Zwischen Disko und Dispo, Folge 108: Fahrraddisko

Anruf vom Chef, Rechercheauftrag: Fahrraddisko. Rumgedruckse meinerseits, Fahrrad kaputt und überhaupt... Chef meint, ich soll mir eins leihen, da weis ich nicht weiter.
„Ja, ja, klar kenne ich genügend Leute mit Rad. Ne, kein Problem, ich borg mir eins, ne, is super! Tschüß.“
Katastrophe! - bin ein ganz schlimmer Radfahrer. Ständig dreh ich mich beim Fahren nach hinten in der Gewissheit, dass mich - just in dieser Sekunde- ein Autofahrer über den Haufen fahren würde. Ich schwitze stark und weil ich so angespannt auf den Verkehr hinter mir achte, sehe ich nicht gut, was vorne passiert. Eine Frau hat mich mal todeswütend mit Spuckebläschen auf den Lippen beschimpft- sie erschrak wohl sehr, als mein Vorderreifen quietschend an ihrer Wade landete.
Ich vergesse auch immer beim Abbiegen den Arm zur Seite zu strecken. Den Fehler probiere ich dann mit Geschwindigkeit wieder wett zu machen, und so dermaßen schnell um die Ecke zu radeln, dass mein Rad im Verkehrsbild nicht mehr wahrnehmbar ist und nur noch ein blasser Kondensstreifen bleibt, was natürlich quatsch ist. - Ich wünsche es mir trotzdem!

Seit zwei Jahren hab ich das Radfahren nun ganz eingestellt, zum eigenen Schutz und dem der Umwelt. Aus beruflichen Gründen kann ich ab sofort keine Rücksicht mehr nehmen, und die Teilnahme an der „Green Music 25 Fahrraddisko“ steht leider unmittelbar bevor.
Als Treffpunkt wird die Bar 25 angegeben, gemeinsam will man zu einer „Secret Location“ radeln und weil die Veranstaltung ein Experiment ist, bei der es vor allem um Umweltbewusstsein geht, sollen die Gäste den benötigten Strom selbst produzieren. Das heißt, damit das Soundsystem läuft, muss man selbst in die Pedale treten. Ich gebe zu, für die Umwelt mag das eine schöne Sache sein, für mich klingt das eher nach Zumutung.

Um die Sache zu vereinfachen, lasse ich mir vom Veranstalter die Adresse geben- eine vage Wegbeschreibung zu einer Wiese im Treptower Park. Die Anreise erfolgt sicher per S-Bahn. Als ich dann auf den Stufen des Bahnhof Plänterwald unter der ungewohnten Last meines „Colorado- Jugendrades“ zusammensacke, greift ein freundlicher Vollpfosten im „Thor-Steinar“- Shirt helfend ein. Nein, so schlecht ist diese Welt nicht, und wie sich herausstellt, die Party noch viel weniger. Junge Leute tanzen mit Hüten und Stoffbeuteln zu irgendwie lustiger Technomusik von DJ Dirty Doering. Die Energieerzeuger, vier Partygirls, rödeln daneben auf verkabelten Rädern- es hat was von einem Liveact, das Publikum jubelt ihnen zu. Dann ist Schichtwechsel, ein paar Jungs übernehmen, wieder setzt Jubel ein. Die Presse ist da, Kamerateams dokumentieren das geschehen. Ein Hund bellt aufsteigenden Seifenblasen hinterher, zwei Frauen schwingen Hula-Hoop- Reifen um die Taille. Als ein Radfahrer schlapp macht und die Musik ausfällt, überbrücken die Leute mit A Cappellagesang. Mitgerissen von der Stimmung,setze ich mich auf das freigewordene Rad und zum ersten mal seit sehr langer Zeit, möchte ich fahren- für die Musik, die tanzenden Leute, für die Umwelt und überhaupt. Der Einsatz dauert zirka 2 Sekunden. Mitarbeiter des Ordnungsamtes unterbrechen Party sowie persönliche Traumabewältigung gegen zwanzig Uhr. Mein Fahrrad hab ich dann nach Hause geschoben.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 31.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 01.09.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 107: Durstig in Neu Venedig

 

Wasserflasche

Zwölf Uhr mittags, der Durst ist unerträglich. Wir schleppen uns in sengender Hitze durch
Neu Venedig und haben die Wasserflasche vergessen. Seit anderthalb Stunden sind wir in der Stadtrandsiedlung unterwegs, wir haben uns verlaufen. Wir irren durch immer wieder gleiche Gassen, über immer wieder gleiche Brücken und begradigte Flüsse, die an immer wieder gleichen, rechteckigen Gärten vorbeifließen.

Paare in geringeltem Tschibo- Sweatshirts stehen am Ufer und winken anderen Paaren zu, die in Kanus vorbeiziehen, paddelnd und lächelnd. In Neu Venedig gibt es keine schmuddeligen Hinterhöfe, in denen man Nachts nach der Party noch schnell in die Ecke pinkeln könnte, wenn man’s nicht rechtzeitig bis nach Hause schaffte. Es gibt keine stinkenden Penner mit Sternburgreserve im Stoffbeutel, keine Tags an Häuserwänden und auch nur wenig guten Geschmack. Die Familienwagen vor den Garagen sind geputzt, die Hauser mitunter ‚neu römisch’ gestaltet, mit türkisen Sockeln und rosa getünchter Fassade.

Der Besichtigungstermin für die ‚kleine Residenz am Wasser’ naht und seit fünfzehn Minuten sind uns die Witze ausgegangen, wohl aus Angst am Ende hier zu landen, weil wir plötzlich und unerwartet erwachsen wurden und die mittelfristige Lebensplanung inzwischen nicht mehr allein ein Begriff des aaligen Finanzberaters ist. Wir werden älter und dabei unseren Eltern und Großeltern ähnlicher als wir es je wollten. - So ist er eben, der Lauf der Dinge, versuche ich mir die Sache schön zu reden. Gegen Fünfzehn Uhr kommt es dann Höhe Rialtoring zum Aufbegehren.

"Auf gar keine Fall!" poltert es aus dem Partner heraus. "Muss ja nicht-" sag ich und weiter, nach einer Pause : "Kommt darauf an, was wir uns trauen." Ich erzähle von dem Projekt in Spanien, ein Freund hat zum Informationsgespräch nach Kreuzberg eingeladen. Zweihundert Leute, darunter zwei Bekannte von mir, haben sich zusammengetan um eine leerstehende Siedlung in Spanien zu kaufen. Gemeinsam will man hier mit überschaubarem Eigenkapital - fünftausend Euro pro Person - ein "Öko-Dorf" errichten. Auf Vereinsbasis soll kollektive Unabhängigkeit erprobt werden, man will von selbst angebautem Obst und Gemüse leben und den Strom mit Solarenergie erzeugen - auch ein jährliches Musikfestival ist denkbar. Die beiden Bekannten, von denen hier die Rede ist, mögen Idealisten sein, jedoch keine weltfremden Spinner. Einer ist Mitte Dreißig, hat Frau und Kind und betreibt eines gut gehendes Label in der Stadt. Natürlich gibt es Bedenken. Ich erinnere mich an stundenlange Diskussionen in meiner ehemaligen WG, es ging meist um den Abwasch oder unbezahlte Stromrechnungen, wir wohnten damals zu dritt. - Wie würde das erst mit zweihundert Leuten laufen? Wie fühlte sich wohl so ein Alltag an, zwischen Musikfestival und Kartoffelernte auf staubtrockenen Feldern in Spanien?
Der Partner sagt nichts, guckt aber grad so, als wüsste er die Antwort: sehr durstig und genervt.

www.spanischesdorf.org

Foto: Jürgen Oberguggenberger / pixelio.de

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 16.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 17.08.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 106: Berufsrisiko

 

Der Plan war, an dieser Stelle eine schöne Samstagnacht in Berlin zu beschreiben. Beginnend in einer Bar, endend vielleicht mit einer charmanten Tanzszene im Club und nicht etwa davor, besinnungslos auf dem Kopfsteinpflaster liegend... aber der Reihe nach:

Berufsrisiko

To Slow To Disco“ hieß der Abend im Pony und ich fühlte mich, den ganzen Tag schon so langsam unterwegs, vom Motto persönlich angesprochen. Gegen Mitternacht betrat ich das Etablissement auf der Alten Schönhauser Straße. Die Bar war gut gefüllt und DJ Supermarkt legte Softrockmusik auf. Das Pony ist ein Klassiker unter den Mittebars und wird im Internetforum Qype mit nur drei von fünf möglichen Sternen bewertet, angeblich weil früher auch hier mal alles besser war. Jemand schreibt: “ Die Pony Bar ist eine Kneipe mit Draußen-Sitz-Gelegenheit, ähnlich wie auf der Trabrennbahn mit Ausblick auf Jungstuten und Hengste der Medien- und Werbewirtschaft. Es gibt viel zu sehen und zu tratschen obwohl die Straße selbst eher unästhetisch ist.“ - Diese Person hat natürlich recht und deshalb fühlte ich mich hier am Abend ausgesprochen wohl und gut aufgehoben. Mein erstes Bier stand auf der Theke, als ein junger Mann im „Rammstein“ - T-Shirt mit seiner Partnerin im Arm vorbei schwebte, im Slow-Fox-Disco-Schritt. Mehr und mehr Pärchen formierten sich auf der winzigen Tanzfläche, während hinter ihnen Videos stark geschminkter Rockperformer an die Wände projiziert wurden, vorzugsweise mit Tränen in den Augen und am Klavier sitzend. An der Bar spendierte Jemand Runden mit Berliner Weiße 2.0 : Vodka mit Waldmeister und Limejuce. Dabei brachte jeder neue Schnaps ein anderes Gesprächsthema auf den Plan: Leben auf dem Bauernhof, Haltung von Minischweinen in der Stadtwohnung und Männer mit Bierbäuchen im Nachtleben - dann musste ich allerdings auf Toilette. Als ich wiederkehrte wollte ich zahlen und weiter -doch die nächste Platte war so gut, dass ich spontan zu tanzen begann, wenn auch nur langsam. Die Recherchepläne waren jedenfalls vergessen. Mehrere Stunden und Schnäpsrunden später wurden Energien aktiviert, die wesentlich besser bei der Redaktionsbesprechung am Montag aufgehoben wären, nun jedoch ging es viel zu spät mit DJ und Taxi Richtung Dorotheenstraße. Als wir im Picknick eintreffen, ist die Peaktime der Party mit Wiener DJs, wie Patrick Pulsinger lange überschritten. Immerhin, die Morgensonne tauchte den Hof in warmes Licht und es gab genügend Platz zum Tanzen, ohne das dabei der Inhalt des Longdrinkglases verschüttet werden würde. Gegen Mittag verließ ich mit fremder Sonnenbrille und bevorstehendem Gedächtnisverlust den Club, kam aber nicht weit. „Geht’s wieder?“ -fragte eine Stimme, als ich die Augen öffnete. Schuhe und Hosenbeine des Polizisten sah ich erst verschwommen, dann deutlich vor mir - ich war auf dem Kopfsteinpflaster vorm Club eingenickt. Beim Aufstehen bemerkte ich noch eine Beule am Kopf, wollte mich aber beim Beamten nicht beschweren. Die Antwort fiel daher kurz und sachlich aus: „Langsam schon.“

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 03.08.2010 , Zuletzt aktualisiert: 05.08.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 105: Berlin Megacity



16.00 Uhr  Megagenervt wegen Megahitze!  Megaeventangebot in Megacity Berlin : Fashionweek, Imbissbudentour, WM- Public-Viewing, Megaspreeparade -  megaüberforderter Eventreporter!

16.15 Uhr Megastress wegen  Megabaustelle "U2" und Schienenersatzverkehr. Klimaanlage im Bus kaputt, keine freien Sitzplätze, Megakörpergeruchsmix.  

16.40 Uhr Megaknall! Fahrgast hat Fensterscheibe eingeschlagen,  Megaaggrostatement!

16.42 Uhr Bus stoppt. Warten auf Ersatzbus für den Ersatzbus, megahauptstadtmäßig. T-Shirt nassgeschwitzt, Handtasche schwer,  unwirsches Zeitung lesen - Megafinanztip in der "Zeit": statt in Gold, in Papageien investieren.

17.15 Uhr Handy klingelt. Imbissbudentour abgesagt- Megaerleichterung!  Bus immernoch nicht da.

18.30 Uhr Megaverspätet Ankunft Alexanderplatz: Megaspreedemo.  Minimaltechno aus mobiler Soundanlage . Jongleure,  Dreadlocks, Seitenscheitel, bunte Sonnenbrillen, Sternburgpils, Clubmate - Megastimmung! Bühnenredner schimpft über städtepolitische Situation: megaschlecht wegen Gentrifizierung, Wasserprivatisierung,  Autobahnausbau A 100. Megadesinteresse! 15 Leute hören zu, die anderen ein- bis fünftausend tanzen.

19.20 Uhr Megamißverständnis. Symbolische Unfallopfer  blockieren kunstblutverschmiert Polizeiwagen. Jemand schreit ins Auto:“ Juppies raus!“

19.25 Uhr Meganackte Männer klettern megadicht auf Neptunbrunnen, um Fahne zu befestigen. Megablöd: Fahne hält nicht.

Meganackt auf dem Neptunbrunnen

19.40 Uhr Megaalarmierte Polizei informiert via Megaphon: "Der Brunnen ist nicht für diese Nutzung konzipiert!"

19.45 Uhr Zeit für megainvestigativen Journalismus : megabesoffene DJs Interviewen zum Thema  "Sommerhit 2010". Megakonkrete Antworten: "Weisst du, auf jeder Party ist es ein Anderer, je nach Flow..." - Megaunzufriedenheit mit der Situation! Möchte jetzt megagerne Baden gehen.

20.00 Uhr  Papageiensichtung. Tier sitz megabunt auf  Schulter eines Demonstrationsteilnehmers  mit megaschmutzigen Füßen, drücke ihm den Wirtschaftsteil der "Zeit" in die Hand.

20.05 Uhr Megabesorgt: Zeitfenster für Fashionweeekevent megaknapp kalkuliert!

20.25 Uhr  Megaresigniert im Ersatzbus Richtung Pankow: Fashionweekveranstaltung gecancelt.

20.48 Uhr  Megabegeisterung wegen Tor in der 18. Spielminute!  WM-Public-Viewing, Schönhauser Allee, Spiel Deutschland gegen Uruguay,  gefühlte 768  "Octopus Paul" - Kommentare ignorieren und einen halben Liter Bier bestellen - Megafeierabend für heute

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 21.07.2010 , Zuletzt aktualisiert: 21.07.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 104: Besuch aus Westdeutschland

Stuhl: kaputt

Gleich vorneweg: Die sieben Männer aus Homburg sind okay, und gehören nicht zum Typus ‚leicht beeindruckbare Landeier’, die Berlin per se total geil finden. Jan feiert Geburtstag. Es gibt Sushi und Tschunk - ein Gemisch aus Clubmate und Rum. Ungefähr zeitgleich,  als Jemand in der Küche besoffen mit dem Plastikstuhl zusammenbricht und vor Lachen nicht mehr aufstehen kann, kommt Homburg-Helmut mit der Frage, wo man denn noch hingehen könne, er wäre fürs Berghain. Natürlich ist jetzt der entscheidende Hinweis des Partyreporters gefragt,  „Hate-Party“ in der Villa sag ich und wir machen uns auf den Weg. Auf der Treppe ruft  Jemand,  er müsse noch mal auf Toilette und  kehrt um,  für immer.
Wir - also sechs Homburger und ich- warten noch eine Weile im Hausflur. Helmut hat die Flasche Rum mitgenommen, Klaus legt sich auf die Stufen,  sagt ein paar unverständliche Worte und schläft ein.

Mit den übrigen fünf Männern werden Taxen bestiegen. Unser  Fahrer ist extrem gut drauf, hat einen Bürstenharrschnitt und die Haut eines Siebzigjährigen, letzte Woche war er zusammen mit seinem Sohn in der Panoramabar erzählt er. 29,80 Euro will er dann, Homburg zahlt. Vor der Villa kommt es zum Eklat. Türsteher spricht zur Herrenrunde: „Ihr nicht.“ Einer wird sauer und brüllt: „ Habe hier zehn Jahre gelebt und bin immer und überall rein gekommen, und hier, in der Scheißvilla nun sowas!“ - Die Tür knallt  zu. Später geh’ ich rein,  vergeblicher Verhandlungsversuch, Homburg ist raus. Als ich den Club verlasse, warten die Jungs schon  am Taxistand, nur der Beschwerdeführer steht noch uneinsichtig vor der Türe. Mit der nächsten Besuchergruppe verschwindet er, der den größten Zoff machte,  im Club, und kommt nicht wieder raus.  
Der Rest - also vier Männer und ich - fahren weiter in die Ritterstraße, extrem guter Laden da,  erzähle ich, Reinkommen nur mit Passwort. Ich verschweige, dass ich selbst nie da war. Dann stehen wir auf einem Hinterhof mit sechs Eingängen, aus dreien davon ist Musik zu hören. Ratlosigkeit. Ich entdecke ein Schild „Sankt Georg“ und habe ein gutes Gefühl. „Hier geht’s lang, Leute!“ rufe ich. „Sicher?“  wird in Anbetracht des Klientels vor der Türe gefragt- „Hallo? -Wer ist hier der Partyreporter?“  gebe ich chefmäßig  zurück. An der Kasse nenne ich das Passwort „New York“ - keine Reaktion. Ich wiederhole „ New York“,  daraufhin der Kassenmann genervt: „Ist ja gut. Macht fünf Euro“ . Wir zahlen und gehen rein. „ I gotta feeling“ von den Black Eyed Peas läuft gerade. Einige Mädchen tanzen in bauchfreien Tops, die Typen tragen Buggypants oder ein Tuch um den Kopf gewickelt, wie Tupac Shakur. Der Club ist der falsche und ungefähr so undergroundig wie das Matrix, Maxxim oder auch Q-Dorf. Dennoch will Jens bleiben, wegen der schlanken Miriam, die er hier eben an der Bar kennenlernte.
Wir - also drei Männer und ich - gehen ohne Jens los um den richtigen Club zu suchen, fünfhundert  Meter weiter finden wir ihn. Drinnen ists nur halb gefüllt, ein androgyner Röhrenjeansträger legt Hercules and Love Affair auf. Sofort fallen uns die Tabledancestangen  auf der Tanzfläche auf. Halb gelangweilt,  halb übermütig greift ein Homburger zu und klettert hinauf bis an die Decke. Eine betrunkene Competition zwischen verschiedenen Clubgästen entbrennt an dessen Ende sich Jemand aus Homburg den Knöchel staucht.

Wir bringen den Verletzten zum Taxi und fahren selbst, also zwei Männer und ich zum Berghain.  Der unscheinbare Helmut passiert den Einlass,  zum einen verbliebenen, unfassbar alkoholisierten Homburger sagt der Türsteher. „heute nicht“ . Es ist längst hell und wir machen uns auf dem Weg zur Bar 25.  Als wir die Ranche betreten, ist es brechend voll,  jemand feiert Geburtstag, wie immer eigentlich.  „Bin kurz auf Toilette“ sagt der Besuch und wankt los. Warte jetzt seit 30 Minuten an der Bar.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 05.07.2010 , Zuletzt aktualisiert: 06.07.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 103: Event des Jahres

 

13:00 h Anruf von H. - berichtet, er hätte per Facebook eine Einladung ins Berghain bekommen. Riesending. Eröffnung der neuen Dachterrasse mit Liveprogramm und Swimmingpool. Bin entsetzt- habe keine erhalten!

13:04 h Anruf im Berghain: Geschäftsführer ist nicht zu sprechen, Mitarbeiter weiß von nichts -diese unkooperative Haltung gegenüber der Presse finde ich unmöglich!

13:20 h Anruf bei Kollegin: Sagt, sie hätte schon letztes Jahr davon gehört, der Pool kommt nicht überraschend. Allerdings hat sie auch keine Einladung, will nun Kontakte spielen lassen.

13:30 h H. hat die Einladung inzwischen weitergeleitet - darauf abgebildet eine Grafik des erweiterten Gebäudekomplexes, mir stockt der Atem. Das Schwimmbecken ist gigantisch!

14:00 h Anruf bei Modestudenntin K. Brauche einen Badeanzug, dem Anlass entprechend: Club des Jahres, Event des Sommers. Zu erwartendes, gesellschaftliches Who is Who: Dirk Schönberger, Sophie Reuss, Klaus Wowereit, vielleicht auch die Gaga. Eilauftrag - K. seufzt.

14.20 h Schaue mir die Einladung genauer an. Bemerke erst jetzt, die Veranstaltung ist öffentlich. Kann es kaum glauben, Anmeldung per Mausklick. Schon neunhundert bestätigte Gäste, hoffentlich kenne ich den Türsteher.

Nächster Tag

11:00 h Anprobe bei K., Überraschung: Badeanzug in gold wirkt unangemessen aufgeplustert und erinnert mehr an Zsa Zsa Gabor als Lady Gaga.

12:00 h Zurück zu Haus, lese neueste Facebook-Nachricht, wortlaut: ‚Hallo Leute. Es gibt gar keinen Pool und keine Dachterrasseneröffnung im Berghain. Die Einladung war ein Scherz, Presseente, haha!`

Haha? Muss den Text nochmal lesen, das kann nicht sein! ich meine, die kollegin sagte doch auch...Bin fassungslos.

12:06 h Immernoch vorm Rechner sitzend - stiller Protest.

12:09 h Badeanzug einpacken und losgehen zum Berghain. irgendwas wird, ich korrigiere, muss da heute los sein.

13:00 h Vorm Berghain: „Ist noch was los?“ frage ich Türsteher, Antwort: „Klar, heute ist doch Pooleröffnung.“

13:15 h Am Tresen in der Panoramabar, bestelle Clubmate. Keine zuckenden Körper im Stroboskopgewitter. Gedämptes Tageslicht. Roman Lindau legt auf. Leute wirken freundlich bis euphorisch. Keine GHB- Opfer, nur ein Testosteronpaket mit nacktem Oberkörper, kopfnickend zur Musik- der Kopf wirkt sehr klein.

14:00 h Neue Bekanntschaft. Typ, sympathisch aber verschallert, möchte ein Spiel machen, sagt er. drückt mir daraufhin sein Handy in die Hand und rennt hysterisch lachend davon.

14:10 h Stehe mit fremden Handy an der Bar, ratlos.

14:30 h Suche den Handybesitzer. Im Toiletteraum treffe ich V., der hier unter Amphetamineinfluss sein Hemd in der Waschbeckenrinne nicht nur sauber, sondern rein schrubbt. Es hätte Waschmittelstreifen, erklärt er aufgebracht.

15:00 h zurück an der Bar. Jemand Unbekanntes streichelt mir zirka 28 mal über den Kopf, naja. Dann gibt es auch noch Küsschen. Verschiedene Menschen umarmen sich und mich, glücksstrahlend - das wiederum finde ich gut. Liebe ist für alle da.

16:00 h Abgang Panoramabar. Keine Topstorry, kein Pool, keine Sensationen. Dafür verwischter Lippenstift im Gesicht und einen affigen Badeanzug in der Tasche - muss jetzt lächeln. -------------------------------------------------------------------------------------------------------

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 22.06.2010 , Zuletzt aktualisiert: 22.06.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 102: Mit dem Partner im Crackers

 

 

Bin nicht mehr Single und der aktuelle Pärchenmodus lässt derzeit ausschließlich Partybesuche im Doppel zu. Unterhaltungen werden nur noch in der „Wir“- , statt in der „Ich“- Form geführt, und früheres Gebaren, wie in loser Klamotte auf der Lautsprecherbox hüftschwingen oder mit fremden Menschen im Arm auf der Tanzfläche rumkrakelen, wird nun durch Barhockerplausch mit dem Partner eingetauscht. Ab drei Uhr ist man meistens schon sehr schläfrig, beobachtet vielleicht noch einen Moment aufgeregte Menschen bei der Paarwerbung, bevor man sich, gekleidet in farblich aufeinander abgestimmter Garderobe, müde winkend entfernt.
Es kann eigentlich gar nichts imageschädigenderes für einen Partyreporter geben, als eine feste Beziehung, schließlich erwartet man von der 'Partysau' einen authentischen Lebenstil, was bedeutet: 98 Stunden am Tag saufen, rauchen und feiern, gern mit Hang zum moralisch bedenklichem Verhalten - doch statt Iggy-Pop-Attitüde sind es nun Rosamunde-Pilcher -Roman-Fantasien, die meinen Alltag dominieren. Glücklicherweise ist auf die Hauptstadt verlass und selbst in den ganz großen Krisenzeiten des Nachtlebenreports- private Harmonie, ausgeglichener Kontostand, geringer Alkoholkonsum- birgt die Nacht stets Unverhofftes. Das Saisonopening des Crackers bildete da keine Ausnahme, auch wenn es zuerst nicht danach aussah: im Gedränge Torstraßenpeople in „America Apparel“- Garderobe, Agenturbetreiber, Teilzeitmodels und Fashionblogger. Ich fand das alles jetzt nicht so wahnsinnig spannend, wollte es meinem Partner aber nicht mitteilen, da der immer wieder nette Worte, mal für die schöne Terrasse, dann fürs angenehme Publikum fand. Ich glaube übrigens den ausdruckslosen Rainer Maifert (Schauspieler) im Gewühl gesehen zu haben und ich schreibe das auch nur, damit sie zumindest eine Prominente Person hier im Text erwähnt finden. Über dem DJ-Pult leuchtete überdimensional die Ziffer 30, möglicherweise ein Hinweis auf das Durchschnittsalter der Anwesenden.

Der DJ legte Dubstep auf während eine Kollegin von der Bunten mich auf das Ereignis des Tages hinwies, das als Flashmob organisierte ‚Le Diner en Blanc’- zu dem sich vierhundert Berliner weiß gekleidet zum gemeinschaftlichem Essen auf dem Bebelplatz verabredeten, ich wäre fast eingenickt. Dann endlich kam mein Partner mit der Idee nach hause zu gehen, ich wollte noch kurz aufs WC und dann mit ihm verschwinden - endlich! Vor dem Toilette standen dann allerdings 15 Leute in der Schlange. Die Toiletten seien verstopft munkelte man, die Spülung defekt. die Gesichter der Leute, die aus den WC- Kabinen kamen, ließen auch nichts Gutes ahnen. Leider hatte ich einige Biere getrunken und der Besuch war unaufschiebbar. Als ich an der Reihe war, fiel mein Blick auf ein toilettenpapierverstopftes WC. Unbeeindruckt, weil in höchster Eile brachte ich mich in Position, um den Dingen freien Lauf zu lassen, als mir plötzlich der Atmen stockte. Ein Schwall kaltes Wasser platschte aufs nackte Gesäß, um sich anschließend im Wäschekneul unterhalb der Schenkel zu sammeln.

Die kaputte WC-Spülung schien nun, unter Hochdruck, wieder zu funktionieren, ohne das ich einen Knopf oder irgend etwas gedrückt hätte. Es war wirklich eine menge Wasser und ich fand die Sache äußerst unangenehm. Mit ernster Mine und beachtlichem Nässefleck im Schritt, steuerte ich anschließend auf die Tanzfläche, um mich hier notdürftig trocken zu Tanzen. Dabei bewegte sich der Partner, wohl als blickschutzbildende Maßnahme, stets dicht hinter mir. Die Dubsteptunes in Kombination mit dem nassen Gesäß wirkten schon auch belebend, sogar die Stimmung hellte sich notgedrungen auf. Trocken war die Hose dann gegen 8 Uhr- beim verlassen des Clubs. Die Toilette wurde inzwischen repariert, ins Crackers muss ich trotzdem nicht noch mal.


von  Jackie A.
Veröffentlicht: 10.06.2010 , Zuletzt aktualisiert: 10.06.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 101: Die Partys, der Sekt und die Folgen

 

Montag, 10 Uhr: Praxis Dr. Radloff (Internistin)

Ärztin: „Guten Tag, wie geht es ihnen? -Ach, ich sehe schon, nicht so gut.“

Jackie: „Ja, der Magen - es wird wohl am Sekt liegen. Sie müssen wissen, ich bin Nachtlebenreporterin.“

Ärztin: „Aha?“

Jackie: „Naja, andauernd die Freigetränke bei den Cluberöffnungen: Sekt, Prosecco, Cremant, Blanquette, Cava - da sagt man doch nicht nein.“

Ärztin: „Gut. Dann machen sie bitte den Oberkörper frei und legen sich auf den Rücken.“

Ärztin: „Was ist das?“ (vereinzelte Konfettischnipsel rieseln beim Ausziehen auf die Liege)

Jackie: „Ach Gott, ja. Das muss noch von Gestern sein, die Bareröffnung ...“

Ärztin: Setzt sich unerwartet neben mich auf die Liege, dann: „Darf ich sie mal fragen, was denn jetzt so angesagt ist?“

Jackie: „Also, ähm, natürlich. Die Openair-Saison hat gerade begonnen, da ist an jedem Wochenende was los in den Parks. Mobile Soundanlagen, junge Leute, vielleicht nicht ganz so das Richtige für sie, aber das Jacki Terrasse würde ich ihnen sofort empfehlen.“

Ärztin: „Sie betreiben auch noch eine Bar?“

Jackie: „Nein, jemand anderes - trotzdem ein schöner Platz. Oder sie schauen mal im King Size vorbei, hat gerade neu eröffnet in Mitte, tolle Bar mit kleiner Tanzfläche und nicht mehr ganz so jungem Publikum, die meisten sind so Mitte, Ende dreißig.“

Ärztin: „Na das klingt doch gut! Ich würde gerne mal wieder was unternehmen, endlich mal raus... Früher war ich andauernd unterwegs, kennen sie vielleicht noch das Chipp?“

Jackie: „Sie meinen das Chipps- Restaurant von Cookies?“

Ärztin: „Nein. Die Black-Music-Diskothek in Zehlendorf, gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr.“

Jackie: „Vermutlich nicht.“

Ärztin horcht mittels Stethoskop in meinen Bauch, dann: „Das rumort aber ganz ordentlich!“

Jackie: „Ist es was Ernstes?“

Ärztin antwortet nicht und schaut nachdenklich.

Dann: „Sagen sie diese Bar, wie war nochmal der Name?“

Jackie: „King Size?“

Ärztin: „ Richtig. Hat die zufällig was mit dem Grill Royal Restaurant zu tun?“

Jackie: „Ja, ja genau, die selben Betreiber. Da können sie quasi jeden Tag hingehen, ist wirklich zu empfehlen. ...aber was mach ich denn jetzt?“

Ärztin: “Wie bitte?“

Jackie: „Na mit dem Magen! -Muss ich mit dem Trinken aufhören?“

Ärztin: „Nein, sie sollten unbedingt weiter trinken!“

Jackie: sprachlos.

Ärztin: „Wasser. -Ich spreche von Wasser. Sie haben ihren Magen überansprucht. Er produziert zu viel Säure um ihren, ich sage mal, besonderen Anforderungen gerecht zu werden. Ich verschreibe ihnen jetzt Tabletten, damit müssten sie in einer Woche wieder auf dem Damm sein.“

Jackie: „Und wenn nicht?“

Ärztin: „Dann kommen sie wieder. Aber vielleicht treffen wir uns schon am Samstag im King Size?“

Jackie: „Das würde mich freuen! Ich kann ihnen den DJ vorstellen, wenn sie möchten.“

Ärztin in witziger Stimmung: „Sie können mich auch auf einem Sekt einladen! Auf Wieder sehen, Frau A.!“

Jackie: „Bis Samstag dann, Frau Dr. Radloff!“

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von  Jackie A.
Veröffentlicht: 26.05.2010 , Zuletzt aktualisiert: 26.05.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 100: Verknallt



Es fühlt sich an, als hätte jemand meinen Schädel aufgesägt und anschließend mehrere Päckchen Brausepulver übers Hirn geschüttet. Es knistert und die Welt, durch tausende rosa Bläschen betrachtet, wirkt so unaushaltbar genial, dass ich vor lauter Begeisterung andauernd Menschen in den Arm nehmen möchte - den Busfahrer vom150er, den Stoffbeutel-Alki vorm Supermarkt, die DHL-Botin - Alles und jeder sollte gedrückt werden, denn es herrscht akuter Oxytocin-Alarm im Monat Mai! Das sogenannte „Schmusehormon“ überschwemmt gerade -zusammen mit Serotonin, Neurotrophin und Dopamin- meine Hirnareale und fördert grenzdebiles Verhalten: Vierzehn Stunden am Tag Lächeln? - Null lächerlich! Sekt? -Nein danke, bin schon besoffen! Langeweile? -Unmöglich! Jacke an, Jacke aus, weil mir mal kalt, mal heiß ist. Die Handflächen schwitzen, Herz klopft, Hunger ja - Essen nein, keine Konzentrationsfähigkeit („Entschuldige, was hast du gerade gesagt?“), mehr facebooken als arbeiten, zum Beispiel um hier relevanten Gruppen beizutreten, wie „I love Kisses“ oder Statusmelungen des Begehrten chronisch zu kommentieren mit „geil“ oder „hahaha“ - Dabei im Focus immer nur die eine, über die Maßen herbeigesehnte Aktivität: knutschen, knutschen, knutschen!
Verknallt sein fühlt sich hervorragend an, hat aber auch Nachteile, vor Allem, wenn man Bestandteil der werktätigen Bevölkerung ist und die wirtschaftsschädigenden Folgen sind auch in meinem Job unübersehbar. Kritische Recherche ist nahezu unmöglich, alles scheint wunderbar, der Ball ist rund und die Objektivität im Eimer. Was bleibt ist ein Hang zur Dramatik, der durchs Verliebtsein offenbar noch verstärkt wird Als ich mich am Nachmittag des 1. Mai mit dem Verursacher des emotionalen Durcheinanders verabredete, und wir wegen der Absperrungen anlässlich der Demonstration auf der Schönhauser Allee nicht rechtzeitig zueinander gelangten, ist nur schwer zu beschreiben, was genau in mir vorging. Eilig, im Zustand höchster hormonaler Aufgeregtheit, passierte ich brennende Mülltonnen, Demonstrationszüge, Einsatzwagen der Polizei sowie mehrere Nebenstraßen um Gesuchten im Getümmel schlussendlich auf der Wisbyer ausfindig zu machen. In einer nicht wenig dramatischen Szene fielen wir uns in die Arme und verharrten in seliger Verzückung, während um uns herum wutentbrannt und laut schreiend linke Protestanten einen einzelnen Nazi jagten, der hier zuvor die Reifen eines Demonstrationswagens der Antifa zerstach. Für den Reifenstecher lief Aktion wohl nicht sehr zufrieden stellend, für uns war der Augenblick an Romantik kaum zu übertreffen und falls es sein sollte, dass sie diese Berichterstattung zum Thema ‚verknallt’, als nicht annähend so brisant empfinden , wie ich oder auch meine Mutter (Zitat: „Oh mein Gott, du hast jemand getroffen, der sich mit Computern auskennt und ihr seid verliebt!“ ), dann kann dies im Grunde nur an einem liegen: ihrem vermutlich viel zu niedrigen Oxytocin-Spiegel.




von  Jackie A.
Veröffentlicht: 12.05.2010 , Zuletzt aktualisiert: 12.05.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 99: Victor und die Westsau

 

Rod StewartLetztens war ich in dieser Bar im Prenzlauer Berg mit seltsamen Namen „Fleischmöbel“. Es war ein guter Abend mit zwei Geburtstagsgesellschaften und einem aufmerksamen Barmann. Vorm Haus stiegen Rauchwolken vom Grill auf und drinnen wurde mit Wunderkerzen bespickter Kuchen verteilt.
Meine Verabredung und ich saßen an der Bar und hatten einiges zu bereden. Gerade wollten wir uns näher kommen, da gesellte sich ein junger Mann dazu, nicht unsympathisch aber in merkwürdiger Stimmung unterwegs. Jedenfalls wurde er nicht müde meine Begleitung zu piesacken, immer in kumpelhafter Manier und leider recht anstrengend auf Dauer. Er, Victor, der Mann aus dem Osten, hatte meine Begleitung aus dem Westen aufs Korn genommen und ließ nicht mehr locker. Es entspann sich ein betrunkenes Gespräch um Bildungsstandards in Ost und West, DDR-Punk und FKK-Kultur und irgendwann fiel das Wort „Westsau“ , ein Späßchen von Victor. Zwischendurch nahm er mich beiseite und fragte was ich, ebenfalls Ossi, eigentlich mit einem Wessi will. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass die alte Ost-West- Diskrepanz noch in der Form existierte, aber siehe da, mitten im Biedermeierbionadezentrum des zugezogenen West-Spießbürgertums , stänkerte ein Ossi verdeckt - zumindest ein letzter. Auf dem Nachhauseweg hab ich mich gefragt, wo der späte Groll herrühren könnte, fand aber keine klare Antwort. Lediglich die üblichen Vorurteile waren wieder da, mit denen ich mich selbst ja auch gerne mal schmücke: Ossis währen die besseren Liebhaber zum Beispiel, oder weniger materiell orientiert, oder der „Besserwessi“ sei arrogant, hingegen der Ossi meist herzlicher ... alles Blödsinn - leider! Das Bekenntnis zur ostdeutschen Herkunft fiel jedoch nicht immer leicht.
Ossi sein wäre statusmäßig das Letzte, wurde mir schon Ende der Achtziger Jahre in einer Dönerbude vom zwei Anatoliern bei Schwarztee erörtert und wie deprimierend es sich anfühlen kann, erfuhr ich an meinem ersten Arbeitsplatz in der BRD, als Süßwarenverkäuferin im KaDeWe. Es war direkt nach der Maueröffnung, ich stand am Kaufhausfenster und beobachtete die Schlange vor der Bank gegenüber. Im Visier hunderte Rod-Stewart-Frisuren und Stone-Washed-Jeans, getragen von ehemaligen DDR-Bürgern, die hier ihr Begrüßungsgeld entgegennahmen- danach wurde das KaDeWe angesteuert, unzwar im Dauerlauf! Wenige Minuten später herrschte Ausnahmezustand in der Abteilung . Im Gedränge griffen Ossis mit schokoladeverschmierten Mündern nach Süßigkeiten, verzehrt wurde gleich Vorort, bezahlt häufig nicht. Schockiert beobachtet ich eine Frau, die mit beiden Händen Pralinen aus der offenen Auslage in ihre Tasche schaufelte. Als sie meinen Blick bemerkte, sagte sie nur: „Ja- wir hatten doch nüscht!“ - dann bat sie noch um eine Plastiktüte . Ich gab sie ihr und verschwieg mindestens ein Jahr, dass ich aus der DDR stammte, doch ein letzter Rest Beschämtheit ist bis heute geblieben. Womöglich geht’s diesem Victor auf seine Art nicht anders.


von  Jackie A.
Veröffentlicht: 28.04.2010 , Zuletzt aktualisiert: 29.04.2010
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