Jackie A. entdeckt... Lebensabschnittsfrisur

Jackie A. beim Friseur

Eine neue Frisur ist wie ein neues Leben, so sagt man. Aber was, wenn gar kein neues Leben anvisiert wurde oder das neue Leben versehentlich optisch dem einer früh verrenteten Telefonistin entspricht? Wie erklärt man der Umwelt, dass dies ausdrücklich NICHT ihr neues Leben ist, sondern nur ein Missverständnis mit dem Coiffeur? Man könnte es ja mit Lässigkeit nehmen, weil Haare durchschnittlich 0,33 Millimeter am Tag wachsen und damit das Problem nur temporär ist. Zudem gibt es Hilfsmittel wie Klemmen und Zopfgummis für die schwierige Phase. Mit diesem Wissen bin ich über die Jahre zu einer immer risikobereiteren Friseurkundin gereift.
Ich habe alle Arten von Frisuren nach Hause gebracht, darunter im Stil einer 20er-Jahre-Filmdiva oder im Look eines Gewerkschaftsführers der GDL. Das alles hat mir nicht geschadet. Denn der Mehrwert hier ist nicht etwa die Frisur selbst. Es ist das Prozedere, der Friseur und seine Geschichten. Da ist es nur konsequent, sich zusätzlich auch als Testobjekt für Coiffeure in Weiterbildung anzubieten. Letzte Woche im Farbseminar kamen zwei Friseure auf eine Testperson. Was bedeutete, dass,  während sich zwei Gehirne eine Farbe überlegten, vier Hände meinen Kopf schamponierten. Eine ganz neue Entspannungsdimension! Eine Friseurin gefiel mir besonders, sie hatte italienische Wurzeln und einen Blick, der Lebenserfahrung verriet. Sie redete nicht viel, beobachtete aber um so besser. Sie fragte, welchen Beruf ich ausübe, und als ich ihr "Schreiben" antwortete, meinte sie nur: "Si, das passt." Ich offenbarte ihr ein paar private Details. Im Gegenzug berichtete sie, wie sie vor ein paar Jahren Hals über Kopf Italien verlies. Dass sie mit ihrer kleinen Tochter vor einem gewalttätigen Ehemann in einerspektakulären Aktion geflüchtet sei, an deren Ende sie im Friseursalon eines westdeutschen Städtchens landete – alleinerziehend und, wie sie sagte, glücklich im Traumberuf. Nach dieser Info hätte sie eigentlich alles mit meinen Haaren machen können. Als sie beschloss: "Wir machen jetzt eine Marilyn aus dir!", hielt ich das noch für eine kleine Friseurironie. Als ich aber mit dem Kopf im Waschbecken hing und jemand rief: "Wow, that color! Like Vivienne Westwood!", ahnte ich den Irrtum. Drei Stunden später begrüßte ich im Spiegel eine superblonde und auf irgendwie italienische Weise viel zu opulent aufgeföhnte Person. Ich konnte gar nicht anders, als auch das toll zu finden. Dieses Haar wurde mit Leidenschaft gestaltet! Da wurde neben Conditioner menschliche Wärme und weibliche Solidarität eingeknetet. Das macht – zum Glück!– noch kein neues Leben, ein gutes Gefühl bereitet es allemal.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 20.05.2015

Jackie A. entdeckt... Sie haben da Theater in ihrem Hackfleisch

Jackie A.

Sie haben Castorfs letzte Aufführung in der Volksbühne verpasst? Sie fanden nichts zum Anziehen für die Premiere von "Faust" am Berliner Ensemble? Sie sind der Meinung, dass Theater endlich wieder einen größeren Spielraum in Ihrem Leben einnehmen sollte? Dann denken Sie jetzt um! Und denken Sie bitte auch an gebratenes Hackfleisch. Alles, was Sie brauchen, ist ein großes Badehandtuch und ein stabiles Verdauungssystem. Wer Theater sucht, muss nicht unbedingt für Stunden in unbequemen Sitzen verharren. Denn jemand hat die Marktlücke erkannt und zwei interessante Branchen zusammengeführt: Schauspielerei und Saunakultur – vereint in Brandenburgs größter Theatersauna. Beim Fichtennadelaufguss Kafka erleben? Schwitzen, während der Hauptdarsteller sich vor Ihren Badelatschen windend, in eine Kakerlake verwandelt? Das klingt ja nun nicht uninteressant. Gut. Ich kann jetzt nicht garantieren, dass Castorf oder Ostermeier in der, Zitat, "Sauna mit Wow-Effekt" inszenieren, glaube aber, dass hier auch gar kein Star-Dramaturg nötig ist. Durch ein Werbeplakat wurde ich auf die Weltneuheit aufmerksam und dachte sofort: Diese Idee kann nur von einem Ossi stammen. Die Faszination für FKK-Kultur und Hildegard-von-Bingen-Heilmethodik, das Vergnügen an heruntergebrochener Exotik (Ananasscheibe aus Dose auf Steak) und die Bereitschaft zur Improvisation auch unter schwierigsten Bedingungen (Diktatur, Sauna) vereinen uns. Weil ich mich diesem Ansatz aus nachvollziehbaren Gründen (selbst Ossi) verbunden fühle, wünsche ich der Theatersauna einen kometenhaften Aufstieg.
Dennoch hätte ich Verständnis, wenn Ihnen die Anfahrt zum Scharmützelsee heute zu beschwerlich erscheint. Das Plakatdesign jedoch sollten Sie einen Moment auf sich wirken lassen. Die Werbetafel hängt in Pankow, gleich um die Ecke vom Schiller Burger, dem vielleicht einzigen Burgerladen Berlins, der den Mut fand, seine Pommes Frites nach einem bürgerlichen Trauerspiel zu benennen. Auch wenn der nette Mann mit den Dreadlocks hinter der Theke auf meine Anfrage fast schon peinlich berührt reagierte und schwört, dass die Zubereitungen rein gar nichts mit Theater zu tun hätten – die Namen auf der Karte sind doch entlarvend: "Kabale und Liebe" für Pommes. Oder "Der Handschuh" – ein Rote-Bete-Burger. Lassen Sie sich von der Theatralik dieses Hackfleisch-Imbisses inspirieren! Sie dürfen dafür sogar angezogen bleiben.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 07.05.2015

Jackie A. endeckt... Die Freuden einer Patenschaft

Jackie A. entdeckt...

Es ist vorbei, ein letztes Winken mit der Selfiestange!  Der Selfieorgien überdrüssig beende ich  „Me My Self(ie) And I“.  Adieu, schöne Selbstdarstellung! Tschüssi, ungelenk verdrehte Auftritte vor den Sehenswürdigkeiten dieser Stadt! Wir hatten ein schönes Jahr aber jetzt reicht’s auch mal. Wie oft scheiterte ich in den wirklich spannenden Momenten an der Tastensperre meines Handys oder dem fehlenden Ladekabel? Damit ist jetzt Schluss! Freuen sie sich auf technikunabhängige Entdeckungen und zeitlose Erkenntnisse aus Berlin und Brandenburg oder wie hier in Folge 1,  ein nacktes Gesäß, das aus künstlerischen Gründen bemalt werden möchte.

Die Patenschaft

Meine Bekannten wurden zuletzt Paten von pausbäckigen Säuglingen mit Namen Linus und Clara. Letzte Woche wurde auch ich endlich Patin. Meine Kinder heißen Death Sexy Inc. oder Edith Schröder. Über die neue Aufgabe wurde ich per Pressetext informiert. Mein alter Kumpel Andreas hatte mich für ein von ihm veranstaltetes Krautrock-Electronica-Festival im SO36 als Patin auserkoren – und zwar, bevor ich überhaupt wusste, worum es ging. Mir war nur bekannt, dass eine Patin unterstützend agiert, und ich fand schon, dass auch ein Haufen Krautrockmusiker in Kreuzberg ein Recht auf Support hat. Wir besuchten also im Vorfeld des Festivals verschiedene Radiosendungen, um die Vorzüge meiner zu lauten und verhaltensauffälligen Patenkinder hervorzuheben. Wir ließen ihre Musik in schwindel-erregender Abfolge (Kunst!) einspielen und jede Menge Gästelistenplätze verlosen. Am Abend im Backstage angekommen des SO36 angekommen, sprachen meine zu Betreuenden fast ausschließlich Französisch. Und obwohl es häufig um triviale Themen wie Steuerabrechnungen ging, klang das immer sehr aufregend und inspirierend. Ich half dann mit Gesichtspuder und praktischen Handgriffen aus, schloss der drallen Edith Schröder den klemmenden Reißverschluss am Abendkleid. Später fand ich mich schwitzend wieder, mit Fingerfarbe an den Händen der Performancekünstlerin Miss France das Gesäß und den Rest des nackten Körpers in den Farben der französischen Nationalflagge einstreichend. Die Bühne betrat sie mit einem winzigen Fähnchen im Po, mit den Händen eine überdimensionale Frankreich-Flagge schwenkend. Der Veranstalter erläuterte am Bühnenrand, sie hätte die Professur für Transgender History in Paris abgelegt. Das erklärte natürlich einiges! Als Patin war ich erleichtert zu sehen, dass meine "Problemkünstler" ihre Hausaufgaben gemacht hatten und die Live-Acts und Newcomer, so verschieden sie waren, ohne Ausnahme gefeiert wurden. Und das wird auch den Berliner Senat freuen, der das Festival erstmals finanziell unterstützte. "Wo alles klappt, übernimmt man gern die Verantwortung", wusste schon der Aphoristiker Erhard Horst Bellermann. - Und weste wat, Horst? Recht haste! 

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 22.04.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 22: Der Paketbote

Jackie A.

Alltag ist, was du daraus machst –
 oder der Paketbote. Als natural born Ossi bin ich Fan von Warensendungen aller Art und die Nachricht über ein Westpaket sorgte schon in der Pubertät für emotionale Ausnahmezustände. Da war alles rund ums Paket ein Event: das Einschlafen mit dem Zustellschein unterm Kopfkissen, tags darauf der Dauerlauf zur Post, schwitzend und außer Atem vor der Ausgabe stehen, gespannt, welches Paket am Schalter nun herausgegeben würde – hoffentlich das große schwere! Zu Hause vergingen noch mal zähe Stunden des Wartens, bis der Rest der Familie eintraf. Vor versammelter Mannschaft wurden Schnüre zerschnitten, das knisternde Papier entfernt und vorsichtig der Karton geöffnet. Nie wieder sollte ich mich so über ein Schauma-Shampoo freuen können! Längst sind die Dinge leicht zu haben, was ja durchaus praktisch ist. Sie stehen da in den Supermarktregalen rum, eine schlaffe Hand greift zu, der Gang zur Kasse folgt. Manchmal denke ich, so ein schnöder Gebrauchsartikel sollte auch mal erobert werden – so richtig mit körperlichem Einsatz. Was da an Endorphinen freigesetzt werden würde! Ähnlich muss es sich auch der Postbote gedacht haben, der letzte Woche den Paketschein einwarf. 
Der Schein blieb unausgefüllt – bis auf eine kleine krakelige Skizze. Darauf war (mit viel Fantasie) der Grundriss unseres Hauses zu erkennen, ein Weg und etwas, das er mit Holz sowie Paket beschrieb. Ich kombinierte, dass er das Paket bei einem Nachbarn am Weg hinterlegt hatte, der in einem Haus aus Holz wohnt. Also lief ich rüber zum einzigen Holzhaus an der Straße, doch unglücklicherweise hatte die Bewohnerin kein Paket für mich. Zurück auf dem Grundstück setzte Regen ein, unwirsch kickte ich einen Tannenzapfen vom Weg. Er prallte gegen einen Stapel Baumstämme am Ende des Gartens. Da wurde ich stutzig: Haus, Holz, Paket …? Eilig kraxelte ich hinters Gehölz. Bingo! Wie eine Trophäe schleppte ich das Paket ins Haus. Danke, unbekannter Bote, selten habe ich mich so über eine Bratpfanne gefreut.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Wo ist hier Holz?

Siri: Tut mir leid, aber ich kann kein Holz in deinen Kontakten finden.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 08.04.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 21: Frauentagsparty

Erotischer Polizist aus Deiner Umgebung

21 Uhr. Der Wagen parkt vorm Lokal. Ein Käuzchen schreit. Der Mann fragt: „Traust du dich rein?“ „Da muss ich jetzt durch.“ - geb ich zurück. Mit schweren Schritten nähere ich mich dem Etablissement. Die Luft ist kalt, riecht nach Wald und Benzin.
Dieser Abend wird wegweisend sein: Dorfschlampe oder nette Nachbarin – wie wird die Gemeinde entscheiden? Die erste Kontaktaufnahme am neuen Wohnort wird heute bei der Frauentagsparty stattfinden. Beim Eintreten liegt meine Hand am Handy, bereit für eine SMS gezückt zu werden, Wortlaut: "Hol-mich-hier raus!" Drinnen läuft Chartmusik, frisierte Frauen sitzen an gedeckten Tischen. Einige Blicke haften auf meinen Gummistiefeln. Jetzt die Ruhe bewahren, denk' ich, werfe „Guten Abend“  in die Runde, setze mich ganz hinten an einen Tisch. Neben mir sitzen lachende Mütter an einer Tafel,  Typ Dallas Royce aus "Suburgatory". Ich bestelle das erste Getränk, als ein Mann mit Sporttasche eintrifft. In weniger als einer Stunde wird er hier einen erotischen Polizisten aus deiner Umgebung performen. Eine Auserwählte wird ihm dann verschämt die nackten Schenkel mit Bodylotion einreiben. Ich hoffe sehr, dass ich es nicht sein werde -bitte nicht!  Linda ist die Erste, die mir ihre Hand entgegenstreckt. Mit ihr und allen anderen werde ich einige Getränke später wie von Sinnen im gaststätteneigenen Stroboskopgewitter zu "Macarena" tanzen, weiß davon aber gerade noch nichts. Erst mal wird mir, der Neuen, vom Nachbartisch aus Mut zugesprochen. 
Im Dorf lebt es sich entspannt, so sagt man, und dass vor zehn Jahren ein Einstieg noch nicht so einfach war.
Inzwischen sind viele Ex-Berliner und junge Familien am Start, und die Alteingesessenen machen was draus – zumindest heute und hier. Den weiteren Abend verbringe ich zwischen 60- und 70-Jährigen, Mittzwanzigern und ihren Müttern, tanzend und kollektiv rumkrakeelend auf Laing's: "Ich bin morgens immer müde – aber abends werd ich wach!" Der Generationenmix schafft mich - so sehr, dass ich dafür sogar Helene Fischer in Kauf nehme: „Ja, für dich, Hildegard! Ich möchte danach aber The Cure hören, ok?“  Als ich das Mikrofon vom DJ ergreife, ist es längst zu spät. Eine Dorfbewohnerin sagt, ich hätte eine sehr lange Rede gehalten. Kein Wunder, es war der beste Frauentag meines Lebens.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Alles Gute zum Frauentag!

Siri: Einen schönen Sonntag, Jackie!

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 26.03.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 20: Wartenummer 1

Wartenummer eins

Ich habe es getan. Ich habe die Stadt verlassen und bin aufs Land gezogen. Dorthin, wo die Wege noch schlammig sind und man Crocs tragen kann, ohne von der Style-Polizei in U-Haft genommen zu werden. 
Ein Ort frei von Barista-Cafés und vollbärtigen Baumfäller-Looks, jedoch voller Astlöcher in Bäumenstämmen – ein verschlafenes Dorf, in dem ich die Entdeckung der Schnelligkeit machte.
Ich war auf dem Weg zum Bürgeramt, um meinen neuen Wohnsitz zu melden. Ich stieg ich in den Bus, der zwei Minuten zu früh eintraf. Weil ich die einzige Mitfahrende war, hielt der freundliche Fahrer einige Hunderttausend Tannen weiter, noch vor der Haltestelle, direkt am Eingang des Amtes. Man muss sich vorstellen, in Berlin würde der Bus statt am Bahnhof Alexanderplatz zwei Ecken zuvor beim Technikmarkt halten, weil ein Fahrgast noch schnell ein Ladekabel kaufen muss. Tumulte und aufgebrachte Bürger wären die Folge! Hier blieb die Aufregung überschaubar. Meine Schritte hallten im menschenleeren Gebäude. Am Auto
maten zog ich die Wartenummer eins – meine erste Nummer eins über
haupt. Die Bearbeitungszeit dauerte vier Minuten, und perplex über den wohl kürzesten Aufenthalt meines Lebens in einer Behörde stieg ich auf dem Rückweg in den falschen Bus ein. 
Er war vollgestopft mit pubertierenden Schulkindern, die sich YouTube-Videos reinzogen oder WhatsApp-Nachrichten zuschickten. Merkwürdig: In der tiefsten Pampa ist schnelleres Internet verfügbar als an meinem letzten Wohnort in Berlin.
Nicht, dass man hier schnelles Netz bräuchte, gegen den verbalen Infostrom meines Dorfs können VDSL 
und LTE einpacken. Ein Gespräch 
mit der richtigen Person, und der Rest erledigt sich ohne Facebook. Eine Freundin sagte, es ist der schmale Grat zwischen Distanz und Nähe, 
der darüber entscheidet, ob man ein beschauliches Dorfleben führt oder die Hölle auf Erden erlebt. Die Formel dazu lautet: Grüßen – ja, lange Ge
spräche – nein. Vergessen ist die Berliner Taktung. "Schnelligkeit ist schlafen, wenn andere noch gähnen" (frei nach Kalenderspruch).

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Guten Tag, Siri, schönes Wetter heute!

Siri: Nein, Jackie, es wird heute nicht sehr schön sein.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.03.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Das Leben in Kisten

Kisten packen. Tassen in Zeitungen einwickeln. Fotos von Wänden abhängen: mit Kokosnuss am Strand der Malediven. Arm in Arm mit den Freunden auf dem Deichkind-Wagen beim Karneval der Kulturen. Dazwischen Brandenburg II. – der verstorbene Hamster – mit einem Stück Gurke in der Backentasche. 
Ein Schnappschuss mit Mama und Schwester, Grimassen ziehend. Puzzleteile eines Berlin-Lebens landen auf der Fensterbank. Es ist mein letzter Tag in der Stadt. Ein letztes Mal Singlehaushalt-Feeling, Verabschiedung von Improvisation und Hinterhofbalkon, von kaputten Bodenfliesen, von Cocktail-Gläsern im Küchenregal – mitgebracht nach besoffenen Nächten aus Clubs und Bars. Dazu einen Bad, so klein, dass kaum zwei Leute darin stehen können. Mach’s gut, alte Nasszelle. Ich werd dich nicht vermissen! Ich entleere Schubfächer mit alten SIM-Karten, DDR-Pfennigen, Visitenkarten und vergessener Post, darunter eine Karte vom "Playboy"-Magazin: "Wir freuen uns auf Ihre Textvorschläge." Da kam wieder irgendwas dazwischen.
Die Wohnung ist fast leer, bizarre Gebilde aus Staub legen sich sanft 
auf mein Haupt. Übermorgen wird renoviert. Ansonsten hasse ich Umziehen. Man kann es natürlich auch positiv sehen: der Umzug als Chance, alten Ballast zu entsorgen und Platz für Neues zu schaffen. Das ist wie ein Spaziergang durchs Unterbewusstsein. Alte Sehnsüchte, löchrige Strümpfe, goldener Nagellack: Was ist wichtig, was kann weg? Viel mehr als gedacht ist entbehrlich, und morgen wird mein Leben in einen Kleintransporter passen. Langsam bekomme ich Muffensausen. Was, wenn sich das Landleben als Pleite erweist? Als der letzte Karton gepackt ist, fühlt es sich an wie auf dem Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad – unheimlich! Ich habe ein Entrümpelungsteam bestellt, die sollen den Rest mitnehmen: Waschmaschine, Regale, Bett und Fernseher, meine Ängste und die Neurosen stell ich einfach dazu. Ohne Ballast springt es sich besser. Also Augen zu und Sprung in ein Neues!

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Gib mir die Route nach Zeschdorf!

Siri: Tut mir leid, ich kann nicht nach Orten in Albanien suchen.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.03.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 18: Erste Nacht

Jackie im eigenen Haus

Mit Rollmatratzen unterm Arm stehen wir in der brandenburgischen Pampa. Schnee rutscht vom Dach des zukünftigen Wohnsitzes. Der Partner fragt: "Willst du?" – hält mir den Schlüssel hin. Das erste Mal die Tür aufschließen, den Rucksack im Flur abstellen. Wir gehen durch die Räume, erst still, dann aufgeregt kommentierend. Leiter und Farben stehen noch im Weg. "Ich glaub das alles nicht", sagt K., seine Stimme hallt. "Wahnsinn!", geb ich zurück. 
Das muss man ja erst mal alles begreifen: raus aus Berlin, rein ins Scheunenhaus mit Internet-, Wald- und Wildschweinanschluss. Erste Amtshandlung: die Spülung vom WC drücken – funktioniert! Es gibt eine "Walk-in"-Dusche und eine Wanne. 
Er möchte erst duschen, dann baden und anschließend noch mal duschen. Vorher noch schnell die Box im Wohn
zimmer anschließen. Wir tanzen Discofox zu Fatboy Slim, galoppieren übermütig durchs Haus. "Juhuu!"- 
und „Wow!“-Ausrufe, dann plötzliches Innehalten. Wenn K. im Schlafzimmer steht und ich im Wohnzimmer, ist die Entfernung so, dass wir laut rufen müssen. Ist das Haus zu groß? Zumindest kommen wir nicht unvorbereitet. Wir haben Walkie-Talkies besorgt. Vom Grundstück kann man so problemlos in die Küche funken: "Jackie an Klaus+++Jackie an Klaus+++Bitte Kaffee aufsetzen+++Over and Out."
Später im Dachzimmer rollen wir unsere Matratzen aus. "Gute Nacht, Jackie!" "Gute Nacht, Klaus!" – Einschlafen Hand in Hand. Am nächsten Morgen aufspringen und nachschauen, ob alles nur ein Traum war. Die ersten Stunden sind unreal, wie in Tagträumen, nur viel besser. Weil man nun 
die Wärme unter den Fußsohlen spürt. Weil das Holz duftet, die Apfelbäume vorm Fenster im Wind knarzen und 
wir hier ständig Neues entdecken. "Wahnsinn" und "geil" werden die meistgesprochenen Worte des Tages sein. Der Möbelwagen kommt nächste Woche. Freut euch mit uns! Man weiß ja nie, wie lange das Glück bleibt.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Wo ist mein Hausschlüssel?

Siri: Wenn du die aktuelle iOS-Version installierst, kann ich die helfen.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 17.02.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 17: Die Küche

Me, My Self(ie) And I - Nummer 17: Die Küche

Was für Alexander Gerst die Raumstation war, ist für deutsche Paare die Küche. Sie ist Innovationszentrum und Krisenherd, in dem Mixaufsätze unvorhergesehen die Umlaufbahn verlassen und mühselig aus Teig geformte Liebesbekenntnisse bei 240 Grad im Umluftofen in sich zusammenfallen. Da ist es nur konsequent, dass Fotos zerklüfteter Mars­oberflächen denen ungeputzter Herd­innenräume so ähnlich sind.
Wie auf der ISS entscheidet in der Küche ausgeklügelte Technik über wissenschaftlichen Erfolg beziehungsweise die Harmonie in der Beziehung. Und was für die einen der Sicherungsbolzen beim Testflug im Weltall ist, ist für andere die E-Herd-Kontrollleuchte während der Zubereitung eines Friedensmenüs nach dem Ehekrach. Ich gebe zu, meine These ist jung. Sie entstand während komplexer Vorträge von Verkäufern im Elektrofachmarkt. Mein Partner und ich arbeiten unter Hochdruck am Erfolg unserer Beziehung. Das Wichtigste allerdings, so lernten wir, fehlte bislang: moderne Küchengeräte. So wurde uns bei Saturn die Genialität von Pyrolyse, einer Herdreinigungsfunktion, erläutert und bei Innova vor Gefahren gewarnt, zum Beispiel zu kurze Rotations­arme in Geschirrspülern, die aufgrund schlechter Reinigungs­ergebnisse die Harmonie am Esstisch für Jahre stören könnten. Voller Sorge reservierten wir gleich eine Vielzahl von Geräten, darunter einen Kühlschrank, genauer gesagt einen "Smart Fridge" mit Hydro-Fresh- und ChillerBox, No-Frost und Air-Fresh-Filter, Anti-Fingerprint, Touch-Control, Super-Silent-Funktion und integriertem WLAN, plus akustischer Alarm-Kühlschranktür mit Vario-Zone. Er ist der erste seiner Art, der Selfies vom Innenraum machen und verschicken kann. Einen Twitter-Account hat er noch nicht, aber ein eigener Fotoblog oder eine Kolumne an dieser Stelle wären denkbar. So wird aus unserer Küche in Kürze ein Kommunikationszentrum und eine Pärchenschutzkapsel, vielleicht auch mehr. Wie sagte Alexander Gerst? "Wir Menschen sind Entdecker seit jeher und haben bisher alles erreicht, wenn sich die technischen Möglichkeiten ergeben haben."

Jackie A.

Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone: 

Jackie: 
Wie funktioniert ein Kühlschrank?

Siri: 
Ein Kühlschrank erzeugt Kälte, das heißt, er entfernt Wärme!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 28.01.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 16: Sehr geehrtes 2015

Jackie A.

Sehr geehrtes 2015,

wie ich Ihrem Jahreshoroskop entnehmen musste, planen Sie, schwierige Phasen und komplexe Probleme für die bundesdeutsche Bevölkerung direkt in die erste Jahres
hälfte zu legen. Wegen aktueller Terminschwierigkeiten (verzögerter Hausbau, Schwiegermutter hat sich angemeldet) möchte ich Sie bitten, dies nochmals zu überdenken bezieh
ungsweise Ihre Uranus- und Pluto-Tyranneien in die zweite Jahreshälfte, also nach Fertigstellung meines Eigenheimes, umzulegen. 
Weiterhin musste ich lesen, dass mit einer Entspannung der politischen und wirtschaftlichen Situation das gesamte Jahr über nicht zu rechnen ist und dass Sie Unruhen und poli
tische Umbrüche auch in meinem direkten Lebensraum Berlin-Brandenburg umsetzen möchten. Natürlich kann ich Ihr Anliegen nachvollziehen, bedürftigen Bundesbürgern eine Lektion in Demut zu erteilen und ideologisch Verstrahlte und zunehmend Rechtsorientierte mit einem kosmischen Arschtritt raus aus der BRD-Komfortzone und rein ins Uranus-Trainingscamp zu kicken. Ich finde Ihren Plan sogar gut! Dennoch sehe ich Optimierungsbedarf. Bei Durchsicht Ihrer Dokumente ist mir aufgefallen, dass regionale Unterschiede bezüglich der Bedürftigkeit 
an kosmischen Schlägen nicht berücksichtigt wurden. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Energieersparnis nicht nur auf der Erde ein Thema sein sollten, möchte ich Sie auffordern, auch kosmische Energien zielorientiert, nämlich ausschließlich da, wo’s nützlich wäre, einzusetzen. Gerne erkläre ich mich bereit, eine Karte auszuarbeiten, in der die regio
nalen Schwerpunkte für Pluto- und Uranus-Attacken markiert sind (vor
wie-gend Gebiete in Bayern und Dresden). Damit könnten Sie nicht nur effizienter arbeiten, Sie hätten zusätzlich sogar noch Leistung übrig für Bonus-Weltwunder wie Polarlichter über Bernau, Pyramiden auf dem Tempelhofer Feld oder Schneefall in Form von Popcorn. Ich hoffe, mein Vorschlag erreicht Sie noch rechtzeitig, ich sende ihn per Lampion ins All.

Hochachtungsvoll,

Jackie A.

Ein kurzes Gespräch mit dem Handy: 

Jackie
Frohes neues Jahr!

Siri
Ich richte mich nicht nach linearen Strukturen der Zeit, aber dir auch alles Gute!

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jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 16: Sehr geehrtes 2015

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 14.01.2015
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tip Ausgabe 11/2015

Street Art: Berlins größter Kunstraum || Berlin Festival: Drei Tage Open Air || Berlinische Galerie: Wiedereröffnung || Nina Hoss in "Bella Figura" || Claude Monet || Jörg Buttgereit und die "German Angst" || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 21.05.2015 - 03.06.2015.

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