Me, My Self(ie) And I - Nummer 3: Roter Mohn

Roter Mohn

Pause in einem Meer aus rotem Mohn, dann zurück zum Auto. Wir fahren raus zum Liepnitzsee. Unterwegs spontaner Umentschluss, die Abfahrt "Bogensee" nehmen. "Straße nur für Anlieger"- steht da. Aber wir wollen ja anlegen, also auf einer Decke am See. Wir fahren immer tiefer in den Wald, halten auf einem verlassenen Parkplatz. Wurzelwerk  bricht Bodenplatten auf. Vor uns eine ausgeblichene Wanderkarte. Wege lassen sich nur noch erahnen. Die Bushaltestelle am Straßenrand sieht aus, als wäre sie das letzte Mal in den Fünfzigern angefahren worden. Einen Pfad durchs Dickicht weist uns das Smartphone. "Der Wald ist unheimlich, so dicht." - sagt mein Freund. Irgendwann blaues Schimmern hinter Bäumen. Seerosen blühen auf dem Bogensee,  das Wasser ist klar und still. Vor unseren Füssen zischelt eine Schlange davon. Auf einer Anhöhe steht ein altes Holzhaus. Ein Loch ist im Zaun. Eine Tür lässt sich öffnen. Das ist jetzt aber nicht das Haus von Göbbels? Hitlers Propagandaminister soll hier eines besessen haben, behauptet das Internet, dabei auch ein Foto. Das muss es sein. Ich stehe in einem Zimmer vor Fototapete mit Strandmotiv, eher ungöbbelesk. Eine Treppe führt in einen Keller, klamm und schwarz ziehts hinauf. "Komm, lass uns abhauen!", rufe ich. Wir laufen zurück durch den Wald, kommen an der Rückwand eines Gebäudes heraus, ein Puzzlestück von etwas Surrealem. Staunend laufen wir über nicht endenwollendes Areal mit Parkanlagen, alten Skulpturen und klassizistischen Bauten, ein stillgelegtes Kongresszentrum im Niemandsland, wie in einem Zeitfenster eingefroren. Kein Vandalismus, keine Menschenseele, nur Natur, die alles überwuchert, Häuserwände, Park und Geschichte. Was war hier los mitten im Wald? Ganz hinten steht eine Terrassentür offen. "Nicht!", sagt der Freund. Ich steh schon auf Auslegware, blicke einen langen Flur hinunter - Kleiderbügel hängen an einer Garderobe, rechts ein leerer Papierkorb. Eine Tür fällt ins Schloss. Ich laufe hinaus, der Freund hat es auch gehört. Wir sind nicht allein. Wir laufen zurück zum Auto. Hinter einem Gebäude sitzt ein großer Pittbull - ohne Leine. Er blickt in unsere Richtung, regungslos, wie eine Skulptur. Ruhiger wird der Atmen erst wieder beim Blick über roten Mohn.

Jackie: "Ich fürchte mich!"
Siri: "Wenn ich es richtig verstehe, gehört Furcht zum Leben."

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 3

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 16.07.2014

Me, my Self(ie) And I - Folge 2: Mauerpark

Jackie A. im Mauerpark

Einen Schluck aus dem Becher nehmen, dann die Mundpartie kräuseln. Die 2 Sorten Rum ließen nur noch Platz für einen Spritzer Cola. Der Barmann meint es gut. "Is ja jetzt Wochenende, wa?", sagt er,  stummes Nicken meinerseits. Geschäftiges Treiben herrscht hier backstage im Mauerpark – trotz des miesen Wetters. Einen Berliner weht ja so schnell nichts weg.  Schon gar nicht, wenn die Versorgung vom Burger bis zum Cocktail gratis ist.  Da wickelt jemand zwei Veggie-Burger umständlich ein, bevor die in seinem Jutebeutel verschwinden. Ungezählte Bierflaschen werden in Jackentaschen und Rucksäcken abtransportiert. Frage mich gerade, ob Backstagebereiche so etwas wie die Tafel für erfolglose Berliner Musiker sind. Vielleicht sollte ich erwähnen, dass heute Fête de la Musique ist und eine Getränkefirma hier eine Riesenbühne sponserte. Aber eigentlich ist es wurscht, weil im Mauerpark ja immer irgendeine Fete gefeiert wird, meist in unterschiedlichen Ausführungen zeitgleich. Hinten ein Sound-System mit Grime, vorne die Hippieband mit Congatrommlern, dazwischen, gut frisiert, ein Indie-Sänger mit Gitarre, eine Reisegruppe mit Techno-DJ und Karaokeparty auf der großen Bühne. Der Mauerpark ist ein Ort feierlicher Koexistenz. Hier gibt es keinen Touristenhass und keine Gentrifizierungsopfer, höchstens mal einen unschönen Grasfleck am Hintern. Der Eintritt ist frei und die Wiese groß genug für alle. Der Mauerpark ist wohl der freiheitlichste Ort in Prenzlauer Berg. Irgendwann dann, mit der Bebauung, werden die ersten Klagen kommen. Dann sind die guten Zeiten vorbei – zumindest nach 20 Uhr. Auch jetzt gerade ist es still. Dabei soll doch die Band spielen, wegen der ich und ein paar Tausend Leute kamen. "Stromausfall", sagt einer. "Peinlich!", lästert jemand anderes. Aber jetzt, die Musik kommt … und wie! Sonne bricht durch die Wolken und Caribou geben ein kurzes, jedoch großartiges Konzert vor einem wogenden Meer aus Köpfen – mittendrin ein Gelegenheitshändler mit einem winzigen, selbstegbastelten Schild: "Pfeffi = 50 Cent".  Kurzes Schmunzeln. Dann noch einen letzten Schluck aus dem Becher nehmen und denken: "Prost, Mauerpark. Bleib noch lange, wie du bist!"

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 2

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 02.07.2014

Me, my Self(ie) And I

Jackie A.: Me, my Self(ie) and I

Ein Blick durch das Smartphone mit Jackie A.

Selfie in der U-Bahn, Selfie im Badezimmer, Selfie am Tresen, Selfie vorm Reichstag, Selfie mit David Hasselhoff, Selfie vorm Standesamt oder in der Notaufnahme der Charité – ich bin eine von denen, die chronisch Selfies erstellen. Man kann diese Dokumentierwut als besorgniserregendes Symptom einer zunehmend um sich selbst kreisenden Gesellschaft verstehen – für mich sind es eher schnell gemachte Daseinsbelege, Erinnerungsstützen, auch mal Taschenspiegelersatz und nicht zuletzt ein Beleg für Sie, nach dem Motto: "Aha – die Autorin war auch dort." 
Aber was macht ein gutes Selfie aus? Google bot 47 700 Antworten an, darunter auch Studienergebnisse eines angeblichen Uni-Doktoranden aus Cambridge. Hiernach sind Selfies in warmen Farben beliebter als jene in kühlen. Sie sollten mit möglichst vielen #Stichwörtern verlinkt sein. Und ausgerechnet eine Tasse (?) im Bild soll für Erfolg, also viele Klicks, sorgen. Als ungünstig hingegen wurden Heizkörper, Küchengeräte und Laptops ermittelt.
Diese neuen Infos versuchte ich für sie umzusetzen. Ich habe einen Filter für warmes Licht benutzt, eine auffällige Tasse besorgt und einen Heizkörper aus dem Bild gephotoshopt. Anschließend habe ich einen Test gemacht, wie viel das Selfie taugt. Die Stimmung ist seither nicht mehr so gut hier in Pankow, aber wenn Sie Ihr Glück herausfordern möchten, hier können auch Sie ihren Selfie-Score errechnen lassen: http://popularity.csail.mit.edu/. Viel besser wäre es, wenn Sie mir Ihr Selfie zusenden würden. Ich schreibe Ihnen dann eine Geschichte dazu. Ich erfinde für Sie eine neue Identität, die Sie zum Beispiel aus Datenschutzgründen bei Facebook nutzen können. Ich meine das ernst, es wäre mir eine Freude! Zuvor und dazwischen nehme ich Sie an dieser Stelle mit auf eine hoffentlich abwechslungsreiche und persönliche Bilderreise.

 

Ihre Jackie A. 

Zuletzt: Frage an Siri: "Siri, Was ist ein Selfie?"
Siri: "Safi ist eine Großstadt in Marokko mit 344.800 Einwohnern." 

Seufz.

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Jackie A. liest Jackie A. - Der Podcast: Me, my Self(ie) and I - Folge 1

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 18.06.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 206: Abschied

Feierlaune

Immer schon wollte ich einen Text schreiben mit überschwänglichen Dankesbekundungen und  hier scheint der Moment gekommen: Tusch! Sie lesen die letzte Ausgabe von "Zwischen Disko und Dispo" - Danke, dass sie über 200 Folgen durchgehalten haben! Danke, dass sie mich auf offener Straße voller Sorge ansprachen, wenn der hier veröffentlichte Kontostand mal wieder stark ins Minus rutschte. Danke dass sie mich auf fragwürdige Society-Events in den Grunewald begleitet haben. Danke, dass sie sich mit mir auf Ravepartys in ehemaligen Luftschutzbunkern herumgetrieben haben. Danke, dass sie mit mir im "Fashionbloggercafe" vor lauter Markenhandtaschen und Pelzwesten beinahe depressiv wurden. Danke, dass sie mich zum Seniorenkaraoke nach Charlottenburg und in die virtuelle Kneipe auf Facebook begleitet haben. Danke, dass sie mit mir S-Bahn fuhren und Geschenke - einen Schlüssel - von fremden Fahrgästen annahmen. Danke, dass sie mit mir betrunken Sendungen im Piratenradio moderiert haben. Danke, dass sie mir beim Ritt auf einem Pferd zur Cluberöffnung auf der Friedrichstraße die Bügel hielten. Danke, dass sie mein Bewerbungsschreiben für das Raumfahrtprojekt "Mars One - The Human Settlement of Mars" offenbar lustiger fanden als "Mars One" selbst. Danke, dass sie während meiner Jurytätigkeit für den Talentwettbewerb einer Schnapsfirma die Punkte großzügig mitverteilten. Danke, dass sie sich in der Therme in Bad Wilsnack in Grund und Boden schämten, als wir hier nackt auf meinen ehemaligen Arbeitgeber trafen. Danke, dass sie nicht zögerten, gemeinsam mit mir bei der Promotionparty eines Duschgel-Herstellers unter Schaumbergen unseriöse Handlungen an nichtehelichen Partnern auszuüben. Danke für ihre Treue! Danke, dass sie lachten! Danke, dass sie den Heiligen Abend '92 an meiner Seite nach einer Verkettung ungünstiger Umstände fröstelnd und nur mit Unterwäsche bekleidet Morgens auf der Uhlandstraße einläuteten. Danke, dass sie mit mir und David Hasselhoff auf einem Fahrzeugtransporter "Looking-for Freedom"-singend, vergeblich gegen die Bebauung an der East Side Galerie demonstrierten.
Danke, dass sie mit mir gemeinsam älter, (ewig Enddreißig!) informierter (Google!) und schöner (Photoshop!) wurden. Danke dem Tip-Magazin, dass ich mich hier austoben durfte und über einen eigentlich recht typischen Berliner Lebensentwurf publizieren durfte - ein Dasein mit vergleichsweise schmalen Mitteln in der besten und vermutlich einzigen Stadt Deutschlands, in der man auch mit wenig Geld so reich, bunt und aufregend leben konnte.
Sie merken schon, dass ich hier die Vergangenheitsform wähle. Die Stadt verändert sich zusehends und wir tun es auch. Was kommt als Nächstes auf uns zu? Wird es besser, schlechter, oder einfach nur anders? Ich schlage vor, sie schauen gleich im nächsten Tip, Heft 13/14, nach. Wir sehen uns auf der letzen Seite!  

Ihre Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 206: Abschied!

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 03.06.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 205: Leuchtende Displays, fahle Herzen

Wie wir leben wollen

Im Torstraßencafe bei Cappuccino und freiem W-Lan sitzen,  dabei das Wetter mit unwirschem Blick (gerade noch Regen) dokumentieren. Ein Mann betritt das volle Cafe. Seine Jacke ist zerschlissen. Sein Gesicht ist schmutzig und er riecht streng, während er um Kleingeld bittet. Ich bin kurz davor, wie automatisiert abzuwinken, werd aber doch noch klar, sag "Wart‘ mal" und suche etwas Kleingeld. Die Frau gegenüber tippt weiter in den Laptop, ignoriert den Mann, wie die meisten anderen hier auch. Eine Mitarbeiterin kommt und sagt, er soll das Haus verlassen. Er erwidert, dass er Hunger hat und nur für etwas Essen sammelt. Es tut ihr leid, gibt sie zurück, aber so sind ihre Anweisungen. Der Ton ist harsch. Der Mann zieht ab. Ich schau mich um. All die hübschen Gesichter, die teuren Schuhe, die originellen T-Shirt-Aufdrucke... wie hässlich sie doch sind! Menschen mit leuchtenden Displays und fahlen Herzen. Ich ekele mich gerade sehr - auch vor mir selbst, ich gehöre ja dazu. Hier sitzen wir, schreiben schlaue Texte, entwickeln Start Ups für nachhaltige Anliegen oder Online-Magazine für Veganer, schaffen aber nicht im Alltag ein bisschen Menschlichkeit zu zeigen. Wie arm ist das eigentlich?
Es liegt wohl an diesem Cocoon, der uns fest und unsichtbar umgibt. Den brauchen wir, um uns vorm täglichen Wahnsinn zu schützen, um nicht über den Strom an Meldungen von Massakern, gekenterten Flüchtlingsboten, Tod und Leid irre zu werden. Wir sehen die Bilder, aber fühlen nichts dabei. Vermutlich ist das - bis zu einem gewissen Grad - auch besser so. Nur ist diese Gradwanderung heikel, denn sie entscheidet jeden Tag aufs Neue darüber, ob wir noch emphatischer Mensch oder schon konsumverstrahlte Kaltschnäuzer sind. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut. Wir könnten aufmerksamer sein, den Cocoon wieder durchlässiger machen. Mir gelingt das manchmal - nicht immer. Ich traf am U Bahnhof Kochstraße eine Frau, die nicht aufhörte zu weinen. Ich hab sie dann einfach angesprochen. Sie hatte gerade erfahren, dass ihr Sohn einen Unfall hatte und war völlig aufgelöst. Sie sprach schlechtes Deutsch und als ich merkte, dass ich mit Worten nicht weiter komme, hab ich sie in den Arm genommen. Ich glaube, dass es nicht umsonst war, denn zumindest weinte sie danach nicht mehr.
Ich hörte, dass es in dem Cafe zu Diebstählen kam und  hier deshalb so rigoros Nichtgäste des Hauses verwiesen werden. Man könnte beim nächsten Mal ja eines von den belegten Broten aus der Auslage mit auf den Weg geben. Das gutlaufende Cafe ginge daran vermutlich nicht pleite. Ich habe keine Lösung, überlege nur laut, während ich bei Cappuccino auf die Torstraße blicke...

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 205: Leuchtende Displays, fahle Herzen

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 20.05.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 204: Frühling in Berlin: Je t'aime, Alter!

Schöne Blume

Tief einatmen und dann die Nase im Fliederbusch am Straßenrand versenken. Es sind dutzende kleine Blüten, die vor meinen Augen verschwimmen. Sie kitzeln an der Wange, weil ich mit dem Kopf mittendrin stecke. Der Plan: Heute die Nase benutzen, Fährte aufnehmen um den Frühling ins Gehirn zu katapultieren. Botenstoffe sollen endlich die gute Nachricht überbringen! Über sternenklare Sommernächte in Biergärten, das Gefühl wärmender Sonnenstrahlen auf schneeweissen Oberschenkeln, weichgespülte Berliner und Schmetterlingsrülpser - das große Hormonerwachen. Ich bin bereit! Nebenbei stelle ich fest, dass violetter Flieder anders riecht, als der weisse. Ah, und da drüben, die Maiglöckchen hinter dem Vorgartenzaun - ich will sie auch riechen! Meine Hand passt durch die Metallstäbe. Ich greife zu. Das duftet ja so gut! Hinter mir ruft jemand: "Wat soll dit denn werden?" Ich glaube den Rufer zu erkennen. Es ist der Mann, der in meinem Kiez Hundehaufen mit goldenem Farbspray einkreist, bis sie aussehen, wie moderne Plastiken auf barocken Tellern. Jetzt schnell die Blume ins Dekollete gesteckt und weitergelaufen. Nicht umdrehen! Auf der Oderberger hat jemand Tulpen gepflanzt. Ein Karton mit alten Büchern steht daneben. Ein Reiseführer für Paris liegt da aufgeschlagen auf einem Fenstersims, dazu eine leere Flasche Wodka. Recht so. Wer braucht schon Paris, wenn er Gorbatschow in Berlin treffen kann? Je t'aime, Alter! Ja, ich meine dich, Prenzlauer Berg! Und dich Pankow! Und dich Wedding! Beschwingt steige in die Tram. Es riecht nach "My Melody Dreams" und "Syoss"-Haarspray. Vor mir sitzt eine junge Frau. Etwas weiter hat sich ein junger Mann mit Kumpel platziert, der sich ihr im nun folgenden unverbindlichen Anbalzgespräch als "Maximus Sexus" vorstellt. "Dit is aber nur mein Facebookname!" fügt er an und dann: "Gucci Prada, Moschino, Swarowksi, wa?" Dabei deutet er auf ihre Handtasche. Sie lacht, er lacht, ich freu mich auch. Er ist kräftig, trägt Jogginghose und Glatze und kommt direkt zur Sache, fragt, ob sie einen Freund hat. Ja, hat sie. "Ok. Jespräch beendet!", ruft er und dann: "Obwohl, man kann ja och zu dritt zusammen sein, wa?" Die Art, wie er das sagte, war so, dass ich ein Lachen kaum noch unterdrücken konnte. Sie sagt, sie kommt aus Polen, er fragt: "Im Ernst?" Ja, kein Witz. Sie will jetzt seinen echten Namen wissen. Da tut er empört, was schon wieder lustig ist. Er sagt, das ginge ihm jetzt zu schnell. "Heiraten okay - aber meinen Namen sag ick dir nicht!" Es stellt sich heraus, dass sie nur zwei Straßen voneinander entfernt wohnen. "Dann sehen wir uns jetzt ja öfter!" sagt sie und winkt, als sie aussteigt. Maximus Sexus strahlt, der Kumpel kichert, ich riech‘ nochmal am Maiglöckchen... Je t'aime, Berlin, je t'aime!

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 204: Frühling in Berlin: Je t'aime, Alter!

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 06.05.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 203: Heiraten? Bloß nicht!

Heiraten? Bloß nicht!

Aufmerksamen Lesern ist die letzte Kolumne, Titel "Heiraten, jetzt!", vielleicht noch im Gedächtnis. Aus aktuellem Anlass habe ich mich dem Thema erneut zugewandt - aber sehen sie selbst.
Es ist Frühling und ich habe einen Vorschlag: Stoppt alle Hochzeitspläne in Berlin und Brandenburg! Schützt die Menschen vor den Folgen hormonell bedingter Fehlentscheidungen und lasst nicht zu, dass durch übereifrige Flügelschläge vereinzelter Schmetterlinge im Gedärm große Teile der Sauerstoffzufuhr zum Hirn abgeschnitten werden! Genauso, wie auf Zigarettenschachteln auf die gesundheitschädigende Wirkung des Rauchens hingewiesen wird, sollten Standesbeamten in Berlin zukünftig T-Shirts mit der Aufschrift tragen: "Heiraten kann Ihr Leben zerstören!" Aus besagtem aktuellem Anlass – gecancelte Hochzeit mit  Tränen, Tobsuchtsanfall und ritueller Hochzeitskleidverbrennung – habe ich die wichtigsten Argumente gegen die Ehe zusammengetragen.
Punkt 1: Geld.  Es stimmt. Eine Eheschließung bringt satte Steuervorteile. Nur leider gilt dies nicht für einen Großteil der Berliner: selbstständig Arbeitende oder Leute mit Einkommen am Existenzminimum. Für alle gleich hingegen ist das Risiko einer ruinösen, kostspieligen Scheidung.
Punkt 2: Persönliche Weiterentwicklung. Mut haben und der Wahrheit ins Auge sehen: Für die nächsten zwei bis 60 Jahre mit ein und demselben Menschen verbunden zu sein, mag für vor dem Ersten Weltkrieg Geborene eine interessante wie Nachkommen sichernde Option gewesen sein. 2014 ist es vor allem eine zähe Angelegenheit mit langfristig bescheidenen Zukunftsperspektiven – siehe die aktuelle Studie der NASA zum Untergang der Menschheit, nachzulesen im "Guardian".
Punkt 3: Die Hochzeitsfeier. Fragen Sie mal Paare, die geheiratet haben. Die meisten werden Ihnen bestätigen, dass sie selbst nur wenig von den Freuden der Feierlichkeit mitbekamen. Profiteure von opulenten Hochzeitsbüffets sind Tante Gitta und ihr zweiter Ehemann Heinz, also mehr oder weniger bekannte Verwandte dritten bis zwölften Grades.
Punkt 4: Apropos Tante Gitta. Man heiratet nie einen einzelnen Menschen, sondern immer gleich auch die ganze Familie mit - vielleicht das stichhaltigste Argument von allen.
Punkt 5: Freiheit und Unterhaltungsaspekte: Ich bin jedenfalls nicht über die Prager Botschaft geflüchtet, damit sich zwei Menschen im Modell Ehe bis an ihr Lebensende zusammen langweilen!
Finales Argument: Die Liebe - ein Haufen Hormone, die noch jeden intelligenten Menschen in die Scheiße ritten.

Wir sehen uns im Biergarten. (Lauter Seufzer aus dem Off)                

Ihre Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 203: Heiraten? Bloß nicht!

 

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 22.04.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 202: Heiraten, jetzt!

godzillaEndlich Frühling und ich hab einen Vorschlag: Lasst uns alle heiraten! Fahren wir in einen Park an den See und tun es. Ernsthaft, warum eigentlich nicht? Als ich dies zuletzt in übermütiger Stimmung in einer Bar vorschlug, wurde es in der Gesprächsrunde ganz still. Es ist ja offensichtlich, dass viele meiner Bekannten an einer schweren Heiratsphobie leiden. Sie sind chronisch unentschlossen und die Angst ist groß, das Allerheiligste, also die eigene Freiheit, zu verlieren. Und dann stehen da auch noch schwerwiegende Fragen im Raum. Wozu brauchen Liebende ein Standesamt? Ist die Ehe überhaupt noch zeitgemäß? Und wie bitte kann man lebenslange Liebe schwören, wenn Biochemiker diese längst als Hormonverwirrung enttarnten?  Aus aktuellem Anlass -geplante Eheschließung- habe ich nun folgende Argumente für eine Heirat recherchiert.

Punkt 1: Geld. Heiraten in Zahlen sieht am Beispiel Jackie A. so aus: 170 Euro Krankenversicherung entfallen (über Partner versichern) + zirka 300 Euro zusätzlich jeden Monat wegen neuer Steuerklasse (stellen sie sich hier bitte Jubelschreibe aus dem Off vor)

Punkt 2: persönliche Weiterentwicklung. Mutig sein. Dinge festmachen und staunen über die Möglichkeiten. Zusammen an einem großen Ganzen zu arbeiten und gemeinsame Ziele zu verfolgen, macht Sinn. Ob nun Kinder großziehen, Tierpflegestation oder Swingerclub eröffnen, eine eigene Partei gründen, Buchprojekt oder alles zusammen - ein Ehepaar, das sich einig ist, ist wie Godzilla - unbesiegbar! (Also fast.)

Punkt 3: Eine spektakuläre Hochzeitsfeier gehört in jede Biografie. Daher gilt: Drama, Baby! Viel Weiß, viel Sahne, viel Liebe, viele Freunde, viel Aufregung, viel, viel, viel! An freudlosen Ehetagen kann man dann von den Erinnerungen zehren: "Weisst du noch, als sich Tante Brigitte mit der Seidenhose in die Torte setzte?"  "Seufz."

Punkt 4: Tschüss Frau Meier, hallo Frau Schönwald! Heiraten ist die Gelegenheit, unkompliziert an einen neuen, wunderbaren Nachnamen zu geraten.

Punkt 5: Freiheit. Wer hätte das gedacht? Eine einmal getroffene Entscheidung  schafft neue Freiräume im Kopf - enorm gutes Gefühl!

Finales Argument: Liebe. Egal was Biologen und Neurologen sagen, Betroffene wissen es besser! Denn der Hormonirrsinn ist nach spätestens drei Jahren durch. Was bleibt, sind zwei Menschen, die sich fragen können: Haben die Hormone uns richtig beraten? Tun wir uns gut? Haben wir uns noch viel zu erzählen? Ist es immernoch ein tolles Gefühl, wenn ich sie/ihn zum Lachen bringen kann? Ist er/ sie bereit, mir im hohen Alter Sachertorte und Fernbedienung ans Krankenbett zu reichen? Wenn die Antwort ja lautet: sofort heiraten!  

Wir sehen uns auf dem Standesamt.

Ihre Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 202: Heiraten, jetzt!





von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 08.04.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 201: Werte Bunte, hallo Rolling Stone, liebe Peiner Nachrichten

Haus Ungarn

Wie ich Ihrer Berichterstattung entnahm, ist Berlin seit letzter Woche nun uncool. Hier muss ein Missverständnis vorliegen! Schließlich bin ich schon mit 15 aus der kleinstädtischen Heimat ausgerissen für einen ersten, lang vorbereiteten Diskothekenbesuch in Berlin (Haare 1,5 Stunden toupiert, schwarzes Tüllkleid, unzählige Strass- und Perlenketten um den dünnen Hals gewickelt). Der Ausflug scheiterte dann am Einlass im Rahmen einer Ausweiskontrolle. Auf dem Heimweg gab es Wut-Tränen auf der Zugtoilette (diese Demütigung!) und in den Folgemonaten zirka 800 weitere Versuche, in Berliner Discotheken Einlass zu erlangen. Der Erfolg blieb meist aus. Zitat Türsteher: „Komm in drei Jahren noch mal wieder.“ Das vergebliche Warten vor Clubs entwickelte sich zu einer Lebensaufgabe, die Jahrzehnte später in dem leidenschaftlich umgesetzten Berufsbild "Nachtlebenreporterin" mündete.
Bald besuchte ich jede Cluberöffnung – offiziell mit Presseausweis für das tip-Magazin, innoffiziell besoffen auf Tanzflächen die private Genugtuung feiernd. Der Ursprung für diese früh entdeckte Leidenschaft war aber nicht die schon seit 1920 angepriesene Coolness der Stadt, sondern vielmehr die hier von mir vermutete coolste Person (!) der Welt.
Laut Zeugenaussagen besuchte Kai, so heisst er wohl heute noch, regelmäßig die Diskothek "Alextreff" und war dabei so interessant und wunderschön, dass er schon von Weitem aus der Menge hervorstach – so erzählten es zumindest die älteren Mädchen auf dem Schulhof der Polytechnischen Oberschule in P.. Sie sagten, er hängt am Wochenende immer im "Cafe Größenwahn" unterm Berliner Fernsehturm ab.
Ich bin dann mit meiner Freundin in den Zug gestiegen, um den Mann zwecks möglicher Heirat zu treffen. Tatsächlich fand ich Kai, ich erkannte ihn sofort. Er schien mir noch cooler als beschrieben. Er war schon sehr alt – 23 Jahre –, hatte eine mit Kajal gezeichnete Schlange auf der Wange wie Steve Strange, der Sänger von Visage, sowie einen zukunftsweisenden Beruf: Heizungsmonteur. Trotz meiner schlimmen Nervosität und den dadurch ausgelösten Sprachstörungen kam es zu einem ersten Date auf einer Privatparty. Ich war wahnsinnig aufgeregt. Und weil ich keine Erfahrungen mit Alkohol hatte, trank ich Blue Curacao und dann auch Rotwein in großen Schlucken gleich aus der Flasche. Als Kai endlich auftauchte, drehte sich alles. Er setzte sich auf ein Sofa und lächelte mir zu. Ich wankte vorbei an Tanzenden, "Geisha Boys and Temple Girls" von Heaven 17 lief gerade, und als ich mich neben ihn setzte, fiel ich kopfüber in seinen Schoß.
Dort übergab ich mich und schlief ein. Seit diesem Abend sah ich Kai nie mehr wieder und hatte drei Jahre Liebeskummer. Was ich damit sagen möchte? Sie können Berlin uncool finden, aber er gibt keinen besseren Ort, um cool zu scheitern.

Grüße aus Berlin!

Ihre Jackie A.

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Zwischen Disko und Dispo - Folge 201: Werte Bunte, hallo Rolling Stone, liebe Peiner Nachrichten

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 25.03.2014

Zwischen Disko und Dispo, Folge 200: Experiment

Landleben

Es riecht nach Frühling und Unsicherheit. Sitze neben meinem Partner im Mietwagen vor einem 20 Meter hohen Holzberg – Bauteile für unser Haus. Es ist noch nicht einmal sieben Uhr, aber der Himmel ist schwarz auf dem Land, viel dunkler als in Berlin. Eine dünne Mondsichel beleuchtet unser zukünftiges Leben. "Mach dir keine Sorgen", sagt mein Freund. "Es wird keinen Dritten Weltkrieg geben."– "Aber was, wenn doch?", halte ich dagegen. "Die Luftlinie zur Ukraine beträgt 1334 Kilometer. Das ist näher als Mallorca! Putin ist unberechenbar. Warum haben wir keinen Keller? Wir hätten einen Keller planen sollen!" – "Wir können immer noch in die Sickergrube, wenn‘s hart auf hart kommt", meint K. "Da gehe ich nicht rein!" - Paardialoge am Montagabend am Rande Berlins.
Über die Autobahn fahren wir zurück, kaum mehr als 30 Minuten in die Stadt. Ich habe ein mulmiges Gefühl mit der Ukraine und dem persönlichen Lebensmodell. Was wird uns die  Zukunft bringen? Eine frustrierte Kolumnistin in einem Ort ohne U-Bahn? Ein instabiles Europa? Eine Semmel für 5000 Euro? Krieg und Schäferhund zum Abendbrot? Mein Opa berichtete mal, wie er mit seinen Brüdern nach Kriegsende wegen des Hungers einen solchen fing, tötete und zubereitete. Ich bin fest überzeugt, schlimmer, als  einen Hund zu verspeisen, ist es, ein Leben ohne Inhalte zu führen. Ich hoffe aber, nie den Beweis erbringen zu müssen.
In der Redaktion haben wir heute die Kolumnen der Zukunft besprochen, über die Suche nach Glück, Auffälligkeiten zwischen Stadt und Land, Wald und Wahnsinn,  Bareröffnungen und Schweinestallbesuchen – mein Partner wünscht sich nämlich ein Schwein. Ich bin dabei, mein ganzes Leben umzukrempeln und heute hab ich Angst, dass es schief gehen könnte. Dass sich der Plan vom Landleben als Spinnerei entpuppt und wir auf Jahrzehnte der Bank verpflichtet sind, weil wir einer romantischen Idee erlagen. Vielleicht machen wir aber auch alles richtig. Möglicherweise ist es schlau, sich an ein so ein Projekt zu wagen, bei den dramatisch steigenden Berliner Mietpreisen – und das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. Ich sah im Fernsehen diesen Bericht über eine New Yorker Familie, die monatlich 4000 Dollar für eine 40 Quadratmetergroße Wohnung zahlte. Sie teilen sich zu dritt zwei Zimmer in Brooklyn. Sie verdienen gut, um die 100 000 Dollar im Jahr, das Geld reicht trotzdem hinten und vorn nicht. Ich frage mich, was  aus "meinem" Berlin wird, aus Freunden und Bekannten. Wie werden wir in Zukunft leben, wo die guten Momente finden? In der Kreuzberger Bar, im Haus am Wald oder bei Facebook? Ist die Landflucht eine gute Alternative? Ich werde das in den nächsten Kolumnen herausfinden – für mich und ein bisschen auch für Sie. Ein Experiment! Also bleiben Sie dran.

Kommentare oder Kritik – her damit jackie@tip-berlin.de

Jede Woche neu! Der Blog von Jackie A. als Podcast! Jackie A. liest Jackie A.

Zwischen Disko und Dispo - Folge 200: Ein Experiment

von  Jackie A.
Zuletzt aktualisiert: 11.03.2014
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tip Ausgabe 15/2014

Die schönsten Seen in Berlin und Brandenburg || Warum die Flüchtlings- unterstützer täglich mehr werden || Die Beatsteaks im Interview || Der Berlinale-Gewinner startet im Kino || Die neue Leihkultur || Programm- und TV-Kalender vom 17.07. - 30.07.2014.

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