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Jackie A. entdeckt... Pumuckl versus Pittiplatsch

Wir feiern die Wiedervereinigung

Glückwunsch, ich proste Ihnen zu! Jetzt gucken Sie doch nicht so skeptisch, 25 Jahre Wiedervereinigung wird doch noch Grund zur Freude sein – oder etwa nicht? Aus diesem Anlass wurde ich zu Diskussionsrunden und Sondersendungen eingeladen- zumindest den Medienbeauftragten schien das Jubiläum nicht komplett am Anus vorbeizugehen. Aber mal Hand auf den Po, wie steht es mit ihnen? Wünschen Sie sich – in Anbetracht der Szenen von Pegida und besorgten Bürgern – nicht doch heimlich die alte Mauer, mindestens um Thüringen und Sachsen, zurück? Empfinden Sie als Wessi den Ossi zunehmend als Zumutung und ungeliebten Verwandten, den man auf Familienfesten am liebsten nicht mehr einladen würde, weil er so prollig ist? Und Sie als Ossi, gehen Ihnen die selbstgerechten Vorträge kreditwürdiger Westdeutscher nicht auch auf den Sack? Denken Sie, die sollten vielleicht erst mal durchmachen, was Sie in mindestens zwei Systemen erlebten? Vielleicht glauben Sie jetzt, so klischeehaft denkt kein Mensch. Aber mein Eindruck ist, dass Ost und West sich so fern sind wie seit langem nicht mehr. Das zeigt sich gerade in der Krise um die Flüchtlingspolitik deutlich. Da hagelt es von Beschimpfungen in den Kommentarspalten bei Facebook: "Die dummen Ossis", "die scheiß Zonis abschieben", "Geht doch zurück in die DDR". Ironie höre ich eher selten heraus.
Rückblende: 1989 in einer Erdgeschosswohnung in Neukölln. Beim Abendbrot informierte der Nachrichtensprecher im Fernsehen, dass die Mauer gefallen sei. Damals habe ich mich nicht gefreut. Nachdem wir ein paar Wochen zuvor alles stehen und liegen gelassen hatten, um in den Westen abzuhauen, war sie plötzlich offen. Dann war jetzt  alles umsonst? Wir hätten also einfach nur abwarten müssen? ...Verdammte Scheiße! Meine neue Heimat fand ich im Nachtleben. Mit der Begeisterung für den neuen Sound "Techno" in einer Stadt, in der es Nachts keine Regeln zu geben schien, hat sich die Frage nach der Herkunft gar nicht erst gestellt. Gemeinsam gab es das Niemandsland Ost-Berlin zu entdecken, leerstehende Wohnungen und alte Fabrikgelände zu kapern, die neue Freiheit zu feiern, sich selbst zu erfinden. So selbstverständlich in den Idealen vereint habe ich uns nie wieder erlebt. Die alten Vorbehalte sind wieder da und ja, es stimmt, wir sind anders: unsere Art auf die Dinge zu sehen, unsere Kindheitshelden, Erinnerungen,  unsere Kultur, oft auch noch die Kontostände. "Pittiplatsch", Jugendweihe und "Action"-Haarspray versus "Pumuckl", Konfirmation und "Drei Wetter Taft". Aber was wären wir ohne einander? Was wären Starsky ohne Hutch, Dick ohne Doof, Wallace ohne Gromit? Wir wären schlicht und ergreifend nicht vollständig. Denken sie zur Feier des Tages nochmal daran. Von Ost nach West und wieder zurück: Alles Gute, ich feiere uns!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 04.11.2015
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Jackie A. entdeckt... Wood Wide Web

Der Wald

Wenn mal wieder die große Depression naht, Fragen nach Sinn und Unsinn des Lebens oder einfach nur ein Haufen Wut verarbeitet werden muss, dann ist er da. Schweigend nimmt er jeden in Empfang, der Ruhe, einen Platz zum Schreien oder einfach nur einen Baum zum Dranpinkeln braucht: Der Wald ist ein stark unterschätzter Ort und einer der letzten, an denen man echte Magie erleben kann. Ein dutzend Yoga- und Meditationszentren in Mitte und Prenzlauer Berg könnten sofort dicht machen, würde der Berliner die Strecke bis zum Stadtrand in Kauf nehmen. Denn dort wird das genialste Meditationszentrum gratis von Ameisen und Pilzen betrieben.
An dieser Stelle muss ich über meine Abhängigkeit sprechen. Was für die einen Spielcasinos, Alkohol oder der Puff, ist für mich der Wald. Drei mal die Woche muss es schon sein sein, Tendenz steigend. Nicht selten laufe ich schlecht gelaunt mit hektischen Flecken am Hals hinein und komme Stunden später tiefenentspannt wieder raus. Wie ich schon sagte: Magie! Selbst wenn sie einem nur in Form eines Mistkäfers begegnet, der im Flug krachend an der eigenen Stirn landet. Das Insekt brummt davon, der Mensch staunt über die Schlagkraft des Mini-Insektenpanzers.
Dabei hat der Gang durch den Wald immer etwas Unwirkliches. Es ist, als spiegelten Astgabeln und verzweigte Pfade das eigene menschliche Gefäßsystem wieder, als führe jeder Schritt tiefer in den Wald, automatisch auch näher zu einem selbst. Dieses Gefühl einer tiefen Geborgenheit, das sich einstellt an einem Ort, an dem man genauso gut verschreckt (wie in einem „Aktenzeichen XY“ – Einspieler) durchs Geäst hüpfen könnte, ist absolut bemerkenswert. Vielleicht liegt es daran, dass Bäume, so meint der Förster und Autor Peter Wohlleben, über eine eigene Gefühlswelt verfügen und in enger Sozialgemeinschaft in einem "Wood Wide Web" kommunizieren. Ein anderer Grund könnte sein, dass einem der gnadenlose Kreislauf von Leben und Tod hier so verführerisch präsentiert wird. Im schönsten Rot und Gelb leuchtet das Laub kurz vorm Zerfall. Tautropfen besetzen als glitzernde Diamanten ein Spinnennetz, bevor der Wind es zerreißt. Der Geruch von frischen Blaubeeren und Tannennadeln ergänzt auf bizarre Art das Bild des verottenden Vogelkadavers im Unterholz, der im weichen Herbstlicht wie ein Gemälde erscheint. Der Wald zeigt uns die Schönheit auch im Grauenhaften – zumindest, bis der nächste Mistkäfer gegen die Stirn kracht.

Foto: annelueth.de

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 24.09.2015
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Jackie A. entdeckt... Flügel

Jackie A. entdeckt... Flügel

Wir können jetzt alle aufhören. Wir müssen nicht mehr streiten, Meinungen zu Flüchtlingen bei Facebook herausbrüllen, egal ob sie euphorisch, kritisch oder einfach nur dumm sind. Unsere Diskussion wird gerade von den Tatsachen überholt. Es ist so, als würden im November ’89 drei Leute vor der Berliner Mauer über Einreisegenehmigungen diskutieren, während der große Rest jubelnd die Übergänge passiert. Weder wir noch die Politik haben einen echten Einfluss auf das, was hier gerade passiert. Flüchtlinge werden in einem Maße zu uns strömen, wie unsere Generation es noch nie erlebt hat, als Ergebnis der Zustände in Syrien, Irak, Afghanistan, Eritrea oder Somalia. Der Sommer 2015 war vermutlich nur ein Vorgeschmack, die ersten Tropfen vor dem Schauer. Millionen Menschen werden sich in den nächsten Jahren in Richtung Europa und Deutschland bewegen. Durch ihre schiere Menge sind sie durch nichts und niemanden aufzuhalten. Sie werden Wüsten durchqueren, Meere überschiffen, mit Flugzeugen, in Zügen, Lieferwagen, Bussen und Taxis ankommen. Sie werden mit Krankheit und Tod konfrontiert, mit kriminellen Schleppern, gewaltbereiten Neonazis, hilfsbereiten oder besorgten Bürgern – ganz gleich, sie kommen, um zu Überleben. Es ist unerheblich, wie wir das bewerten. Und ob Kriminelle mit brennenden Latten um ein Flüchtlingsheim rennen oder ein CSU-Politiker im Jahre 2015 einen Schlagersänger einen "wunderbaren Neger" nennt. Das Leben in Deutschland wird sich verändern. Wer sich jetzt nicht von der Angst vor dem Neuen einfangen lässt, kann die Chancen erkennen. Ja, es mag unbequem werden, zwicken, auch anstrengend sein. Aber so läuft es mit den Metamorphosen. Wir haben hier die einzigartige Gelegenheit, unser bürgerlich sattes Larvenstadium zu beenden, einen eng gewordenen Kokon zu sprengen und Flügel zu entfalten. Wir können uns in der Krise neu erfinden. Sie gibt uns die Chance, zu jener Art Deutsch-Europäer/in zu werden, die wir großartig finden. Die Frage lautet also nicht: Sind wir für oder gegen Flüchtlinge? Sondern: Wie gehen wir mit ihnen um? Diskutieren wir weiter über Entwicklungen, auf die wir keinen Einfluss haben oder versuchen wir, mit unseren eigenen Mitteln Teil des Prozesses zu werden, das Beste aus der Lage zu machen? Dass wir das Zeug dazu haben, ist mir in diesem Sommer während der vielen Hilfsaktionen in Berlin klar geworden. Berliner, das klingt jetzt vielleicht seltsam, aber ich hab’ eure Flügel gesehen!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 23.09.2015
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Jackie A. entdeckt... Johannisbrotbaum

Katze mit keinem Johannisbrotbaum

Ob es uns nun recht ist oder nicht: Mutter und Vater sind meist die ersten Quellen unseres Wissens und schon früh wurden äußerst fragwürdige Informationen in unsere Köpfe gepflanzt, die ein Leben lang nachhallen. So vermeide ich, obwohl ich es längst besser weiß, bis zum heutigen Tage zu schielen, weil sonst die Augen, so wurde mir erläutert, in einer Art Schockstarre für immer stehen bleiben könnten. Eine spontane Facebook-Umfrage förderte noch mehr ans Licht. Da ist die Rede von Laugengebäck, aus dem, wenn man es leise verzehrt, das Weinen der Bäcker zu hören sei, weil sie  bei der Herstellung mit Salzlauge so litten (Danke Emma!)  Es wurde vor dem Verschlucken von Kirschkernen gewarnt, weil sonst ein Baum im Körper wachsen, und vor Flöhen im Leitungswasser, die im Bauch überleben könnten (Danke Jens!). Die Liste ist noch länger und bis heute wird an ihr gestrickt, inzwischen allerdings von uns selbst. Wirklich, wir sind ja kein Stück besser als unsere Eltern! Ich möchte die These an meinem persönlichen Super-GAU, dem Johannisbrotbaum, genauer gesagt dessen Mehl, illustrieren. Für mich war das eine Erfindung der Nahrungsmittelkonzerne, also etwas, das gut klingt, aber nicht real existiert, so wie die "Piemont Kirsche" in den Mon Chéris. Ich war felsenfest davon überzeugt, dass in der Werbeabteilung von Nestlé oder Kraft schlaue Leute den ökologisch-sympathischen Begriff für ein billiges, chemisches Zusatzprodukt entwickelt hatten, damit es nicht danach klingt, was es in Wahrheit doch sein musste: etwas, das nicht in ein gesundes Lebensmittel gehört, sondern der Gewinnmaximierung dient. So kam es zum ehelichen Showdown vor der Kühltruhe bei Rewe. Mein Mann las laut die Inhaltsstoffe des Bio-Erdbeersorbets vor. Für mich klang alles okay – bis auf jenes Mehl. Es entspann sich eine lautstarke Diskussion, bei deren Höhepunkt ich durch den Supermarkt höhnte: "Johannisbrotkernmehl? Hahaha! Was soll das bitte sein? Hast du irgendwo schon mal einen Johannisbrotbaum gesehen? Nein? Merkst du nicht, wie wir Konsumenten verarscht werden?" Vermutlich hätte ich auch ein paar der inzwischen um uns versammelten Kunden überzeugt, hätte K. nicht in sein Handy geschaut. Was folgte, war einfach nur niederschmetternd: Hunderte Einträge und Fotos eines wunderschönen mediterranen Baumes, dessen Früchte auch noch blutfettsenkend wirken. Die Pläne meines Mannes, nun einen Johannisbrotbaum als Mahnmal für Fehlinformationen auf unserem Grundstück zu pflanzen, konnte ich gerade noch verhindern. Gegen die Entstehung moderner Mythen bin ich dagegen weiterhin machtlos.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 26.08.2015
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Jackie A. entdeckt... Der beste Sex der Welt

Jackie A.

Abends lief da diese Sendung. Sie hieß "Make Love" und es ging um Sex und den männlichen G-Punkt. Mein Mann putzte gerade die Armaturen im Bad und ich fragte mich, ob ich ihn schnell rufen sollte. Dann beschloss ich, doch erst mal allein zu schauen und bei der nächsten Gelegenheit die neuen Fachkenntnisse souverän einfließen zu lassen. Doch bald schon verloren die Ausführungen der Sexualtherapeutin im Aufmerksamkeitsranking gegen den heimischen Wäscheberg. Es schien mir auch nicht übermäßig reizvoll, wie von der Sexologin empfohlen, mit spitzen Fingern im Anus meines Partners nach der Prostata zu fahnden. Stattdessen suchte ich im ganzen Haus Socken für die Buntwäsche zusammen. – Moment mal, wir reden hier jetzt aber nicht über Sex, oder doch? Das ZDF hat damit angefangen! Und sie machten es nicht schlecht. Ich habe nur einen einzigen Tipp beizusteuern. Er entwickelte sich unter den Bedingungen einer pleite-gegangenen Diktatur und ist in der Betriebsamkeit des Kapitalismus leider viel zu selten umsetzbar: Lungern Sie rum und tun Sie gar nichts, benehmen Sie sich wie eine verdammte Made im Speck! Vielleicht verlieren Sie so ihren Job, Ihre Wohnung und verarmen – aber ich garantiere Ihnen, dass Sie vorher wahnsinnig tollen und entspannten Sex hatten. Das Gehirn ist ein unfaires Organ, es bringt einen nie nach Terminplan, sondern vorzugsweise im Langeweile-Modus in Stimmung, was in der Konsequenz bedeutet: keine Pläne zu machen, sich träge in Matratzenlandschaften rumzuwälzen, wegzudösen und beim Wachwerden zu denken: "Ach Mensch, Sex wär’ jetzt aber auch nicht schlecht!" Wie schön, wenn dann der Partner gerade nackt und freudestrahlend neben einem liegt.  
Das Wetter macht eine laszive "Made im Speck"-Performance gerade sehr einfach, denn sexy Maden dümpeln gerne an warmen Gewässern und auf bemoosten Terrassen. Überwältigt vom gleißenden Sonnenschein fühlen sie sich erotisch, selbst wenn sie blass und 110 Kilo schwer in ihren Ketchup-Majo-Pommes herumrumstochern. Maden im Speck ziehen intuitiv die Natürlichkeit fröhlicher Speckringe der Beengtheit synthetischer Strapsgürtel vor. Sie mögen Berührungen auch mit kuchenklebrigen Tastorganen und suhlen sich hemmungslos in unvorteilhaften Posen in den Laken faulen Glücks. Nein, das sieht nicht schön aus und lässt sich auch nur schlecht fürs TV aufbereiten. Darum gebe ich es Ihnen besser schriftlich: Maden im Speck haben den besten Sex der Welt.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 12.08.2015
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Jackie entdeckt... Herausforderung

Jackie A. entdeckt... Empathie

Die große Herausforderung: nicht verbittern. Was bedeutet, die Bilder von Sprechchören vor Asylantenheimen in Freital zu ignorieren. Die hasserfüllten Kommentare unter Til Schweigers Spendenaufruf für Flüchtlinge auf Facebook: ignorieren. Die dummen Sprüche von eigentlich netten Nachbarn über "die Ausländer": ignorieren. Irgendwann muss man dann feststellen, dass Ignorieren auch keine Lösung ist. Man kann sich aus Deutschland nicht wegdenken, auch wenn der Reflex dieser Tage stark ist. Also ein Versuch zu analysieren, um besser zu verstehen. Wo kommt die Hartherzigkeit, der Hass, die Missgunst her, dieses: "Uns hilft ja auch keiner"? Kein Mensch kommt als Arschloch zur Welt, nicht mal in Freital. Vielleicht liegt es ein Stück an unseren Vorbildern. Erfolg durch Härte, aktuell vorgeführt durch einen Finanzminister, der ein ganzes Volk trotz offensichtlicher Bedürftigkeit in die Schranken weist. Die haben’s selber verbockt, also sollen sie gefälligst damit klarkommen, dass die Lebensmittelpreise dramatisch steigen. Dabei ist das Einzige, was man den Griechen vorwerfen könnte, dass sie Regierungen wählten, die ihr Land ruiniert haben. Wenn’s ums Geld geht, ist in Deutschland Schluss mit der Nächstenliebe. Dann wird selbst in der eigenen Familie (EU) der röchelnde Onkel am Boden liegen gelassen. Selber schuld, warum hat der auch so viel Ouzo gesoffen, soll der doch erst mal seinen Deckel am Tresen bezahlen! Der Eindruck, dass unter den "besorgten Bürgern" besonders laut jene aus dem ehemaligen Osten zu hören sind, trügt. Und doch meine ich hier gelegentlich hinter Schimpftiraden Spuren einer alten Verletzung herauszuhören. Das war ja 1989 keine Zusammenführung zweier Staaten, sondern eine Übernahme der DDR. Bei vielen Ossis blieb ein Gefühl des Identitätsverlustes und dass die eigene Vergangenheit nichts wert ist. Da nagt ein Minderwertigkeitsgefühl, das Bitterkeit und Angst davor erzeugt, dass jetzt auch noch die Zukunft genommen werden könnte. Keiner will ein Niemand im Universum sein. Dabei sind wir das doch alle. Der brillante Stephen Hawking will als größten Fehler der Menschheit die Aggression ausgemacht haben und empfiehlt als Kitt für den Frieden mehr Empathie. Wie schwierig die Aufgabe ist, wird klar, wenn man bedenkt, wer alles unsere Empathie braucht: das traurige Flüchtlingsmädchen genauso wie das Freitaler Arschloch. Das griechische Volk genauso wie die Berliner Alleinerziehende am Existenzminimum krepelnd … die Liste ist lang, aber es führt kein Weg drumherum. Wir müssen uns jetzt öffnen.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 29.07.2015
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Jackie A. entdeckt... Der Beschwerdeweg

Beschwerdeweg

Liebe ARD!

Du warst öfter in unserem DDR-Wohnzimmer aktiv als meine Schicht arbeitende Mutter. Du warst meine Muse und mein Fenster in die Welt! Durch dich wurde mir schon früh klar, wie bunt und aufregend es beim Klassenfeind zugehen muss. Mit meinen Schulkameradinnen spielte ich deine Werbespots nach und auf dem Nachhauseweg trug ich neben meinem Ranzen auch häufig ein imaginäres, übergroßes Wrigleys-Kaugummi-Paket unter dem Arm. Sabine und ich summten die Melodie vom "Fa"-Werbespot und rieben uns hierzu auf offener Straße die noch nicht vorhandenen Brüste mit einem Stein, statt mit exotischer Seife, ein. In der völlig neuartigen Sendung "Formel Eins" – ja, so innovativ warst du mal! – hast du erste Musikvideos präsentiert, auch "Master And Servant" von Depeche Mode. Nie werde ich vergessen, wie enttäuscht ich beim Anblick des dünnen Dave Gahan mit dem vorstehenden Kehlkopf war! Genau genommen warst du sogar Fluchthelfer, denn meine Mutter nutzte an einem Abend 1989 deine "Tagesschau" als Infoquelle für unsere Flucht in den Westen in derselben Nacht. Zuvor flimmerten "Dallas" (ARD) und "Denver Clan" (ZDF) in unserem Plattenbau und das Interesse an einem laxen Lebensstil in einer Millionärsvilla, den ganzen Tag aus Kristallgläsern Bourbon nippend, mit attraktiven Männern auf Ölfeldern telefonierend, wurde geweckt. Die guten Serien im TV! Jetzt laufen sie häufiger bei Netflix. Die spannenden Shows findet man bei ZDF Neo und in den "Tagesthemen" gibt es statt Ulrich Wickert nur einen blassen Thomas Roth. Zuletzt hast du dich beschwert, dass ich immer öfter bei YouTube abhänge. Immerhin nutze ich noch deine Mediathek! Auch deshalb, weil es bei dir noch politisch unabhängige Berichterstattung gibt – dachte ich.
Gerade erfuhr ich, wer der neue Chefredakteur in deinem Haus wird. Ich kannte Rainald Becker nicht, bis ich einen Zusammenschnitt mit einigen seiner "Tagesthemen"-Kommentare sah. Unweigerlich musste ich an Karl-Eduard von Schnitzler und den "Schwarzen Kanal" denken Unerträglich dröges, linientreues Vokabular war da zu hören, was auch Rückschlüsse auf die zukünftige Programmgestaltung zulässt. In der "SZ" kritisierte der Philosoph Jürgen Habermas die einseitige Hofberichterstattung deutscher Medien: "Zur postdemokratischen Einschläferung der Öffentlichkeit trägt auch der Gestaltswandel der Presse zu einem betreuenden Journalismus bei, der sich Arm in Arm mit der politischen Klasse um das Wohlbefinden von Kunden kümmert." Das ist nicht nur langweilig, es schadet auch unserer Demokratie. Mach’s gut, ARD! Schlafen kann ich echt woanders.

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Jackie A. entdeckt... Der Beschwerdeweg

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 29.07.2015
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Jackie A. entdeckt... Vergoldete Zahncreme

In der Zahnklinik

Die Menschheit geht den Bach runter, so viel steht fest. Aber wenn unsere Spezies schon abdanken muss, dann doch bitte im großen Stil – in den Swarovski-Kronleuchtern geschmackloser Glaspaläste am Potsdamer Platz schaukelnd, sich gegenseitig mit Champagner aus Magnumflaschen bespritzend, das wahnsinnige Lachen von gold polierten Zähnen gerahmt … na, Sie wissen schon. Ein Vorteil an meinem Beruf sind Einladungen zu Events, die einen Einblick in komplexe und geheimnisvolle Welten erlauben. Zum Beispiel in die von "Lindermanns tierischer Komplettnahrung" – inklusive Fototermin mit dem TV-Tierarzt Ralf Lindermann zum Tag des Hundes. Oder zum "After-Work-Presse-Cocktail" in einer Luxuszahnklinik, bei dem eine Zahnpasta mit knapp 24 Karat Goldanteil vorgestellt wurde. Man kann solche Einladungen
ignorieren oder vor Wut über so viel Dekadenz die Veranstaltung "Gegen dekadente Mundhygiene – friedliche Demo vor der Zahnarztpraxis KU 64!" auf Facebook erstellen. Oder aber man versucht es, wie ich, mit ein wenig halbherziger Empathie.  Denn auch in der Welt russischer Oligarchengattinen und Arabischer Ölscheichs wird in Kopfkissen geschluchzt,  genau wie im Alltag einer Lidl- Kassiererin, nur eben aus anderen Gründen und in hochwertigere Bezüge. Zur besseren Veranschaulichung der Problematik wurde Schauspielerin Julia Dietze ("Iron Sky") angagiert, die zwischen Cocktails und Lachshäppchen erläuterte, wie es sich anfühlt, seine Zähne mit Goldzahnpasta zu putzen. Frau Dietze: „Es ist erst mal sehr abgefahren, weil die Zahnpasta golden ist, man hat dann diese wunderschönen goldenen Pigmente drin. Es glitzert sehr, sieht sehr schön aus. und dann schmeckt sie so, ja, sehr orientalisch, orientalisch-minzig. Leicht süß aber trotzdem frisch und. Also. Ich find sie sehr lecker und ich hab gemerkt das es funktioniert , also das es wirklich Zahnverfärbungen erhellt.“
Nach dem fesselnden Vortrag über Zahnhygiene aus Perspektive des Filmstars wurden Pressevertreter in den Waschraum geleitet um sich  dort alle gemeinsam die Zähne zu putzen- ein Eventputzen sozusagen. Es fiel mir nicht leicht, den knapp 24-karätigen Schaum einfach so ins Waschbecken zu spucken. Andererseits wäre es peinlich gewesen, ihn in ein Taschentuch oder gar die Handtasche zu speien. Weiterhin arm und unwohlhabend fühlte ich mich bei einer Führung durch die Praxis, deren Inneneinrichtung mich an eine Mischung aus Orangensaftpresse und Raumschiff erinnerte, laut Pressesprecher jedoch "Dünen am Meer" nachempfunden ist. Als dann auch noch eine Geschenktüte mit besagter Zahncreme inklusive vergoldeter Zahnbürste überreicht wurde, war ich ernsthaft beeindruckt. Solche Geschenke mögen in der Schweiz Usus sein, in Berlin kann man damit die Altersvorsorge einer Selbstständigen erheblich verbessern. Ich plane jetzt nach Vorbild amerikanischer Goldwäscher, statt aus Flusssedimenten den Staub aus der Zahncreme zurückzugewinnen. Wenn Ihnen eine bessere Verwendung einfällt, geben Sie mir bitte Bescheid. Ich freue mich über jeden Hinweis!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 01.07.2015
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Jackie A. entdeckt... Die schöne Sonnenliegenleere

Sommer in Berlin

Bitte begrüßen Sie mit mir den Sommer in einem neuen gastronomischen Multifunktionsobjekt auf dem Gelände des RAW. Ich rate zu einem Besuch des Haubentaucher, wenn auch aus anderen Gründen, als vermutlich die Betreiber es tun würden. Mir ist schon klar, dass alteingesessene Berliner dem RAW-Areal ähnlich skeptisch gegenüberstehen wie Mallorquiner dem Ballermann. Jedoch lohnt es sich ab und zu, alte Vorurteile neu zu beleuchten. Es sei denn, man möchte diesen heute mehr denn je inspirierenden Ort allein den Touristen überlassen. Ein Trick ist, nicht des Nachts aufzukreuzen, sondern zu einem für internationale Partymeilenfans äußerst öden Zeitpunkt, zum Beispiel wochentags um 14 Uhr. Dann ist hier noch nicht viel los und Sie können das Gelände erschlendern, die neueste Street-Art begutachten oder sich ungestört einen der leckeren Burritos bei Emma Pea reindengeln. Um die Uhrzeit öffnet auch der Haubentaucher, der erst mal wie eine große, platt-sanierte Enttäuschung daherkommt. Hat man schlecht gelaunt drei Euro Eintritt bezahlt und die Überquerung eines komplett fantasielosen Biergartens geschafft, eröffnet sich ein großzügiges Pool-Areal mit türkisblauem Wasser, Palmenwedeln, orangen Liegestühlen und unverbautem Blick auf den Sommerhimmel. Das kurze Miami-Feeling wird von der unfancy wirkenden Backsteinhalle im Hintergrund sofort wieder zurechtgerückt. "Aber dit is ja dit, wat Berlin ausmacht, wa?"-  Na sie wissen schon.
Dass ich diesen Ort lobe, liegt übrigens weniger an der gastronomischen Umsichtigkeit – der Barmann wollte mehr fürs Getränk abkassieren als auf der Karte ausgewiesen – und mehr an dem großen Pool und dem (noch!) vorhandenen Platz drumherum. Wer einmal am Wochenende auf dem Arena Badeschiff war, wird wissen, wovon ich spreche. Bei meiner Ankunft waren hier geschätzte zwei Drittel der Sonnenliegen unbelegt, im Wasser erfrischten sich anderthalb Personen (Mutter mit Kleinkind). Ich weiß nicht, wie lange sich dieser Luxus in der City halten kann. Daher rate ich Ihnen, unverzüglich Ihre Badesachen zu packen und loszufahren – am Wochenende dann gerne auch etwas weiter, zum Beispiel an den Stolzenhagener See oder meine Stammbadestelle am Rahmer See nördlich von Berlin. Da gibt es statt Miami-Palmen noch Filterkaffee im Pott sowie einige der letzten in Brandenburg artgeschützten Steißbeingeweihe zu erleben. Aber auch Schriftsteller auf der Suche nach Inspirationslosigkeit und Modedesigner, die hier mal so richtig schön unmodisch sein dürfen. In Badehose sind wir ja alle gleich. Also begrüßen sie mit mir den  Sommer wann und wo immer es geht! -Es könnte ja immer auch der letzte sein.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 17.06.2015
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Jackie A. entdeckt... Rollige Katzen in Deiner Umgebung

Zwei Fliegen

Da zieht Frau aufs Land, sucht Ruhe, Natur und Zugang zur inneren Mitte… und was findet sie? Preiswerten Sex an jeder Ecke! Vergessen sind Nächte im KitKatClub oder Zwielicht II. So richtig heiß und ungezwungen geht’s erst hier auf dem Land zu. Gerade mal elf Uhr und die ersten Stubenfliegen sind schon in Laune. Auf dem Buchstaben "W" meiner Laptop-Tastatur stimmen sie sich in Doggy-Position ein, bevor sich etwas später, auf dem "Ä", ein Gespiele zum erweiterten Kamasutra einfindet. Auf der Bildschirmkante sitzen gleich mehrere Fliegen und schauen von oben dem Spektakel zu. Ich kann das Knistern ihrer winzigen Chipstüten hören.
Im roséfarbenen Rest meines Saftglases räkelt sich eine winzige Schönheit in Dita-Von-Teese-Manier. Die tänzerisch Elegante unter den Dorffliegen weiß um ihre Ausstrahlung und genießt die Aufmerksamkeit, bevor auch sie im frei einsehbaren Glas tut, was Insekten im Frühling so tun. Draußen tauchen Bienen und Hummeln ihre beharrten Leiber in rosa-plüschige Rhododendronballen. Bald verschwinden sie ganz in ihnen, und wenn sie gut gelaunt wieder auftauchen, sind sie über und über mit Pollen bedeckt. Nur der Sanddorn wirkt heute bekümmert.
Eine Forstbeamtin erklärte, ich hätte dem Strauch – so allein gepflanzt – keinen Gefallen getan. Er bräuchte ein männliches beziehungsweise weibliches Gegenüber, um selber Früchte tragen zu können. Das Dilemma: Ich habe keine Ahnung, zu welchem Geschlecht nun unser Sanddorn zählt. Als Erste-Hilfe-Maßnahme habe ich eine Tomatenpflanze dazugestellt, vielleicht knistert es ja …
Der Neuzugang hier, Katze Ti, gibt sich auch eher einseitig interessiert. Sie sitzt laut mauzend vor der Tür und guckt ganz benebelt. Jede Kontaktaufnahme mit der Niedlichen endet damit, dass sie einem ihr Gesäß direkt ins Gesicht streckt, und zwar vibrierend.
Das Buch "Was Katzen wirklich wollen" hätte ich nie kaufen brauchen. Was Ti will, ist ja vollkommen klar. "Rollige Katzen in deiner Umgebung", lautet die Ansage, die sie vermeintlich schmusend am Haustürrahmen hinterließ. Nachbars Kater rollt sich wie blöde vorm Gartentor. Die Fliegen sind inzwischen verstummt. Die Katze hat Dita Von Teese verschluckt.
Endlich mal Ruhe hier! Gleich geht’s weiter mit Sex, Fliegentod und Krawall.

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 05.06.2015
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tip Ausgabe 04/2016

Berlinale total: Berichterstattung zum gesamten Festival, vom Wettbewerb bis zum Forum Expanded || Interview mit dem Betreiber des White Trash Fast Food Walter "Wally" Potts || Klavierfestival im Wedding || Atelier-Projekte - Wie das Art City Lab zusammen mit Künstler Ateliers in Berlin schaffen will || Programm-Termine vom 11.02.2016 - 24.02.2016.

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