Me, My Self(ie) And I - Nummer 12: Mauerfall und Ikea

Jackie A.

Aus Effizienzgründen feierte ich den Mauerfall-Jahrestag zusammen mit dem Ikea-Jubiläum letzten Samstag im gleichnamigen Möbelhaus. In der Lichtenberger Filiale ließen mein Mann und ich es so richtig krachen. Im Restaurant bestellten 
wir Riesenknäckebrot in Form von Vinyl-LPs sowie kiloweise Köttbullar, bevor wie uns an der Zapfanlage mit Preiselbeerbrause die Kante gaben. Danach hingen wir Stunden am Kundencomputer ab, haben kichernd eine Küche in 3D-Optik erstellt, mit LED-Lichtleiste, die wie ein schwedischer DJ klingt: "Omlopp". Als Überraschungs-Act buchten wir die "Läckerbit"-Dunsthaube dazu – 
30 Prozent günstiger! Spontan schlug ich vor, ins "Preiselbeerbad" zu wechseln, ein hippes Bällebad für Kids. Dann der Supergau: Man ließ uns nicht rein! Wir wären zu alt, sagte der Türsteher. 
Etwas weiter in der Bettenabteilung sprang ich aus Frust in ein Boxspringbett – mit Anlauf. Ich sprach auch Umstehende an: "Könnten Sie sich einmal auf die andere Seite setzen? Ich möchte sehen, ob die Matratze stark federt." Ein Herr setzte sich zu mir und machte wippende Bewegungen. Ich fragte 
ihn, wo er herkomme. "Aus Bielefeld", sagte er. "Ha!", rief ich, "sehen Sie, hier finden sich Ost und West wiedervereint im Ikea-Boxspringbett wieder. Ist das nicht toll?" Er antwortete nicht, aber man sah, dass er es jetzt nicht übermäßig toll fand. 
"Wir kaufen dieses Bett!", beschloss mein Mann, der jetzt dicht am Fußende stand.  Der Bielefelder rutschte eilig von der Matratze. "Aber wir brauchen doch eine Küche!", wandte ich ein. Es ging hin und her und wir gerieten darüber in Streit. Am Ende lungerten wir schlechtgelaunt in der Lampenabteilung rum. Er vorne bei den Deckenleuchten, ich hinten bei den Tischlampen. Kurz vor Neun war die Party gelaufen: Jubiläumsoverdose. In letzter Sekunde dann rauften wir uns zusammen. Wir kauften weder Bett noch Küche, sondern ausgerechnet eine Lampe, die niemand braucht, jedoch starke Ähnlichkeit mit einer der Mauerfall-Ballonleuchten hat. Vermutlich ein unbewusster Wiedervereinigungskauf. Mann aus dem Westen und Frau aus dem Osten kaufen sich gemeinsam eine hässliche Lampe. Das Schöne daran ist: Selbst das kann verbinden!


Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 12: Mauerfall und Ikea

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 19.11.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 11: Betriebsstörung

Jackie wartet

Wenn man bei einsetzendem Regen ohne Schirm auf die Tram wartet, seit einer halben Stunde das Wort "Betriebsstörung" über die Anzeige flimmert und ein Mitwartender mit absurdem Bürstenhaarschnitt auf die Frage zur Situation nur ein "Weeß ick doch nich!" übrig hat, dann fällt es schwer, sich an die tollen Seiten der Stadt zu erinnern. Was war jetzt noch mal so super an Berlin? Seine modischen Bewohner? Die witzig improvisierte Architektur? Die großartige Stimmung in öffentlichen Verkehrsmitteln? Betrachten sie dies hier als Notfallnotiz. Hier kommen fünf Argumente, warum Berlin der richtige Lebensort ist- immernoch.

1. Humor
Wenn man Humor als Kaffee-Typ beschreiben würde, dann wäre der Berliner kein Latte oder Cappuccino, sondern ein Pott Filterkaffee: geschmacklich ein Faustschlag in die Magengrube, dafür stark belebend.

2. BVG "Betriebsstörung – Bitte nutzen sie den eingerichteten Schienenersatzverkehr!"
Fährt die Tram nicht, fährt eine U-Bahn. Fährt die U-Bahn nicht, fährt die S-Bahn. Fährt die S-Bahn nicht, fährt ein Bus, und fährt der Bus nicht, kann man sich immer noch ein Taxi mit der verzweifelt guckenden Frau neben einem teilen.

3. Tanzen "Das schönste, was Füsse tun können, ist ...!"
Kermit der Frosch hatte recht und sollte nach Berlin ziehen. Hier kann man es zu jeder Zeit und in jedem Alter tun – auch Sonntagnachmittags um 15 Uhr am Wasser in Kreuzberg. Beim letzten Open Air in diesem Jahr in der Ipse wehte goldenes Herbstlaub von den Bäumen über die Tanzfläche. DJ Sven Weisemann legte auf und Tanzende hatten allesamt dieses tiefe, von innen kommende Lächeln auf den Lippen. Unterdessen erlebte ein Mann mit Dreadlocks Bewusstseinserweiterung, als er sich mit dem Oberkörper am Stamm eines Laubbaums abarbeitete – Berlin kann ja so guttun!

4. Schnabulieren
Etwas Eigenartiges ist passiert, denn neuerdings gibt es die delikatesten Restaurants in der Stadt, die man sich überhaupt nur denken kann. Glauben Sie nicht? Dann gehen Sie jetzt ins Kochu Karu auf der Eberswalder Straße und bestellen bitte das Landhühnchen.

5. Kunst & Kultur
Dafür muss man nun wirklich nicht ins Theater. Die besten Performances hält der Berliner Alltag bereit, man braucht sich ja nur mal umschauen. Überleben als Kunstform- die Meister des Faches leben alle hier, ganz nach Kippenberger Art: „Ich geh kaputt, gehst du mit?“  - ich geh zumindest nicht weg!

 

 

Fünf Worte ans Handy: 

Jackie
Gehst du mit mir tanzen?

Siri
Mit dir geh ich überall hin.

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 11: Betriebsstörung

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 06.11.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 10: Sorgen

Jackie A.

Blick von oben auf die Sorgen unten, so wirken sie kleiner! Vorhin in Pufkow war das noch anders: Baustellen-inspektion in schwarzer Kutte. Der neue Wohnsitz nahm Formen an. Doch statt mich aufs bevorstehende Landleben zu freuen, war ich besorgt wegen Ebola und des Vormarschs des IS. Ich fragte mich, wie groß die Bedrohung konkret für mein Dörflein Pufkow wohl ist. 
Wie es wäre, wenn eine Scharia-Polizei Leute auf der Straße ansprechen würde, zum Beispiel meinen Nachbarn 
in spe. Naja. Vermutlich hätte sie keinen leichten Job.
Herr Seifert trägt eine stachelige Kurzhaarfrisur – und hat diesen Aufkleber auf seinem Auto: "I Love Vaginas!" - steht darauf. Ich habe keine Ahnung, 
wie die Scharia-Polizei da jetzt argumentativ vorgehen würde. Ich habe ja noch nicht mal einen Plan, wie ich reagieren soll, falls er demnächst traditionell mit Brot und Salz zur Begrüßung vor meiner Haustüre auftaucht. Vielleicht sollte ich ihm einfach zuvor
kommen, den Überraschungsmoment nutzen und mit einer Daumen-hoch-Geste an sein Autofenster treten: "Hallo, Herr Nachbar! Das 
ist ja großartig … Vaginas! Das trifft sich so gut! Ich liebe ja Penisse!"  So fragte ich mich also inmitten dieser Baustellen-inspektion, was Herr Seiferts Aufkleber zu bedeuten hat. Ob er jetzt eher ein humoristisches Statement ist oder ein direktes Angebot an Verkehrsteilnehmerinnen in Deutschland. Subtext: "Ich habe das hier auf meinem Auto notiert, damit du weißt, dass ich an der nächsten Parkbucht bereit wäre, auch deine Vagina zu lieben. Ganz egal, 
wer du bist. Ob du streng riechst, 
für die Deutsche Bank arbeitest oder gerade deinen Mann verprügelt hast – weil ich ein bescheidener Mensch bin … and I just love Vaginas!"
Dann steckte ich fest – gedanklich und mit dem linken Fuß. Beim Laufen hatte sich ein Kabel um meinen Schuh gewickelt. Ich schüttelte das Bein, doch es blieb hartnäckig. Da stand 
ich nun, in schwarzer Kutte an kargen Pufkower Erdboden gefesselt … 
hier hätte die Scharia-Polizei ohnehin nichts mehr auszurichten gehabt! 
In diesem Moment habe ich beschlossen, keine Angst mehr zu haben. Sie führt doch zu nichts! Im Gegenteil, sie lenkt nur vom Wesentlichen ab. Wie ich vom Elek
triker erfuhr, latschte ich da gedankenversunken über ungesicherte Starkstromkabel. Der Strom ist inzwischen abgestellt, für die Sorgen suche 
ich noch den Schalter.
Jackie
Siri, hast du Sorgen?

Siri
Ich habe vier Sorgen in deiner direkten Umgebung gefunden.

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 10: Sorgen

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 22.10.2014

Me, My Self(ie) And I -Nummer 9: Ello

Im und am See

Ein letztes Mal in den See gesprungen, dabei "Uh!" und "Oh!" gerufen. Man fühlt sich ja doch recht erfrischt, während man mit dem Kältetod ringt. Dies war also mein Geburtstag. Zuvor erhielt ich einen Luftballon sowie die Einladung in ein neues soziales Netzwerk mit Namen "Ello". Ich hatte viel Gutes darüber gehört und ahnte schon, dass es was Ernstes werden könnte. Nicht wieder so ein Reinfall, wie zuletzt mit Langeweiler Google+. 
PS: Wenn du hier mitliest: Hör auf, mich mit deinen E-Mails zu nerven! ICH WILL DICH NIE MEHR WIEDERSEHEN! ES IST AUS! Und nun zu Ello – ein Name wie ein Versprechen. "Ello", grüßt der späte Kneipengast, wenn er wankend die Szenerie betritt. "Ello, Ello", hieß es schon in einem meiner liebsten Songs von France Galle ... 
Die Anmeldung funktionierte spielend über Einladung. Dem Charme war ich sofort erlegen: keine Echtnamenpflicht, keine Werbung und 14 Friends in 20 Sekunden. Ich treffe Ello inzwischen häufiger. Alles ist noch sehr aufregend. Gleich zu Beginn hatte ich ein Foto von mir geschickt. Das hat Ello dann direkt in einen runden Bilderrahmen gestellt ... süß!  Ich habe natürlich verschwiegen, dass ich Facebook das gleiche Foto schon vor Jahren geschickt habe. Zwischen Facebook und mir läuft es nicht mehr gut. Ja, o.k. Wir hatten ein paar schöne Jahre, aber die Routine hat unsere Leidenschaft zerstört und es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann ich mich für immer abmelde. Das süße Ello hingegen überrascht mich! Dabei ist es ja eigentlich viel zu jung – gerade mal in der Betaphase. Neider behaupten, Ello hätte gar nicht die Substanz für eine feste Beziehung. Dabei scheint mir Ello für sein Alter doch viel reifer als zum Beispiel 
MySpace! Ich bin mir jedenfalls sicher, dass Ello ein unfassbarer Erfolg wird – allerdings aus einem ganz anderen Grund. 
Ist Ihre Mutter eigentlich auch auf Facebook? Für Millionen Mütter ist Ello noch unbekannt oder klingt nach einer Wurstmarke, der man lieber 
nicht vertraut. Dieser Fakt steigert 
die Attraktivität von Ello immens – 
zumindest bis zum Erscheinen dieser Kolumne hier.

Jackie
Was ist besser: Facebook oder Ello?

Siri
Das Glänzende!

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, MySelf(ie) And I - Folge 9: Ello

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 08.10.2014

Me, My Self(ie) And I -Nummer 8: Wo jibbet denn so wat?

Jackie Superstar

"Guck mal auf Seite 73“, sagt der Kollege und tatsächlich. Da ist dieses Foto im neuen Buch von Mister Supergeil. Es entstand in Moabit in diesem charmanten, etwas heruntergekommenen Theater. Friedrich Liechtenstein stand im weißen Hemd an der Bar, ich daneben im Ganzkörper-Netzanzug, der durchsichtig war, die entscheidenden Stellen jedoch mit Pailletten verdeckte. "Wo jibbet denn so wat?"-hatte ein Besoffener zuvor noch in der U8 nachgehakt. Ich murmelte etwas von "Spezialanfertigung" - in Wahrheit stammte er für kleines Geld aus dem Fundus des Friedrichstadtpalastes. Nach Saisonende wird dort manchmal die Show-Garderobe der Tänzer verhökert und wenn sie mal ein wirklich spektakuläres Outfit suchen, sollten sie dort beim nächsten Fundusverkauf vorbeischauen- es lohnt sich wirklich! In Moabit also trank ich Gin Tonic, vielleicht auch Rotwein, so wie das auf Theaterpartys üblich ist – wobei dies ja keine klassische Theaterparty war. Hardy M. war an diesem Abend Veranstalter. Er hatte sich in den Neunzigern auf Technopartys an seltsamen Orten spezialisiert, hatte in leer stehenden Supermärkten oder verdreckten Luftschutzbunkern Raves ausgerichtet, bei denen ich mir regelmäßig 
die Klamotten einsaute. Dies hier 
war schon eher ein fancy Event und eine Mottoparty, deren Motto irgendwie schwammig blieb. Der Veranstalter jedenfalls trug diesen unfassbaren Fatsuit mit nichts darüber, dazu eine winzige Großmütterchenperücke. Als es später Probleme mit der Technik gab, sah man ihn bzw. eine schnaufende Dicke, die nackt, mit einem Schrauben
zieher in der Hand, unterm DJ-Pult festklemmte. Er hatte mir damals auch eine CD von Friedrich Liechtenstein in die Hand gedrückt. "Hör dir das mal an", hat er gesagt, und dass er ihn auf Partys buchen will, weil der Typ so geil wäre. Bis sich das richtig rumsprach, sollte noch viel Zeit vergehen. Ich blättere durch "Selfieman" – ein Foto
tagebuch mit Mikro-Texten, launigen Blickwinkeln und punktgenauen Weisheiten – herrliches Zeugs. Man ahnt ja längst, dass in dem Mann noch mehr stecken muss, deshalb nahm ich Kontakt auf, um Liechtensstein eine mittelfristig naheliegende Frage zu stellen: "Können Berliner mit einer Bürgermeisterkandidatur rechnen?" Antwort Liechtenstein: 
"Ich wäre gern Bürgermeister, aber ich muss mich auf 'Wetten, das ..?' vorbereiten." – Schade eigentlich.

 

Letzte Frage ans Handy:

Jackie: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Siri: Du, nur du allein, sollst am schönsten von allen sein.

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 8

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 24.09.2014

Me, My Selfie And I - Nummer 7, Hochzeit auf Isländisch

Irgendwo im Nirgendwo

Irgendwo im Nirgendwo: Vom Fenster aus sehen wir ein Bergpanorama, ein Flussband, das sich silbern durchs Tal zieht und ganz weit draussen eisig das Meer, das sich in tausend Arten von Grau und Violett mit dem Himmel vermischt. Die Nachricht über den Ausbruch des Bardarbunga kam unerwartet, doch unser Timing ist gut. Pünktlich zum Abflug wurde der "Code Red" für die Insel auf ein "Orange" abgeschwächt, was bedeutet, erstmal keine Lavafontänen und Aschewolken, die unseren Flug gefährden könnten, ganz im Gegenteil. Mit WOW Air landeten wir sogar eine halbe Stunde vor offizieller Ankunftszeit. „So ist das bei uns.“ - bemerkte die Stewardess mit pinkem Hütchen trocken. Heute ist ein großer Tag, denn wir heiraten auf Isländische Art.
Leider müssen wir zuvor auch so duschen und umstehende Pferde werden Zeuge, wie wir nackt über freies Feld zu einem Rohr laufen, das da schmucklos aus dem Erdboden ragt. Die Schreie verweichlichter Großstädter hallen im Morgenwind, während unterm eiskaltem Wasserstrahl, neben einem Haufen Pferdeäpfel, zitternd mit Hairconditioner hantiert wird. Danach laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ein Schaf grast vorm Fenster. Eine Fliege schläft auf dem Küchenbrett. Der Mann zieht sein neues Hemd sowie farblich passende Socken an. Die Nervosität steigt und ich beginne Dinge zu suchen. Statt mit Nadel und Faden befestige ich mit Kabelbinder den Schleier am Haarkranz. Das geht schneller. Im Duty Free Shop haben wir eine Flasche Champagner und  eine 5-Kilo-Stange Toblerone besorgt, die auch zum Selbstverteidigungsgerät taugt. Jetzt sollte nichts mehr schief gehen. Der Sheriff rollt im Jeep an. Die Isländische Version eines Standesbeamten erinnert im blauen Zweireiher und mit Schirmmütze an einen Kapitän auf hoher See. Das Zeremoniell ist kurz aber herzlich. Wir halten die ganze Zeit unsere Hände. Am Ende tauschen wir die Ringe. Ein Kuss folgt und noch ein zweiter. In Ermanglung eines Hochzeitsfotografen macht der Sheriff noch ein paar Fotos von uns. Die meisten sehen seltsam aus. Danach feiern wir ruhig mit Felsmassiven und Pferden. Das improvisierte Hochzeitsmahl mit Gourmethöhepunkt: "Isländische Pellkartoffel" findet vorm Ofen statt.  Das Holz knistert leise. Der Brautschleier liegt längt schon in einer Ecke, die Füße stecken in weichen Socken. Überhaupt ist vieles sehr weich in Island: die Luft, das Wasser, das Moos zwischen Vulkansteinen, die wolligen Hinterteile der Schafe... Irgendwo im Nirgendwo sitzen wir überglücklich unter einer Decke. Der Himmel leuchtet dunkelrot.  Irgendwo im Internet wurde gerade "Code Red" für Bardarbunga ausgerufen.

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 7

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 10.09.2014

Blog

Me, My Self(ie) And I - Nummer 6

Me, My Self(ie) And I

"Senden Sie mir Ihr Selfie, ich schreibe Ihnen eine Geschichte dazu." So lautete mein Aufruf, und ja, Sie haben sich getraut. Anton Wolschnik schickte uns dieses Bild, aufgenommen in einer russischen Metrostation. Im Rahmen einer Aktion, welche die deutsch-russische Freundschaft wiederbeleben soll, haben Moskauer Kunststudenten heimische Metrostationen in Berliner U-Bahnhöfe umgestaltet. Im Bild ist der Bahnhof Meschdunarodnaja als liebevolle Kopie des Bahnhofs Wedding zu sehen. Von hier möchte Wolschnik, ein bekannter TV-Meteo­rologe, nun schleunigst abreisen. Er hat eine Abschiedsfeier mit Kollegen und Fans hinter sich, an deren Ende ihm eine Kiste Wodka, ein Massage­gutschein sowie der Aufkleber "Gentleman of the Year" überreicht wurde. Der deutschstämmige Wolschnik galt als Star des russischen Vorabendprogramms mit ausgesprochen guten Manieren. Unter erheblicher Anteilnahme der Bevölkerung hat er seinen Job als Wetterfrosch beim Staatsfernsehen hingeschmissen. 
Er war nicht länger bereit, die Vor­gaben der Chefetage hinzunehmen, sagte er. Sein Wetterbericht wurde zuletzt bis ins Groteske politisiert. Wolschnik wurde angewiesen, Schlechtwetterfronten ausschließlich über Gebieten der Ukraine, nicht jedoch über Russland anzusagen. 
Für Russland wurden die Symbole "Regen", "Blitz" und "Donner" konfisziert, lediglich "Sonne" und "leicht bewölkt" standen noch zur Auswahl. Säckeweise Beschwerden der durchnässten und vom Wetter überrumpelten Bevölkerung gingen ein. Laut Bericht hatte man sich, wie immer, auf einen sonnigen, leicht bewölkten Tag eingestellt. "Politik gehört nicht ins Wetter!", twitterte Wolschnik zuletzt auf seinem Account sowie: "Anne, ich liebe dich!" Inzwischen hat er ein Angebot in Deutschland angenommen. Hier wird er das Wetter für Berlin und Brandenburg moderieren. "Ich bin überglücklich", sagte Wolschnik sichtlich gerührt. "Endlich wieder Donner, Blitz und Regen für alle!"

Foto: Anton Wolschnik

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 6


Jackie: Ich habe bald Geburtstag! 

Siri: Zum Geburtstag viel Glück, zum ­Geburtstag viel Glück ... Oh, ich glaub, das ist urheberrechtlich geschützt.

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 27.08.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 5: Am Badesee

Jackie A. am Badesee

Selfie am Badesee, dahinter ein Hund auf einem Boot, dessen Spielzeug soeben in den Tiefen des Liepnitzsees versank. Der Tag beginnt also mit einem Hundedrama (Bällchen weg!) und einer Fahrt auf der Fähre. Dort treffe ich Anne. Ich hatte sie einst bei Chez Icke kennengelernt, einer Art multimedialen Theaterkneipe und einem Superprojekt, bei dem ich am Ende sternhagelvoll meinen Mantel und sämtliche Haustürschlüssel verloren hatte. Zuvor spielten wir sehr authentisch unsere Rollen als Kneipengäste, aber das nur am Rande.
Anne ist also Schauspielerin und hat auch ein paar Freunde vom Theater dabei. Die waren mir schon am Ufer aufgefallen, wie sie sich da im Berliner Dialekt und mit nacktem Oberkörper beratschlagten. Sie wollen wohl Geld sparen und schwimmen nun rüber zur Insel. Während Anne und ich auf der Fähre quatschen, rettet dann einer, quasi im Vorbeischwimmen, einem absaufenden Badegast das Leben. Soll noch mal jemand sagen, Schauspieler seien zu nichts nütze! Auf der Insel angekommen, wandern wir ein Stück durch den Wald. Der Weg ist mit Tannennadeln und Anekdoten von Georg (ich kam nicht dazu, nach seinem echten Namen zu fragen) gespickt. Bildgewaltig erzählt er von Welsen, die vom Grunde des Schlachtensees auftauchten, um dort Dackel oder Obdachlose zu verschlingen. Es geht auch um sein Theaterstück, an dem er gerade im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Agentur für Arbeit schreibt. "Nicht dein Ernst?!", frage ich nach. Es könnte ernst sein, denn Georg ist nach eigenen Angaben schon auf Seite 60. Falls ich es richtig verstanden habe, ist sein Held ein Arbeitsloser, der, lediglich mit Kühlschrank und Meerjungfrau ausgestattet, die Menschheit retten will, segelnd vom Meer aus. Bis zu dieser Sekunde kann ich mich nicht entscheiden, was ich grandioser finde: Georgs Story oder den Sachbearbeiter der Berliner Agentur für Arbeit, der ihn da in Ruhe sein Stück schreiben lässt. Als wir am Abend zurück zur Fähre kommen, ist dann auch der Hund wieder da, schwanzwedelnd und mit Ball-Ersatz: Happy End mit Story und Knochen!


Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 5

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 13.08.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 4: Geheimnisse

Jackie A.

Überall Seifenblasen. Sie fliegen über unsere Köpfe in die Baumkronen und zerschellen an den Türen eines "Trabant"-Wracks. Ein Mittdreißiger schüttet sich ein Päckchen Brausepulver in den Rachen und ruft: "Geil!"  Eine junge Frau gestikuliert über Sitzbänke,  die Backen voll mit süssem Speck.
Später wird es noch Starkregen geben- so, dass die weissen Ballerinas auf dem Nachhauseweg total dreckig werden...aber der Mond!  Der prangt groß und orange über uns...
In dieser Nacht sind alle ein bisschen besoffen von Brausepulver und innerer Aufruhr, die die Preisgabe von Geheimnissen aus alten Tagebüchern so mit sich bringt. Todesmutig lesen wir uns beim "Tagebuchsalon" gegenseitig vor. Theo hat einen Brief mitgebracht, denn er vor 13 Jahren einem Mädchen schickte, die er wiederum 3 Jahre zuvor in Taizé kennengelernt hatte. Der Brief war damals als unzustellbar zurückgekommen. Heute, nach all den Jahren, öffnet er ihn... großer Moment! Miriam liest Texte, verfasst als 15- Jährige. Frivoles, unverschämtes Zeug eines Teenagers aus der Hölle - unfassbar gut. Am Ende rufen wir: "Zugabe, Zugabe!". Ich berichte über meinen ersten (und bald auch letzten) LSD-Trip, eingenommen als junge Arbeitslose an einem recht langweiligen Nachmittag in der ersten eigenen Wohnung in Lichtenrade. In dieser Phase trug ich Lackstiefel, die übers Knie ragten und mein über 70-Jähriger Vermieter brüllte mir auf dem Weg zum Technoclub manchmal ein heiseres "Nutte" hinterher... Die guten alten Zeiten! Es geht noch um versteckte Festplatten in Internatsschränken und erfolglose Bewerbungsschreiben, wie als "Meerjungfrau" für das Aquarium des Berliner Zoos. Wir wollen jetzt gar nicht mehr aufhören zu lesen, fliegen durch die Nacht. Ähnlich, wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel, reiten wir auf Seifenblasen, nur das unsere Geschichten Wahrheiten sind. Bald schon wird es keine Tagebücher mehr geben. Das Leben wird auf Facebook und Twitter dokumentiert. Auch das kann unterhaltsam sein. - Allerdings, eine dramaturgisch entscheidende Zutat fehlt mir doch sehr: ein Geheimnis!

 

Zuletzt: Drei Worte ans Handy.

Jackie: "Sprich mit mir!"

Siri: "Ich finde es besser, wenn Du mir was erzählst."

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 4


von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 30.07.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 3: Roter Mohn

Roter Mohn

Pause in einem Meer aus rotem Mohn, dann zurück zum Auto. Wir fahren raus zum Liepnitzsee. Unterwegs spontaner Umentschluss, die Abfahrt "Bogensee" nehmen. "Straße nur für Anlieger"- steht da. Aber wir wollen ja anlegen, also auf einer Decke am See. Wir fahren immer tiefer in den Wald, halten auf einem verlassenen Parkplatz. Wurzelwerk  bricht Bodenplatten auf. Vor uns eine ausgeblichene Wanderkarte. Wege lassen sich nur noch erahnen. Die Bushaltestelle am Straßenrand sieht aus, als wäre sie das letzte Mal in den Fünfzigern angefahren worden. Einen Pfad durchs Dickicht weist uns das Smartphone. "Der Wald ist unheimlich, so dicht." - sagt mein Freund. Irgendwann blaues Schimmern hinter Bäumen. Seerosen blühen auf dem Bogensee,  das Wasser ist klar und still. Vor unseren Füssen zischelt eine Schlange davon. Auf einer Anhöhe steht ein altes Holzhaus. Ein Loch ist im Zaun. Eine Tür lässt sich öffnen. Das ist jetzt aber nicht das Haus von Göbbels? Hitlers Propagandaminister soll hier eines besessen haben, behauptet das Internet, dabei auch ein Foto. Das muss es sein. Ich stehe in einem Zimmer vor Fototapete mit Strandmotiv, eher ungöbbelesk. Eine Treppe führt in einen Keller, klamm und schwarz ziehts hinauf. "Komm, lass uns abhauen!", rufe ich. Wir laufen zurück durch den Wald, kommen an der Rückwand eines Gebäudes heraus, ein Puzzlestück von etwas Surrealem. Staunend laufen wir über nicht endenwollendes Areal mit Parkanlagen, alten Skulpturen und klassizistischen Bauten, ein stillgelegtes Kongresszentrum im Niemandsland, wie in einem Zeitfenster eingefroren. Kein Vandalismus, keine Menschenseele, nur Natur, die alles überwuchert, Häuserwände, Park und Geschichte. Was war hier los mitten im Wald? Ganz hinten steht eine Terrassentür offen. "Nicht!", sagt der Freund. Ich steh schon auf Auslegware, blicke einen langen Flur hinunter - Kleiderbügel hängen an einer Garderobe, rechts ein leerer Papierkorb. Eine Tür fällt ins Schloss. Ich laufe hinaus, der Freund hat es auch gehört. Wir sind nicht allein. Wir laufen zurück zum Auto. Hinter einem Gebäude sitzt ein großer Pittbull - ohne Leine. Er blickt in unsere Richtung, regungslos, wie eine Skulptur. Ruhiger wird der Atmen erst wieder beim Blick über roten Mohn.

Jackie: "Ich fürchte mich!"
Siri: "Wenn ich es richtig verstehe, gehört Furcht zum Leben."

Kommentare: 
jackie@tip-berlin.de

Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 3

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 16.07.2014
Zeige Treffer pro Seite

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 24/2014

Wie Crowdfunding unsere Stadt verändert || Sommelier des Jahres: Willi Schögl || Hollywoodstar Jessica Chastain braucht Nähe || 32 Seiten Extra-Heft: Advent "Schöne Dinge machen" || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 20.11. - 03.12.2014.

Tip Top Ten: Am häufigsten gelesen