Me, My Selfie And I - Nummer 7, Hochzeit auf Isländisch

Irgendwo im Nirgendwo

Irgendwo im Nirgendwo: Vom Fenster aus sehen wir ein Bergpanorama, ein Flussband, das sich silbern durchs Tal zieht und ganz weit draussen eisig das Meer, das sich in tausend Arten von Grau und Violett mit dem Himmel vermischt. Die Nachricht über den Ausbruch des Bardarbunga kam unerwartet, doch unser Timing ist gut. Pünktlich zum Abflug wurde der "Code Red" für die Insel auf ein "Orange" abgeschwächt, was bedeutet, erstmal keine Lavafontänen und Aschewolken, die unseren Flug gefährden könnten, ganz im Gegenteil. Mit WOW Air landeten wir sogar eine halbe Stunde vor offizieller Ankunftszeit. „So ist das bei uns.“ - bemerkte die Stewardess mit pinkem Hütchen trocken. Heute ist ein großer Tag, denn wir heiraten auf Isländische Art.
Leider müssen wir zuvor auch so duschen und umstehende Pferde werden Zeuge, wie wir nackt über freies Feld zu einem Rohr laufen, das da schmucklos aus dem Erdboden ragt. Die Schreie verweichlichter Großstädter hallen im Morgenwind, während unterm eiskaltem Wasserstrahl, neben einem Haufen Pferdeäpfel, zitternd mit Hairconditioner hantiert wird. Danach laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ein Schaf grast vorm Fenster. Eine Fliege schläft auf dem Küchenbrett. Der Mann zieht sein neues Hemd sowie farblich passende Socken an. Die Nervosität steigt und ich beginne Dinge zu suchen. Statt mit Nadel und Faden befestige ich mit Kabelbinder den Schleier am Haarkranz. Das geht schneller. Im Duty Free Shop haben wir eine Flasche Champagner und  eine 5-Kilo-Stange Toblerone besorgt, die auch zum Selbstverteidigungsgerät taugt. Jetzt sollte nichts mehr schief gehen. Der Sheriff rollt im Jeep an. Die Isländische Version eines Standesbeamten erinnert im blauen Zweireiher und mit Schirmmütze an einen Kapitän auf hoher See. Das Zeremoniell ist kurz aber herzlich. Wir halten die ganze Zeit unsere Hände. Am Ende tauschen wir die Ringe. Ein Kuss folgt und noch ein zweiter. In Ermanglung eines Hochzeitsfotografen macht der Sheriff noch ein paar Fotos von uns. Die meisten sehen seltsam aus. Danach feiern wir ruhig mit Felsmassiven und Pferden. Das improvisierte Hochzeitsmahl mit Gourmethöhepunkt: "Isländische Pellkartoffel" findet vorm Ofen statt.  Das Holz knistert leise. Der Brautschleier liegt längt schon in einer Ecke, die Füße stecken in weichen Socken. Überhaupt ist vieles sehr weich in Island: die Luft, das Wasser, das Moos zwischen Vulkansteinen, die wolligen Hinterteile der Schafe... Irgendwo im Nirgendwo sitzen wir überglücklich unter einer Decke. Der Himmel leuchtet dunkelrot.  Irgendwo im Internet wurde gerade "Code Red" für Bardarbunga ausgerufen.

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 7

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 10.09.2014

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Me, My Self(ie) And I - Nummer 6

Me, My Self(ie) And I

"Senden Sie mir Ihr Selfie, ich schreibe Ihnen eine Geschichte dazu." So lautete mein Aufruf, und ja, Sie haben sich getraut. Anton Wolschnik schickte uns dieses Bild, aufgenommen in einer russischen Metrostation. Im Rahmen einer Aktion, welche die deutsch-russische Freundschaft wiederbeleben soll, haben Moskauer Kunststudenten heimische Metrostationen in Berliner U-Bahnhöfe umgestaltet. Im Bild ist der Bahnhof Meschdunarodnaja als liebevolle Kopie des Bahnhofs Wedding zu sehen. Von hier möchte Wolschnik, ein bekannter TV-Meteo­rologe, nun schleunigst abreisen. Er hat eine Abschiedsfeier mit Kollegen und Fans hinter sich, an deren Ende ihm eine Kiste Wodka, ein Massage­gutschein sowie der Aufkleber "Gentleman of the Year" überreicht wurde. Der deutschstämmige Wolschnik galt als Star des russischen Vorabendprogramms mit ausgesprochen guten Manieren. Unter erheblicher Anteilnahme der Bevölkerung hat er seinen Job als Wetterfrosch beim Staatsfernsehen hingeschmissen. 
Er war nicht länger bereit, die Vor­gaben der Chefetage hinzunehmen, sagte er. Sein Wetterbericht wurde zuletzt bis ins Groteske politisiert. Wolschnik wurde angewiesen, Schlechtwetterfronten ausschließlich über Gebieten der Ukraine, nicht jedoch über Russland anzusagen. 
Für Russland wurden die Symbole "Regen", "Blitz" und "Donner" konfisziert, lediglich "Sonne" und "leicht bewölkt" standen noch zur Auswahl. Säckeweise Beschwerden der durchnässten und vom Wetter überrumpelten Bevölkerung gingen ein. Laut Bericht hatte man sich, wie immer, auf einen sonnigen, leicht bewölkten Tag eingestellt. "Politik gehört nicht ins Wetter!", twitterte Wolschnik zuletzt auf seinem Account sowie: "Anne, ich liebe dich!" Inzwischen hat er ein Angebot in Deutschland angenommen. Hier wird er das Wetter für Berlin und Brandenburg moderieren. "Ich bin überglücklich", sagte Wolschnik sichtlich gerührt. "Endlich wieder Donner, Blitz und Regen für alle!"

Foto: Anton Wolschnik

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 6


Jackie: Ich habe bald Geburtstag! 

Siri: Zum Geburtstag viel Glück, zum ­Geburtstag viel Glück ... Oh, ich glaub, das ist urheberrechtlich geschützt.

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 27.08.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 5: Am Badesee

Jackie A. am Badesee

Selfie am Badesee, dahinter ein Hund auf einem Boot, dessen Spielzeug soeben in den Tiefen des Liepnitzsees versank. Der Tag beginnt also mit einem Hundedrama (Bällchen weg!) und einer Fahrt auf der Fähre. Dort treffe ich Anne. Ich hatte sie einst bei Chez Icke kennengelernt, einer Art multimedialen Theaterkneipe und einem Superprojekt, bei dem ich am Ende sternhagelvoll meinen Mantel und sämtliche Haustürschlüssel verloren hatte. Zuvor spielten wir sehr authentisch unsere Rollen als Kneipengäste, aber das nur am Rande.
Anne ist also Schauspielerin und hat auch ein paar Freunde vom Theater dabei. Die waren mir schon am Ufer aufgefallen, wie sie sich da im Berliner Dialekt und mit nacktem Oberkörper beratschlagten. Sie wollen wohl Geld sparen und schwimmen nun rüber zur Insel. Während Anne und ich auf der Fähre quatschen, rettet dann einer, quasi im Vorbeischwimmen, einem absaufenden Badegast das Leben. Soll noch mal jemand sagen, Schauspieler seien zu nichts nütze! Auf der Insel angekommen, wandern wir ein Stück durch den Wald. Der Weg ist mit Tannennadeln und Anekdoten von Georg (ich kam nicht dazu, nach seinem echten Namen zu fragen) gespickt. Bildgewaltig erzählt er von Welsen, die vom Grunde des Schlachtensees auftauchten, um dort Dackel oder Obdachlose zu verschlingen. Es geht auch um sein Theaterstück, an dem er gerade im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme der Agentur für Arbeit schreibt. "Nicht dein Ernst?!", frage ich nach. Es könnte ernst sein, denn Georg ist nach eigenen Angaben schon auf Seite 60. Falls ich es richtig verstanden habe, ist sein Held ein Arbeitsloser, der, lediglich mit Kühlschrank und Meerjungfrau ausgestattet, die Menschheit retten will, segelnd vom Meer aus. Bis zu dieser Sekunde kann ich mich nicht entscheiden, was ich grandioser finde: Georgs Story oder den Sachbearbeiter der Berliner Agentur für Arbeit, der ihn da in Ruhe sein Stück schreiben lässt. Als wir am Abend zurück zur Fähre kommen, ist dann auch der Hund wieder da, schwanzwedelnd und mit Ball-Ersatz: Happy End mit Story und Knochen!


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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 5

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 13.08.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 4: Geheimnisse

Jackie A.

Überall Seifenblasen. Sie fliegen über unsere Köpfe in die Baumkronen und zerschellen an den Türen eines "Trabant"-Wracks. Ein Mittdreißiger schüttet sich ein Päckchen Brausepulver in den Rachen und ruft: "Geil!"  Eine junge Frau gestikuliert über Sitzbänke,  die Backen voll mit süssem Speck.
Später wird es noch Starkregen geben- so, dass die weissen Ballerinas auf dem Nachhauseweg total dreckig werden...aber der Mond!  Der prangt groß und orange über uns...
In dieser Nacht sind alle ein bisschen besoffen von Brausepulver und innerer Aufruhr, die die Preisgabe von Geheimnissen aus alten Tagebüchern so mit sich bringt. Todesmutig lesen wir uns beim "Tagebuchsalon" gegenseitig vor. Theo hat einen Brief mitgebracht, denn er vor 13 Jahren einem Mädchen schickte, die er wiederum 3 Jahre zuvor in Taizé kennengelernt hatte. Der Brief war damals als unzustellbar zurückgekommen. Heute, nach all den Jahren, öffnet er ihn... großer Moment! Miriam liest Texte, verfasst als 15- Jährige. Frivoles, unverschämtes Zeug eines Teenagers aus der Hölle - unfassbar gut. Am Ende rufen wir: "Zugabe, Zugabe!". Ich berichte über meinen ersten (und bald auch letzten) LSD-Trip, eingenommen als junge Arbeitslose an einem recht langweiligen Nachmittag in der ersten eigenen Wohnung in Lichtenrade. In dieser Phase trug ich Lackstiefel, die übers Knie ragten und mein über 70-Jähriger Vermieter brüllte mir auf dem Weg zum Technoclub manchmal ein heiseres "Nutte" hinterher... Die guten alten Zeiten! Es geht noch um versteckte Festplatten in Internatsschränken und erfolglose Bewerbungsschreiben, wie als "Meerjungfrau" für das Aquarium des Berliner Zoos. Wir wollen jetzt gar nicht mehr aufhören zu lesen, fliegen durch die Nacht. Ähnlich, wie Münchhausen auf seiner Kanonenkugel, reiten wir auf Seifenblasen, nur das unsere Geschichten Wahrheiten sind. Bald schon wird es keine Tagebücher mehr geben. Das Leben wird auf Facebook und Twitter dokumentiert. Auch das kann unterhaltsam sein. - Allerdings, eine dramaturgisch entscheidende Zutat fehlt mir doch sehr: ein Geheimnis!

 

Zuletzt: Drei Worte ans Handy.

Jackie: "Sprich mit mir!"

Siri: "Ich finde es besser, wenn Du mir was erzählst."

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 4


von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 30.07.2014

Me, My Self(ie) And I - Nummer 3: Roter Mohn

Roter Mohn

Pause in einem Meer aus rotem Mohn, dann zurück zum Auto. Wir fahren raus zum Liepnitzsee. Unterwegs spontaner Umentschluss, die Abfahrt "Bogensee" nehmen. "Straße nur für Anlieger"- steht da. Aber wir wollen ja anlegen, also auf einer Decke am See. Wir fahren immer tiefer in den Wald, halten auf einem verlassenen Parkplatz. Wurzelwerk  bricht Bodenplatten auf. Vor uns eine ausgeblichene Wanderkarte. Wege lassen sich nur noch erahnen. Die Bushaltestelle am Straßenrand sieht aus, als wäre sie das letzte Mal in den Fünfzigern angefahren worden. Einen Pfad durchs Dickicht weist uns das Smartphone. "Der Wald ist unheimlich, so dicht." - sagt mein Freund. Irgendwann blaues Schimmern hinter Bäumen. Seerosen blühen auf dem Bogensee,  das Wasser ist klar und still. Vor unseren Füssen zischelt eine Schlange davon. Auf einer Anhöhe steht ein altes Holzhaus. Ein Loch ist im Zaun. Eine Tür lässt sich öffnen. Das ist jetzt aber nicht das Haus von Göbbels? Hitlers Propagandaminister soll hier eines besessen haben, behauptet das Internet, dabei auch ein Foto. Das muss es sein. Ich stehe in einem Zimmer vor Fototapete mit Strandmotiv, eher ungöbbelesk. Eine Treppe führt in einen Keller, klamm und schwarz ziehts hinauf. "Komm, lass uns abhauen!", rufe ich. Wir laufen zurück durch den Wald, kommen an der Rückwand eines Gebäudes heraus, ein Puzzlestück von etwas Surrealem. Staunend laufen wir über nicht endenwollendes Areal mit Parkanlagen, alten Skulpturen und klassizistischen Bauten, ein stillgelegtes Kongresszentrum im Niemandsland, wie in einem Zeitfenster eingefroren. Kein Vandalismus, keine Menschenseele, nur Natur, die alles überwuchert, Häuserwände, Park und Geschichte. Was war hier los mitten im Wald? Ganz hinten steht eine Terrassentür offen. "Nicht!", sagt der Freund. Ich steh schon auf Auslegware, blicke einen langen Flur hinunter - Kleiderbügel hängen an einer Garderobe, rechts ein leerer Papierkorb. Eine Tür fällt ins Schloss. Ich laufe hinaus, der Freund hat es auch gehört. Wir sind nicht allein. Wir laufen zurück zum Auto. Hinter einem Gebäude sitzt ein großer Pittbull - ohne Leine. Er blickt in unsere Richtung, regungslos, wie eine Skulptur. Ruhiger wird der Atmen erst wieder beim Blick über roten Mohn.

Jackie: "Ich fürchte mich!"
Siri: "Wenn ich es richtig verstehe, gehört Furcht zum Leben."

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 3

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 16.07.2014

Me, my Self(ie) And I - Folge 2: Mauerpark

Jackie A. im Mauerpark

Einen Schluck aus dem Becher nehmen, dann die Mundpartie kräuseln. Die 2 Sorten Rum ließen nur noch Platz für einen Spritzer Cola. Der Barmann meint es gut. "Is ja jetzt Wochenende, wa?", sagt er,  stummes Nicken meinerseits. Geschäftiges Treiben herrscht hier backstage im Mauerpark – trotz des miesen Wetters. Einen Berliner weht ja so schnell nichts weg.  Schon gar nicht, wenn die Versorgung vom Burger bis zum Cocktail gratis ist.  Da wickelt jemand zwei Veggie-Burger umständlich ein, bevor die in seinem Jutebeutel verschwinden. Ungezählte Bierflaschen werden in Jackentaschen und Rucksäcken abtransportiert. Frage mich gerade, ob Backstagebereiche so etwas wie die Tafel für erfolglose Berliner Musiker sind. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass heute Fête de la Musique ist und eine Getränkefirma hier eine Riesenbühne sponserte. Aber eigentlich ist es wurscht, weil im Mauerpark ja immer irgendeine Fete gefeiert wird, meist in unterschiedlichen Ausführungen zeitgleich. Hinten ein Sound-System mit Grime, vorne die Hippieband mit Congatrommlern, dazwischen, gut frisiert, ein Indie-Sänger mit Gitarre, eine Reisegruppe mit Techno-DJ und Karaokeparty auf der großen Bühne. Der Mauerpark ist ein Ort feierlicher Koexistenz. Hier gibt es keinen Touristenhass und keine Gentrifizierungsopfer, höchstens mal einen unschönen Grasfleck am Hintern. Der Eintritt ist frei und die Wiese groß genug für alle. Der Mauerpark ist wohl der freiheitlichste Ort in Prenzlauer Berg. Irgendwann dann, mit der Bebauung, werden die ersten Klagen kommen. Dann sind die guten Zeiten vorbei – zumindest nach 20 Uhr. Auch jetzt gerade ist es still. Dabei soll doch die Band spielen, wegen der ich und ein paar Tausend Leute kamen. "Stromausfall", sagt einer. "Peinlich!", lästert jemand anderes. Aber jetzt, die Musik kommt … und wie! Sonne bricht durch die Wolken und Caribou geben ein kurzes, jedoch großartiges Konzert vor einem wogenden Meer aus Köpfen – mittendrin ein Gelegenheitshändler mit einem winzigen, selbstegbastelten Schild: "Pfeffi = 50 Cent".  Kurzes Schmunzeln. Dann noch einen letzten Schluck aus dem Becher nehmen und denken: "Prost, Mauerpark. Bleib noch lange, wie du bist!"

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 2

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 02.07.2014

Me, my Self(ie) And I

Jackie A.: Me, my Self(ie) and I

Ein Blick durch das Smartphone mit Jackie A.

Selfie in der U-Bahn, Selfie im Badezimmer, Selfie am Tresen, Selfie vorm Reichstag, Selfie mit David Hasselhoff, Selfie vorm Standesamt oder in der Notaufnahme der Charité – ich bin eine von denen, die chronisch Selfies erstellen. Man kann diese Dokumentierwut als besorgniserregendes Symptom einer zunehmend um sich selbst kreisenden Gesellschaft verstehen – für mich sind es eher schnell gemachte Daseinsbelege, Erinnerungsstützen, auch mal Taschenspiegelersatz und nicht zuletzt ein Beleg für Sie, nach dem Motto: "Aha – die Autorin war auch dort." 
Aber was macht ein gutes Selfie aus? Google bot 47 700 Antworten an, darunter auch Studienergebnisse eines angeblichen Uni-Doktoranden aus Cambridge. Hiernach sind Selfies in warmen Farben beliebter als jene in kühlen. Sie sollten mit möglichst vielen #Stichwörtern verlinkt sein. Und ausgerechnet eine Tasse (?) im Bild soll für Erfolg, also viele Klicks, sorgen. Als ungünstig hingegen wurden Heizkörper, Küchengeräte und Laptops ermittelt.
Diese neuen Infos versuchte ich für sie umzusetzen. Ich habe einen Filter für warmes Licht benutzt, eine auffällige Tasse besorgt und einen Heizkörper aus dem Bild gephotoshopt. Anschließend habe ich einen Test gemacht, wie viel das Selfie taugt. Die Stimmung ist seither nicht mehr so gut hier in Pankow, aber wenn Sie Ihr Glück herausfordern möchten, hier können auch Sie ihren Selfie-Score errechnen lassen: http://popularity.csail.mit.edu/. Viel besser wäre es, wenn Sie mir Ihr Selfie zusenden würden. Ich schreibe Ihnen dann eine Geschichte dazu. Ich erfinde für Sie eine neue Identität, die Sie zum Beispiel aus Datenschutzgründen bei Facebook nutzen können. Ich meine das ernst, es wäre mir eine Freude! Zuvor und dazwischen nehme ich Sie an dieser Stelle mit auf eine hoffentlich abwechslungsreiche und persönliche Bilderreise.

 

Ihre Jackie A. 

Zuletzt: Frage an Siri: "Siri, Was ist ein Selfie?"
Siri: "Safi ist eine Großstadt in Marokko mit 344.800 Einwohnern." 

Seufz.

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 1

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 18.06.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 206: Abschied

Feierlaune

Immer schon wollte ich einen Text schreiben mit überschwänglichen Dankesbekundungen und  hier scheint der Moment gekommen: Tusch! Sie lesen die letzte Ausgabe von "Zwischen Disko und Dispo" - Danke, dass sie über 200 Folgen durchgehalten haben! Danke, dass sie mich auf offener Straße voller Sorge ansprachen, wenn der hier veröffentlichte Kontostand mal wieder stark ins Minus rutschte. Danke dass sie mich auf fragwürdige Society-Events in den Grunewald begleitet haben. Danke, dass sie sich mit mir auf Ravepartys in ehemaligen Luftschutzbunkern herumgetrieben haben. Danke, dass sie mit mir im "Fashionbloggercafe" vor lauter Markenhandtaschen und Pelzwesten beinahe depressiv wurden. Danke, dass sie mich zum Seniorenkaraoke nach Charlottenburg und in die virtuelle Kneipe auf Facebook begleitet haben. Danke, dass sie mit mir S-Bahn fuhren und Geschenke - einen Schlüssel - von fremden Fahrgästen annahmen. Danke, dass sie mit mir betrunken Sendungen im Piratenradio moderiert haben. Danke, dass sie mir beim Ritt auf einem Pferd zur Cluberöffnung auf der Friedrichstraße die Bügel hielten. Danke, dass sie mein Bewerbungsschreiben für das Raumfahrtprojekt "Mars One - The Human Settlement of Mars" offenbar lustiger fanden als "Mars One" selbst. Danke, dass sie während meiner Jurytätigkeit für den Talentwettbewerb einer Schnapsfirma die Punkte großzügig mitverteilten. Danke, dass sie sich in der Therme in Bad Wilsnack in Grund und Boden schämten, als wir hier nackt auf meinen ehemaligen Arbeitgeber trafen. Danke, dass sie nicht zögerten, gemeinsam mit mir bei der Promotionparty eines Duschgel-Herstellers unter Schaumbergen unseriöse Handlungen an nichtehelichen Partnern auszuüben. Danke für ihre Treue! Danke, dass sie lachten! Danke, dass sie den Heiligen Abend '92 an meiner Seite nach einer Verkettung ungünstiger Umstände fröstelnd und nur mit Unterwäsche bekleidet Morgens auf der Uhlandstraße einläuteten. Danke, dass sie mit mir und David Hasselhoff auf einem Fahrzeugtransporter "Looking-for Freedom"-singend, vergeblich gegen die Bebauung an der East Side Galerie demonstrierten.
Danke, dass sie mit mir gemeinsam älter, (ewig Enddreißig!) informierter (Google!) und schöner (Photoshop!) wurden. Danke dem Tip-Magazin, dass ich mich hier austoben durfte und über einen eigentlich recht typischen Berliner Lebensentwurf publizieren durfte - ein Dasein mit vergleichsweise schmalen Mitteln in der besten und vermutlich einzigen Stadt Deutschlands, in der man auch mit wenig Geld so reich, bunt und aufregend leben konnte.
Sie merken schon, dass ich hier die Vergangenheitsform wähle. Die Stadt verändert sich zusehends und wir tun es auch. Was kommt als Nächstes auf uns zu? Wird es besser, schlechter, oder einfach nur anders? Ich schlage vor, sie schauen gleich im nächsten Tip, Heft 13/14, nach. Wir sehen uns auf der letzen Seite!  

Ihre Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 206: Abschied!

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 03.06.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 205: Leuchtende Displays, fahle Herzen

Wie wir leben wollen

Im Torstraßencafe bei Cappuccino und freiem W-Lan sitzen,  dabei das Wetter mit unwirschem Blick (gerade noch Regen) dokumentieren. Ein Mann betritt das volle Cafe. Seine Jacke ist zerschlissen. Sein Gesicht ist schmutzig und er riecht streng, während er um Kleingeld bittet. Ich bin kurz davor, wie automatisiert abzuwinken, werd aber doch noch klar, sag "Wart‘ mal" und suche etwas Kleingeld. Die Frau gegenüber tippt weiter in den Laptop, ignoriert den Mann, wie die meisten anderen hier auch. Eine Mitarbeiterin kommt und sagt, er soll das Haus verlassen. Er erwidert, dass er Hunger hat und nur für etwas Essen sammelt. Es tut ihr leid, gibt sie zurück, aber so sind ihre Anweisungen. Der Ton ist harsch. Der Mann zieht ab. Ich schau mich um. All die hübschen Gesichter, die teuren Schuhe, die originellen T-Shirt-Aufdrucke... wie hässlich sie doch sind! Menschen mit leuchtenden Displays und fahlen Herzen. Ich ekele mich gerade sehr - auch vor mir selbst, ich gehöre ja dazu. Hier sitzen wir, schreiben schlaue Texte, entwickeln Start Ups für nachhaltige Anliegen oder Online-Magazine für Veganer, schaffen aber nicht im Alltag ein bisschen Menschlichkeit zu zeigen. Wie arm ist das eigentlich?
Es liegt wohl an diesem Cocoon, der uns fest und unsichtbar umgibt. Den brauchen wir, um uns vorm täglichen Wahnsinn zu schützen, um nicht über den Strom an Meldungen von Massakern, gekenterten Flüchtlingsboten, Tod und Leid irre zu werden. Wir sehen die Bilder, aber fühlen nichts dabei. Vermutlich ist das - bis zu einem gewissen Grad - auch besser so. Nur ist diese Gradwanderung heikel, denn sie entscheidet jeden Tag aufs Neue darüber, ob wir noch emphatischer Mensch oder schon konsumverstrahlte Kaltschnäuzer sind. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut. Wir könnten aufmerksamer sein, den Cocoon wieder durchlässiger machen. Mir gelingt das manchmal - nicht immer. Ich traf am U Bahnhof Kochstraße eine Frau, die nicht aufhörte zu weinen. Ich hab sie dann einfach angesprochen. Sie hatte gerade erfahren, dass ihr Sohn einen Unfall hatte und war völlig aufgelöst. Sie sprach schlechtes Deutsch und als ich merkte, dass ich mit Worten nicht weiter komme, hab ich sie in den Arm genommen. Ich glaube, dass es nicht umsonst war, denn zumindest weinte sie danach nicht mehr.
Ich hörte, dass es in dem Cafe zu Diebstählen kam und  hier deshalb so rigoros Nichtgäste des Hauses verwiesen werden. Man könnte beim nächsten Mal ja eines von den belegten Broten aus der Auslage mit auf den Weg geben. Das gutlaufende Cafe ginge daran vermutlich nicht pleite. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut, während ich bei Cappuccino auf die Torstraße blicke...

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 205: Leuchtende Displays, fahle Herzen

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 20.05.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 204: Frühling in Berlin: Je t'aime, Alter!

Schöne Blume

Tief einatmen und dann die Nase im Fliederbusch am Straßenrand versenken. Es sind dutzende kleine Blüten, die vor meinen Augen verschwimmen. Sie kitzeln an der Wange, weil ich mit dem Kopf mittendrin stecke. Der Plan: Heute die Nase benutzen, Fährte aufnehmen um den Frühling ins Gehirn zu katapultieren. Botenstoffe sollen endlich die gute Nachricht überbringen! Über sternenklare Sommernächte in Biergärten, das Gefühl wärmender Sonnenstrahlen auf schneeweissen Oberschenkeln, weichgespülte Berliner und Schmetterlingsrülpser - das große Hormonerwachen. Ich bin bereit! Nebenbei stelle ich fest, dass violetter Flieder anders riecht, als der weisse. Ah, und da drüben, die Maiglöckchen hinter dem Vorgartenzaun - ich will sie auch riechen! Meine Hand passt durch die Metallstäbe. Ich greife zu. Das duftet ja so gut! Hinter mir ruft jemand: "Wat soll dit denn werden?" Ich glaube den Rufer zu erkennen. Es ist der Mann, der in meinem Kiez Hundehaufen mit goldenem Farbspray einkreist, bis sie aussehen, wie moderne Plastiken auf barocken Tellern. Jetzt schnell die Blume ins Dekollete gesteckt und weitergelaufen. Nicht umdrehen! Auf der Oderberger hat jemand Tulpen gepflanzt. Ein Karton mit alten Büchern steht daneben. Ein Reiseführer für Paris liegt da aufgeschlagen auf einem Fenstersims, dazu eine leere Flasche Wodka. Recht so. Wer braucht schon Paris, wenn er Gorbatschow in Berlin treffen kann? Je t'aime, Alter! Ja, ich meine dich, Prenzlauer Berg! Und dich Pankow! Und dich Wedding! Beschwingt steige in die Tram. Es riecht nach "My Melody Dreams" und "Syoss"-Haarspray. Vor mir sitzt eine junge Frau. Etwas weiter hat sich ein junger Mann mit Kumpel platziert, der sich ihr im nun folgenden unverbindlichen Anbalzgespräch als "Maximus Sexus" vorstellt. "Dit is aber nur mein Facebookname!" fügt er an und dann: "Gucci Prada, Moschino, Swarowksi, wa?" Dabei deutet er auf ihre Handtasche. Sie lacht, er lacht, ich freu mich auch. Er ist kräftig, trägt Jogginghose und Glatze und kommt direkt zur Sache, fragt, ob sie einen Freund hat. Ja, hat sie. "Ok. Jespräch beendet!", ruft er und dann: "Obwohl, man kann ja och zu dritt zusammen sein, wa?" Die Art, wie er das sagte, war so, dass ich ein Lachen kaum noch unterdrücken konnte. Sie sagt, sie kommt aus Polen, er fragt: "Im Ernst?" Ja, kein Witz. Sie will jetzt seinen echten Namen wissen. Da tut er empört, was schon wieder lustig ist. Er sagt, das ginge ihm jetzt zu schnell. "Heiraten okay - aber meinen Namen sag ick dir nicht!" Es stellt sich heraus, dass sie nur zwei Straßen voneinander entfernt wohnen. "Dann sehen wir uns jetzt ja öfter!" sagt sie und winkt, als sie aussteigt. Maximus Sexus strahlt, der Kumpel kichert, ich riech‘ nochmal am Maiglöckchen... Je t'aime, Berlin, je t'aime!

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 204: Frühling in Berlin: Je t'aime, Alter!

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 06.05.2014
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tip Ausgabe 19/2014

Geheimnis Kunst: Berlin als Kunstmetropole || Wer folgt auf Wowereit? Die Kandi- daten im Gespräch || Nachruf von Nick Cave auf Risiko-Betreiber Alex Kögler || Berlin Art Week || Programm- und TV-Kalender: Termine vom 11.09. - 24.09.2014.

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