Me, My Self(ie) And I - Nummer 19: Letzter Tag in der Stadt

Das Leben in Kisten

Kisten packen. Tassen in Zeitungen einwickeln. Fotos von Wänden abhängen: mit Kokosnuss am Strand der Malediven. Arm in Arm mit den Freunden auf dem Deichkind-Wagen beim Karneval der Kulturen. Dazwischen Brandenburg II. – der verstorbene Hamster – mit einem Stück Gurke in der Backentasche. 
Ein Schnappschuss mit Mama und Schwester, Grimassen ziehend. Puzzleteile eines Berlin-Lebens landen auf der Fensterbank. Es ist mein letzter Tag in der Stadt. Ein letztes Mal Singlehaushalt-Feeling, Verabschiedung von Improvisation und Hinterhofbalkon, von kaputten Bodenfliesen, von Cocktail-Gläsern im Küchenregal – mitgebracht nach besoffenen Nächten aus Clubs und Bars. Dazu einen Bad, so klein, dass kaum zwei Leute darin stehen können. Mach’s gut, alte Nasszelle. Ich werd dich nicht vermissen! Ich entleere Schubfächer mit alten SIM-Karten, DDR-Pfennigen, Visitenkarten und vergessener Post, darunter eine Karte vom "Playboy"-Magazin: "Wir freuen uns auf Ihre Textvorschläge." Da kam wieder irgendwas dazwischen.
Die Wohnung ist fast leer, bizarre Gebilde aus Staub legen sich sanft 
auf mein Haupt. Übermorgen wird renoviert. Ansonsten hasse ich Umziehen. Man kann es natürlich auch positiv sehen: der Umzug als Chance, alten Ballast zu entsorgen und Platz für Neues zu schaffen. Das ist wie ein Spaziergang durchs Unterbewusstsein. Alte Sehnsüchte, löchrige Strümpfe, goldener Nagellack: Was ist wichtig, was kann weg? Viel mehr als gedacht ist entbehrlich, und morgen wird mein Leben in einen Kleintransporter passen. Langsam bekomme ich Muffensausen. Was, wenn sich das Landleben als Pleite erweist? Als der letzte Karton gepackt ist, fühlt es sich an wie auf dem Zehn-Meter-Brett im Schwimmbad – unheimlich! Ich habe ein Entrümpelungsteam bestellt, die sollen den Rest mitnehmen: Waschmaschine, Regale, Bett und Fernseher, meine Ängste und die Neurosen stell ich einfach dazu. Ohne Ballast springt es sich besser. Also Augen zu und Sprung in ein Neues!

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Gib mir die Route nach Zeschdorf!

Siri: Tut mir leid, ich kann nicht nacgh Orten in Albanien suchen.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 25.02.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 18: Erste Nacht

Jackie im eigenen Haus

Mit Rollmatratzen unterm Arm stehen wir in der brandenburgischen Pampa. Schnee rutscht vom Dach des zukünftigen Wohnsitzes. Der Partner fragt: "Willst du?" – hält mir den Schlüssel hin. Das erste Mal die Tür aufschließen, den Rucksack im Flur abstellen. Wir gehen durch die Räume, erst still, dann aufgeregt kommentierend. Leiter und Farben stehen noch im Weg. "Ich glaub das alles nicht", sagt K., seine Stimme hallt. "Wahnsinn!", geb ich zurück. 
Das muss man ja erst mal alles begreifen: raus aus Berlin, rein ins Scheunenhaus mit Internet-, Wald- und Wildschweinanschluss. Erste Amtshandlung: die Spülung vom WC drücken – funktioniert! Es gibt eine "Walk-in"-Dusche und eine Wanne. 
Er möchte erst duschen, dann baden und anschließend noch mal duschen. Vorher noch schnell die Box im Wohn
zimmer anschließen. Wir tanzen Discofox zu Fatboy Slim, galoppieren übermütig durchs Haus. "Juhuu!"- 
und „Wow!“-Ausrufe, dann plötzliches Innehalten. Wenn K. im Schlafzimmer steht und ich im Wohnzimmer, ist die Entfernung so, dass wir laut rufen müssen. Ist das Haus zu groß? Zumindest kommen wir nicht unvorbereitet. Wir haben Walkie-Talkies besorgt. Vom Grundstück kann man so problemlos in die Küche funken: "Jackie an Klaus+++Jackie an Klaus+++Bitte Kaffee aufsetzen+++Over and Out."
Später im Dachzimmer rollen wir unsere Matratzen aus. "Gute Nacht, Jackie!" "Gute Nacht, Klaus!" – Einschlafen Hand in Hand. Am nächsten Morgen aufspringen und nachschauen, ob alles nur ein Traum war. Die ersten Stunden sind unreal, wie in Tagträumen, nur viel besser. Weil man nun 
die Wärme unter den Fußsohlen spürt. Weil das Holz duftet, die Apfelbäume vorm Fenster im Wind knarzen und 
wir hier ständig Neues entdecken. "Wahnsinn" und "geil" werden die meistgesprochenen Worte des Tages sein. Der Möbelwagen kommt nächste Woche. Freut euch mit uns! Man weiß ja nie, wie lange das Glück bleibt.

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Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone

Jackie: Wo ist mein Hausschlüssel?

Siri: Wenn du die aktuelle iOS-Version installierst, kann ich die helfen.

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 17.02.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 17: Die Küche

Me, My Self(ie) And I - Nummer 17: Die Küche

Was für Alexander Gerst die Raumstation war, ist für deutsche Paare die Küche. Sie ist Innovationszentrum und Krisenherd, in dem Mixaufsätze unvorhergesehen die Umlaufbahn verlassen und mühselig aus Teig geformte Liebesbekenntnisse bei 240 Grad im Umluftofen in sich zusammenfallen. Da ist es nur konsequent, dass Fotos zerklüfteter Mars­oberflächen denen ungeputzter Herd­innenräume so ähnlich sind.
Wie auf der ISS entscheidet in der Küche ausgeklügelte Technik über wissenschaftlichen Erfolg beziehungsweise die Harmonie in der Beziehung. Und was für die einen der Sicherungsbolzen beim Testflug im Weltall ist, ist für andere die E-Herd-Kontrollleuchte während der Zubereitung eines Friedensmenüs nach dem Ehekrach. Ich gebe zu, meine These ist jung. Sie entstand während komplexer Vorträge von Verkäufern im Elektrofachmarkt. Mein Partner und ich arbeiten unter Hochdruck am Erfolg unserer Beziehung. Das Wichtigste allerdings, so lernten wir, fehlte bislang: moderne Küchengeräte. So wurde uns bei Saturn die Genialität von Pyrolyse, einer Herdreinigungsfunktion, erläutert und bei Innova vor Gefahren gewarnt, zum Beispiel zu kurze Rotations­arme in Geschirrspülern, die aufgrund schlechter Reinigungs­ergebnisse die Harmonie am Esstisch für Jahre stören könnten. Voller Sorge reservierten wir gleich eine Vielzahl von Geräten, darunter einen Kühlschrank, genauer gesagt einen "Smart Fridge" mit Hydro-Fresh- und ChillerBox, No-Frost und Air-Fresh-Filter, Anti-Fingerprint, Touch-Control, Super-Silent-Funktion und integriertem WLAN, plus akustischer Alarm-Kühlschranktür mit Vario-Zone. Er ist der erste seiner Art, der Selfies vom Innenraum machen und verschicken kann. Einen Twitter-Account hat er noch nicht, aber ein eigener Fotoblog oder eine Kolumne an dieser Stelle wären denkbar. So wird aus unserer Küche in Kürze ein Kommunikationszentrum und eine Pärchenschutzkapsel, vielleicht auch mehr. Wie sagte Alexander Gerst? "Wir Menschen sind Entdecker seit jeher und haben bisher alles erreicht, wenn sich die technischen Möglichkeiten ergeben haben."

Jackie A.

Ein kurzes Gespräch mit dem Smartphone: 

Jackie: 
Wie funktioniert ein Kühlschrank?

Siri: 
Ein Kühlschrank erzeugt Kälte, das heißt, er entfernt Wärme!

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 28.01.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 16: Sehr geehrtes 2015

Jackie A.

Sehr geehrtes 2015,

wie ich Ihrem Jahreshoroskop entnehmen musste, planen Sie, schwierige Phasen und komplexe Probleme für die bundesdeutsche Bevölkerung direkt in die erste Jahres
hälfte zu legen. Wegen aktueller Terminschwierigkeiten (verzögerter Hausbau, Schwiegermutter hat sich angemeldet) möchte ich Sie bitten, dies nochmals zu überdenken bezieh
ungsweise Ihre Uranus- und Pluto-Tyranneien in die zweite Jahreshälfte, also nach Fertigstellung meines Eigenheimes, umzulegen. 
Weiterhin musste ich lesen, dass mit einer Entspannung der politischen und wirtschaftlichen Situation das gesamte Jahr über nicht zu rechnen ist und dass Sie Unruhen und poli
tische Umbrüche auch in meinem direkten Lebensraum Berlin-Brandenburg umsetzen möchten. Natürlich kann ich Ihr Anliegen nachvollziehen, bedürftigen Bundesbürgern eine Lektion in Demut zu erteilen und ideologisch Verstrahlte und zunehmend Rechtsorientierte mit einem kosmischen Arschtritt raus aus der BRD-Komfortzone und rein ins Uranus-Trainingscamp zu kicken. Ich finde Ihren Plan sogar gut! Dennoch sehe ich Optimierungsbedarf. Bei Durchsicht Ihrer Dokumente ist mir aufgefallen, dass regionale Unterschiede bezüglich der Bedürftigkeit 
an kosmischen Schlägen nicht berücksichtigt wurden. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Energieersparnis nicht nur auf der Erde ein Thema sein sollten, möchte ich Sie auffordern, auch kosmische Energien zielorientiert, nämlich ausschließlich da, wo’s nützlich wäre, einzusetzen. Gerne erkläre ich mich bereit, eine Karte auszuarbeiten, in der die regio
nalen Schwerpunkte für Pluto- und Uranus-Attacken markiert sind (vor
wie-gend Gebiete in Bayern und Dresden). Damit könnten Sie nicht nur effizienter arbeiten, Sie hätten zusätzlich sogar noch Leistung übrig für Bonus-Weltwunder wie Polarlichter über Bernau, Pyramiden auf dem Tempelhofer Feld oder Schneefall in Form von Popcorn. Ich hoffe, mein Vorschlag erreicht Sie noch rechtzeitig, ich sende ihn per Lampion ins All.

Hochachtungsvoll,

Jackie A.

Ein kurzes Gespräch mit dem Handy: 

Jackie
Frohes neues Jahr!

Siri
Ich richte mich nicht nach linearen Strukturen der Zeit, aber dir auch alles Gute!

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jackie@tip-berlin.de

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 14.01.2015

Me, My Self(ie) And I - Nummer 15: Heiligenschein

Jackie A.

Ist in diesem (bisher so) schneelosen Winter noch Platz für Weihnachtlichkeit oder ist uns im Angesicht von Dresdener Pegida-Amöben, IS-Barbarei und sprücheklopfenden CSU-Profilneurosen die Kulanz abhandengekommen? Ich habe den Test gemacht und bin nur mit Nachthemd und einem Heiligenschein bekleidet durch Berlin gezogen. Und weil hier immer auch Beweisfotos benötigt werden, verband ich einen Einkauf im Fliesenmarkt mit einem Christkind-Fotoshooting, welches mein Mann für mich an wichtigen Knotenpunkten der Stadt mit dem Handy durchführen musste. So fuhren wir mit Bus und U-Bahn und schoben uns mit Menschenmengen durch 
die Unterführung am Alexanderplatz – immer schwebte dabei der Heiligenschein über meinem Kopf. Das Faszinierende daran war die gänzlich unfaszinierte Zurkenntnisnahme: 
keine Sprüche, kein Fingerzeig, kein Lachen, kein kindlicher Aufschrei. 
Der Aufzug fügte sich problemlos 
ins Stadtbild, sodass ich bald schon 
die eigene Verkleidung vergaß. Frei schwebte ich über die Kantstraße, korrigierte beiläufig am Tisch im Schwarzen Café den Sitz meiner Aura-Bedeckung. Wegen der erwähnten Küchenfliesen nun besuchte ich ein Fachgeschäft. Der Verkäufer argumentierte lang und breit. Zum favorisierten Fliesentyp mit Fischmotiv scherzte er, ob ich denn auch Anglerin wäre, auf meinen Heiligenschein ging er nicht ein. Nur bei der Bezahlung wurde er ernst und bestand auf Vorkasse. In einem Lampengeschäft führte eine Verkäuferin Tischleuchten vor, dazu wurden Prosecco und Pralinés gereicht. Mein Verdacht einer bevorzugten Behandlung löste sich auf, als ich feststellte, dass auch Heiligenscheinlose mit Drinks durch den Laden spazierten. Auf dem Heimweg drückten dann die Musterfliesen im Rucksack sowie die persönliche Enttäuschung schwer. Jaja, die Berliner sind ja so tolerant – aber null Reaktion auf das Christkind war nun auch nicht okay! Ich stieg in die U2, die Türen schlossen sich. 
Es roch nach Bier und alten Turnschuhen. Plötzlich krakeelte es: 
"Ey, Weihnachtsengel!" Eine Gruppe besoffener Eisbären-Fans freute sich jetzt leider sehr.

Ein kurzes Gespräch mit dem Handy: 

Jackie
Wie viele Tage sind es noch bis Weihnachten?

Siri
Ich habe 118 Orte gefunden, die mit Weihnachten übereinstimmen, davon ist keiner in deiner Nähe.

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jackie@tip-berlin.de

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 30.12.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 14: Morning Gloryville

Guten Morgen!

Friedrichshain, "Technostrich", 
7 Uhr. Auf einem Banner steht "Guten Morgen", davor tanzen Hunderte viel zu muntere Menschen. Jemand im Bademantel ist auch dabei, streckt mir energetisch seine Partyfäuste entgegen. An der Espressobar bestelle ich einen Doppelten, den brauche ich jetzt dringend. Seifenblasen und Lichtreflexe umkreisen mein immer noch müdes Haupt. Eine DJ-Frau im 80er-Jahre-Aerobic-Outfit legt humorvolle Dancemusik auf. Ich beobachte Hula-Hoop-bereifte Start-up-Mitarbeiter, Teenager in Pokemon-Kostümen, tanzende Spanierinnen, Hipsterbärtige – aber auch gestandene Damen wie Doris, die mit den Kollegen von Rossmann oder Edeka hier vor Arbeitsbeginn noch schnell zum Raven gekommen sind. Etwas weiter hinten recken Yogaanhänger auf Matten gerade ihre Gesäße gen Morgenlicht: "Namasté!" 
Die erste Veranstaltung von Morning Gloryville- Rave You Way into the Day war ein schwerer Schock für mich. Eine Party, die um 6.30 Uhr früh beginnt und um 10.30 Uhr endet, die statt Drogen bzw. Alkohol, Fair-Trade-Cappuccino und Yoga anbietet – was würde David Bowie dazu sagen? Ich tat das, was ich häufig tue, wenn ich ratlos bin, und tanzte einen Moment vor mich hin. Dann beschloss ich, die Party weniger als Rave, sondern mehr als Alternative für einen Zumba- oder Fitnesskurs zu sehen. Und siehe da: Mit dem neuen Blickwinkel lief es richtig gut. Mit dem Bademantelmann tanzte ich zu "Born To Be Alive" im House-Remix. Von der allgegenwärtigen "YAY!-Wir-beginnen-den-Tag-so-fröhlich-wie-es-geht!"-Grundstimmung war ich bald infiziert. So kam ich auf der Tanzfläche immer wieder ins Gespräch und selbst noch so alberne Antanz-Moves wurden mit internationalem "Hallo" begrüßt. Die letzten Bedenken ließ ich mir der Länge nach ausgestreckt aus dem Nacken massieren – und zwar kostenlos. Auf Wunsch wurden Gäste auch mit Glitzer überstreut, was später im Supermarkt noch Würdigung fand: "Dit sieht ja juht aus, mal wat anderet", befand einer mit wenig Zähnen vorm Spirituosenregal bei Aldi. Kann man von einem Donnerstagmorgen mehr erwarten? Ganz ehrlich? Ich glaube nicht!

Ein kurzes Gespräch mit dem Handy: 

Jackie
Ich will nicht so früh aufstehen!

Siri
Tut mir leid, Jackie, ich bin nicht berechtigt, Aktivitäten zu entfernen.

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jackie@tip-berlin.de

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von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 17.12.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 13

Jackie A. auf der Baustelle

Seit dem Frühjahr bin ich Bauherrin. Auf der Baustelle arbeiten 3 bis 4 Sächsische Arbeiter und ein Schwedische Bauleiter. Wenn ich die Baustelle betrete, versuche ich stets für gute Atmosphäre zu sorgen. Ich koche dann manchmal Kaffee und bringe Bockwürste, Knoppers und Äpfel mit. Dabei trage ich immer meine Latzhose sowie einen Zollstock in der Brusttasche. Ich benutze ihn eigentlich nie aber er soll meinen neuen Kompetenz-symbolisierenden Bauherrinnen-Look unterstützen.  Mit den Bauarbeitern fachsimple ich dann über Wand- und Bodenbeläge, stütze dabei ein Bein lässig auf einem Bretterhaufen ab. Nur die wichtigen Fragen vergesse ich noch. Zum Beispiel, ob unser Dach abgedichtet wurde.  - Meine Güte, das verdammte Dach! Der Mann vom Containerservice hat nämlich angerufen. Er war stinksauer, weil Dachpappe in den Baumüllcontainer geschmissen wurde. Dachpappe gehöre aber in den Sondermüll, wie er mir schreiend am Telefon mitteilte. Und weil der wiederum teuer zu entsorgen sei, versuchten ihm Bauarbeiter aus ganz Berlin und Brandenburg das Zeug irgendwie unterzujubeln. Von unserer Baustelle wurden demnach stolze 
16 Pakete, Material für ein ganzes Dach, entsorgt. Nach diesen News konnte ich erst mal nicht mehr schlafen. Mein Partner und ich grübelten, wie sowas passieren konnte und vor Allem, womit denn jetzt eigentlich unser Dach abgedichtet wurde, 
wenn doch das gesamte Material 
im Container gelandet war. Nichtmal die Bauleitung hatte auf diese spannende Frage eine Antwort. Wir lagen dann die halbe Nacht wach und vermuteten am Ende Schlimmstes. Dass die Handwerker vergessen hätten, 
die Dachpappe zu verbauen, und, als es zu spät und das Dach fertig war, die Pappe einfach weggeschmissen hätten ...
unfassbar! Man kennt das ja aus diesen TV- Hausbau-Shows: Haus kaputt- Geld weg- Existenz am Arsch. Über die Jahre würde jetzt Feuchtigkeit unser Haus zerstören und wegen chronischer Reparaturkosten würden wir erst in die Insolvenz rutschen und dann, verarmt und obdachlos, in ein Bushaltestellenhäuschen ziehen müssen. Das galt es zu verhindern! Also fuhren wir mitten in der Nacht zur Baustelle. Eilig stieg ich auf eine sehr hohe Leiter, um das Dach zu kontrollieren. Ich sah da schon verschiedenens Material konnte aber trotz Kompetenzlatzhose keine Einschätzung vornehmen. Dank Google konnte immerhin eine wasserdichte Folie identifiziert werden, so dass unser Haus mir schon irgendwie abgedichtet schien. Als wir morgens nochmal wiederkamen, erklärte uns ein Bauarbeiter, dass die alte Dachpappe verschlissen gewesen und von ihm vorsorglich gegen neue ausgetauscht worden sei. Vielleicht hätten wir ihn ja einfach früher mal fragen sollen. Es wurde ja nichts vergessen, sondern höchstens falsch entsorgt. Wobei, eines ja doch: die Apfel, die ich mitgebracht hatte. Die lagen, inzwischen ganz schrumpelig vor Sorgen, noch immer auf der Fensterbank...

Eine Frage ans Handy: 

Jackie
Was ist dein Lieblingsbaustoff?

Siri
Mein Lieblingsbaustoff ist ... na ja, wie soll ich es in deiner Sprache ausdrücken? Eine Form der Intelligenz – aber mit mehr Dimensionen.

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jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 13: Dachpappe

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 04.12.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 12: Mauerfall und Ikea

Jackie A.

Aus Effizienzgründen feierte ich den Mauerfall-Jahrestag zusammen mit dem Ikea-Jubiläum letzten Samstag im gleichnamigen Möbelhaus. In der Lichtenberger Filiale ließen mein Mann und ich es so richtig krachen. Im Restaurant bestellten 
wir Riesenknäckebrot in Form von Vinyl-LPs sowie kiloweise Köttbullar, bevor wie uns an der Zapfanlage mit Preiselbeerbrause die Kante gaben. Danach hingen wir Stunden am Kundencomputer ab, haben kichernd eine Küche in 3D-Optik erstellt, mit LED-Lichtleiste, die wie ein schwedischer DJ klingt: "Omlopp". Als Überraschungs-Act buchten wir die "Läckerbit"-Dunsthaube dazu – 
30 Prozent günstiger! Spontan schlug ich vor, ins "Preiselbeerbad" zu wechseln, ein hippes Bällebad für Kids. Dann der Supergau: Man ließ uns nicht rein! Wir wären zu alt, sagte der Türsteher. 
Etwas weiter in der Bettenabteilung sprang ich aus Frust in ein Boxspringbett – mit Anlauf. Ich sprach auch Umstehende an: "Könnten Sie sich einmal auf die andere Seite setzen? Ich möchte sehen, ob die Matratze stark federt." Ein Herr setzte sich zu mir und machte wippende Bewegungen. Ich fragte 
ihn, wo er herkomme. "Aus Bielefeld", sagte er. "Ha!", rief ich, "sehen Sie, hier finden sich Ost und West wiedervereint im Ikea-Boxspringbett wieder. Ist das nicht toll?" Er antwortete nicht, aber man sah, dass er es jetzt nicht übermäßig toll fand. 
"Wir kaufen dieses Bett!", beschloss mein Mann, der jetzt dicht am Fußende stand.  Der Bielefelder rutschte eilig von der Matratze. "Aber wir brauchen doch eine Küche!", wandte ich ein. Es ging hin und her und wir gerieten darüber in Streit. Am Ende lungerten wir schlechtgelaunt in der Lampenabteilung rum. Er vorne bei den Deckenleuchten, ich hinten bei den Tischlampen. Kurz vor Neun war die Party gelaufen: Jubiläumsoverdose. In letzter Sekunde dann rauften wir uns zusammen. Wir kauften weder Bett noch Küche, sondern ausgerechnet eine Lampe, die niemand braucht, jedoch starke Ähnlichkeit mit einer der Mauerfall-Ballonleuchten hat. Vermutlich ein unbewusster Wiedervereinigungskauf. Mann aus dem Westen und Frau aus dem Osten kaufen sich gemeinsam eine hässliche Lampe. Das Schöne daran ist: Selbst das kann verbinden!


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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 12: Mauerfall und Ikea

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 19.11.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 11: Betriebsstörung

Jackie wartet

Wenn man bei einsetzendem Regen ohne Schirm auf die Tram wartet, seit einer halben Stunde das Wort "Betriebsstörung" über die Anzeige flimmert und ein Mitwartender mit absurdem Bürstenhaarschnitt auf die Frage zur Situation nur ein "Weeß ick doch nich!" übrig hat, dann fällt es schwer, sich an die tollen Seiten der Stadt zu erinnern. Was war jetzt noch mal so super an Berlin? Seine modischen Bewohner? Die witzig improvisierte Architektur? Die großartige Stimmung in öffentlichen Verkehrsmitteln? Betrachten sie dies hier als Notfallnotiz. Hier kommen fünf Argumente, warum Berlin der richtige Lebensort ist- immernoch.

1. Humor
Wenn man Humor als Kaffee-Typ beschreiben würde, dann wäre der Berliner kein Latte oder Cappuccino, sondern ein Pott Filterkaffee: geschmacklich ein Faustschlag in die Magengrube, dafür stark belebend.

2. BVG "Betriebsstörung – Bitte nutzen sie den eingerichteten Schienenersatzverkehr!"
Fährt die Tram nicht, fährt eine U-Bahn. Fährt die U-Bahn nicht, fährt die S-Bahn. Fährt die S-Bahn nicht, fährt ein Bus, und fährt der Bus nicht, kann man sich immer noch ein Taxi mit der verzweifelt guckenden Frau neben einem teilen.

3. Tanzen "Das schönste, was Füsse tun können, ist ...!"
Kermit der Frosch hatte recht und sollte nach Berlin ziehen. Hier kann man es zu jeder Zeit und in jedem Alter tun – auch Sonntagnachmittags um 15 Uhr am Wasser in Kreuzberg. Beim letzten Open Air in diesem Jahr in der Ipse wehte goldenes Herbstlaub von den Bäumen über die Tanzfläche. DJ Sven Weisemann legte auf und Tanzende hatten allesamt dieses tiefe, von innen kommende Lächeln auf den Lippen. Unterdessen erlebte ein Mann mit Dreadlocks Bewusstseinserweiterung, als er sich mit dem Oberkörper am Stamm eines Laubbaums abarbeitete – Berlin kann ja so guttun!

4. Schnabulieren
Etwas Eigenartiges ist passiert, denn neuerdings gibt es die delikatesten Restaurants in der Stadt, die man sich überhaupt nur denken kann. Glauben Sie nicht? Dann gehen Sie jetzt ins Kochu Karu auf der Eberswalder Straße und bestellen bitte das Landhühnchen.

5. Kunst & Kultur
Dafür muss man nun wirklich nicht ins Theater. Die besten Performances hält der Berliner Alltag bereit, man braucht sich ja nur mal umschauen. Überleben als Kunstform- die Meister des Faches leben alle hier, ganz nach Kippenberger Art: „Ich geh kaputt, gehst du mit?“  - ich geh zumindest nicht weg!

 

 

Fünf Worte ans Handy: 

Jackie
Gehst du mit mir tanzen?

Siri
Mit dir geh ich überall hin.

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jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 11: Betriebsstörung

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 06.11.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 10: Sorgen

Jackie A.

Blick von oben auf die Sorgen unten, so wirken sie kleiner! Vorhin in Pufkow war das noch anders: Baustellen-inspektion in schwarzer Kutte. Der neue Wohnsitz nahm Formen an. Doch statt mich aufs bevorstehende Landleben zu freuen, war ich besorgt wegen Ebola und des Vormarschs des IS. Ich fragte mich, wie groß die Bedrohung konkret für mein Dörflein Pufkow wohl ist. 
Wie es wäre, wenn eine Scharia-Polizei Leute auf der Straße ansprechen würde, zum Beispiel meinen Nachbarn 
in spe. Naja. Vermutlich hätte sie keinen leichten Job.
Herr Seifert trägt eine stachelige Kurzhaarfrisur – und hat diesen Aufkleber auf seinem Auto: "I Love Vaginas!" - steht darauf. Ich habe keine Ahnung, 
wie die Scharia-Polizei da jetzt argumentativ vorgehen würde. Ich habe ja noch nicht mal einen Plan, wie ich reagieren soll, falls er demnächst traditionell mit Brot und Salz zur Begrüßung vor meiner Haustüre auftaucht. Vielleicht sollte ich ihm einfach zuvor
kommen, den Überraschungsmoment nutzen und mit einer Daumen-hoch-Geste an sein Autofenster treten: "Hallo, Herr Nachbar! Das 
ist ja großartig … Vaginas! Das trifft sich so gut! Ich liebe ja Penisse!"  So fragte ich mich also inmitten dieser Baustellen-inspektion, was Herr Seiferts Aufkleber zu bedeuten hat. Ob er jetzt eher ein humoristisches Statement ist oder ein direktes Angebot an Verkehrsteilnehmerinnen in Deutschland. Subtext: "Ich habe das hier auf meinem Auto notiert, damit du weißt, dass ich an der nächsten Parkbucht bereit wäre, auch deine Vagina zu lieben. Ganz egal, 
wer du bist. Ob du streng riechst, 
für die Deutsche Bank arbeitest oder gerade deinen Mann verprügelt hast – weil ich ein bescheidener Mensch bin … and I just love Vaginas!"
Dann steckte ich fest – gedanklich und mit dem linken Fuß. Beim Laufen hatte sich ein Kabel um meinen Schuh gewickelt. Ich schüttelte das Bein, doch es blieb hartnäckig. Da stand 
ich nun, in schwarzer Kutte an kargen Pufkower Erdboden gefesselt … 
hier hätte die Scharia-Polizei ohnehin nichts mehr auszurichten gehabt! 
In diesem Moment habe ich beschlossen, keine Angst mehr zu haben. Sie führt doch zu nichts! Im Gegenteil, sie lenkt nur vom Wesentlichen ab. Wie ich vom Elek
triker erfuhr, latschte ich da gedankenversunken über ungesicherte Starkstromkabel. Der Strom ist inzwischen abgestellt, für die Sorgen suche 
ich noch den Schalter.
Jackie
Siri, hast du Sorgen?

Siri
Ich habe vier Sorgen in deiner direkten Umgebung gefunden.

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 10: Sorgen

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 22.10.2014
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