Männer in Glanzanzügen stehen handytelefonierend vor dem futuristischem Unterbau des Berliner Fernsehturms. Die Nummernschilder parkender Luxuslimusinen sind mit Leuchtbuchstaben MIO gekennzeichnet, üppige Blumengestecke der Sponsoren "ADA Tower" oder "Rechtsanwalt Sami Caki" schmücken den Eingang - Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich. Touristen drängen hinzu, jemand fragt: "Was ist los, eine Preisverleihung?" Antwort Passant: "Ne. Dit is dit neue Momo-Restaurant."
Das Momo heißt in Wahrheit Mio. - Mio, wie eine Million Dollar oder Türkische Lira, ein Ort für internationale Millionäre und Millionärinnen und solche, die es gerne wären, also Menschen wie mich. Dementsprechend erfreut bin ich über die Einladung zum Opening des Clubrestaurants, dem selbsternannten "Home of Style, Taste and Glam" - Und glaubt man dem Pressetext, wurden die eigenen Ansprüche noch übertroffen, Zitat: "Die Deckeninstallation aus 620.000 Swarovski-Kristallen bildet das raumbestimmende Designelement und beeindruckt durch filigrane Eleganz und funkelnde Lichtspiele. Die State-of-the-art LED-Lichtinszenierung lässt das MIO auf Wunsch in bis zu 16.000 verschiedenen Licht-Effekten erstrahlen. [...] Wer in der VIP Lounge Platz nimmt, kann dank der in Europa einzigartigen 'Touch Tables' Speisen und Getränke über dem Tisch-Screen bestellen..."
Ob der bescheidenen Präsentation frage ich am Pressestand nach, "Ja, alles richtig" und der Geschäftsführer ist übrigens türkischstämmig, wird erläutert, womit mir jeder Wind aus den Segeln genommen wird. Einem geschmacklosen Altberliner Wirt hätte ich seinen "multifunktionellen Gourmettempel" verbal in der Luft zerrupft, in der türkischen Community gelten jedoch andere Parameter und ich beschließe den Event möglichst vorurteilsfrei zu betrachten, was aufgrund der bevorstehenden Eindrücke natürlich überhaupt nicht einfach wird. Ich passiere den Roten Teppich wie eine Hauptverkehrsstraße mit kaputter Ampel im Wedding und positioniere mich unter einer Juccapalme im Aussenbereich mit Blick auf den Verantstaltungsschwerpunkt: Gratisbuffett. Menschen in feierlicher Garderobe stehen Schlange für Austern, Fisch oder Lamm - ein bisschen wie auf dem Clubschiff Aida, nur bunter mit leuchtenden Stoffen, viel dunkler Mascara, zigarrerauchenden Großvisieren und schwerem Parfüm in der Luft.
Zufrieden trägt eine dicke Frau, Typ exotische "Tine Wittler" ihren Teller zum Tisch, ihre Freundinnen folgen auf hohen Absätzen. Auf dem Roten Teppich posiert derweil ein Geschäftsmann mit hochgeschlagenem Kragen und "Daumen hoch"-Geste für die Kameras. Er signalisiert Erfolg und Dynamik, während ich, eher undynamisch, meine Recherchetour auf dem WC fortsetze. Es ist ein schwarzer Designertraum mit im Waschbecken integrierter Blumenvase sowie futuristischem Händetrockner, so laut, dass ich nicht wage, meine Hände hineinzuhalten. Der Club selbst ist eine Kombination aus Hightech-Spielerei und goldfarbenen Interieur. Er wirkt wie ein Gemeinschaftsprojekt von Harald Glööckler und Jean Michel Jarre. Ich bestelle gerade den zweiten "Campari-O", als Unruhe am Eingang aufkommt. Zirka 20 Fotografen bilden die Vorhut zweier Gestalten in ultraknappen Paillettenkleidern, die Lippen dick überschminkt, dazu Domina-Zopf und Halsbänder im Tigerdruck. Tatjana Gsell (Erotikmodel) und Djamila Rowe ("Botschafterluder") streben zielgerecht in den offen einsehbaren VIP Bereich und beginnen mit ihrer Performance, inoffizieller Arbeitstitel: "Siegfried und Roy im Discoschlampenland". Hierzu reibt sich die Gsell lasziv an einem Mann, der sich wie ein herzinfarktgefährdetes Michael-Jackson-Double aufführt - dramatische Gesten, tänzerische Pirouetten, dazu auftrumpfende Blicke in die Kameras von "RTL Explosiv". Der kontinuierliche Alkoholausschank bleibt auch sonst nicht folgenlos. Die Aktivitäten auf der Tanzfläche sind inzwischen beachtlich und ähnlich, wie in Beiruter Clubs'- erklärt die Kollegin, die vor kurzem erst dort war. Auf dem Tresen wird eine Gogotäzerin von zwei Typen mit Schampus abgeduscht und ein müde wirkender Rolf Eden zieht langsam seinen Mantel an. Ich frage mich, ob ich hier irgendetwas über die Türkische Community lernen konnte, aber nein. Guter wie schlechter Geschmack ist international.