Zwischen Disko und Dispo, Folge 93: Matt Dillon

 
 
Fashionweek in Berlin - Reporter im Ausnahmezustand: akkreditieren, Schlange stehen, Gedränge am Red Carpet. „Matt Dillon, Matt Dillon- just one Question please!“ - keine Antwort, verdammt. Was schreibt die Konkurrenz?
Hektisch ein dutzend Tageszeitungen am Kiosk durchblättern: „Liliana Matthäus - Rausschmiss bei Modeschau!“ , „Natascha Ochsenknecht zeigt den Jungen, der ihre Falten glättet!“, „Vogue-Chefin trägt Jogginghosen!“ - Schweißperlen auf der Stirn. Reporter hat offenbar alle wichtige Ereignisse verpasst und braucht nun dringend einen Schnaps, auch einen neuen Job - seit Jahren schon. Doch Reporter kommt zu nichts, nicht zum Einkaufen, nicht zur Autowerkstatt, nicht zur Steuererklärung und nicht zum Jobcenter- nur Termine, Termine, Termine! Reporter will nicht mehr und geht nach Hause, formuliert im Kopf verschiedene Versionen von Kündigungsschreiben für verschiedene Arbeitgeber. Reporter träumt vom Ausstieg: Haus in der Sächsischen Schweiz, verschneite Tannen, marode Telefonleitungen, kein Netzempfang, Bus fährt nur zwei mal die Woche. Reporter schreibt Kriminalroman - Bestseller. Danach gemeinsamer Ruhestand mit der Lebensgefährtin - eine von dort mit Dialekt, Körbchengröße D - Schluss, aus, fertig.
Zuhause Hausschuhe, Thunfisch aus der Dose und „Wetten das“. Reporter sitzt vorm Computer und geht noch mal die Emails durch, nichts von belang, lediglich eine Einladung von Partyveranstalter Rocco zum Dinner. Reporter zieht den Mantel an und geht los. Fünfzehn Minuten Straßenbahnfahrt, dann Ankunft. Zwanzig Personen sitzen an einer Tafel, Kerzen, Rosen, Vier-Gänge-Menue: Französische Blutwurst, Orangenalbedo, geschmorte Ochsenbäckchen, Trüffelkartoffeln, marinierte Birnen. Reporter wird stutzig. Eine Promotionangestellte mit Dekollete lächelt von schräg gegenüber, Zweifel zerstreuend. „Gerald, super schön, dass du Zeit gefunden hast“- begrüßt der Gastgeber und drückt die Hand. „ Gerade noch so hinbekommen- weist ja, was los ist.“- sagt Reporter und nippt am Glas.“ Gastgeber Rocco weis bescheid, die anderen auch: Schauspieler, Modefotografen, Szenemultiplikatoren, alle an einem Tisch- Champagner! Reporter versucht einen Flirt mit der Nachbarin - langes dunkles Haar, Redakteurin beim „Quest“-Magazin. Es läuft nicht sehr gut, Migräne. Ein Mitveranstalter nimmt Gerald zur Seite, fragt harsch: „ Was wurde denn jetzt besprochen, was schreibst du über den Abend?“
Reporter stinrnglatzig und depressiv, jedoch mit letztem Rest Berufsehre versehen, stellt demonstrativ das Glas zurück auf den Tisch: Statement eines Unbestechlichen! Dann, Tür geht auf, kalter Luftzug, Schauspielerin Jana Pallaske betritt die Szene. Ihre Begleitung spricht Englisch, setzt sich auf den letzten freien Platz vis a vis. Reporter schwitzt, Herz schlägt schnell, hektisches Abtupfen der Stirn mit Baumwollserviette, dann betont beiläufig Kontaktaufnahme : „Ähm, Matt Dillon, right? ...how you doing? “











von  Jackie A.
Veröffentlicht: 01.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 01.02.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 92: DJ Walter




2010 sollte anders beginnen, als die Jahre zuvor. Nicht schwitzend in der überfüllten Panoramabar, und auch nicht im Kellerclub in Mitte, den Freund am DJ - Pult zusammenstauchend, weil er einen an diesen unpersönlichen Ort schleppte, mit kaputter Heizung und jeder Menge aufgeregter Partytouristen.
Silvester war zum ersten mal seit Jahren ausschließlich für die nächsten Verwandten reserviert, einem kleinen Kreis von zirka sechs Personen. Als Treffpunkt wurde die Hafenklause am Rande Berlins vereinbart und selbstverständlich würde hier keine DJ Größe Ricardo Villalobos auflegen, denn für das Musikprogramm vor Ort war und ist seit nun mehr 16 Jahren ein gewisser DJ Walter zuständig. Ich freute mich auf einen Abend ohne elektronische Musik, ohne Kokain, ohne H&M Schals und ohne moderne Haarschnitte - nur gutes Essen, meine Familie, und ein paar Leute vom Land!
Das Buffet wurde um Zwanzig Uhr eröffnet mit Gulasch, Bergen von Putenschnitzel und halben Eiern garniert mit Thunfischcreme. Um halb neun wurden die Partyhüte aufgesetzt, Tante Elise brachte sie mit und auch wenn der Verdacht nahe liegt ist Elise keine brave Kleinbürgerin, sondern ein Kind der 68er, Fan antiautoritärer Erziehungsmethoden und mit Partner Eberhard in einer offenen Beziehung lebend. Ich habe sie sehr gerne obwohl sie allgemein als anstrengend gilt, ein Vetter beschrieb sie mal als ‚nervlich durchgeschossen’. Jedenfalls trug Elise diesen kleinen Papphut mit Sternen und lachte von Anfang an ein bisschen zu laut. Auch der Rest der Verwandtschaft wirkte unentspannt, man reiste zusammen im Auto an- wer weis, was da wieder vorgefallen war.

Für den besonderen Abend hatte der Chef des Lokals eine 600 Euro teure Lichtanlage gemietet und das urige Interieur flackerte in den irrwitzigsten Lichteffekten. Rechts und links von der Tanzfläche saßen an Tischen ältere Herrschaften mit zusammengekniffenen Augen. Sie beobachteten einen Dackel, der im Zentrum der psychedelischen Lichtshow scheinbar grundlos ‚männchen’ machte. Einzig zufrieden wirkte DJ Walter. Der vielleicht sechzig Jährige trug Countryhalsschmuck und sein schwarz gefärbtes Haar zum Zopf gebunden. Ohne Hektik stellte er die vorbereitete Auswahl an Tonträgern auf: Musik von Christian Anders, Lady Gaga, Kristina Bach oder Frank Zander. Anfangs haben wir noch gelacht, es wurde sogar Discofox getanzt zu Helene Fischer’s: „Die Gefühle haben Schweigepflicht- was ich wirklich denk verschweige ich“ . Dennoch lief in der Hafenklause etwas ganz gewaltig aus dem Ruder - die Musikmischung, das Lichtgeflackere, der Rotkäppchensekt, Elises Lachen - und als gegen zehn ein paar Dorfjugendliche ein Tischfeuerwerk zündeten, war das Anlass für die Tante zum DJ-Pult zu gehen und dem Musikunterhalter ohne Vorankündigung mit der flachen Hand ins Gesicht zu schlagen. Elise wollte sich auch nicht entschuldigen und wurde des Lokals verwiesen, die Familie folgte wortlos und ich feiere nächstes Silvester wieder in der Panoramabar.

 

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 20.01.2010 , Zuletzt aktualisiert: 01.02.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 91: Party im Hilton



Als Partyreporter beginnt das neue Jahr mit der Frage, die schon im letzten Jahr interessierte: Woran um Himmels Willen erkennt man eine wirklich gute Party? Die Antwort ist seit zirka 1970 die selbe geblieben. So eine Party steht für mehr als ein paar besoffene Momente im hier und jetzt. Sie wirkt nachhaltig und kann ein ganzes Leben verändern. Meine Freundin Jenny würde ihnen das jederzeit bestätigen. Sie hat die Afterhour Party im Spa Bereich des Hotel Hilton nie vergessen.



Bei der Werbeveranstaltung eines Duschgelherstellers hatte man an alles gedacht:
Champagner, beheizte Swimming- und Whirlpools, Shrimpscocktails auf dem Buffet und das ‚Who is Who’ der Berliner Partygesellschaft auf der Gästeliste. Etwas müde saß sie hier um vier Uhr morgens im Whirlpool. Tausende Bläschen stiegen auf, im Wasser und in ihrem Champagnerglas, warmer Dampf ließ ihre Brillengläser beschlagen. Sie beobachtete wenig bekleidete Menschen, die jauchzend Wasserspritzspiele veranstalteten und erfreute sich an Schaumbergen, die nach Zugabe des marktneuen Duschgels mit betäubender Duftnote zu Housemusic-Tunes über den Pool waberten.

Nach drei Gläsern war Jenny bereit sich am Geschehen zu beteiligen. Sie schwamm und schwankte durchs Wasser vorbei an Luftmatratzen und Transvestiten, die hier nach verloren gegangenen Perücken suchten. Ein allgemeines Genecke folgte, jeder kniff mal jedem in den Po und leere Champagnerkübel umschifften die Partygäste wie nutzlose Bojen. Jennys Mann, ein DJ, musste am Abend in Gießen auflegen. Die lebensfrohe Musikpromoterin war es gewohnt alleine auf Partys zu feiern- nie hatten sich daraus Folgen für ihr weiteres Leben ergeben. Doch das hier war eine wirklich gute Party und während sie so im Wasser wankte, griff jemand von hinten in ihre Taille.

Der Typ, ein erfolgloser Musiker, war bekannt für seine Attraktivität inklusive der (Zitat) „besten Titten in ganz Berlin“. Wassertropfen perlten über seinen makellosen Oberkörper, er lächelte, kam näher und roch auch sehr gut. Jenny war merkwürdig zumute. Es folgte ein Kuss und noch einiges mehr inmitten eines gigantischen Zwei-Meter-Schaumbergs - gesponsert von der Firma Lever Faberge. Den dramatischen Höhepunkt erreicht die Geschichte, als Jenny bemerkte, dass sie in ihren Ehering im Schaum verlor und der kurze Spaß mit dem Tittenmann wich dem schlechtesten Gewissen, dass die Promoterin je mit sich trug. Die Nachricht über den vermissten Ehering machte die Runde und kollektive Hilfsbereitschaft setzte ein. Männer tauchten auf den Grund des Beckens und tatsächlich wurde der Ring gefunden.

Genutzt hat es nichts. Der Gatte wurde noch in Gießen über den Vorfall informiert - leider nicht von Jenny. Es gab einen Riesenkrach, die Scheidung wurde beschlossen und die Promoterin zog aus dem 120 qm Loftapartement im Grunewald in eine 1- Zimmer Wohnung in den Wedding. Den Tittenmann hat sie nie wieder gesehen und ihr Leben war fortan ein anderes.

 

foto: sturm/pixelio

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 08.01.2010 , Zuletzt aktualisiert: 08.01.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 90: Berliner Blinde Date

Freitagnacht, illegale Party in Neukölln.
Jackie (am Handy): Du musst an den gelben Müllcontainern vorbei, die Treppe rauf.
Date (am Handy): Bin jetzt drinnen, wo bist du?
Jackie(am Handy): Vorne am Tresen, silbernes Kleid.
Date (am Handy): Ach, ich sehe schon...(drängelt sich durchs Gewühl)
Jackie: Hallo! Begrüßung mit flüchtigen Küssen auf die Wange. Er sieht viel jünger aus, als gedacht, komme mir bescheuert vor.

Date: Hey, ich hab dir ein Geschenk mitgebracht! Die Verabredung überreicht einen 50 cm langen, grünen Gummiwurm (Süßware)
Jackie: Das ist ja... (hektisch das Ding im Stoffbeutel verstauend) ...geil. Danke. Hätte dich ja fast nicht erkannt. Du siehst ganz anders aus, als auf dem Profilfoto.
Date: kuckt verunsichert.
Jackie: Ne, sieht schon gut aus, aber irgendwie, naja, so lockig.
Date (beleidigt): Du bist aber auch keine 25 mehr.

Ratlosigkeit auf beiden Seiten. Es ist klar, dass hier nichts laufen wird. Wir bestellen Drinks, setzten uns auf eine muffige 70er Couch und schweigen. Dann...
Date: Also ich hab da gerade so ne Geschichte am laufen- wir sind jetzt nicht zusammen. Sie ist aus Stockholm, das ist ja eh zu weit weg, aber wir sind total verknallt ... und jetzt hat sie mit nem Anderen rumgemacht. Ich kenne den auch noch, sone fiesen Type! (ärgert sich)

Jackie: Ja, das ist blöd, aber muss jetzt nichts bedeuten.
Date: Das hat sie auch gesagt.
Jackie: Hab ja was Ähnliches hinter mir, voll verknallt und so, war dann aber doch nichts.
Betretenes Schweigen.

Einige Vodkas später... Das Gespräch gewinnt an Dynamik.
Date (euphorisch) :...und dann habe ich die Praxis aufgegeben und lege seither nur noch als DJ auf!
Jackie: Man sollte viel öfter konsequent sein!
Date: Ist so... was machst du eigentlich?
Jackie (kuckt ernst): Ich bin Nachtlebenreporterin. Sehr spannender Job, also manchmal.
Date: Kann ich mir vorstellen. Schreib doch mal was über mich!
Jackie: Mach ich!

Später...
Betrunkener Pragmatismus setzt sich durch. Damit der Weg nicht umsonnst war, wird nun am Tanzflächenrand geknutscht- fünf leidenschaftslose Minuten, dann Abbruch. Man tanzt lieber zu Funkmusik weiter.

Viel später...
Was ist hier los? DJ Hunee hat übernommen, die Musik ist genial und ein zirka 70 Jähriger Freak tanzt mit einem Eimer in ‚Künstler-Obdachlosen- man-weis-es- nicht-genau’ -Montur herum und produziert riesige Seifenblasen. Menschen beginnen zu Jubeln, irgendwer spendiert Freidrinks, die Party ist der Hammer und der Greis unser bester Kumpel.

Am Schluss...
Wieder auf der siebziger Couch. Wir unterhalten uns seit Stunden, über Politik glaube ich. Mein Date ist längst verschwunden. Der Seifenblasengreis sagt, er müsste mal weg, fragt ob ich kurz den Eimer nehmen kann. Seit 30 Minuten warte ich jetzt, auf meinem Schoß ein Eimer voller Seifenlauge und in der Tasche einen halben Meter klebrigen Gummiwurm. - Wer sagt, dass so ein Blinde Date nichts bringt, hat irgendwie schon recht.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 28.12.2009 , Zuletzt aktualisiert: 08.01.2010

Zwischen Disko und Dispo, Folge 89: Zurück im Geschäft

 

Bin wieder Single oder zurück im Geschäft, wie Betroffene nach Abschluss des typischen vier- bis sieben- jährigen Beziehungszyklus manchmal sagen. Da steht man dann Abends mit seinen zerplatzten Träumen an der Bar, hat diesen Dackelblick drauf, beschimpft ein bisschen die Bedienung, weil angeblich zuviel Eis und zuwenig Kohlensäure im Prosecco ist und tut sich auch sonst recht leid. Vielleicht aber hat die Exbeziehung zuvor großen Mist gebaut und statt des Kummers herrscht nun ein Gefühl der Wut und Empörung vor.
- Das wäre ja ein Glücksfall, denn ist im Gegensatz zur irgendwie lähmenden Trauer ist Wut ein Gefühl, dass einen gut voran bringen kann. Wütende Menschen haben  Punk- und Death- Metal- Bands gegründet, gingen in die Politik oder schrieben ihren ersten Bestseller in Form eines zutiefst missgünstigen Enthüllungsromans mit dem Ex als Hauptakteur. So gesehen hatte ich wohl Glück.
Das ich Single bin, habe ich am Computer erfahren. Gleich auf der Startseite einer großen Internetcommunity stand unter der Rubrik „Höhepunkte“ der Name meines Freundes, daneben ein kleines, rotes Comic-Herz und neueste Statusmeldung „ist jetzt Single“ - darunter Kommentare von verschiedenen Leuten, wie: „What?“, “ Ey Alter, geil“ oder „Bist du Samstag im WMF?“  Unsere Trennung kündigte sich schon länger an, aber diese Ansage im World Wide Web kam dann doch überraschend.
Nach zur Redestellung von F. - in Wahrheit ein passabler Mensch- war schnell klar, dass es sich um ein Versehen handelte. Er wollte das wohl unauffällig im Profil abändern,  hatte dabei aber, wie wahrscheinlich ein paar tausend andere Nutzer auch, die Privatsphäreeinstellungen des Anbieters nicht wirklich im Griff. Um sauer zu werden reichte es trotzdem. Ich schrieb der Community-Geschäftsführung eine sehr böse Email und möglicherweise kamen noch andere derart geschockte Singles auf diese Idee-  jedenfalls war die Rubrik „Höhepunkte“ zwei  Tage später verschwunden. Übrig geblieben sind praktische Dinge, wie der Partykalender oder die Chatfunktion, letztere  nutze ich nun besonders häufig. Chatfunktion an: „Ey XY, alles fit? Bin wieder Single- wann gehen wir Kaffee trinken?“
XY: „Hahaha - Samstag?“  - noch nie hatte  ich so viele Verabredungen, wie an den letzten drei Wochenenden.  
Allerdings lief die Akquise bisher nicht sehr erfolgreich. Einmal erkannte ich die Verabredung nicht, weil die ein Profilfoto von 1978 benutzte, dann war sie witzig  hatte aber keine Frontzähne mehr, ein anderes Mal attraktiv nur leider viel zu ichbezogen und gleich mehrmals traf ich Personen, die gerade, wie man selbst, ihre kürzlich gescheiterte Beziehung verarbeiten.  Dann unterhält man sich stundenlang über die Expartner und abgehakte Lebensentwürfe, über das alleine Wohnen, jammert im Kanon, trinkt viel, schimpft mit dem Barmann, weil der Wein angeblich korkt und schaut sich irgendwann im Laufe des Abends auch mal tiefer in die Augen- und da ist er dann, der beleidigte Dackelblick. Willkommen zurück im Geschäft.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 11.12.2009 , Zuletzt aktualisiert: 11.12.2009

Zwischen Disko und Dispo, Folge 88: Spazieren studieren



Samstagabend in der Straßenbahn kam ich mit ein paar jungen Leuten ins Gespräch, sie stiegen Höhe Schönhauser Allee zu und waren höchstens sechzehn. Wir tranken zusammen Alkopops und es kam wie es immer kommt- man wollte Partytipps von mir. Ich hätte ihnen natürlich das Felix, Matrix oder den Tresor empfehlen können, aber diesmal wollte ich etwas anderes versuchen - als Erwachsener auch mal positiv Einfluss nehmen und zum Nachdenken anregen. In einem verunglücktem Gesprächsbogen kam ich von einer Afterhour-Geschichte aus dem Golden Gate  zur etwas langatmig geratenen Umschreibung der Flaniermeile am Tegeler See und meinem eigentlichen Anliegen,  der Promenadologie - es hätte wirklich besser laufen können.  Leider bin ich kein Pädagoge und die Kidz wirkten bis zum finalen Themenschwerpunkt, Nicole Scherzingers Hair-Extansions, mächtig gelangweilt.
Dabei übertreibe ich überhaupt nicht, wenn ich sage, für Clubgänger ist die Promenadologie, also die Wissenschaft des Spazierengehens, von Interesse.  Den Link hierzu habe ich in einem Internetforum für Raver gefunden, direkt neben Gästelistenanfragen für die Berghain-Kantine und Hinweisen auf schlechte Extasypillen. Noch nie zuvor hatte ich etwas von dieser Spaziergangswissenschaft gehört, war aber intuitiv sofort Fan.

Es sollten ja nicht nur Senioren und psychisch Krankte von der heilenden Wirkung des Spazierengehens profitieren. Gut möglich, dass notorische Diskogänger um die Dreißig den Spaziergang am Montag viel dringender benötigten  als rüstige Vertreter der Generation 70 plus.  Man brauch es ja nur noch mal abzurufen, dieses Gefühl der inneren Leere, des Ausgebranntseins, des schwarzen Lochs im Kopf und des Total-Schadens nach der letzten ‚24-hours-is-not-enought’-Clubtour. Schlimm. Ein Spaziergang am See kann Leben retten!
Allerdings ist dem echten Promenadologen-Profi  der Regenerationsgedanke zu kurz gegriffen, besser gesagt er interessiert ihn überhaupt nicht. Er muss sich viel mehr  konzentrieren, weil er  die Umwelt bewusst wahrnehmen will, um neue Sichtweisen zu entdecken auf die Stadt und ihre Planung. Aus diesem Grund spaziert er auch dort,  wo’s mal nicht gerade schön oder entspannend ist, wie auf dem Gelände des Flughafen Schönefeld oder neben der Stadtautobahn in Tempelhof Richtung Ikea. Es wird sie wohl nicht überraschen, dass man Spaziergangswissenschaften auch an der Uni studieren kann, Fachbereich Architektur- und Landschaftsplanung in Kassel, und hätte ich nicht so viele Termine, ich würde es tun. Vielleicht.  Die Kidz aus der Tram eher nicht. Und so beginnen Promenadologen - Karrieren in Berlin vorerst noch  unfreiwillig. Beispielsweise am Sonntag morgen, beim Verlassen des Clubs. Wenn das Geld für die Rückfahrt schon wieder nicht reicht und man die Strecke nach Hause zu Fuß nehmen muss. Anfangs fluchend, später dankbar für die aufgehende Sonne über menschenleeren Straßenzügen.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 24.11.2009 , Zuletzt aktualisiert: 24.11.2009

Zwischen Disko und Dispo, Folge 87: It-Girls


Den meisten Berlinern ist es zu blöd, sich für sie zu interessieren.
Wohl auch, weil die Attraktivität des Titels in den Neunziger Jahren durch Ariane Sommer erheblichen Schaden nahm. - Was sollte schon toll daran sein, sich mit  halbnacktem Arsch in eine Wanne voll Mouse au Chocolat zu setzen?  So ein It-Girl Girl Status ist ja eher schlicht. Die alte Regel ‚Ist nichts, kann nichts, sieht aber aus’ - mag noch in LA oder der Wustermark funktionieren, für Berliner Standards wirkt das eher ‚Fünfziger’.
Wegen mangelnder Nachfrage kann man „Hollywood -It’s“, wie die Lohan angeblich schon zum Schnäppchentarif in die Stadt ordern, für dreißigtausend Euro, so sagt man. Noch schlechter ist es um heimische Ressourcen bestellt. Googelt man ‚Berliner It-Girl’  erscheinen nur wenige Links, einer führt zur Seite der gelernten Kosmetikerin Michaela De Haan, ein weiterer zu Friederike Jahn, einer jungen Regisseurin. Die hausfrauenblonde Michaela modelt ein bisschen, letztere kann was und scheidet damit wegen Überqualifizierung aus - Berlin kann ja so unglamourös sein!

Das war nicht immer so.  Bei der It-Girl-Fachzeitschrift „BZ“ begab man sich ‚uff Recherche’  und machte das erste und wohl auch minderjährigste It-Girl Berlins ausfindig. Um 1780  veranstaltete demnach die damals Sechzehn-Jährige Henriette Herz angesagte Literaturzirkel auf der Szenemeile „Spandauer Straße“. Das gesellschaftliche ‚Who is Who’, darunter die Brüder Humbold oder die Philosophen Schleiermacher und Mirabeau, palaverte hier über die im It-Girl-Kontext eher unvermuteten Themen, wie die Sturm- und Drangwerke Goethes. Nach dem Tod ihres Ehemannes stellte Frau Herz um Achtzehnhundert ihre Aktivitäten als Salonniere ein. Von diesem Verlust hat sich die heimische It- Girl- Branche offenbar nie erholt.
 Ganz anders in New York: hier sind It-Girls Thema, gerade wegen einer gewissen Kari Ferrell, die den Begriff auf ganz eigene Art definierte. Das Partygirl war Stammgast in allen wichtigen Clubs von  Williamsburg und Brooklyn und  jobbte als Assistentin beim Vice-Magazin. Als ein Mitarbeiter die hübsche und großmäulige Kollegin googelte, fand er sie auf der  „Most Wanted“- Seite des Police Departments wieder- gesucht wegen Scheckbetrug, Ladendiebstahl und Urkundenfälschung. Ferrell machte nicht mal vor eigenen Freunden halt, sie stahl Handys und Bankkarten ihrer Liebhaber, erfand Schwangerschaften oder Krebserkrankungen um sich ‚dringend benötigtes’ Geld zu leihen. Einmal dem Partygirl ausgehändigt, wurde die Kohle nie wieder gesehen- Gesamtschaden 60.000 Dollar.
Der New York Observer berichtete mehrseitig, Interviews der Opfer waren in Blogs nachzulesen - Ferrell avancierte zum meistgesuchten Szenegirl New Yorks. Inzwischen verhaftet, macht Kari aus dem Knast weiter Karriere. Sie bloggt über Partygirl-Befindlichkeiten hinter Gittern und hat auch schon reichlich Fans in den USA. Berlinern hingegen ist es zu blöd, sich für It-Girls zu interessieren - meistens jedenfalls.

IT- Girl Henriette H.  

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 10.11.2009 , Zuletzt aktualisiert: 10.11.2009

Zwischen Disko und Dispo, Folge 86: WG mit Mutti



Meine Mutter möchte mit mir zusammen ziehen, und Frank Schirrmacher ist schuld. Seit sie mir vor Jahren das von Benanntem verfasste Buch Minimum unter den Weihnachtsbaum legte, war nichts mehr wie früher zwischen uns. Sie hatte sich verknallt in die Schirrmachersche Vision von der Sicherung sozialen Kapitals - wenn schon kein anderes da war - durch die Stärkung des Familienverbundes oder einer ähnlichen Gemeinschaft. Für meine Mutti hieß das zusammenziehen, sofort. Für mich bedeutet das schlechte Laune bei Familienfesten und ständig neue Ausreden finden. Ihre Argumentation ist die von Frank aber sie ist gut. Sie hat ganze Passagen des Buches auswendig drauf.
Natürlich ist  klar, geht es der Mutter schlecht, ist man da, irgendwann, hoffentlich später als früher. Aber mit Mutti eine WG gründen, weil’s Spaß machen soll? - Eine merkwürdige Vorstellung.
Zugegeben, meine Mutter und ich sind aus dem selben Holz geschnitzt.
Wir stehen beide auf Partys und hübsche Männer. Mutti war ein frühes Sozialistisches It-Girl: hart arbeiten,  härter feiern - so hält sie es bis heute. Dabei  ist es nicht immer einfach zu ertragen, wenn die Mutter in Lederkluft von anderen Lederkluftträgern mit der Harley angeholt wird, blos weil  ZZ-Top  in der Stadt sind. Als Tochter findet man so was nicht gut. Es sind Momente tiefer Peinlichkeit, wenn die Mutter beim kleinsten gesellschaftlichen Ereignis mal wieder beweisen muss, das man mit  Mitte Fünfzig immer noch erste auf der Tanzfläche sein kann und übrigens auch dort, wo es gar keine Tanzfläche gibt. Mutti braucht keine Visuals und auch kein „Funktion One“ Sound-System - ihr reicht der Monokassettenrekorder auf dem Tresen beim Italiener.
Möglicherweise finden sie das lustig, mich stimmt das eher betroffen. Immer wieder versuchte ich meiner Mutter zu erklären, dass nur sehr wenige erwachsene Frauen das Bedürfnis verspüren mit ihren Müttern zusammen zu leben. Ich erinnerte sie an die Johns aus dem  Nachbarhaus, über die sie früher so gerne lästerte. Sigrid und Anne John waren Mutter und Tochter mit gemeinschaftlichen Wohnsitz und  wirkten wie Hauptdarstellerinnen eines bizarren Thrillers. Beide trugen die selben platinblonden kurzen Locken und führten jeden Mittag zur selben Zeit Ihre Hunde gleicher Rasse gassi. Sie wirkten nahezu identisch,  nur war eine eben älter. Es wurden auch nie Freunde oder Männer in ihrer Nähe gesehen.
„Das wäre bei uns ja schon anders“- hielt meine Mutter dagegen. Gestern hat sie wieder angerufen. Sie klang euphorisch am Telefon. Sie hat ein Haus besichtigt am Stadtrand mit genügend Platz für mich und meine Schwester- ein günstiger Mietkauf, berichtete sie und dass sie auch schon zugesagt hätte.  Ich denke, ich werde Frank Schirrmacher verklagen.








von  Jackie A.
Veröffentlicht: 30.10.2009 , Zuletzt aktualisiert: 30.10.2009

Zwischen Disko und Dispo, Folge 85: Ankunft im Westen



Geflüchtet bin ich mit meiner Mutter 1989 aus der DDR im Trabant Richtung Prager Botschaft - drei Monate vorm Mauerfall. Meine Mutter wollte eine bessere Zukunft für ihre Familie - ich wollte den Westen, so wie ich ihn aus dem Werbefernsehen kannte:  Coca Cola, Snickers, Fa-Duschgel und  geile Rumpartys an Sandstränden in der Karibik. 

Ein paar Monate später landete ich in Berlin als Tresenkraft in einem fensterlosen Ex-Nazibunker und verstand die Welt nicht mehr. Es wollte mir nicht in den Kopf, wieso die Leute hier - endlich wiedervereint und gemeinschaftlich Bestandteil der anziehenden Glitzerwelt des Kapitalismus - ausgerechnet in einen hässlichen Beton-Bunker zum Feiern einkehren und es benötigte seine Zeit bis ich verstand, worin der Wert am Standort Bunker bestand.
Bis dahin war mein Leben vor Ort von Missverständnissen geprägt. Während ich an meinem schmucklosen Arbeitsplatz noch von künstlichen Welten vergangenen 80er-Jahre-Diskothekenglamours träumte, war die große Mehrheit der Besucher fasziniert von der strengen Authentizität des Gebäudes.
Die Kids der aufkommenden Ravesociety versammelten sich im Erdgeschoss zum Feiern und „E’s“ schmeißen und eine Treppe höher schwadronierten bleiche Typen in Carmouflagehosen,  Gabbafans . Beim tanzen zu maschinengewehrsalvenartigen Bässen erinnerten sie an grimmige ‚Duracell-Häschen’ und ich ahnte bereits, auf flockiges Disco-Ambiente im Haus vergeblich zu warten.

Im Bunker ging es immer ums Ganze - das Ausloten von Grenzen und Regeln, Kontrollverlust und Schmerz.  Die heutigen Berghain-Chefs veranstalteten hier ihre frühen Herren-Sex-Partys „Snax“, während sich ungefähr zeitgleich die SM- und Fetischszene in einer anliegenden Baracke einrichtete, dem Ex- Kreuz-Club.

Samstags traf sich hier erwachsenes Publikum in Gummi oder Lack-Klamotte um den drei speziellen ‚F’ zu frönen: Feiern, Ficken, Fisten. Anfangs hat mich der Anblick schockiert. Für eine Frau, die während hier ausgetragener sexueller Merkwürdigkeiten besonders laut stöhnte, wollte ich sogar den Krankenwagen rufen, zum Glück klärte man mich rechtzeitig auf. Am Ende aß ich mein Pausenbrot inmitten masturbierender und mit Nadeln gespickter Halbnackter, man kannte sich ja.

Manchmal wurden Gynäkologiestuhl und Folterbank an den Bühnenrand gerückt, um Platz für Künstler und ihre Stand-Up-Performanes in „Dr. Seltsam’s Nachtcafe“ zu schaffen- Kleinkunst im SM-Ambiente funktionierte auch ziemlich gut und das Nachtcafe war dauend überfüllt. Natürlich trafen Beteiligte der unterschiedlichen Nischen auch aufeinander. Ich erinnere mich, als eine 1, 80 Meter Blondine einen nackten Mann mit schwarzer Ledermaske, wie ein Hündchen, auf allen vieren an der Leine über den Hof führte, vorbei an einer Gruppe Kids in nassgeschwitzen T-Shirts- Aufschrift: „ Bunker- The Hardest Club On Earth “. Beim passieren der Jungs stoppte die Domina und man grüßte sich, kurz aber freundlich, wie in der Schlange beim Bäcker. Ohne Frage würde mich die Feierkultur in Berlin noch eine Zeit lang beschäftigen.
 



von  Jackie A.
Veröffentlicht: 13.10.2009 , Zuletzt aktualisiert: 13.10.2009

Zwischen Disko und Dispo, Folge 84: Pankow

 

 

Gerade bin ich nach Pankow gezogen. Wie verzaubert war ich, als ich zum ersten mal im Schlosspark stand, warmer Wind ließ die Blätter der Eichen rascheln. Ich sah Eltern auf Picknickdecken, die ihre glucksenden Kinder gen Himmel hoben und glückliche Hunde, die über blühende Wiesen tollten- sogar die Jogger hier hatten ein Lächeln auf den Lippen.
Alles schien so friedlich und harmonisch, dass ich sofort Teil werden wollte dieses unwirklichen und unhippen Berliner Bezirks, in dem Männer Bärte tragen, weil sie morgens schlicht keine Zeit zum rasieren hatten und nicht weil XY auf dem Cover der Groove letztens mit Bartwuchs posierte. Den Frauen hier ist es auch egal, ob die Jeans ‚slim’ oder ‚baggy’ sitzt, wichtig ist nur das der Arsch reinpasst, denn anders als in vielen zentralen Bezirken trägt die Pankower Durchschnittsfrau, meist mehrfache Mutter, Konfektionsgröße 38 und wirkt trotzdem gut gelaunt. Pankow klingt schon ganz anders als Mitte oder Wedding. Aus offenen stehenden Festern hört man Wellensitiche schimpfen und Kinderstimmen Fantasielieder summen. Wäre Pankow Musik hörte es sich an schönen Tagen nach Simon & Garfunkel an (an den anderen nach Phudys) und wäre Pankow eine Jacke, wäre sie aus organischer Baumwolle, bequem und mit großen Taschen. Kein Wunder also, dass sich hier besonders viele Senioren zu Hause fühlen. Man trifft sie überall. An abgelegenen Tramhaltestellen, wie „Am Idafenngraben“ erkennt man sie schon aus der Ferne an den kleinen Lederhandtaschen, die sie am Handgelenk mit sich führen. Darin steckt ein gebügeltes Taschentuch, zwei Lesebrillen, ein Portemonnaie und ein Reisenähset - Mein 70 jähriger Gesprächspartner verriet es mir letztens, als die Bahn mal wieder auf sich warten ließ.
Im Gegenzug beschwerte ich mich beim Greis. Es war keine Absicht, es sprudelte einfach so aus mir heraus. ich konnte Pankow plötzlich nicht mehr leiden. Es lag wohl nicht am Bezirk, dem Kinder-, Hunde- und Seniorenparadies, sondern mehr an mir - jemanden der eben nicht über Kind, Hund oder Rentenbezüge verfügt. Ich erzählte ihm, wie mein Vermieter letztens an der Tür klingelte mit der Frage, ob ich wirklich so viel Nachts arbeite, wie man im Haus munkelt. Selten kam ich mir so verrucht vor wie an jenem Mittag - im roten Eduscho- Morgenmantel im Türrahmen lehnend. Außenseiter sein macht aber nur gelegentlich Spaß.
Ich beschwerte mich also weiter und fragte den Rentner ob er sich vorstellen kann , wie es ist morgens um sechs betrunken von der Arbeit, also aus dem Club, nachhause zu kommen und im dunklen Hinterhof erstmal über ein Plastiktretauto zufallen. Zwei Stunden später wird man dann vom Rasenmäher geweckt- eine Zumutung!
Der Rentner gibt sich distanziert und schaut auf die Uhr. Nein, sagt er, er könne sich das nicht vorstellen, er besäße zwar auch einen Rasenmäher wohne aber in Charlottenburg. Nach diesen Worten verabschiedete er sich und nahm seinen Weg zu Fuß weiter - wie sie sich denken können, lebe ich weiterhin in Pankow.

von  Jackie A.
Veröffentlicht: 30.09.2009 , Zuletzt aktualisiert: 20.11.2009
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