bewiesen. Ich hatte das Glück einst selbst einen Schauspielkurs besuchen zu können, meine Umwelt und ich profitieren davon bis heute. Ich spreche nicht vom Fechtunterricht, dem gruppendynamischem Streicheln, darstellerischen Höchstleistungen als "Käfer auf dem Rücken" oder Schrei-Training. Es gab da diese Übung "Aktion und Reaktion", in der man zurücktrainierte, was einem im Großstadttrubel abhanden kam, die Fähigkeit das Gegenüber wahr zu nehmen und angemessen zu reagieren. Voraussetzung ist es, emphatisches Denken zuzulassen. Meine Antennen jedenfalls sind seither "on" und gerne würde ich das gesamte Berliner Antennennetz aktivieren. Warum die Leute beim Jobcenter zum 3. Mal ins Bewerbungstraining schicken und nicht gleich in den Schauspielkurs? Das muss man sich mal vorstellen, jeder ein Schauspieler in Berlin! Möglicherweise anstrengend aber auch toll: Drogerieverkäuferinnen, die mit WC-Bürsten zwischen den Regalen musicalartig performen, Journalisten, die in die Rollen frei erfundener Interviewpartner schlüpfen, U-Bahnen als Hort kollektiver Improvisationen, viel mehr noch als jetzt, überall Gedichtvorträge, Dramen, leichte Komödien, Vorträge. Ich weiss übrigens aus erster Hand, dass Schauspielschüler ihre Übungen gelegentlich in öffentlichen Verkehrsmitteln vornehmen. Nicht jeder also, der sich in der U-Bahn absurd aufführt ist ein Idiot, nicht jeder der eine komische Idee hat, bescheuert - eine geile Stadt ist dieses Berlin.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 05.12.2011 , Zuletzt aktualisiert: 06.12.2011

Zwischen Disko und Dispo, Folge 140: Zukunftsmusik

Zukunftsmusik



Letztens erhielt ich eine Email. Jemand von der Freien Universität Berlin  interessierte sich für Zukunftsvisionen des Nachtlebenreporters. Es ging um eine neuzuentwickelnde App und irgendetwas, das ich nicht in Gänze verstand. Ich war mir nicht sicher, ob ich das Zeug zum Zukunftsprofessoren hätte aber mir fiel ein Gespräch ein, dass ich vor Jahrzehnten unter Drogeneinfluss und in einem knappen Raumschiff-Enterprise-T-Shirt am Tresen einer Afterhour-Location führte. Der DJ und ich waren die zweite Nacht unterwegs, wir redeten ununterbrochen. Es war in den frühen Neunzigern, es herrschte akute Technologieeuphorie, Musik brauchte keine Melodien mehr, die Mauer war weg und wir fühlten uns getragen von diesem "Jetzt-gehts-los!"-Gefühl. Der DJ berichtete mit Schweissperlen auf der Stirn , dass Inhalte unserer Persönlichkeit demnächst auf winzigen Chips gespeichert würden. Unsere Körper würden wir bald nicht mehr benötigen, denn das Leben wäre unbegrenzt im Cyberspace. Ich saß daneben auf dem Barhocker und beobachtete angestrengt mein Glas, das ständig seine Form zu verändern schien. Im Hintergrund lief Prodigy's "Out Of Space" und gleich würde ich aufstehen um die nächsten 2 Stunden, vielleicht auch Jahre, zu tanzen. Auf die nächtliche Euphorie folgte ein unfassbarer Kater und bald auch Ernüchterung, denn, soviel war klar, solange Menschen mit Staubsaugern auf dem Rücken Discotheken besuchten, war die Zeit für eine Techologierevolution noch nicht gekommen.
Jahre später erhalte ich diese Email und antworte pragmatisch. Gefragt wurden Ideen für das Jahr 2020, für eine nahe Zukunft also. Ein Ort, wie der "Club Watt" in Rotterdam, der die Bewegungsenergie der Tanzenden in Strom umwandelt, sollte dann Europäischer Standard sein. Wir werden über neuartige Alkoholikas verfügen ohne Nebenwirkungen und Suchtpotential. Die Jugend von heute ist  der Altenbetrieb von morgen, 60-Jährige mit Zahnersatz pilgern zur Sonntags-Matinee ins Technomuseum Berghain, um in komischen Hosen aus Tierhäuten zu dieser  Musik von damals zu feiern. Clubkultur, wie wir sie heute kennen, ist nicht mehr relevant. Nachwachsende Generationen, in der Überzahl Nerds, werden sich in Internetkneipen oder mit komplexen Computergames amüsieren, in denen Clubleben, Social Comunity, Musik und Spiel miteinander verwoben sind. Hipsterpotential wird von Fantasie, Intellekt und sozialer Kompetenz abhängig sein. Äußerliche Werte,  wie körperliche Attraktivität, BMI oder Alter bringen einen zukünftig nicht weiter. Unser Sozialleben, innerhalb wie außerhalb der Netzwelt, wird sich nachhaltig verändern.
Mit dem Thema Amüsierbetrieb 2.0 experimentiert man gerade auch im  "Chez Icke". Bei dem Theaterprojekt treffen sich Schauspieler, Musiker, Autoren, Trinker und Nichttrinker am Tresen, die Szenerie wird Live ins Internet übertragen. Dabei können User weltweit die Schauspieler als Avatare nutzen und so die Handlung in der Kreuzberger Kneipe beeinflussen. Nebenbei wird eine alte Nachtlebenreporterweisheit belegt: Bedeutende Zukunftsvisionen beginnen und enden meist am Tresen.

www.chez-icke.com

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 22.11.2011 , Zuletzt aktualisiert: 23.11.2011

Sonntags nie

BuchholzGasthofEs war das letzte Mal, versprochen! Es ist frustrierend. Man zuckelt mit einer motorisierten Freundin nach einem Spaziergang im Gleisdreieck-Park nach Britz. Den Gutshof (Foto), von Ex-Sternekoch Matthias Buchholz und seinem Team betrieben, will man seiner Freundin mal zeigen und etwas essen. Das geht nicht, einige andere Berliner hatten dieselbe Idee, aber klugerweise einen Tisch reserviert. Wir nicht, also Abmarsch. Macht ja nichts, denken wir. Geht es eben zum Südstern zu Andreas Staack ins Noi Quattro, soll ja jetzt noch besser sein als früher. Die Tür ist offen, nur ... der Kellner, fast schadenfroh, erklärt, dass Kochen in der Gruppe angesagt ist. Die Kochkursler bleiben unter sich. Also nach Schöneberg ins Saint Tropez? Seit Wochen verwaist, Grund unbekannt. Was bleibt? Der Italiener um die Ecke. Die Trattoria Abruzzo wird dabei neu entdeckt. Dort versöhnen schon mal gleich die Bruscette, die würzigen Salsiccia, die Rote-Bete-Ravioli und der Wein der Schwiegereltern von Lucia, der originellen Wirtin. Zwar Russin, aber italienisch eingeheiratet.

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von  Eva-Maria Hilker
Veröffentlicht: 21.11.2011 , Zuletzt aktualisiert: 21.11.2011

Zwischen Disko und Dispo, Folge 139: Tagebuch

Tagebucheintrag

Immer, wenn ich eine Kolumne schreiben müsste, setzt dieser Drang ein aufzuräumen. Ich denke dann, ich könnte schönere Sätze formulieren,  wenn um mich herum alles ordentlich ist und weil das sehr selten der Fall ist, beginne ich meist mit dem Abwasch. An ungünstigen Tagen wie heute, wische ich noch Türklinken ab und sortiere Papiere. Unter einem dicken, seit mehreren Jahren nicht mehr bewegten Stapel, fand ich ein Heft. Auf der Hülle klebt ein vergilbtes Katzenmotiv und drinnen steht: "Wenn man dieses Tagebuch verstehen will, muss man das vorige gelesen haben und mich genau kennen, sonst versteht man bestimmte Zusammenhänge nicht..." unterschrieben mit "Jacqueline", der i-Punkt in Herzform rot ausgemalt. Ich war verdutzt. Offensichtlich hat sich seit meinem letzten Tagebuchentrag im Alter von 12 Jahren mein Schreibstil nicht mehr verändert. Selbst die im folgenden behandeltenThemen - Jungs, Musik, Party - unterscheiden sich nur unwesentlich von denen in 2011. Ich habe daher beschlossen mir die Arbeit zu erleichtern und übernehme einen Text von Seite 34, Überschrift "Und immer wieder Jungs!". So kann ich noch das Bad durchwischen und sie erfahren etwas über die Freizeitgestaltung gelangweilter 12-Jähriger im Potsdamer Plattenbaugebiet "Waldstadt II". Der Architekt dieser Siedlung erhielt übrigens den Nationalpreis der DDR,  allein dafür gehörte das System zusammengebrochen.  

"Zschirpi kam kurz nach 12 zu mir. Wir räumten schnell auf und gingen los. Ich griff noch mein Miniradio. Wir latschten durch Waldstadt aber es wollte uns einfach nicht gelingen, ein Abenteuer zu erhaschen. Wir sind auf dem Anton-Fischer-Ring ein paar Jungs nachgelatscht, aber nichts... Wir wollten schon aufgeben, doch da: 3 Jungs schätzungsweise 14, 15 Jährig! Es war noch einen Versuch wert. Wir sind zirka 20 Schritte hinterher gelatscht, als ich mein Miniradio anstellte und krampfhaft versuchte einen vernünftigen Ton herauszubekommen. Nun ja. Die Jungs haben es mitbekommen und stellten volle Pulle ihren "duften" Stereo-Rekorder an (Rod Stewart und so). Sie blieben auf einmal stehen und wir mussten vorbeilaufen. Sie machten sich über Zschirpi's Stirnband lustig. Dann fragten sie, wie alt wir sind. Wir haben keine Antwort gegeben. Die drei Kerle sahen von Nahem "etwas" anders aus, wie von Weitem. Der Erste war dünn und trug Brille - Spitzname Herkules, der 2. war abgebrochen und schielte, der 3. war groß und kräftig und hatte Liebeskummer. Alle 3 waren stink besoffen von 2 Flaschen Wein. Sie boten uns Zigaretten an, wir lehnten ab. Sie boten uns Wein an, wir lehnten ab. Sie boten uns Schokolade an und auch die lehnten wir ab. Es war bescheuert mit denen! Dennoch habe ich sie Silvester wegen SFB* zu mir nach Hause eingeladen. Sie sollen auch ein paar Freunde mitbringen. Mal sehen ob die kommen."

Zwei von ihnen kamen tatsächlich. Der Abend war von Unsicherheiten, 80er-Jahre-Musik und unerfüllten Begierden geprägt, an dessen Höhepunkt ein Böller auf meiner weißen Jacke explodierte. Zu Schaden kam aber niemand.

*sturmfreie Bude

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 07.11.2011 , Zuletzt aktualisiert: 08.11.2011
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