0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Trendsetter-Omi

Jackie A. entdeckt... Trendsetter-Omi

Sag mal Berlin, wo sind all deine Omis hin? Von Friedrichshain über Mitte zum Prenzlauer Berg: Ich kann die Alten nicht mehr finden! Für gefährdete Bienen werden millionenfach Petitionen unterschrieben, aber Greise sind dazu verurteilt, als rare Exponate im Stadtbild umlagert zu werden. Zum Beispiel letztens in diesem Cafe mit spartanisch-modernem Holzkistenmobiliar. Zwischen vielen jungen Leuten an Laptops strickte die gefühlt letzte Mitte-Oma gemütlich an einer Socke. Sie war die Attraktion am Hipster-Standort, ein Bilderbuchmodel mit grauem Dutt und hutzelig-rundem Gesicht - zwei Mädchen waren derart beeindruckt, dass sie versuchten unbemerkt ein Selfie mit ihr zu machen. Es gibt hier sonst keine Alten mehr, auch keine Punks, Gruftis oder Eigenwilligkeiten, keine Pickel oder Kontroversen keine Leidenschaft und nicht mal einen verdammten Schnapps zwischen all den Organischen Tees und Smoothies- liebe Berliner, so lahm gehts nicht mal im Altersheim zu. Im dörflichen Umland ist das Kräfteverhältnis übrigens genau umgekehrt. Das Knallen der Rotkäppchen-Sektkorken hallt beinahe jeden Sonntag durchs Dorf, denn irgendein Senior feiert hier immer seinen Siebzig- bis Neunzigsten. So wie meine Nachbarin. Sie trägt winzige, weiße Locken, und wenn sie lacht, klingt das herrlich offen und unverhalten. Bei meinem letzten Besuch parkte ihr Rollator neben dem Kaffeetisch, darauf diverse Kekse und Oma-Kaffee. Sie erzählte von ihrer Lieblingsfernsehsendung über Schiffsreisen und darüber, wie es sich im Krieg bei uns in der Straße lebte. Wegen der Bomben stieg sie jede Nacht in den Keller, und als ob nichts gewesen wäre, fuhr sie morgens zum Ausbildungsplatz nach Berlin. Als dann die Bahngleise zerbombt waren, ist sie gelaufen, kilometerweit, sie ging nachts im Dunkeln los. Und sie berichtete, wie russische Soldaten, unterwegs nach Berlin, in unserem Dorf feststeckten. Bewohner durften ihre Häuser nicht mehr verschließen. Militärs gingen ein und aus, nahmen Teppiche und Porzellan mit. Ich fragte, ob sie keine Angst hatte: "Nein", sagte sie. Ein Familienvater hatte auf einen Soldaten geschossen. Sie versteckte dann alle vier in ihrem Keller. Als sie Abends nach Hause kam, fand sie das Elternpaar eng umschlungen auf der Kellertreppe – erschossen. Mit der Hand deutete sie Richtung Flur: "Da sind noch Flecken an der Wand." Die Kinder blieben unversehrt, und bis die Verwandten kamen, kümmerte sie sich – wer sollte es auch sonst tun. Seit dieser Story bin ich natürlich Fan meiner Nachbarin. Ich habe mich gefragt, ob ich auch Leute verstecken würde und wie es wäre, wenn diese Hilfsbereitschaft, wie die Alten sie auf den Dörfern heute noch leben, überraschend ein Revival feierte. Da würde jeder jedem helfen, einfach so, weil man das unter Berlinern so macht, am liebsten ohne Notwendigkeiten durch Krieg oder Terror. Omis Filterkaffee ist ja schon zurück im Berliner Trenduniversum – fehlt nur noch Omi selbst als Trendsetter für innere Angelegenheiten. Los, los, Berlin, hol sie dir zurück!

Kommentare: jackie@tip-berlin.de

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 20.04.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Die Wellness-Null

Jackie A. entdeckt...  Die Wellness-Null

Der Berliner ist unbewellbar. Jeden noch so mickerigen Schnupfen fängt er sich ein, aber gegen Entspannung hat er körpereigene Immunzellen entwickelt. Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht, blickt eine blasse und schlecht gelaunte Wellness-Null zurück. Der Berliner kann nur gestresst und/oder besoffen existieren, das wusste schon Harald Juhnke. Und auch ich erhielt meine Lektion gerade im neuen Premium-Spa Vabali. Ein hervorragender Ort und vielleicht die beste Wellness- Anlage der Stadt. Die größte ist sie mit 20.000 Quadratmetern auf jeden Fall schon mal. Mit tropischen Wandmotiven, dunklem Holz, viel Grün, Buddha-Staturen und bunten Kissen möchten die Betreiber eindringlich Südsee-Ambiente vermitteln, doch die Rechnung wurde offenbar ohne die Gäste – in der Mehrzahl Berliner – gemacht. So wurde ich Zeugin, wie auf unnachahmliche und typische Berliner Art der luxuriöse Tempel der Sinne atmosphärisch in ein Gartencenter mit FKK-Anschluss umgewandelt wurde. Bitte verstehen Sie mich jetzt nicht falsch, ich bin ja selbst Teilzeitberliner, finde uns oft witzig und manchmal sogar charmant. Aber in einem Wellness-Tempel sind wir eine Zumutung, nicht zuletzt für uns selbst. Wir sind unser eigenes Wellness-Desaster, denn Entspannung braucht Muße und dafür hat der Berliner ja nu überhaupt keene Zeit, wa. Er ist vielmehr am Limit: zeitlich, gesundheitlich, nervlich. Überhaupt schien das Nervenkostüm so zerrupft, dass viele Besucher schon vor dem ersten Saunagang, spektakulär kontrastiert zum weißen Gesäß, einen hochroten Kopf trugen. Da war es mit der Toleranz natürlich auch nicht weit her  und hier und da ging jemand in die Luft – wenn es sein musste, auch kurz vorm Klangschalenritual in der Kräutersauna. Dort saß ich mit einer Bekannten und wir wechselten ein paar Worte im Flüsterton. Da erhob sich hinter mir eine hummerrote Gestalt vom Handtuch und brüllte: "Hören Sie auf zu quatschen oder verziehen Sie sich gefälligst raus!" Die Frau wirkte wie ein lange nicht mehr gewartetes Atomkraftwerk: äußerst bedrohlich. Schon aus Sicherheitsgründen habe ich das Flüstern sofort eingestellt und die Sauna verlassen. Auf der Suche nach Zerstreuung legte ich mich an den Außenpool. Die Sonne arbeitete sich gerade hinter Wolken hervor. Doch bevor ich mich darüber freuen konnte, kam es zu Turbulenzen auf den Liegen neben mir. Ein Paar hatte eine Auseinandersetzung, in der es um einen vergessenen Bademantel ging, dabei konnte man sich so einen hier auch ausleihen. Am Ende landete ich, die Getränkekarte studierend, im Restaurant. In weiser Voraussicht bietet man hier, auf die speziellen Berliner Bedürfnisse zurechtgeschnitten, neben gesunden Tees auch diverse alkoholische Getränke an. Eine gute Entscheidung, denn der Berliner ist unbewellbar.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 06.04.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Ostpro statt Berghain

Jackie A. entdeckt... Ostpro statt Berghain

Früher bin ich zum Ostbahnhof zum Tanzen gefahren – heute, um was auf der Ostpro zu erleben. Deutlich undergroundiger als zuletzt im Berghain geht es heute bei der Verkaufsmesse für Ostprodukte in der 4. Etage der Galeria Kaufhof zu. Am Einlass wäre selbst Sven Marquardt erstaunt: null Touristen - nur Ossis! Den Auftakt bildet DDR-gemäßes Einreihen in eine sagenhafte Schlange. Im Kaufhausflur riecht es nach sehr lange gekochtem Rotkohl. „Lets Rock!“ denk ich kurz. Ein grauhaariger Herr rufen einem Bekannten im Vorbeigehen zu: "Joachim, Mensch, grüß dich! Wie war’s denn?" Antwort Joachim: "Ach ne. Zu viel Trubel."  Eben noch hatte ich Kioske passiert mit "Leberkäse wie zu DDR-Zeiten" und "3 Wurstgläser für 7,99" im Angebot. Erste Bierverköstigungen an Stehtischen starteten hier gegen 11 Uhr aber auch härtere Drogen, wie Duosan Rapid (DDR-Klebstoff) oder Pferdesalami sind erhältlich. Ein Seniorin in Jeansjacke tippt mir auf die Schulter. Sie bietet ihre Eintrittskarte zum halben Preis an: „Eeen Euro!“ -raunt sie. „Sie sind ja ein Gangster!“- rufe ich,  sie lacht. Beim Kauf fühlt es sich an wie 1986, als ich ein Netz Orangen verdeckt, also unter der Ladentheke, erwarb. Seltsamerweise fühle ich mich heute hier wie eine reiche, dicke Westlerin obwohl ich weder reich noch dick sondern selbst Ossi bin und ich liebe ich meine Landsleute. Waren wir nicht die Südländer unter den Deutschen, temperamentvoll und improvisationsbereit? - Die mit den lustigen Frisuren? Irgendetwas muss schief gelaufen sein. Ich bin von grau-grimmigen Monchichis in Glanzannoraks und Abbildern gealterter 80er-Jahre-Musiker (Limahl, Heinz Rudolf Kunze) umzingelt, nicht selten in abgetragener Kleidung und gebeugter Haltung-  immernoch besser als  das Publikum im „The Grand“, befinde ich trotzig. Dann endlich den Eingang passiert: Flash Back! Neonbeleuchtung, massiver Grauüberschuss und vereinzelte Pastelltöne schaffen das original Ostfeeling herbei. Nein, es war nicht alles schlecht – es war noch viel schlimmer! Dies ist kein Event für die Kardashians – this is for the real GDR-­ ­People und die Aufgabe lautet, Spaß zu erhaschen in der öden Konsumwelt einer pleitegegangenen Diktatur. Darauf einen Grabower Schaumkuss! - oder gleich die ganze Packung. Vielleicht erinnern sie sich ja noch an den 80er-Jahre-Hit: „Ossis Just Want To Have Fun“?  In diesem Titel steckt viel Wahrheit, wie sich zeigt. An einem Stand glucksen 2 Damen über ein T-Shirt mit  Aufdruck: „Gib Wessis eine Chance“. Und etwas weiter, hinter ausgestellten Baumwollschlüpfern aus Ostproduktion, schlemmen Senioren zufrieden ihre Bautzener-Senf-Bockwürste, wärend sich Pärchen am Spirituosen-Stand mit Eierlkör im Schokobecher, dem Moscow Mule der Ostpro, zuprosten. Gegen 15 Uhr sind soviel Ossis da, dass es in den Gängen kaum noch noch vor oder zurück geht. Ich klemme vor einem Geschäftsmann aus Wernigerode (oder war es Eberswalde?) fest, der mich mit Premium-Vokuhila aufmunternd durch Harzer Honiggläser anlächelt. Ich frage mich, was hier eigentlich los ist, ob es hier am Ende gar nicht um die Produkte geht und mehr um Erinnerungen, an ein geordnetes Leben vor der Wende, einen Gemeinschaftssinn, den es in der Egozentrik des Westens nicht gibt, an eine Zeit ohne Existenzängste und Minderwertigkeitsgefühle. Als ich die Rolltreppe hinunter nehme, klingt Robbie Williams "Millenium" aus den Kaufhausboxen, und ich muss fast heulen. Ossis Just Want To Have Fun! Früher bin ich zum Tanzen zum Ostbahnhof gefahren.

 

Hier entlang geht's zum Fotoalbum --> https://www.facebook.com/jackiejackiea/media_set?set=a.10153992647442012.1073741830.619397011&type=3&pnref=story

Kommentare: jackie@tip-berlin.de

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 24.03.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Evolution

Jackie A. entdeckt... Evolution

"Plopp" –  Da fiel dem Eichhörnchen die Eichel aus der Baumkrone, die Amsel im Unterholz verstummte und auch der Presslufthammer des Nachbarn hat plötzlich ausgesetzt. Hier stehe ich nun, mit aufgekrempelten Ärmeln und heruntergelassener Hose auf der Terrasse, fest entschlossen, die ersten Sonnenstrahlen über das einigermaßen kälteressistente Hüftspeckareal und die Oberschenkel zu absorbieren. Ich werde jetzt keine Rücksicht mehr nehmen, denn ich bin nicht an den Arsch der Welt gezogen, um den eigenen nicht auch mal unbedeckt in die Sonne zu halten – nimm das, Eichhörnchen!
Dringend gebraucht wird jetzt Licht gegen die Dunkelheit, gegen Bilder von verzweifelten Flüchtlingen an der Grenze Mazedoniens, den brennenden Flüchtlingsheimen in Thüringen und dieser Frau, die da mit abgeschnittenen Kinderkopf die Metro in Moskau bestieg.
Sind denn jetzt alle irre geworden? Dieser Winter war gefühlt der trostloseste von allen, und wenn man den Zukunftsforschern glauben darf, wird sich in den nächsten 30 bis 50 Jahren entscheiden, ob die Menschheit an den Folgen der Klimaerwärmung, an dem wachsenden sozialen Ungleichgewicht, an versiegenden Ressourcen oder wegen der Ablösung durch eine höhere Spezies abdankt, bestehend aus superintelligenten, sich selbst programmierenden Maschinen. Oder, um es mit Celine Dion zu sagen: Time to say goodbye, Homosapiens!  Was, wenn man’s genau bedenkt, ja auch verdient scheint. Allerdings ärgert mich das Timing, denn wenn wir in 30 Jahren endlich den Kredit für unser Haus abbezahlt haben, soll schon wieder alles vorbei sein. Nicht mal in Ruhe in Rente gehen kann man hier!
Also was tun? Ich sage es ihnen: Wir könnten es wie die Eintagsfliege machen. Sie hat nur 24 Stunden zu leben, verfällt darüber aber nicht in Depressionen oder postet den halben Tag traurige Smileys auf Facebook, sondern sucht sich exakt den dicksten und stinkendsten Haufen, um hierauf eine gute Zeit mit wechselnden Sexualpartnern, sinnfreiem Herumgesumme und fragwürdigem Buffet zu verbringen. Wir könnten, um die fehlenden Jahre am Ende zu kompensieren, sofort, also ab den 9.März 11. 52 Uhr, unabhängig von Jahreszeiten oder Temperaturen, den Sommer unseres Lebens zelebrieren. Und zwar für die nächsten 30 Jahre. Auf dem richtigen Haufen, um im Fliegenjargon zu bleiben, sitzen wir ja schon. Voraussetzung ist, dass man sich von den aktuellen Berichten über steigende Kriminalität und Gewalt in der Hauptstadt nicht einschüchtern lässt, denn soviel ist auch klar: Berlin ist immer noch ein ganz großartiger Misthaufen für Eintagsfliegen.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 09.03.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Die Ruhe zum Nachdenken

Jackie A. entdeckt... Die Ruhe zum Nachdenken

Wenn Paris die Stadt der Liebenden ist, dann ist Berlin die Zentrale der Suchenden. Gefahndet wird nach der letzten günstigen Wohnung in Mitte, der endlich dauerhaften Beziehung, der besten Bar, dem nächsten Job, einem Mitarbeiter beim Bürgeramt… Doch statt zu finden, wird hier mehr verloren: ein Schuh am Morgen im Club, der langjährige Mietvertrag, die Kondition oder der Überblick übers eigene Leben – was nicht weiter schlimm ist, sondern zum Gang der Menschwerdung ja dazu gehört.
Dann, irgendwann, erlöst von zu viel Geld und hormonellen Übersprungshandlungen (Jugend), findet sich der Berliner als gänzlich befreite Gestalt in den Vierzigern wieder – vom Leben verkatert auf einer Parkbank in Kreuzberg oder in einer verstaubten Dachkammer auf dem Land. Vielleicht denkt er hier zum ersten Mal im Leben in Ruhe nach. Und möglicherweise, wenn die Ruhe einen ganz und gar durchdrungen hat, bilden sich die entscheidenden Fragen wie Eisblumen am Morgen auf dem Fensterglas ab. Was ist wichtig? Wer bedeutet mir etwas? Was habe ich meinen Mitmenschen außer meinem Lächeln zu geben? Vielleicht fallen die Antworten nicht leicht, aber instinktiv wird man das Richtige tun. Nach mehreren Jahren Funkstille jemanden anrufen, um zu sagen, dass es einem Leid tut. Einen alten Faden wieder aufnehmen. Anfangen, vor der eigenen Vergangenheit nicht mehr zu flüchten, sondern sich auch unangenehmen Wahrheiten zu stellen.
Vielleicht verreist man dann sogar einmal mit der eigenen Mutter, um verwundert festzustellen, wie gut man sich versteht und dass man tiefes Glück empfindet, wenn die chronisch vernachlässigte Familie an einem fernen Ort beieinander ist. Dann fühlt es sich auf einem Fluss irgendwo in der Fremde plötzlich an, als würde man nach Hause kommen. Vielleicht überkommt einen dann auch eine Traurigkeit, wenn man erkennen muss, dass in anderen Ecken der Welt die Familie einen anderen Stellenwert hat, dass es im Umgang mit ihr eine Achtsamkeit gibt, wie sie hier längst abhanden gekommen ist. Dann wird einem schmerzhaft bewusst, wie armselig doch so ein konsumorientiertes, um sich selbst kreisendes Leben sein kann. Es tröstet auch nicht, dass die Ursache nicht nur in einem selbst, sondern vermutlich im System begründet ist. Aber wissen Sie, warum ich jetzt lächeln muss? Berlin ist auch der Ort für Veränderung – und zwar an jedem einzelnen Tag. Gut, hier zu sein, oder?

Kommentare: jackie@tip-berlin.de



Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Die Ruhe zum Nachdenken

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 24.02.2016

Blog

0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Widerruf "Empfehlung Landleben"

Jackie A. entdeckt... Widerruf "Empfehlung Landleben"

Sehr geehrte/r Leser/in,

aus gegebenen Anlass (Auslandsaufenthalt) bedauere ich Ihnen mitteilen zu müssen, dass die Kolumne Heft 02/2016 so nicht mehr stimmt und ich Widerspruch einlege. Das von mir angepriesene Brandenburger Landleben ist zwar schön, jedoch musste ich feststellen, dass es sich in Thailand wesentlich schöner und auch kostengünstiger lebt. Als Beweismittel konnte ich eine Tüte Papayastücken für 40 Cent, eine Kokosnuss für 90 Cent, sowie eine Perücke für 20 Euro am Straßenrand sichern. Statt der Brandenburgüblichen angetauten Kuhfladen und unbewohnten Astlöcher fand ich ideale Lebensbedingungen, Palmen und Orchideen vor – umkreist von aufdringlichen, jedoch farbenfrohen Schmetterlingen. Leider sind meine Argumente für ein Leben in Berlin und Brandenburg damit obsolet und ich würde sofort zurückfliegen, wenn mein Mann sich nicht querstellen würde. Möglichen Einwänden, dass es sich als Tourist ja wohl überall herrlich lebt, möchte ich entgegenhalten, dass  ich über Verwandtschaft an benanntem Ort verfüge und damit über jene Insiderinformationen, die diesem Schreiben zu Grunde liegen. Ein entfernter, recht windiger Verwandter betrieb vor vor Ort einen Dienstleistungsbetrieb (Puff) und lud mich freundlicherweise ein, kostenlos in einem der Zimmer zu urlauben. Dies schien mir verlockend,  schlussendlich aber doch zu heikel. Stattdessen hielt ich mich an meine thailändische, eher bodenständige Tante, die mir zeigte, wie man Preise für Sammeltaxis verhandelt (schreiend!) und mir erste Worte in Thai beibrachte ( betrunken = mau, sehr betrunken = supermau). Weiterhin wurde ich über den Mietpreis für eine kleine Wohnung mit Aircondition informiert: 200 Euro. Als Hauptargumente für eine Ausreise möchte ich die Freundlichkeit sowie das Essen hervorheben. Nach drei Wochen Thai-Küche und Dauerbelächelung ging es mir so gut wie seit Jahren nicht mehr. Gerne würde ich etwas von dieser Freundlichkeitskultur nach Berlin importieren, befürchte aber den sofortigen Zusammenbruch des "coolsten Standortes der Welt". Enttäuscht von Freundlichkeit und Vitaminen würden Touristen vorzeitig abreisen, Hotels und Restaurants gingen pleite und erste Demonstrationen gegen Lächeln und Südfrüchteverzehr im öffentlichen Stadtbild würden folgen. Um die hier ohnehin schon angespannte Situation nicht weiter zu belasten schlage ich vor, das Augenmerk weiterhin auf die Vorteile eines Lebens in unserer Region zu richten. Welche das im Winter genau sein könnten, recherchiere ich dann ein anderes Mal für Sie.  
Hochachtungsvoll, Jackie A.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de



Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Widerruf "Empfehlung Landleben"

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Halb Mensch, halb Rind

Jackie A. entdeckt... Halb Mensch, halb Rind

Schmerzgekrümmt sitze ich vorm Laptop, um Ihnen zu schreiben. *Autorin zerfließt in Selbstmitleid*, Knochen­ersatzmaterial vom Rind wurde mir in den Kiefer gestopft. Vermutlich übernimmt gerade das Fremdmaterial die Kontrolle – es schreibt das Ding aus dem All: halb Mensch, halb Rind. Vielleicht ist es wahnsinnig, aber es hat wunderschöne Augen! Das Gute am Schmerz ist, dass man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann, für alles andere fehlen nämlich die Nerven. Also kommt hier für Sie das Wesentliche – *Kolumnistin schreit*: "JEDER TAG BEI GESUNDHEIT IST EIN SPITZENTAG! JEDER TAG OHNE SCHMERZEN MUSS GENOSSEN WERDEN!"
Die simple Erkenntnis: Ein kurzes Menschenleben kann auch ohne  iPhone, Eigentumswohnung und Luxusrlaub gut sein, solange man nur gesund ist. Nennen Sie mich Egoistin, aber alle Probleme um Klimakatastrophen und Flüchtlingsströme stehen weit hinter meiner eigenen Befindlichkeit. *Drückt Kühlpad, bis Gel auf den Tisch quillt*.
Ich weiß, dass einige von Ihnen detaillierte Schilderungen von Kieferchi­rurgenbesuchen ablehnen, hin und wieder aber heimlich nach "Implantaten" und "Erfahrungen" googeln. Dies nehme ich zum Anlass, Sie an meiner Erfolgsstory teilhaben zu lassen. Vielleicht sind Sie ja auch schon im Alter für Zahnimplantate oder führten einen *fluffigen* Berliner Lifestyle, der entsprechende Maßnahmen früher als erwartet erfordert. Ich besitze inzwischen zwei und bin der Meinung, dass kein Mensch aufwachen sollte, während sein Gebiss noch in einem "Corega-Tabs"-Glas schläft.
Daher: Implantate! Die ersten zwei wahren leicht eingesetzt- das schaffen sie vermutlich auch. Nur dieses jetzt benötigte einen Knochenaufbau. Mein Chirurg eröffnete die Behandlung mit dem vielsagenden Satz: "Das Wichtigste ist eine gute Betäubung." Es folgten 5 Spritzen. Mit einer Art Mini-Fräse spaltete er dann den Kieferknochen, um ihn anschließend wie eine Weihnachts-gans statt mit Äpfeln mit synthetisch aufbereitetem Kuhmaterial zu stopfen. Er arbeitete schnell und präzise, ich hatte keine Schmerzen, sehe aber aus, wie ein Opfer derb-häuslicher Gewalt. Seit zwei Stunden lässt nun die Betäubung nach,  und der Abgabetermin für diesen Text naht. Ich schreibe Ihnen das nicht (nur), um Mitleid zu erheischen, sondern weil es mein Job ist und Sie im Idealfall von meinem Erlebnis gleich mitprofitieren können, indem Sie A) sich daran erinnern, dass auch im trostlosesten Winter das Leben noch phantastisch ist – egal, was die Nachrichten gerade wieder vermelden. Und B): Wenn Sie mit Implantaten liebäugeln, Sie sich trauen können, wirklich! Was Sie brauchen, ist einen fähigen Kieferchirurgen und eine gute Zahnzusatzversicherung -beides ist mit etwas Recherche sogar in Berlin zu finden. Bis dahin mein Gruß an die Tip-Leser: "Lets get old together!"

Kommentare: jackie@tip-berlin.de



Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Halb Mensch, halb Rind

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Nachbars Ziegen

Jackie A. entdeckt... Nachbars Ziegen

Haben Sie mal darüber nachgedacht, Berlin den Rücken zu kehren für ein Leben auf dem Land? Ich habe diese Idee in die Realität umgesetzt, vor neun Monaten meine Wohnung gekündigt und wohne seither mit Mann und Katzen in einem winzigen Wald- und Wiesendorf ohne Supermarkt, aber mit Bahnanschluss nach Berlin. Lohnte sich die Stadtflucht? Zeit für ein Resümee.
Als erstes wurde klar, dass ein Leben im ewigen Urlaubsmodus eine Illusion ist, denn die Steuererklärung oder ein abgestürzter Rechner sorgen in der Dorfidylle genauso wie in der Stadtwohnung für zünftige Wutanfälle. Auch gewöhnungsbedürftig: Bar- oder Clubbesuche in der Hauptstadt müssen nun geplant werden. Inzwischen habe ich mich mit Smartphone-App ("Ally" für Bus und Bahn), festen Mitfahrgelegenheiten sowie einer neuen, relaxten Attitüde arrangiert. Überhaupt höre ich inzwischen sehr viel Reggae. Die nächste Erkenntnis: In Berlin wohnen ja so viele schlaue Menschen! Jetzt lachen Sie nicht, das meine ich unironisch. Statt Philosophisches, politische Hintergründe oder über eine neue Ausstellung sind die Themen hier limitierter: Wann kommt die Müllabfuhr? War es ein  Marder oder ein Waschbär, der letztens aufs Grundstück schiss?  Die Welt wird außerhalb der Großstadt nicht weiter und mit verschrobenen Anschauungen oder Vorurteile über "die Ausländer" muss man, selbst in einem Dorf, das überwiegend links wählt, erst einmal klarkommen. Ist das geschafft, kann man nur noch gewinnen. Der Nachtschlaf, der außerhalb des Berliner Mieteralltags zum ersten Mal tief und erholsam ist, ein Reh am Morgen im verwilderten Garten oder Joggen mit Feldblick ist tatsächlich so gut, wie es sich anhört. Inzwischen bin ich sogar Fan der „Nicht-Anonymität“ geworden. Klar war es praktisch, in der Großstadt alles tun und lassen zu können, ohne das sich jemand darum schert. Aber es lebt sich auch angenehm in einer Umgebung, in der der Einzelne nicht egal ist und man sich auf unspektakuläre Art hilft. Da werden kommentarlos Leihgaben an die Türklinke gehangen, man fängt die ausgebüchsten Ziegen von nebenan ein oder schafft die Mülltonne der 91-jährigen Nachbarin vor die Haustür. Ein stiller Höhepunkt ist der Wald als Krisenmanager. Du gehst mit einem Problem, im Streit oder in schlechter Stimmung hinein und kommst befriedet wieder raus – immer! Ich kann nicht erklären, woran das liegt, aber es funktioniert. Der Wald in der Nähe ist vielleicht das Beste, was einem Menschen passieren kann. Daher meine Empfehlung: Kommen Sie aufs Land, es sind genug Bäume für alle da.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Flaschenpost

Jackie A. entdeckt... Flaschenpost

Hallo Berlin, sitze hier 8.451 km weiter am Strand und hätte nicht gedacht, dass ich das mal schreiben würde – aber ich vermisse Dich so sehr! Entschuldige, dass meine Schrift so krakelig ist, aber ich kann mich wegen des Meeresrauschens nur schlecht konzentrieren und, na gut, eine halbleere Flasche Mekhong liegt neben mir im Sand – aber die brauche ich ja, um Dir diese Nachricht zukommen zu lassen. Hier kommt Post aus Thailand, mein knuspriger Hauptstadtbroiler! Ich wette, die Flasche gelangt schneller zu Dir, als ein Standardbrief. Also, Berlinchen, wie geht es Dir? Mir geht es gut! Zum Mittag gab es frischen Fisch und eine Kokosnuss mit Strohhalm drin. In der Outdoor-Bar halten die Betreiber einen Graupapagei. "Tschüss", "Ich brauche Geld" und "Arschloch" kann er sagen – er erinnerte mich an Dich.
Weisst Du, mein Currywürstchen, Thailand ist paradiesisch: türkisblauer Ozean, Palmenwedel, der Geruch von Salz und Orchideen… . Und doch, das Wahre ist es nicht. Zuviel Sauerstoff macht auch nur träge. Außerdem sind die Leute alle sehr freundlich hier – das ist wirklich nicht leicht für mich! Weisst Du, gestern auf der Massagebank hatte ich ganz starke Sehnsucht nach Deiner verquollenen Visage. Sogar an den täglichen Gefäßestau in Deinen Beinen zur Rushhour musste ich denken, an die dauerquatschenden Taxifahrer mit ihren Blähungen, all die miesepetrigen Gesichter morgens in der U8, diese permanente Bereitschaft zur Aufmüpfigkeit! Es war nie einfach mit uns, und auch, wenn ich mal gesagt habe, Du stinkst (was die Wahrheit ist), liebe ich dich immer noch. Sonnengebräunte Haut mag ja schön sein, aber Deine Blässe ist wenigstens ehrlich. Jeder Pickel, jeder Entzündungsherd ist schon von Weitem erkennbar. Du machst niemandem was vor. Und Du musst dir auch keine Sorgen machen wegen dieser Bangkok. Ja, es stimmt, sie ist jung und schön. Aber eben auch sehr anstrengend. Ich habe es nur drei Tage mit ihr ausgehalten. Du bist mein Partner in schlechten und noch schlechteren Zeiten, mein Spiegelbild. Ich sehne mich nach Deiner zerrupften Gestalt und Deinem Hang zum Chaos. Deine Ämter! Deine Bahnen! Deine Architektur! Deine Flunsch am Morgen! Den letzten Schuck trinke ich jetzt auf Dich: Prost, mein süsser Schrotthaufen! Auf ein turbulentes 2016. Du bist und bleibst meine große Liebe.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de



Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Flaschenpost

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2016
0 Kommentare

Jackie A. entdeckt... Lebensgefährliches Leben

Leben Sie!

Wahnsinn, wie lebensgefährlich das Leben ist. Einmal unachtsam die Straße überquert oder beim Fensterputzen auf der Leiter von der Sprosse gerutscht, der Würfelqualle im Badeurlaub zu nahe gekommen, auf ein zu langes Seil beim Bungee-Jumping vertraut, in ein defektes Flugzeug gestiegen, ein Schild "Vorsicht, Dachlawine!" übersehen oder einfach einem schwarzhumorigen Schicksal ausgeliefert – der Tod schaut immer über die Schulter. Mein halbes Leben habe ich mit Sorge um eben jenes verbracht und heute beschlossen: Es reicht. Ich sterbe, Sie sterben – wir werden alle sterben! Also warum sein Dasein mit Ängsten belasten? Ich gebe zu, der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt. Jetzt, wo der Terror in Europa Geschichte schreibt, die Bedrohung selbst auf Berliner Plätzen allgegenwärtig wird und Amerika mal eben eine Reisewarnung für die ganze Welt herausgab, sind ein bis 200 Sorgenfalten schon angebracht. Nur nutzen all die Ängste nichts. Sie schaden, weil sie uns Kraft rauben, uns verunsichern, einengen und klein machen. Und ernsthaft, wenn es mit dem Leben plötzlich vorbei sein sollte, will doch niemand von sich sagen: "Zuletzt war ich ein kleines, verängstigtes Würstchen." Wenn es schon nach Weltuntergang riecht, möchte ich bitte schön die letzten Stunden bis Jahre genießen, mit allen Sinnen und Möglichkeiten am Leben teilnehmen, mich "wie Bolle" amüsieren und lade Sie hiermit ein, dies genauso, wenn nicht noch schlimmer zu tun. Seien Sie wild! Freuen Sie sich wie verrückt Ihres Lebens! Versprühen Sie Liebe! Wie dies im Angesicht von Terror funktionieren kann, erlebte ich vor fast 20 Jahren in Tel Aviv. In einem Bus der Linie, mit der ich am Nachmittag zu meinen Freunden fuhr, explodierte nur zwei Stunden später eine Bombe, drei Menschen starben. Als wir die Bilder im Fernsehen sahen, meinten meine Freunde: "Daran gewöhnt man sich nie." Und: "Das wird auch bei euch mal so sein." Ich rätsele bis heute, wie sie zu dieser Prognose kamen, ganz falsch lagen sie ja nicht. Später dann flanierten wir auf der Shenkin Street, so einer Art Tel Aviver Torstraße. Und noch immer unter den Eindrücken der Busexplosion, erschien mir der Abend intensiver als sonst – der Himmel, auch die Menschen, so viel  lebensfroher, temperamentvoller als zu Hause. Es wurde eine exorbitant gute Nacht. Das plötzliche Bewusstsein über die allgegenwärtige Möglichkeit des Todes taugte offenbar als Elixier zur Steigerung der Lebensfreude. Zeit für einen neuen Schluck aus der Flasche. Auf das Leben, jetzt und sofort! Es ist das Kostbarste, was wir haben.

Kommentare: jackie@tip-berlin.de



Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Lebensgefährliches Leben

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.02.2016
Zeige Treffer pro Seite

tip Ausgabe 09/2016

Titel: Es ist angespargelt! Worauf man beim Kauf 
von Spargel achten soll. Außerdem 
verraten vier Spitzenköche 
ihre besten Spargelrezepte || Kampf ums Myfest – Was passiert in Kreuzberg am 1. Mai? || Gallery Weekend: Den wirtschaftlichen Unsicherheiten trotzen die Berliner Galeristen mit Qualität und Vielfalt || Adam Greens neues Projekt…

tip Berlin Kino-Newsletter - jetzt anmelden!