Jackie A. entdeckt... Vergoldete Zahncreme

In der Zahnklinik

Die Menschheit geht den Bach runter, so viel steht fest. Aber wenn unsere Spezies schon abdanken muss, dann doch bitte im großen Stil – in den Swarovski-Kronleuchtern geschmackloser Glaspaläste am Potsdamer Platz schaukelnd, sich gegenseitig mit Champagner aus Magnumflaschen bespritzend, das wahnsinnige Lachen von gold polierten Zähnen gerahmt … na, Sie wissen schon. Ein Vorteil an meinem Beruf sind Einladungen zu Events, die einen Einblick in komplexe und geheimnisvolle Welten erlauben. Zum Beispiel in die von "Lindermanns tierischer Komplettnahrung" – inklusive Fototermin mit dem TV-Tierarzt Ralf Lindermann zum Tag des Hundes. Oder zum "After-Work-Presse-Cocktail" in einer Luxuszahnklinik, bei dem eine Zahnpasta mit knapp 24 Karat Goldanteil vorgestellt wurde. Man kann solche Einladungen
ignorieren oder vor Wut über so viel Dekadenz die Veranstaltung "Gegen dekadente Mundhygiene – friedliche Demo vor der Zahnarztpraxis KU 64!" auf Facebook erstellen. Oder aber man versucht es, wie ich, mit ein wenig halbherziger Empathie.  Denn auch in der Welt russischer Oligarchengattinen und Arabischer Ölscheichs wird in Kopfkissen geschluchzt,  genau wie im Alltag einer Lidl- Kassiererin, nur eben aus anderen Gründen und in hochwertigere Bezüge. Zur besseren Veranschaulichung der Problematik wurde Schauspielerin Julia Dietze ("Iron Sky") angagiert, die zwischen Cocktails und Lachshäppchen erläuterte, wie es sich anfühlt, seine Zähne mit Goldzahnpasta zu putzen. Frau Dietze: „Es ist erst mal sehr abgefahren, weil die Zahnpasta golden ist, man hat dann diese wunderschönen goldenen Pigmente drin. Es glitzert sehr, sieht sehr schön aus. und dann schmeckt sie so, ja, sehr orientalisch, orientalisch-minzig. Leicht süß aber trotzdem frisch und. Also. Ich find sie sehr lecker und ich hab gemerkt das es funktioniert , also das es wirklich Zahnverfärbungen erhellt.“
Nach dem fesselnden Vortrag über Zahnhygiene aus Perspektive des Filmstars wurden Pressevertreter in den Waschraum geleitet um sich  dort alle gemeinsam die Zähne zu putzen- ein Eventputzen sozusagen. Es fiel mir nicht leicht, den knapp 24-karätigen Schaum einfach so ins Waschbecken zu spucken. Andererseits wäre es peinlich gewesen, ihn in ein Taschentuch oder gar die Handtasche zu speien. Weiterhin arm und unwohlhabend fühlte ich mich bei einer Führung durch die Praxis, deren Inneneinrichtung mich an eine Mischung aus Orangensaftpresse und Raumschiff erinnerte, laut Pressesprecher jedoch "Dünen am Meer" nachempfunden ist. Als dann auch noch eine Geschenktüte mit besagter Zahncreme inklusive vergoldeter Zahnbürste überreicht wurde, war ich ernsthaft beeindruckt. Solche Geschenke mögen in der Schweiz Usus sein, in Berlin kann man damit die Altersvorsorge einer Selbstständigen erheblich verbessern. Ich plane jetzt nach Vorbild amerikanischer Goldwäscher, statt aus Flusssedimenten den Staub aus der Zahncreme zurückzugewinnen. Wenn Ihnen eine bessere Verwendung einfällt, geben Sie mir bitte Bescheid. Ich freue mich über jeden Hinweis!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 01.07.2015

Jackie A. entdeckt... Die schöne Sonnenliegenleere

Sommer in Berlin

Bitte begrüßen Sie mit mir den Sommer in einem neuen gastronomischen Multifunktionsobjekt auf dem Gelände des RAW. Ich rate zu einem Besuch des Haubentaucher, wenn auch aus anderen Gründen, als vermutlich die Betreiber es tun würden. Mir ist schon klar, dass alteingesessene Berliner dem RAW-Areal ähnlich skeptisch gegenüberstehen wie Mallorquiner dem Ballermann. Jedoch lohnt es sich ab und zu, alte Vorurteile neu zu beleuchten. Es sei denn, man möchte diesen heute mehr denn je inspirierenden Ort allein den Touristen überlassen. Ein Trick ist, nicht des Nachts aufzukreuzen, sondern zu einem für internationale Partymeilenfans äußerst öden Zeitpunkt, zum Beispiel wochentags um 14 Uhr. Dann ist hier noch nicht viel los und Sie können das Gelände erschlendern, die neueste Street-Art begutachten oder sich ungestört einen der leckeren Burritos bei Emma Pea reindengeln. Um die Uhrzeit öffnet auch der Haubentaucher, der erst mal wie eine große, platt-sanierte Enttäuschung daherkommt. Hat man schlecht gelaunt drei Euro Eintritt bezahlt und die Überquerung eines komplett fantasielosen Biergartens geschafft, eröffnet sich ein großzügiges Pool-Areal mit türkisblauem Wasser, Palmenwedeln, orangen Liegestühlen und unverbautem Blick auf den Sommerhimmel. Das kurze Miami-Feeling wird von der unfancy wirkenden Backsteinhalle im Hintergrund sofort wieder zurechtgerückt. "Aber dit is ja dit, wat Berlin ausmacht, wa?"-  Na sie wissen schon.
Dass ich diesen Ort lobe, liegt übrigens weniger an der gastronomischen Umsichtigkeit – der Barmann wollte mehr fürs Getränk abkassieren als auf der Karte ausgewiesen – und mehr an dem großen Pool und dem (noch!) vorhandenen Platz drumherum. Wer einmal am Wochenende auf dem Arena Badeschiff war, wird wissen, wovon ich spreche. Bei meiner Ankunft waren hier geschätzte zwei Drittel der Sonnenliegen unbelegt, im Wasser erfrischten sich anderthalb Personen (Mutter mit Kleinkind). Ich weiß nicht, wie lange sich dieser Luxus in der City halten kann. Daher rate ich Ihnen, unverzüglich Ihre Badesachen zu packen und loszufahren – am Wochenende dann gerne auch etwas weiter, zum Beispiel an den Stolzenhagener See oder meine Stammbadestelle am Rahmer See nördlich von Berlin. Da gibt es statt Miami-Palmen noch Filterkaffee im Pott sowie einige der letzten in Brandenburg artgeschützten Steißbeingeweihe zu erleben. Aber auch Schriftsteller auf der Suche nach Inspirationslosigkeit und Modedesigner, die hier mal so richtig schön unmodisch sein dürfen. In Badehose sind wir ja alle gleich. Also begrüßen sie mit mir den  Sommer wann und wo immer es geht! -Es könnte ja immer auch der letzte sein.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 17.06.2015

Jackie A. entdeckt... Rollige Katzen in Deiner Umgebung

Zwei Fliegen

Da zieht Frau aufs Land, sucht Ruhe, Natur und Zugang zur inneren Mitte… und was findet sie? Preiswerten Sex an jeder Ecke! Vergessen sind Nächte im KitKatClub oder Zwielicht II. So richtig heiß und ungezwungen geht’s erst hier auf dem Land zu. Gerade mal elf Uhr und die ersten Stubenfliegen sind schon in Laune. Auf dem Buchstaben "W" meiner Laptop-Tastatur stimmen sie sich in Doggy-Position ein, bevor sich etwas später, auf dem "Ä", ein Gespiele zum erweiterten Kamasutra einfindet. Auf der Bildschirmkante sitzen gleich mehrere Fliegen und schauen von oben dem Spektakel zu. Ich kann das Knistern ihrer winzigen Chipstüten hören.
Im roséfarbenen Rest meines Saftglases räkelt sich eine winzige Schönheit in Dita-Von-Teese-Manier. Die tänzerisch Elegante unter den Dorffliegen weiß um ihre Ausstrahlung und genießt die Aufmerksamkeit, bevor auch sie im frei einsehbaren Glas tut, was Insekten im Frühling so tun. Draußen tauchen Bienen und Hummeln ihre beharrten Leiber in rosa-plüschige Rhododendronballen. Bald verschwinden sie ganz in ihnen, und wenn sie gut gelaunt wieder auftauchen, sind sie über und über mit Pollen bedeckt. Nur der Sanddorn wirkt heute bekümmert.
Eine Forstbeamtin erklärte, ich hätte dem Strauch – so allein gepflanzt – keinen Gefallen getan. Er bräuchte ein männliches beziehungsweise weibliches Gegenüber, um selber Früchte tragen zu können. Das Dilemma: Ich habe keine Ahnung, zu welchem Geschlecht nun unser Sanddorn zählt. Als Erste-Hilfe-Maßnahme habe ich eine Tomatenpflanze dazugestellt, vielleicht knistert es ja …
Der Neuzugang hier, Katze Ti, gibt sich auch eher einseitig interessiert. Sie sitzt laut mauzend vor der Tür und guckt ganz benebelt. Jede Kontaktaufnahme mit der Niedlichen endet damit, dass sie einem ihr Gesäß direkt ins Gesicht streckt, und zwar vibrierend.
Das Buch "Was Katzen wirklich wollen" hätte ich nie kaufen brauchen. Was Ti will, ist ja vollkommen klar. "Rollige Katzen in deiner Umgebung", lautet die Ansage, die sie vermeintlich schmusend am Haustürrahmen hinterließ. Nachbars Kater rollt sich wie blöde vorm Gartentor. Die Fliegen sind inzwischen verstummt. Die Katze hat Dita Von Teese verschluckt.
Endlich mal Ruhe hier! Gleich geht’s weiter mit Sex, Fliegentod und Krawall.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 05.06.2015

Jackie A. entdeckt... Lebensabschnittsfrisur

Jackie A. beim Friseur

Eine neue Frisur ist wie ein neues Leben, so sagt man. Aber was, wenn gar kein neues Leben anvisiert wurde oder das neue Leben versehentlich optisch dem einer früh verrenteten Telefonistin entspricht? Wie erklärt man der Umwelt, dass dies ausdrücklich NICHT ihr neues Leben ist, sondern nur ein Missverständnis mit dem Coiffeur? Man könnte es ja mit Lässigkeit nehmen, weil Haare durchschnittlich 0,33 Millimeter am Tag wachsen und damit das Problem nur temporär ist. Zudem gibt es Hilfsmittel wie Klemmen und Zopfgummis für die schwierige Phase. Mit diesem Wissen bin ich über die Jahre zu einer immer risikobereiteren Friseurkundin gereift.
Ich habe alle Arten von Frisuren nach Hause gebracht, darunter im Stil einer 20er-Jahre-Filmdiva oder im Look eines Gewerkschaftsführers der GDL. Das alles hat mir nicht geschadet. Denn der Mehrwert hier ist nicht etwa die Frisur selbst. Es ist das Prozedere, der Friseur und seine Geschichten. Da ist es nur konsequent, sich zusätzlich auch als Testobjekt für Coiffeure in Weiterbildung anzubieten. Letzte Woche im Farbseminar kamen zwei Friseure auf eine Testperson. Was bedeutete, dass,  während sich zwei Gehirne eine Farbe überlegten, vier Hände meinen Kopf schamponierten. Eine ganz neue Entspannungsdimension! Eine Friseurin gefiel mir besonders, sie hatte italienische Wurzeln und einen Blick, der Lebenserfahrung verriet. Sie redete nicht viel, beobachtete aber um so besser. Sie fragte, welchen Beruf ich ausübe, und als ich ihr "Schreiben" antwortete, meinte sie nur: "Si, das passt." Ich offenbarte ihr ein paar private Details. Im Gegenzug berichtete sie, wie sie vor ein paar Jahren Hals über Kopf Italien verlies. Dass sie mit ihrer kleinen Tochter vor einem gewalttätigen Ehemann in einerspektakulären Aktion geflüchtet sei, an deren Ende sie im Friseursalon eines westdeutschen Städtchens landete – alleinerziehend und, wie sie sagte, glücklich im Traumberuf. Nach dieser Info hätte sie eigentlich alles mit meinen Haaren machen können. Als sie beschloss: "Wir machen jetzt eine Marilyn aus dir!", hielt ich das noch für eine kleine Friseurironie. Als ich aber mit dem Kopf im Waschbecken hing und jemand rief: "Wow, that color! Like Vivienne Westwood!", ahnte ich den Irrtum. Drei Stunden später begrüßte ich im Spiegel eine superblonde und auf irgendwie italienische Weise viel zu opulent aufgeföhnte Person. Ich konnte gar nicht anders, als auch das toll zu finden. Dieses Haar wurde mit Leidenschaft gestaltet! Da wurde neben Conditioner menschliche Wärme und weibliche Solidarität eingeknetet. Das macht – zum Glück!– noch kein neues Leben, ein gutes Gefühl bereitet es allemal.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 20.05.2015

Jackie A. entdeckt... Sie haben da Theater in ihrem Hackfleisch

Jackie A.

Sie haben Castorfs letzte Aufführung in der Volksbühne verpasst? Sie fanden nichts zum Anziehen für die Premiere von "Faust" am Berliner Ensemble? Sie sind der Meinung, dass Theater endlich wieder einen größeren Spielraum in Ihrem Leben einnehmen sollte? Dann denken Sie jetzt um! Und denken Sie bitte auch an gebratenes Hackfleisch. Alles, was Sie brauchen, ist ein großes Badehandtuch und ein stabiles Verdauungssystem. Wer Theater sucht, muss nicht unbedingt für Stunden in unbequemen Sitzen verharren. Denn jemand hat die Marktlücke erkannt und zwei interessante Branchen zusammengeführt: Schauspielerei und Saunakultur – vereint in Brandenburgs größter Theatersauna. Beim Fichtennadelaufguss Kafka erleben? Schwitzen, während der Hauptdarsteller sich vor Ihren Badelatschen windend, in eine Kakerlake verwandelt? Das klingt ja nun nicht uninteressant. Gut. Ich kann jetzt nicht garantieren, dass Castorf oder Ostermeier in der, Zitat, "Sauna mit Wow-Effekt" inszenieren, glaube aber, dass hier auch gar kein Star-Dramaturg nötig ist. Durch ein Werbeplakat wurde ich auf die Weltneuheit aufmerksam und dachte sofort: Diese Idee kann nur von einem Ossi stammen. Die Faszination für FKK-Kultur und Hildegard-von-Bingen-Heilmethodik, das Vergnügen an heruntergebrochener Exotik (Ananasscheibe aus Dose auf Steak) und die Bereitschaft zur Improvisation auch unter schwierigsten Bedingungen (Diktatur, Sauna) vereinen uns. Weil ich mich diesem Ansatz aus nachvollziehbaren Gründen (selbst Ossi) verbunden fühle, wünsche ich der Theatersauna einen kometenhaften Aufstieg.
Dennoch hätte ich Verständnis, wenn Ihnen die Anfahrt zum Scharmützelsee heute zu beschwerlich erscheint. Das Plakatdesign jedoch sollten Sie einen Moment auf sich wirken lassen. Die Werbetafel hängt in Pankow, gleich um die Ecke vom Schiller Burger, dem vielleicht einzigen Burgerladen Berlins, der den Mut fand, seine Pommes Frites nach einem bürgerlichen Trauerspiel zu benennen. Auch wenn der nette Mann mit den Dreadlocks hinter der Theke auf meine Anfrage fast schon peinlich berührt reagierte und schwört, dass die Zubereitungen rein gar nichts mit Theater zu tun hätten – die Namen auf der Karte sind doch entlarvend: "Kabale und Liebe" für Pommes. Oder "Der Handschuh" – ein Rote-Bete-Burger. Lassen Sie sich von der Theatralik dieses Hackfleisch-Imbisses inspirieren! Sie dürfen dafür sogar angezogen bleiben.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 07.05.2015

Jackie A. endeckt... Die Freuden einer Patenschaft

Jackie A. entdeckt...

Es ist vorbei, ein letztes Winken mit der Selfiestange!  Der Selfieorgien überdrüssig beende ich  „Me My Self(ie) And I“.  Adieu, schöne Selbstdarstellung! Tschüssi, ungelenk verdrehte Auftritte vor den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt! Wir hatten ein schönes Jahr aber jetzt reicht’s auch mal. Wie oft scheiterte ich in den wirklich spannenden Momenten an der Tastensperre meines Handys oder dem fehlenden Ladekabel? Damit ist jetzt Schluss! Freuen sie sich auf technikunabhängige Entdeckungen und zeitlose Erkenntnisse aus Berlin und Brandenburg oder wie hier in Folge 1,  ein nacktes Gesäß, das aus künstlerischen Gründen bemalt werden möchte.

Die Patenschaft

Meine Bekannten wurden zuletzt Paten von pausbäckigen Säuglingen mit Namen Linus und Clara. Letzte Woche wurde auch ich endlich Patin. Meine Kinder heißen Death Sexy Inc. oder Edith Schröder. Über die neue Aufgabe wurde ich per Pressetext informiert. Mein alter Kumpel Andreas hatte mich für ein von ihm veranstaltetes Krautrock-Electronica-Festival im SO36 als Patin auserkoren – und zwar, bevor ich überhaupt wusste, worum es ging. Mir war nur bekannt, dass eine Patin unterstützend agiert, und ich fand schon, dass auch ein Haufen Krautrockmusiker in Kreuzberg ein Recht auf Support hat. Wir besuchten also im Vorfeld des Festivals verschiedene Radiosendungen, um die Vorzüge meiner zu lauten und verhaltensauffälligen Patenkinder hervorzuheben. Wir ließen ihre Musik in schwindel-erregender Abfolge (Kunst!) einspielen und jede Menge Gästelistenplätze verlosen. Am Abend im Backstage angekommen des SO36 angekommen, sprachen meine zu Betreuenden fast ausschließlich Französisch. Und obwohl es häufig um triviale Themen wie Steuerabrechnungen ging, klang das immer sehr aufregend und inspirierend. Ich half dann mit Gesichtspuder und praktischen Handgriffen aus, schloss der drallen Edith Schröder den klemmenden Reißverschluss am Abendkleid. Später fand ich mich schwitzend wieder, mit Fingerfarbe an den Händen der Performancekünstlerin Miss France das Gesäß und den Rest des nackten Körpers in den Farben der französischen Nationalflagge einstreichend. Die Bühne betrat sie mit einem winzigen Fähnchen im Po, mit den Händen eine überdimensionale Frankreich-Flagge schwenkend. Der Veranstalter erläuterte am Bühnenrand, sie hätte die Professur für Transgender History in Paris abgelegt. Das erklärte natürlich einiges! Als Patin war ich erleichtert zu sehen, dass meine "Problemkünstler" ihre Hausaufgaben gemacht hatten und die Live-Acts und Newcomer, so verschieden sie waren, ohne Ausnahme gefeiert wurden. Und das wird auch den Berliner Senat freuen, der das Festival erstmals finanziell unterstützte. "Wo alles klappt, übernimmt man gern die Verantwortung", wusste schon der Aphoristiker Erhard Horst Bellermann. - Und weste wat, Horst? Recht haste! 

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 22.04.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 22: Der Paketbote

Jackie A.

Alltag ist, was du daraus machst –
 oder der Paketbote. Als natural born Ossi bin ich Fan von Warensendungen aller Art und die Nachricht über ein Westpaket sorgte schon in der Pubertät für emotionale Ausnahmezustände. Da war alles rund ums Paket ein Event: das Einschlafen mit dem Zustellschein unterm Kopfkissen, tags darauf der Dauerlauf zur Post, schwitzend und außer Atem vor der Ausgabe stehen, gespannt, welches Paket am Schalter nun herausgegeben würde – hoffentlich das große schwere! Zu Hause vergingen noch mal zähe Stunden des Wartens, bis der Rest der Familie eintraf. Vor versammelter Mannschaft wurden Schnüre zerschnitten, das knisternde Papier entfernt und vorsichtig der Karton geöffnet. Nie wieder sollte ich mich so über ein Schauma-Shampoo freuen können! Längst sind die Dinge leicht zu haben, was ja durchaus praktisch ist. Sie stehen da in den Supermarktregalen rum, eine schlaffe Hand greift zu, der Gang zur Kasse folgt. Manchmal denke ich, so ein schnöder Gebrauchsartikel sollte auch mal erobert werden – so richtig mit körperlichem Einsatz. Was da an Endorphinen freigesetzt werden würde! Ähnlich muss es sich auch der Postbote gedacht haben, der letzte Woche den Paketschein einwarf. 
Der Schein blieb unausgefüllt – bis auf eine kleine krakelige Skizze. Darauf war (mit viel Fantasie) der Grundriss unseres Hauses zu erkennen, ein Weg und etwas, das er mit Holz sowie Paket beschrieb. Ich kombinierte, dass er das Paket bei einem Nachbarn am Weg hinterlegt hatte, der in einem Haus aus Holz wohnt. Also lief ich rüber zum einzigen Holzhaus an der Straße, doch unglücklicherweise hatte die Bewohnerin kein Paket für mich. Zurück auf dem Grundstück setzte Regen ein, unwirsch kickte ich einen Tannenzapfen vom Weg. Er prallte gegen einen Stapel Baumstämme am Ende des Gartens. Da wurde ich stutzig: Haus, Holz, Paket …? Eilig kraxelte ich hinters Gehölz. Bingo! Wie eine Trophäe schleppte ich das Paket ins Haus. Danke, unbekannter Bote, selten habe ich mich so über eine Bratpfanne gefreut.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Wo ist hier Holz?

Siri: Tut mir leid, aber ich kann kein Holz in deinen Kontakten finden.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 08.04.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 21: Frauentagsparty

Erotischer Polizist aus Deiner Umgebung

21 Uhr. Der Wagen parkt vorm Lokal. Ein Käuzchen schreit. Der Mann fragt: „Traust du dich rein?“ „Da muss ich jetzt durch.“ - geb ich zurück. Mit schweren Schritten nähere ich mich dem Etablissement. Die Luft ist kalt, riecht nach Wald und Benzin.
Dieser Abend wird wegweisend sein: Dorfschlampe oder nette Nachbarin – wie wird die Gemeinde entscheiden? Die erste Kontaktaufnahme am neuen Wohnort wird heute bei der Frauentagsparty stattfinden. Beim Eintreten liegt meine Hand am Handy, bereit für eine SMS gezückt zu werden, Wortlaut: "Hol-mich-hier raus!" Drinnen läuft Chartmusik, frisierte Frauen sitzen an gedeckten Tischen. Einige Blicke haften auf meinen Gummistiefeln. Jetzt die Ruhe bewahren, denk' ich, werfe „Guten Abend“  in die Runde, setze mich ganz hinten an einen Tisch. Neben mir sitzen lachende Mütter an einer Tafel,  Typ Dallas Royce aus "Suburgatory". Ich bestelle das erste Getränk, als ein Mann mit Sporttasche eintrifft. In weniger als einer Stunde wird er hier einen erotischen Polizisten aus deiner Umgebung performen. Eine Auserwählte wird ihm dann verschämt die nackten Schenkel mit Bodylotion einreiben. Ich hoffe sehr, dass ich es nicht sein werde -bitte nicht!  Linda ist die Erste, die mir ihre Hand entgegenstreckt. Mit ihr und allen anderen werde ich einige Getränke später wie von Sinnen im gaststätteneigenen Stroboskopgewitter zu "Macarena" tanzen, weiß davon aber gerade noch nichts. Erst mal wird mir, der Neuen, vom Nachbartisch aus Mut zugesprochen. 
Im Dorf lebt es sich entspannt, so sagt man, und dass vor zehn Jahren ein Einstieg noch nicht so einfach war.
Inzwischen sind viele Ex-Berliner und junge Familien am Start, und die Alteingesessenen machen was draus – zumindest heute und hier. Den weiteren Abend verbringe ich zwischen 60- und 70-Jährigen, Mittzwanzigern und ihren Müttern, tanzend und kollektiv rumkrakeelend auf Laing's: "Ich bin morgens immer müde – aber abends werd ich wach!" Der Generationenmix schafft mich - so sehr, dass ich dafür sogar Helene Fischer in Kauf nehme: „Ja, für dich, Hildegard! Ich möchte danach aber The Cure hören, ok?“  Als ich das Mikrofon vom DJ ergreife, ist es längst zu spät. Eine Dorfbewohnerin sagt, ich hätte eine sehr lange Rede gehalten. Kein Wunder, es war der beste Frauentag meines Lebens.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Alles Gute zum Frauentag!

Siri: Einen schönen Sonntag, Jackie!

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 26.03.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 20: Wartenummer 1

Wartenummer eins

Ich habe es getan. Ich habe die Stadt verlassen und bin aufs Land gezogen. Dorthin, wo die Wege noch schlammig sind und man Crocs tragen kann, ohne von der Style-Polizei in U-Haft genommen zu werden. 
Ein Ort frei von Barista-Cafés und vollbärtigen Baumfäller-Looks, jedoch voller Astlöcher in Bäumenstämmen – ein verschlafenes Dorf, in dem ich die Entdeckung der Schnelligkeit machte.
Ich war auf dem Weg zum Bürgeramt, um meinen neuen Wohnsitz zu melden. Ich stieg ich in den Bus, der zwei Minuten zu früh eintraf. Weil ich die einzige Mitfahrende war, hielt der freundliche Fahrer einige Hunderttausend Tannen weiter, noch vor der Haltestelle, direkt am Eingang des Amtes. Man muss sich vorstellen, in Berlin würde der Bus statt am Bahnhof Alexanderplatz zwei Ecken zuvor beim Technikmarkt halten, weil ein Fahrgast noch schnell ein Ladekabel kaufen muss. Tumulte und aufgebrachte Bürger wären die Folge! Hier blieb die Aufregung überschaubar. Meine Schritte hallten im menschenleeren Gebäude. Am Auto
maten zog ich die Wartenummer eins – meine erste Nummer eins über
haupt. Die Bearbeitungszeit dauerte vier Minuten, und perplex über den wohl kürzesten Aufenthalt meines Lebens in einer Behörde stieg ich auf dem Rückweg in den falschen Bus ein. 
Er war vollgestopft mit pubertierenden Schulkindern, die sich YouTube-Videos reinzogen oder WhatsApp-Nachrichten zuschickten. Merkwürdig: In der tiefsten Pampa ist schnelleres Internet verfügbar als an meinem letzten Wohnort in Berlin.
Nicht, dass man hier schnelles Netz bräuchte, gegen den verbalen Infostrom meines Dorfs können VDSL 
und LTE einpacken. Ein Gespräch 
mit der richtigen Person, und der Rest erledigt sich ohne Facebook. Eine Freundin sagte, es ist der schmale Grat zwischen Distanz und Nähe, 
der darüber entscheidet, ob man ein beschauliches Dorfleben führt oder die Hölle auf Erden erlebt. Die Formel dazu lautet: Grüßen – ja, lange Ge
spräche – nein. Vergessen ist die Berliner Taktung. "Schnelligkeit ist schlafen, wenn andere noch gähnen" (frei nach Kalenderspruch).

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Guten Tag, Siri, schönes Wetter heute!

Siri: Nein, Jackie, es wird heute nicht sehr schön sein.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.03.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Das Leben in Kisten

Kisten packen. Tassen in Zeitungen einwickeln. Fotos von Wänden abhängen: mit Kokosnuss am Strand der Malediven. Arm in Arm mit den Freunden auf dem Deichkind-Wagen beim Karneval der Kulturen. Dazwischen Brandenburg II. – der verstorbene Hamster – mit einem Stück Gurke in der Backentasche. 
Ein Schnappschuss mit Mama und Schwester, Grimassen ziehend. Puzzleteile eines Berlin-Lebens landen auf der Fensterbank. Es ist mein letzter Tag in der Stadt. Ein letztes Mal Singlehaushalt-Feeling, Verabschiedung von Improvisation und Hinterhofbalkon, von kaputten Bodenfliesen, von Cocktail-Gläsern im Küchenregal – mitgebracht nach besoffenen Nächten aus Clubs und Bars. Dazu einen Bad, so klein, dass kaum zwei Leute darin stehen können. Mach’s gut, alte Nasszelle. Ich werd dich nicht vermissen! Ich entleere Schubfächer mit alten SIM-Karten, DDR-Pfennigen, Visitenkarten und vergessener Post, darunter eine Karte vom "Playboy"-Magazin: "Wir freuen uns auf Ihre Textvorschläge." Da kam wieder irgendwas dazwischen.
Die Wohnung ist fast leer, bizarre Gebilde aus Staub legen sich sanft 
auf mein Haupt. Übermorgen wird renoviert. Ansonsten hasse ich Umziehen. Man kann es natürlich auch positiv sehen: der Umzug als Chance, alten Ballast zu entsorgen und Platz für Neues zu schaffen. Das ist wie ein Spaziergang durchs Unterbewusstsein. Alte Sehnsüchte, löchrige Strümpfe, goldener Nagellack: Was ist wichtig, was kann weg? Viel mehr als gedacht ist entbehrlich, und morgen wird mein Leben in einen Kleintransporter passen. Langsam bekomme ich Muffensausen. Was, wenn sich das Landleben als Pleite erweist? Als der letzte Karton gepackt ist, fühlt es sich an wie auf dem Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad – unheimlich! Ich habe ein Entrümpelungsteam bestellt, die sollen den Rest mitnehmen: Waschmaschine, Regale, Bett und Fernseher, meine Ängste und die Neurosen stell ich einfach dazu. Ohne Ballast springt es sich besser. Also Augen zu und Sprung in ein Neues!

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, My Self(ie) And I - Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Gib mir die Route nach Zeschdorf!

Siri: Tut mir leid, ich kann nicht nach Orten in Albanien suchen.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.03.2015
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tip Ausgabe 14/2015

Beatsteaks: Berlins beste Live-Band || Fashion Week || Spreepark: Belebung durch Konzerte und Theater || Ein Roboter in "My Square Lady" || Susanne Wuest als Horrormutter || Paulus Neef gründet eine Yoga-Kette || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 02.07.2015 - 15.07.2015.

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