Zwischen Disko und Dispo, Folge 181: Von Kackstelzen und Bartfürzen - eine Schimpfwortsuche

WTF Level

Alles begann mit der Suche nach einem Wort. Ich suchte nach einer adequaten Beschreibung für jemanden, den ich nicht mochte oder, um es direkt zu sagen, extrem scheisse fand. Ein Schimpfwort, dass nicht ordinär seien sollte, jedoch hart genug, um dem/der Beschimpften auch würdig zu sein. Da mein eigenes Schimpfwortrepertoire eher spärlich ausfällt, suchte ich Rat bei Twitter und auf Facebook. Es folgten um die fünfzig Hinweise mit internationalen Beschimpfungsvorschlägen, wie Kackstelze, Kretin, Klappspaten, Vollhorst und Brunzkachel (Fränkisch). Obwohl das passende Wort nicht darunter war, stieg der Heiterkeitslevel mit jedem weiteren Beispiel. Auch die Kommentatoren fanden Spaß an der Suche und ich fragte mich, wieso das Beschimpfen eigentlich so gute Laune verursacht. Ich recherchierte und fand hunderte Abhandlungen zum Thema, eine Deutschlandkarte für regionale Schimpfwörter und einen eigenen Forschungszweig: die Malediktologie. Der amerikanische Germanist Reinhold Aman rief ihn einst ins Leben.
So erfuhr ich, dass fast nie das Wort entscheidend ist, sondern immer der Tonfall, dass, je nach Herkunft, ganz unterschiedliche Dinge verletzend sind, und man anhand der Beschimpfung sogar das Kulturelle Wertesysthem ableiten kann - frei nach dem Motto: "Schimpf mich an und ich sag dir, wer du bist!" Die Beschimpfung: "Ich furze in den Bart deines Vaters" ist offensichtlich eine, die kein Europäer kreierte, sorgen hier doch angedrohte Bartfürze eher für Verdutzung. Doch durch das Internet nähern wir uns auch beim Schimpfen an. Konsequenterweise gibt es inzwischen eine Seite, welche die Dynamik von Beschimpungs- und Flüchewellen bei Twitter, den sogenannten WTF-Level, darstellt - in Echtzeit und mit Grafik.  Ich bin ja Fan des Informationszeitalters.
Es gibt vermutlich keinen Ort auf der Welt, an dem nicht geschimpft wird, daher liegt der Verdacht nahe, dass Schimpfen eine gesellschaftliche Funktion erfüllt. Der Forscher Aman wies auf den entspannenden Aspekt und eine gewisse  Ventilfunktion hin. Er zeigte sich in einem Interview besorgt, dass uns aufgrund des hohen Verschleiss und des geringen Zuwachses die Schimpfworte ausgehen könnten. Dann würden wir auf unseren Aggressionen sitzen bleiben, ohne die richtigen Umschreibungen zu finden. Wie Schuhe nutzen sich häufig verwendete Schimpfwörter ab.  Und auch mein Eindruck ist, dass wir Nachschub gebrauchen könnten. Die gesuchte Beschreibung habe ich bis heute nicht gefunden. Daher endet diese Kolumne,  wie sie begann: mit der  Suche nach einem verfluchten Wort!

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 181: Von Kackstelzen und Bartfürzen - eine Schimpfwortsuche

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 12.06.2013 , Zuletzt aktualisiert: 18.06.2013

Zwischen Disko und Dispo, Folge 180: Hallo Demonstrantin

Alles rosa!

...die da letztens vor dem Barbie Dreamhouse auf einem Stöckelschuh rebellierte, erst einmal: Kompliment! Du mit dem brennenden Kreuz und wehendem Haar vor pinker Kulisse - ein wahnsinnig gutes Bild! Kämpferische Amazone gegen... Ähm. Ja. Gegen was jetzt eigentlich? Gegen Barbies Dreamhouse als Sinnbild für Frauenfeindlichkeit?
Entschuldige, aber wäre es zu viel verlangt, kurz abzuwägen, bevor man blank zieht und gleich ein Feuer entzündet?

Erstens: Die Barbiepuppe in Geiselhaft für Frauenfeindlichkeit in der Welt zu nehmen ist quatsch.
Ich selbst besaß fünf Barbiepuppen. Der Import aus dem kapitalistischen Ausland fristete ein kurzes und kummervolles Dasein in einer dunklen Kinderzimmerecke in der DDR. Meine Freundinnen und ich nahmen sie regelmäßig auseinander und bewarfen uns gegenseitig mit den Köpfen. Keine von uns wollte ernsthaft aussehen, wie eine Barbie. Soweit ich weiss, wurde auch niemand von uns magersüchtig oder bekam durch das Spiel mit den Puppen ein ungesundes Frauenbild eingeimpft. Wir leben selbstbestimmt, machen unsere Jobs und tragen, im Gegensatz zu Dir, auch keine pinken Miniröcke. Interessanterweise war der ursprüngliche Gedanke der Erfinderin, Mattel-Cheffin Ruth Handler, in den 1950er Jahren, die Barbie als moderne Alternative zu den bis dahin hauptsächlich verkauften Babypuppen einzuführen - also jene, die zum Einüben der klassischen Mutterrolle dienten. Müsste man demnach mit den Feindbildern nicht schon viel früher, bei der Babypuppe, ansetzen? Für die ersten Barbies gab es nicht nur pinke Badeanzüge, sondern auch Doktorhüte und Roben zu kaufen. Die folgende Konzentration auf Make Up und Modeschnickschnack scheint mir die übliche Reaktion eines gewinnorientierten Konzerns auf das Kaufverhalten seiner Kunden zu sein. Kurz: hätten wir nicht fleißig die pink-gepudelte Variante gekauft und uns stattdessen mehr für jene in Doktorrobe oder Arztkittel interessiert, wäre Barbie heute souveräner ausgestattet als 95 Prozent aller weiblicher Puppen auf dem Markt.

Zweitens: Der Grund warum ich mich ärgere. Mit brennendem Kreuz zwischen Familien und Kleinkindern rumzulaufen, ist grob fahrlässig und geht gar nicht.

Drittens: Genitalverstümmelungen in Afrika, Diskriminierung und schwere Übergriffe auf Homosexuelle in Russland, geplanter Drohneneinsatz zur Überwachung von Großstädten - es gäbe so viel bessere Gründe zu protestieren, statt ein paar Kids die Party zu versauen.

Viertens: Wegen Dir und Deinen Demo-Kollegen bin ich überhaupt erst auf das Ding aufmerksam geworden. Ich war dort... es war langweilig!

Zuletzt: Schon gut. Ich bin nicht nachtragend und sympathisiere mit deinem Verein (du bist doch bei Femmen?) aus nahe liegenden Gründen (selbst Frau). Nur bitte, kein Feuer mehr gegen unausgegorene Feindbilder.

Danke, Deine  Jackie A.

Foto: Thomas Götz von Aust

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 180: Hallo Demonstrantin

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 29.05.2013 , Zuletzt aktualisiert: 04.06.2013

Folge 179: Bewerbung

Leben auf dem Mars

Sehr geehrte Damen und Herren,


hiermit möchte ich mich für ihr Projekt "Mars One - The Human Settlement of Mars" bewerben.
Ihre Facebook-Präsentation hat mich sehr beeindruckt und gerne würde ich ihr Team bei diesem interessanten und zukunftsweisenden Projekt unterstützen. Anbei sende ich ihnen meinen Lebenslauf sowie ein Empfehlungsschreiben meines aktuellen Arbeitgebers, dem Tip-Stadtmagazin. Auch hier wäre man an einer Zusammenarbeit interessiert aus nahe liegenden Gründen, wie 'neue Märkte erschließen' , 'Imagekampagne: erstes Stadt-Magazin auf dem Mars', u.s.w.Gerne würde ich als Kolumnistin erste Schritte der Menschheit auf dem Mars kritisch dokumentieren. Durch meine bisherige Tätigkeit im Berliner Nachtleben bin ich auf extreme Bedingungen vorbereitet und hochflexibel in der Arbeitsweise. So ist es mir möglich, Texte in gefühlter Schwerelosigkeit, mit wenig Sauerstoff und auch unter ungünstigsten Lichtverhältnissen (Schwarzlicht, Stroboskobgewitter) zu formulieren. Professor Hans-Joachim Blome von der Fachhochschule Aachen informierte bereits im Focus Magazin über die zu erwartende radioaktive Strahlung auf der Marsoberfläche. Ich freue mich daher, Ihnen mitteilen zu können, dass ich plane, einen Großteil meiner Lebenszeit auf dem Mars in unterirdischen Gewölben zu verbringen. Seit den frühen Neunziger Jahren trainierte ich vorbreitend in Berliner Kellerclubs. Bis zu 48 Stunden harrte ich hierzu unter ähnlichen Bedingungen, in strahlungssicheren Räumen des WMF, Deep-Clubs oder Walfisch unterhalb  der Erdoberfläche aus. Wegen der zu erwartenden Temperaturen auf dem Mars mit -85 Grad bei Nacht und den, wie ich hörte, leider auch sehr unwegsamen Böden, werde ich entsprechende Garderobe bzw. robustes Schuhwerk mitführen. Hier auf der Erde kennt man mich vor allem als hilfsbereite und kommunikationsfreudige Person und es wäre mir ein persönliches Anliegen auf dem Mars als emotionaler Anker für meine Mitmenschen zu fungieren.  Bei einer, wegen des fehlenden Sonnenlichts zu erwartenden, kollektiven Massendepression könnte ich auf unkonventionelle Art Hilfe leisten. Das KnowHow für improvisierten Slapstick und kleinere Tanzprogramme erwarb ich am Europäischen Theaterinstitut. Ich darf und möchte ihnen nicht verschweigen, dass die Ursache für mein Interesse an ein durch ihre Firma ermöglichtes Leben auf dem Mars vor allem auf Wut und gefühlter Perspektivlosigkeit basieren. Die politische Situation in Europa, das marode Gesellschaftssystem, das soziale Gleichgewicht, Klima- und Umweltschutz scheinen mir, sowie 1022 weiteren, meiner Facebookfreunde unwiederbringlich gescheitert. Ich setze daher meine Hoffnungen auf einen Neustart an unverbrauchtem Ort. Besonders erfreut hat mich die Nachricht, dass das Dresdener Forscher Team um Prof. Fritz Gerald Schröder am Algenreaktor bereits freischwebende Pflanzen für den Mars züchtet. Ich darf ihnen mitteilen, dass auch ich über eine erstaunlich resistente Balkonpflanze (Tomate) verfüge, die ich dem Team selbstverständlich kostenfrei zur Verfügung stellen werde.  Es würde mich freuen  ihnen meine weiteren, konkreten Vorschläge in einem persönlichen Gespräch präsentieren zu dürfen.

Hochachtungsvoll, Jackie A.

Foto: Bryan Versteeg / Mars One

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 179: Bewerbung

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 21.05.2013 , Zuletzt aktualisiert: 21.05.2013

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Folge 179: Bewerbung
Peter Laudenbach liest wieder mal Beckett
Theater macht krank
Forum der verlorenen Hoffnungen am Kanzleramt

Folge 178: Being Bukowski - Wie werde ich Schriftsteller?

Being BukowskiMein erstes Buch erscheint im Herbst und einige Menschen werden jetzt denken: "Hat die Stadt nicht schon genug Probleme?" Den größten Teil der Leser beschäftigt aber vermutlich eine ganz andere Frage: "Wie kommt man dazu, den lieben langen Tag auf einem Landgut in der Provence abzuhängen, literweise Rotwein zu trinken und im Bademantel, am antiken Sekretär sitzend, ein paar Gedanken zu formulieren und dafür auch noch einen mehrstelligen Betrag zu kassieren?" So oder ähnlich wurde ich befragt und hier möchte ich nun antworten. Es scheint fast so, als ob jeder in Berlin ein Buch schreibt oder zumindest plant, eines zu schreiben. Den meisten fehlt am Ende der Mut, andere werden niemals fertig und wieder andere schicken ihre Manuskripte an Verlage und warten bis an ihr Lebensende auf Antwort. Gegen Mut- und Antriebslosigkeit bin auch ich machtlos. Aber all jenen, die umsonst auf Antwort eines Verlages warten, möchte ich dringend zu einem Literaturagenten raten. Eine gut vernetzte Literaturagentur ist nämlich die halbe Miete im Verlagsgeschäft. Mir hat das im letzten Jahr eine Freundin, zufälligerweise Bestsellerautorin, gesteckt und sogleich machte ich mich auf die Suche. Zum Vorstellungstermin beim gefragtesten Agenten der Stadt trug ich eine dunkle Perücke und einen sandfarbenen Trenchcoat. In den elegant eingerichteten Kanzleiräumen in Mitte trank ich mehrere Cappuccini und schilderte vor allem privates Leid. Der Vertrag wurde mir nach drei Tagen, vermutlich aus Mitleid, zugesandt. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich zuvor ein halbes Pfund Probetexte verfasste, welche meinem Buchkonzept beilagen. Mein Agent vermittelte zwischen Lektoren unterschiedlicher Verlage. Am Ende entschied ich mich, so wie man das von mir kennt, für den Schönsten von allen, einen Mitarbeiter des Blumenbar-Verlags. Die Konditionen handelte meine Agentur aus und ich durfte mich ganz auf meine Rolle der geistesgestörten  Autorin konzentrieren. Der Vorschuss fürs Buch wurde übrigens nicht in ein Landgut in der Provence investiert sondern, der Höhe angemessen, in ein Wrack von Haus ohne Kanalisation in Zühlsdorf. Als Zwischenbilanz (Kapitel 3) kann man festhalten: Das Bücherschreiben wäre ein Traumjob, würde nicht das Leben ständig stören. Es bringt einen mit überfälligen Steuererklärungen, vernachlässigten Partnern, Nachtruhe und Nahrungsaufnahme immer wieder aus dem Konzept, nicht zu vergessen dem Lektor selbst. Der möchte nämlich andauernd etwas genauer, anders, emotionaler, differenzierter oder irgendwie tiefgründiger beschrieben haben. ...Anstrengend! Am Ende kommt dies natürlich alles dem Buch zugute, behauptet zumindest mein Lektor. In Anbetracht des Aufwandes kann man wohl schon jetzt von einem Werk monumentaler Bedeutung sprechen. Mein erstes Buch erscheint dann hoffentlich im Herbst und manchmal denke ich: Habe ich nicht schon genügend Probleme?

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 178: Being Bukowski - Wie werde ich Schriftsteller?

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 07.05.2013 , Zuletzt aktualisiert: 07.05.2013

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Peter Laudenbach liest wieder mal Beckett
Forum der verlorenen Hoffnungen am Kanzleramt
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Folge 177: Endhaltestellenlotto

Folge 177: Endhaltestellenlotto

Landschaft

An den Wochenenden spielten wir dieses Spiel. Wir zogen am S-Bahn-Automaten ein Ticket, setzten uns in eine beliebige Bahn und fuhren bis zur letzten Station. Dann folgte, reichlich planlos, die Erkundung des Gebietes. So wanderten mein Freund und ich vorbei an Plattenbauten in Feldrandlage. Wir fluchten über fehlende Netzverbindungen, entdeckten Schlösser an menschenleeren Seen und lebensgroße Gorilla-Staturen in Vorgärten.
Manchmal brachen wir auch unsere eigenen Regeln und beim letzten Mal stiegen wir am S- Bahnhof Karow in die Heidekrautbahn um. Wir waren überrascht, als der Zug am Bahnhof stoppte, denn nirgendwo war ein Hinweis auf Regionalzugverkehr zu sehen. Wir rauschten Richtung Norden, vorbei an Windrädern, Bisonherden und Landstrichen mit blaurotem Heidekraut. Eine Viertelstunde später stiegen wir am Rand eines Tannenwaldes aus.  Der Dorfkern in Zühlsdorf ist unspektakulär, an einer Hauptstraße gelegen. Er besteht aus einer Kirche, ein paar Bauernhöfen und dem sozialen Hotspot Knorris Modecafe. Wir spazierten durch den Wald, passierten eine Mühle und Pferdekoppeln. In der Abenddämmerung standen wir vor einem kleinen Haus, an dessen maroden Gartentor ein Schild hing: "Zu verkaufen". Das Haus steht in einem großen, verwunschenen Garten, versteckt zwischen hohen Tannen. Wir mochten es sofort. Immer wieder sind wir mit der Heidekrautbahn nach Zühlsdorf gefahren, tranken Kaffe bei Knorris und besuchten den verwilderten Garten. Wir fragten uns, wie es wohl wäre, hier zu leben. Dann sprachen wir die Leute auf der Straße an. Wir wollten herausfinden, wie die Zühlsdorfer so drauf sind, ob es schnelles Internet gibt und wie es sich in einem Ort ohne U-Bahn und Supermarkt so lebt. Fast jeder reagierte freundlich und hilfsbereit. Am Ende haben wir uns getraut und das Haus wirklich gekauft. Auch, weil es sehr günstig war und das Risiko eines Fehlkaufs, durch unseren Hauptwohnsitz in Berlin, überschaubar bleibt. Inzwischen kennen wir unsere Nachbarn mit Vornamen und  lernten erste Vorteile des Lebens in einem 2000 Seelen Dorf kennen. Man hilft sich untereinander mit Mitfahrgelegenheiten und Schubkarren aus. Weil Zühlsdorf nah an Berlin liegt, können wir uns gut vorstellen, einmal ganz überzusiedeln. Letzte Woche lernten wir aber auch die Kehrseite der Idylle kennen. Da saßen am Kneipentisch drei Typen, die Witze über Muslime rissen und sich unter Gelächter damit brüsteten, die Alimente für die eigenen Kinder zu spät zu zahlen.  Einst erkundigten wir uns auch nach Rechtsradikalismus und man versicherte uns, dass dies hier kein Thema wäre. Lediglich ein altes Sprichwort  bestätigt sich: "Gegen Dummheit ist noch kein Kraut gewachsen." - nicht mal in Brandenburgischen Heidekrautlandschaften! Ist es nun ein Hauptgewinn oder sind es doch nur drei Richtige beim Endhaltestellenlotto? - In ein paar Jahren wissen wir mehr.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 177: Endhaltestellenlotto

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 25.04.2013 , Zuletzt aktualisiert: 25.04.2013

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Folge 176: 10 Tipps für die Social-Media-Disco

Spanner-Fenster-Floor


Kater Holzig, Prince Charles, Q-Dorf, Facebook -Letzeres ist doch auch so ein Club. Nur heisst hier der Tresen "Timeline" und die Backstagearea findet man in einer "geschlossenen Gruppe". Auch hier gibt es Stammgäste, anstrengende Monologe und plumpes Flirtgebaren. Es gibt den neuesten Gossip, ein paar wirklich gute Momente, peinliche Bekanntschaften und eine Hand voll cooler Säue - also jene, die im Club Breakdance drauf hatten oder die richtigen Sprüche. Auf Facebook sind es die Wortaktobaten/innen mit den schlauwitzigen Updates, die oft schneller als andere sind.  Leider ist der Türsteher unkonzentriert, weil meistens am twittern, und so rutschen ihm jede Menge komischer Gestalten durch. Darunter Leute, die einem an der Tanzfläche viel zu dicht ins Ohr schreien,weil sie ausschließlich in GROSSBUCHSTABEN KOMMUNIZIEREN, VERSTEHST DU, WAS ICH MEINE? oder Leute, die jede einzelne deiner Meldungen mit einem halbseitigen Negativkommentar beantworten. Quelle solch ungünstigen Verhaltens ist häufig Unwissenheit und vor einiger Zeit verfasste ich einen Knigge mit Benimm-Empfehlungen für Clubs. Diese möchte ich nun für meine Social-Media-Stamm-Disco vervollständigen, und wenn nur zwei Leute die Tipps berücksichtigen, sehe ich meinen Beitrag für ein schöneres Facebook, als erfüllt an.

1) Wer nach einer bestätigten Freundschaft, als erstes Aufforderungen verschickt, Fanseiten oder Gewinnspiele zu liken, gehört entfriendet.

2) Wer komplexe Themen per FB-Kommentarfunktion durchdiskutieren will, versucht vermutlich auch vorm DJ Pult in der Wilden Renate die  Reaktivität von Kohlenstoffatomen mit Doppelbindung zu erläutern. - Fehler!

3) Egal, was sie dir erzählen: Bill Gates verschenkt keine Millionen Dollar und du gewinnst auch kein iPhone, wenn du einen Status likest. Der Barmann im Kingsize gibt dir ja auch keine Flasche Schampus aus, nur weil du ihm stolz deinen "Daumen hoch" präsentierst.

4) Bitte beruhige dich. Dass es im Sommer heiss ist oder im Winter schneit, kommt vor und muss nicht extra kommentiert werden. - Oder rennst du wirklich ins Watergate zurück und rufst: "Leute, es schneit!", weil du auf dem Nachhauseweg ein paar Schneeflocken abbekamst?

5) Das Rumgeschreie, nachdem FB mal wieder sein Layout veränderte, ist absurd und die Forderung "Wir wollen unser altes Layout zurück" so sinnvoll, wie sich im Berghain darüber zu beschweren, dass jemand die Wand hinterm DJ Pult gestrichen hat.

6) Gilt für die WC-Tür im Cassiopeia  genauso, wie für die Facebook-Wall: Smileys und Herzchen sparsam verwenden, immer origineller: ein paar schlaue Worte.

7) Kommunikation im Facebook-Universum ist wie ein Gespräch in einer ländlichen Grossraumdiskothek, prädestiniert für Missverständnisse. Daher sachlich bleiben und nie, ich wiederhole, nie etwas persönlich nehmen.

8) Nicht nerven! Wer zehn von zehn Statusmeldungen kommentiert, sollte sich fragen: ist meine Meinung wirklich ein Mehrwert oder ist 'einfach mal die Fresse halten‘ vielleicht doch die bessere Alternative?

9) Mein Verdacht: Wer auf FB viel "anstuppst", tippt auch Tanzenden von hinten auf die Schulter. Beides ist, vor allem als erste Kontaktaufnahme, eher fragwürdig.

10) WER NUR IN GROßBUCHSTABEN SCHREIBT, BEKOMMT HAUSVERBOT.

Mit Liebe, Deine Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 176: Tipps für die Social-Media-Disco

 

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 08.04.2013 , Zuletzt aktualisiert: 09.04.2013

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Zwischen Disko und Dispo, Folge 175 Bei Anruf: Hasselhoff

Jackie A. und "The Hoff"

Neulich klingelte das Telefon. Jemand fragte, ob ich an der Seite von David Hasselhoff auf einem Wagen demonstrieren würde. - "...Äh, mit wem bitte?" Wie sich herausstellte, hatte The Hoff einen Flug nach Berlin gebucht, weil er ähnliche Ziele verfolgte wie die Club Commission, die zur Protest-Veranstaltung lud, sowie jede Menge Berliner – inklusive mir. Es ging darum, Aufmerksamkeit für den Erhalt der East-Side Gallery zu schaffen, um die Bebauung des ehemaligen Todesstreifens doch noch abzuwenden und die Freifläche für alle zugänglich zu erhalten. Das hier nebenbei ein, nun ja, denkwürdiges Event sowie ein Foto für meine Omi mit The Hoff drin war, freute mich natürlich auch ungemein. Doch 24 Stunden später verpasste ich die Tram. Ich wusste nämlich nicht, welche Frisur ich tragen sollte, um die Seriosität meines Anliegens zu unterstreichen, gleichzeitig jedoch eine gewisse Spaßbereitschaft gegenüber The Hoff zu signalisieren. Im Dauerlauf nahm ich die letzte Strecke vorbei an dutzenden Presseleuten zum Konferenztisch im Yaam. Der Stargast traf eine Minute später ein. Er trug ein leichtes Make-up und eine in die Jahre gekommene Discofrisur. Wir hatten also schon zwei Dinge gemeinsam. Es stellte sich heraus, dass Hasselhoff gut informiert war. Er vermittelte auch nicht den Eindruck, er glaube ernsthaft, dass wegen seines Auftritts 1989 mit einer beleuchteten Lederjackie die Mauer zu Fall gekommen wäre. Er sagte, dass  ihn die  Euphorie der Wiedervereinigung damals genauso ergriffen habe wie jeden anderen, der dabei war. Über 20 Mal war er seither in Berlin. Man sagte, er hätte seinen Flug selber bezahlt. Klar, konnte sich er sich nun auf kostenlose Promotion freuen. Ich fand das aber okay. Er bescherte unserem Anliegen die nötige Aufmerksamkeit und ich gönnte ihm jede Schlagzeile dafür. Zum nun folgenden Programmhöhepunkt "Mauerspaziergang" hatten sich bereits mehrere Tausend Leute vorm Yaam eingefunden. Am Ausgang blieb ich direkt in einer Menschentraube stecken und musste mitansehen, wie The Hoff in der Ferne unter Jubelrufen auf einen abgewrackten Transporter stieg. Verdammt. Sollte jetzt, wo es erst richtig lustig werden würde, schon wieder alles vorbei sein? Auf gar keinen Fall! Vorbei an Hunderten drängelte und schimpfte ich mich Richtung Protestwagen, um hier ein markerschütterndes "Daviiiiid!" loszulassen. Ein Kameramann drückte mir zeitgleich seinen Ellenbogen in die Rippe, das Gequetsche war wirklich enorm. Ein Polizeibeamter erkannte den persönlichen Notstand und ließ mich aufsteigen. Hasselhoff sang "Looking For Freedom" ins Megafon und ich begann aus einem Kanister, der da neben einer zusammengerollten "Mediaspree-versenken"-Fahne in einer Ecke stand, Glühwein an Demonstranten auszuschenken. Das riesige Menschenmeer konnte man vom Wagen gut überblicken. Es waren Tausende mit Rettungsbojen und selbstgebastelten Schildern, wie "Hofftastic". Ich dachte an die Kritiker, die behaupten würden, die Demo wäre eine leere Spaßveranstaltung, ähnlich, wie manche ältere Leute, die meinen, das echte Arbeit keine Freude zu machen hat. Auf einem leeren Glühwein-Kanister sitzend, beobachtete ich The Hoff, wie er sich ins Zeug legte und so langsam dämmerte mir, warum viele Berliner eine Schwäche für Hasselhoff haben. Er schien mir wie ein Stehaufmännchen, das die Bezirke Charlottenburg und Neukölln in sich vereint. Aufstieg und Fall. Die große Geste und die tragisch-besoffene Hamburger-Einlage... – unser Harald Juhnke aus Hollywood. Dann, in Eile, stieg der 61-Jährige außerplanmäßig vom Truck. Mit einem Polizeiwagen fuhr man ihm zum nächsten WC. Er sagte noch, er käme für ein Benefiz-Konzert zurück. Und ganz gleich, was man von ihm oder der Aktion halten mag, im Gegensatz zu Klaus Wowereit war er da, als Unterstützung gebraucht wurde.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 175: Bei Anruf: Hasselhoff

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 20.03.2013 , Zuletzt aktualisiert: 26.03.2013

Zwischen Disko und Dispo, Folge Folge 174: Pack deine Sachen, wir hauen ab!

Welche Mauer?

Berlin 1989. Aufgebrachte Menschen fordern: "Die Mauer muss weg!" Berlin 2013. Tausende skandieren: "Die Mauer muss bleiben!" - Ja was denn nun? Geschichte kann verwirrend sein und ja, ich war eine der uninformierten Idioten, die da vor der East-Side-Gallery für den Erhalt des Mauerstücks demonstrierten ohne vorher Aktenordner mit Dokumenten von Baubehörden und sämtliche Politiker-Analysen zur Lage gewälzt zu haben. Sozusagen aus einem Bauchgefühl heraus habe ich vordemonstriert und mich anschließend erst informiert - solange ich keine Politik-Journalistin bin, kann ich mir solche Sperenzchen ja leisten...  Jenes Bauchgefühl wurde übrigens durch ein Foto ausgelöst, auf dem Montageleiter Jose B. ein Stück Beton, Türgroß aus der East Side Gallery heraustrennte. Auf der Demo dann war ich zum Glück nicht alleine und Tausende hörten vor der Bühne der Fluchtgeschichte einer gebürtigen Vietnamesin zu. Sie erzählte, wie sie mit ihren zwei Kindern ohne Ehemann aus der DDR mit gefälschten Papieren erst nach Vietnam flog, von dort zurück zur anderen Seite Deutschlands in ein Auffanglager in der BRD. Sie hatte von allen Flüchtlingen dort den weitesten Weg hinter sich. Sie berichtete auch, dass die Leute in Vietnam unsere Geschichte, die Überwindung der Mauer ohne Blutvergießen, als großartig und als eine Art Wunder empfinden. Vielleicht waren wir ja damals sogar im selben Lager. 1989 landete ich zusammen mit meiner Mutter und Schwester in der Bayerischen Kleinstadt Dingolfing in einem Heim für Polnische Gastarbeiter. Wir schliefen in Doppelstockbetten mit blaukarierter Bettwäsche und ich erinnere mich, dass ich von meinem ersten West-Geld eine Haarbürste und ein Bravo-Magazin im örtlichen Supermarkt kaufte.
Am Abend zuvor noch saßen wir in unserem Wohnzimmer eines Plattenbaus, als meine Mutter unvermittelt, nach der "Tagesschau" zu mir sagte: "Pack deine Sachen, wir hauen ab." - Ernsthaft, es gibt keinen besseren Satz, den man einem Teenager mitteilen könnte! Kurz darauf saßen wir im Trabant und rasten durch die Nacht Richtung Tschechoslowakei. Mehr Abenteuer ging nicht! Und dann bekam ich plötzlich Angst. Es war völlig unklar, was an der Grenze passieren würde. Ob sie uns zurück in die DDR schicken oder meine Mutter gleich wegen versuchter Republikflucht verhaften würden und ich mit meiner Schwester in ein Heim müsste. Am Grenzübergang wurden wir dann von Soldaten angehalten. Mein Herz klopfte bis in den Hals. Meine Mutter erklärte, dass wir Urlaub machen wollten in Prag. Sie glaubten uns natürlich nicht. Wir mussten aussteigen und sie haben uns gefilzt. Ich sollte auch meine Sachen auspacken. Nervös hob ich die Tasche aus dem Kofferraum, sie öffnete sich und Haarspray, dutzende Ohrringe und Ketten fielen rasselnd zu Boden. Meine Mutter behauptet bis heute, das hätte uns gerettet. Kein Mensch würde vermuten, das jemand, ausschließlich mit Modeschmuck und Kosmetik ausgestattet, eine Republikflucht plant. Sie ließen uns passieren und gegen drei erreichten wir Prag. Wir parkten auf einem menschenleeren Platz, gegenüber der Botschaft der BRD. Die Gaslaternen des Platzes waren aus und wir konnten in einiger Entfernung Umrisse von Panzern erkennen, deren Kanonenrohre ins Innere des Platzes gerichtet war. Meine Mutter rief "Los! Rennt!" - Dann Loslaufen. Hinfallen. Aufstehen. Weiterlaufen... Stunden später saßen wir ohne Pässe im Zug Richtung BRD, inmitten schreiender Kleinkinder, vollkommen Überwältigter und vor Glück Weinender.
Als die Mauer fiel, wohnte ich längst in Neukölln und jobbte im Zentrum des Kapitalismus: in der Süsswarenabteiung des KaDeWe. Wenn ich an der Mauer entlang laufe, gehen mir viele Dinge durch den Kopf. Menschen wurden hier erschossen. Meine Familie lebt. Was für ein riesiges, unsagbares Glück! Wir haben etwas Einzigartiges erlebt und die hässliche Narbe im Gesicht Berlins erzählt jeden Tag davon. Mit jedem Stück von ihr, verschwindet ein Stück Identität von mir und von uns allen. Lasst uns behutsam mit ihr umgehen.

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Zwischen Disko und Dispo: Folge 174 - Pack Deine Sachen, wir hauen ab!

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 06.03.2013 , Zuletzt aktualisiert: 12.03.2013

Zwischen Disko und Dispo, Folge 173: Plüschwurstmuseum

Plüschbroiler

"Wo ist dieser Meteorit, wenn man ihn mal braucht?" - postete letztens Jan B. auf FB und natürlich erkennen sie die Ironie in der Fragestellung, die sich auf einen, nun ja, nicht übermäßig spannenden Tatort am Sonntagabend bezog. Leider stellt sich die Meteoritenfrage derzeit sekündlich beim Blick aus Berliner Fenstern und um Schlimmstes zu verhindern, forschte man in der Tip-Redaktion, dem Berliner Gute Laune Institut Nummer Eins, nach Dingen, die Heiterkeit verursachen - quasi als Erste-Hilfe-Maßnahme, kurz vor dem Stimmungsexitus. Gern möchte ich mich beteiligen und berichten, was mir zuletzt wahnsinnig gute Laune bereitete und soviel vorab: ein Blick auf den Kontoauszug war es nicht. Am Mittwoch betrat ich einem Spielzeugladen. Ich betrete andauernd irgendwelche Geschäfte aber ein Spielzeugladen, das hatte ich längst vergessen, ist kein normales Geschäft. Er ist ein Irrgarten knallfarbener Inspirationen, eine Zeit-Raum-Maschine, die einen in die Welt gummierter Dinos und lebensgroßer Krümelmonster katapultiert, ein Zentrum des Wahnsinns, in dem sich 40-Jährige Frauen "Biene Maja"-Flügel umschnallen und wiehernd an Regalen vorbei galoppieren, während ausgewachsene Männer winzige Brote in Backöfen von Puppenküchen schieben. Mein Partner und ich waren für Stunden nicht mehr ansprechbar. Wir verließen das Geschäft mit der nicht gerade kostengünstigen Nachbildung eines Grillhähnchens. Es besteht aus beigebraunem Plüsch und durch Klettverschlüsse abnehmbare Keulen. Inzwischen verbringt Klaus jede freie Sekunde damit, den Broiler mit Salz- und Pfefferstreuer auf dem Küchentisch für Fotoshootings in Szene zu setzen. Anschließend werden die  Fotos instagrammt und bei Twitter, Google plus und Facebook verbreitet. Menschen aus ganz Deutschland reagierten und schickten Links zu Firmen, die sich auf die Produktion von Plüschlebensmitteln spezialisierten, darunter echte "Thüringer Kuschelklösse" und Anbieter von Teppichen in Wurstscheibenoptik - Mortadella, Blutwurst, Salami.
Wir denken schon über die Eröffnung eines Plüschwurst-Art-Space nach, mit Streetart-Bockwursten an Häuserfassaden, experimentellen Kurzfilmen von Jan Svankmayer und Hüpfburgen - Achtung, gesellschaftskritischer Tenor! - in Form einer riesigen Fleischlassagne.
Leider ist mit dem Opening nicht vor Sommer 2014 zu rechen und dann kann, wie sie wissen, bereits alles zu spät sein. Daher hier mein Befehl: Suchen sie einen Spielzeugladen auf! Gehen sie da rein! Kämmen sie einem Einhorn das Haar! Setzen sie sich eine Stoff-Krone auf oder drücken sie - dies bitte nur im Ausnahmefall - ein Furzkissen. Sie werden sehen, Meteoriten und Stimmungsverdunkelungen wechseln augenblicklich die Laufbahn...

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Zwischen Disko und Dispo: Folge 173 - Plüschwurstmuseum

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 19.02.2013 , Zuletzt aktualisiert: 06.03.2013

Zwischen Disko und Dispo, Folge 172: Altherrenwitz


Samstag Mittag. Wir fletzten auf einer Matratze und tranken Cola-Weinbrand. Auf dem Kachelofen brannten Kerzen. Siouxsie And The Banshees lief und in der Mitte des Zimmers hatte sich Marcus betrunken abgelegt, die Party lief seit gestern. Wir waren Punks, Psychobillys und Gothics - Kids auf der Suche nach Spaß, den wir hier zwischen Alk und Matratzen in einem unsanierten Erdgeschoss in Lichtenberg vermuteten. Ein Kamerateam aus dem Westen war auch dabei. Sie sagten, sie würden einen Dokumentarfilm drehen. Ein paar Monate später, die Mauer war inzwischen gefallen, entdeckte ich in einer Zeitung ein Foto von dieser Party, wie ich da zusammen mit den Freunden auf der Matratze hockte. Darunter stand  „Candle-Lightparty in Ostberlin“ und eine Bemerkung über die Andersartigkeit der Emanzipation der Frauen aus der DDR. Ich hatte keine Ahnung, wovon der Reporter sprach.

Weder fühlte ich mich sonderlich emanzipiert, noch andersartig und heute stecken wir in dieser Sexismus Debatte von der ich schon wieder nicht wusste, wie ich dazu stand. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Sexismus so sehr mit meinem Alltag verstrickt war, das ich ihn schlicht übersah und als „normal“ empfand. Ich kann gar nicht zählen, wie oft mir in einer Diskothek an den Arsch gegriffen wurde, auch an den Busen. Früh schon hatte ich eine Art Sexismus-Routine entwickelt und grabschende Hände wurden wie lästige Fliegen mit dem Arm weggeschlagen. Dumme Sprüche von Typen auf der Straße oder in der Tram: normal.

Mein Leben mit Sexismus bedeutete auch manipulativ zu sein. In meinen Job als Barfrau begann ich mit Kleidung zu experimentieren. Vielleicht war ich die unfreundlichste Barfrau der Stadt aber erhielt Unmengen an Trinkgeld, wenn ich das Kleid mit dem tiefen Dekollete trug. Ich habe mich nie als Opfer gefühlt. Ich hielt einfach einen Teil der männlichen Bevölkerung für minderbemittelte und triebgesteuerte Amöben. Einmal machte mein Großonkel einen Kommentar über meine Strumpfhosen. Es waren nicht seine Worte, es war die Art, wie er sie sagte. Er war ein widerlicher, alter Sack und bei Familienfesten saßen Männer, wie er an der Kaffeetafel. Mit von Blutdruckproblemen aufgedunsenen Köpfen machten sie  Kommentare über Frauen, es regnete Herrenwitze. Meine Tanten saßen daneben, aßen Kuchen und schwiegen. Eine Zeit lang war ich sehr wütend und meine Mutter bat mich mehr als einmal, keinen Streit bei Familienfesten anzufangen. So bin ich aufgewachsen und ich befürchte, dass ich auch einen angesoffenen Brüderle an einer Bar nicht anders begegnen würde als den Männern an der Kaffeetafel auch: ratlos, mit einem Gefühl aus Mitleid und Verachtung. Lange schien es der einzige Weg, sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren und es stellte sich nicht die Frage, wie es anders funktionieren könnte. Das Gute daran ist, ich schreibe hier im Präteritum. Herrenwitze sind Altherrenwitze - entwicklungssoziologisches Musikantenstadl.  Die Zeiten ändern sich. Ich kann es kaum erwarten.

Foto: Linus Volkmann

 

Hier gehts zur Hörversion der Folge

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 06.02.2013 , Zuletzt aktualisiert: 13.02.2013
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