amen, amen @ Verlagshaus J. Frank, Berlin


The collection of award-winning texts by Lilly Jäckl are illustrated by the visual artist Dieter Puntigam. The book covers Lilly Jäckl’s whole range of literary genres. Subtle and delicate poems meet satirical prose,intense scripted texts meet ironic dramatic texts.The book explores and exposes our everyday use of language,accompanied by Dieter Puntigam’s illustrations that mirror the texts with an intense picture language.

amen, amen – a multimedia Tagtool Performance Lilly Jäckl and Dieter Puntigam’s multimedia performance amen, amen transforms texts and illustrations from their book amen, amen into a synaesthetic experience.Dieter Puntigam uses the Tagtool to illustrate and animate while Lilly Jäckl reads from her texts. This unique audio- visual fusion of text,sound,and illustration lets the audience discover new aspects of the written text and portrays the artists’ dialogical approach to performance.


amen, amen – eIne muLTImeDIaLe TagTooL-Performance
In ihrer mutimedialen Tagtool-Performance inszenieren Lilly Jäckl und Dieter Puntigam Texte aus ihrem gemeinsamen Buch amen, amen. Dieter Puntigam setzt bei der Performance das Tagtool ein – ein performatives visuelles Instrument,das der Künstler zur Live-Illustration benutzt. Die amen, amen-Performance ist ein audiovisuelles Medley aus Texten des Buches, inszeniert mit Stimmeffekten und Projektionen,die live von Dieter Puntigam gezeichnet werden.Ohne Latenz überträgt das Tagtool jeden Strich direkt auf die Projektions- fläche,entstandene Figuren werden animiert und rhythmisch bewegt.


 

amen, amen ist kein gewöhnliches Buch.

Ein gewöhnliches Buch wird gelesen und unter gewissen Um- ständen verbindet der Leser etwas oder sich selbst damit. Bei amen, amen ist das anders: Man ist bereits unabdingbar einge- bunden in Form und Inhalt der Erzählungen, Gedichte und Texte für die Bühne.


Die Sammlung preisgekrönter Texte zeigt,dass wir heute,jetzt und hier,Teil großer Geschichten und Pathologien sind.
All dies erfährt der Leser jenseits gängiger Sprachmuster.In der Textcollage Alles im Kanal zappt man durch Fernsehprogramme mit Protagonisten,die all das sagen,was man nie im Fernsehen hört. Gedichte wie Widmung glänzen durch unerwartete Zärt- lichkeit und Intimität und stehen in extremem Kontrast zu verstörend brutalen Szenen wie im Theaterstück psychopax oder der Erzählung 58 kg Lebendgewicht, die dem Schicksal dreier Selbstmörder auf den Grund geht.


Das Experiment, der Mut zu scheitern und der autoditaktische Zugang zur Sprache stehen hier in einem völlig eigenen Rahmen. Mit erstaunlicher Sicherheit in den verschiedenen Sprachformen zeigt die Autorin, dass in einem gedankenlosen Damals ein beachtliches Maß ge- dankenlosen Heutes steckt,das das Morgen in ein neues Licht rückt.


www.belletristik-berlin.de


„Es wird kalauert, politisiert, gedichtet und geschimpft. Lilly Jäckl zeigt uns ihre Sprachtodesspiralen und bringt dabei das Weltall,das ein Kettenhund ist, zum Flüstern,nachdem die Seelen von ORF- und RTL-, von ARD- und ARTE- Kameras aufgefressen worden sind. Witzig, ironisch, sarkastisch.“
Josef Winkler


amen, amen
Texte // Lilly Jäckl Illustrationen // Dieter Puntigam
Quartheft 18 der Bibliothek Belletristik ISBN // 978-3-940249-35-7 148 Seiten | Hardcover | 24 Farbillustrationen Preis: 24,90 €
© 2010 Verlagshaus J. Frank | Berlin Alle Rechte vorbehalten.
www.belletristik-berlin.de

 


rezensionsexemplare können gerne beim verlag angefordert werden. Bitte schreiben sie uns eine e-mail an: post@belletristik-berlin.de oder schicken sie ein fax an: (030) 675 155 01


von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 07.06.2010 , Zuletzt aktualisiert: 07.06.2010

jekely-tip ----> 27.März 2010: SCHLAMMPEITZIGER DVD RELEASE

Schlammpeitziger DVD Release mit Schlammpeitziger Konzert am 27.3.2010 im Regenbogen Kino Kreuzberg


 

Schlammpeitziger

 

Schlammpeitziger – „Exotic Visuals and Tropical Videoworks“ DVD

Seit Veröffentlichung seiner ersten Cassette auf dem Kölner Traditionslabel Entenpfuhl 1993 gewährt Jo Zimmermann aka Schlammpeitziger einem internationalen Publikum Einblicke in seinen in allen Farben glitzernden Sound-Kosmos. Der Musiker, Zeichner und Erfinder nicht enden wollender Songtitel hat einen unverwechselbaren Stil geprägt. Seine Klangwelten bersten vor good vibes, rauschhaften Höhenflügen und Geklirrterlobgesangimhochgebirgehymnen. Schlammpeitziger ist immer ein transzendentes Erlebnis. 

Seit Jo Zimmermann 1992 die Kunstfigur Schlammpeitziger erschaffen hat, ist viel passiert. Depeche Mode, The Bionaut, Barbara Morgenstern oder Egoexpress bemühten sich um Remixe; Schlammpeitziger wurde ein gefragter Gast auf internationalen Festivals wie dem Experimentalclub in Madrid oder Sonic Acts in Amsterdam.

 Er veröffentlichte Alben und Singles auf seinen Heimatlabels a-Musik und sonig.

 

Sonig Clubrock Exposion Concert Popkomm 2003

 

 

Mit Collected Simple Songs Of My Temporary Past erschien 2001 eine Art Best-Of-Album auf den renommierten Labels Domino (UK), Thrill Jockey (USA) und Tokuma (Japan).

Fester Bestandteil sind die Videos der Künstlerin Ulrike Göken, seit 2003 Bandmitglied von Schlammpeitziger.

Ihre Filme sind überraschend, experimentell, lustig und surreal.

 

 

Pro Stück ein Film, echte Musikvideos, wenn man so will.

Die nun vorliegende DVD präsentiert Visuals und Videos die die Ulrike Göken und Jo Zimmermann seit 2003 für die Live Shows von Schlammpeitziger entwickelt haben.

Weiterhin enthält sie Video Bonusmaterial und eine Foto Gallery.

Natürlich wurde sie im typischen Schlammpeitziger Stil gestaltet.

 

Clark Gable in the mediaintoxicationexpress (c) Schlammpeitziger

 

In Zusammenarbeit mit dem Künstler Duo Graw Böckler die das DVD Label Raum für Projektion betreiben und dem Regenbogen Kino in Kreuzberg kommt es zur

 

Release Party mit Schlammpeitziger Konzert

Einlass 20.30 Uhr    Beginn 21 Uhr!

Regenbogen Kino

 

Lausitzer Straße 22, 10999 Berlin, U-Bahn Görlitzer Bahnhof

 

 

 

 

 

www.schlammpeitziger.com

www.myspace.com/schlammpeitzigerjozimmermann

www.raumfuerprojektion.de

 

 

 

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 26.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 26.02.2010

jekely-tip ----> 26.März 2010: SCHLAMMPEITZIGER @ Cuntine/Berghain

Schlammpeitziger Dj Set & Pet Shop Bears  Open Mike  Justin Case am 26.3.2010 in der Cuntine/Berghain

 

Einen Tag vor der großen SCHLAMMPEITZIGER DVD RELEASE PARTY im Regenbogen Kino: Schlammpeitziger an den Plattentellern.

 

Schlammpeitziger

Seit Veröffentlichung seiner ersten Cassette auf dem Kölner Traditionslabel Entenpfuhl 1993 gewährt Jo Zimmermann aka Schlammpeitziger einem internationalen Publikum Einblicke in seinen in allen Farben glitzernden Sound-Kosmos. Der Musiker, Zeichner und Erfinder nicht enden wollender Songtitel hat einen unverwechselbaren Stil geprägt. Seine Klangwelten bersten vor good vibes, rauschhaften Höhenflügen und Geklirrterlobgesangimhochgebirgehymnen. Schlammpeitziger ist immer ein transzendentes Erlebnis. Wer am Rauschmittelkonsum zurzeit sparen muss - here it is: die akustische Komplett-Alternative.

 

 

PET SHOP BEARS

- kennt die eine oder der andere vielleicht schon aus dem Berghain. Hier wird tanzbar entspannt geremixt und neu verwurstet, von Badalamenti-Themen bis Sixties Hits - nichts bleibt verschont. Schön lustig und wunderschön schwul.

Nice ;-)

 

Also:

Hingehn

Reinkippen & Wegfliegen

 

 

SCHLAMMPEITZIGER

www.schlammpeitziger.com

www.myspace.com/schlammpeitzigerjozimmermann

 

PET SHOP BEARS

www.myspace.com/petshopbears

 

 


von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 26.02.2010 , Zuletzt aktualisiert: 26.02.2010

BOX + BAR: Der futurologische Kongreß

..Ich gehe in den Birkenwald, weil meine Pillen wirken bald...

 Deutsches Theater Berlin "DER FUTUROLOGISCHE KONGRESS" (von Stanislaw Lem), Regie, Buehne und Kostueme: Martin Kloepfer in box und bar.

INHALT: 

Raumfahrer Ijon Tichy nimmt an einem futurologischen Kongress in der Hauptstadt des Bananenstaates Costricana teil. Der Kongress findet im hundertsechsstöckigen Hilton-Hotel statt. Thema des Kongresses ist die wachsende Überbevölkerung.

Als Tichy einen Anfall von Güte und alles umfassender Zuneigung erleidet, wird ihm klar, dass der Diktator des Landes das Trinkwasser mit Benignatoren versetzt hat, chemischen Begütigungsmitteln, die einen Aufstand der unzufriedenen Bevölkerung des Landes gegen ihn verhindern sollen.

Als es trotzdem zum Aufstand kommt, setzen Polizei und Militär neben Benignatoren auch ganz konventionelle Waffen ein, und das Hilton wird zunehmend in Mitleidenschaft gezogen. Tichy, Professor Trottelreiner und andere Hotelgäste statten sich mit Sauerstoffgeräten aus und fliehen in die Kanalisation unterhalb des Hilton.

Nachdem Tichy die Sauerstoffmaske abnimmt, hat er eine Reihe grotesker Halluzinationen, wird schließlich, nach fast vollständiger Zerstörung seines Körpers in einen Behälter mit flüssigem Stickstoff geworfen und wacht erst in ferner Zukunft wieder auf.

Er findet eine Welt vor, in der trotz der weiter gewachsenen Bevölkerung Frieden und allgemeiner Wohlstand herrschen. Über das Wetter wird abgestimmt, Tote können auf Wunsch wiederbelebt werden. Möglich wurde dies alles durch die Psychemie, der irrationale Teil der menschlichen Psyche wird jetzt durch Psychemikalien unter Kontrolle gehalten. Die Einnahme der jeweils passenden Psychopharmaka ist ein selbstverständlicher Teil menschlicher Umgangsformen.

In seinem Roman von 1971 nimmt Stanislaw Lem vorweg, was heute als der letzte Schrei der Pharmazeutik gilt.

 

LOB AUF EIN KLEINES THEATER JUWEL 

Wenn man nach eineinhalb Stunden aufgekratzt und inspiriert das Theater verlässt und sofort in Erfahrung bringen möchte, wo und wann Martin Kloepfer wieder egal was inszeniert und wo und wann man Thomas Schmidt egal in welcher Rolle wieder auf der Bühne erleben darf, muss man wohl oder übel von einem mehr als gelungenen Abend sprechen:

Stanislaw Lem, Idol einer Generation, Lieblingsautor meiner Jugendzeit, dessen Geniestreiche immer mit einer gehörigen Portion Humor versetzt sind, legte den Schwerpunkt in einigen seiner Werke (sowohl in spannender Science Fiction als auch in seriösen wissenschaftlichen Texten) auf gesellschaftliche Untiefen der Zukunft - unserer Gegenwart, so auch im futurologischen Kongreß. 

Lems intelligenten Roman, gespickt mit aberwitzigen Details, absurden Wendungen und grotesken Szenen auf die Bühne zu bringen, erschien mir grundsätzlich als schwieriges Unterfangen für die Dramaturgie. Es müssen mindestens so um die zwanzig Seiten Monolog Text gewesen sein, die Martin Kloepfer mit müheloser, unverkrampfter Leichtigkeit darbringt, ohne, dass der typische Stil von Stanislaw Lem - die unerwarteten Wendungen, der scharfsinnige Humor, aber vor allem der nüchterne Sprachduktus des ausrangierten Wissenschaftlers Ijon Tichy verloren gehen. Dramaturgisch perfekt aufbereitet sitzen die spärlichen, aber sehr passend ausgewählten Musikeinsätze  (von uralten steirischen Schlagern bis zu elektronischen Stimmwänden) genau und das karge Bühnenbild wird von den Schauspielern in natürlichster Weise während dem Spiel umgebaut. Ebenso selbstverständlich werden die Rollen geswitcht und der Gegenwartsbezug des Stoffes ist klar und deutlich transponiert, ohne je in selbstgefällige political correctness zu verfallen.

Nur so konnte der alte Stoff stilgetreu lebendig gemacht werden. Thomas Schmidt füllt schon bevor das erste Wort gefallen ist die Figur des Ijon Tichy voll und ganz aus: Er ist Ijon Tichy. Genial auch Kornelius Heidebrechts musikalische Einlagen am Klavier, Sound Zuspielungen und Slapstick Einlagen als  Co-Darsteller, der sich durch überzeichnete Mimik und überspitzte Artikulation als kurioser Wechselbalg in verschiedenen Rollen in das Stück einbrennt.

Aber für eines bin ich wirklich dankbar: Die Bilder des Romans wurden mir gelassen dank der Kargheit der theatralen Mittel, sie wurden nicht durch vordergründige Bühnenklischees zerstört: "Alles Erlebte sind chemisch erzeugte Halluzinationen.."

 


von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 13.03.2009 , Zuletzt aktualisiert: 07.07.2009

Sitzdisco in der Volksbühne: Konzert Schlammpeitziger + Gustav

Was Extasy für die Libido, ist Schlammpeitziger für die Waden. Eine skurrile Situation: Der King of Electronic Good Vibes, Master of Hymnen to das Leben and Lieben in Zeiten der desert steht auf der riesigen leeren Bühne, ihm gegenüber ein prall gefüllter Publikumsraum voller erstarrter, sinnierend interessierter Gesichter und ihren in Theaterstühle gefesselten Körpern.

Bereits bei der Ankündigung: Großer Saal der Volksbühne in Kombination mit zwei Acts wie diesen, kamen mir Bedenken: Tritt Eva Jantschitsch nun etwa mit Ballett Ensemble auf? Hat sie einen Gospelchor dabei? Ist Schlammpeitziger jetzt in Klausur gegangen und macht einen Diavortrag? Nein. Beide Acts rocken noch immer wie Sau, god bless the living!

Wer Schlammpeitziger schon mal im Club erleben durfte, hatte die Chance dabei zu sein, wenn sich verkohlte Körper lösen und er die Menge in Trance schickt, die Tanzenden mitnimmt auf einen Segelflug über die Dächer der Stadt. Man will sowas nicht in einem Theatersaal, bitte nicht, bitte nie mehr, möchte man dabei sein, wenn Frau Gustav zurecht gewiesen wird, ihre Zigarette auf der Bühne abzudämpfen und selbst die Wodkaflasche auf dem Klavier nicht unkommentiert bleibt. Die vielen technischen Probleme bei diesem Abend traten in den Hintergrund, doch unverzeihlich bleibt der herbe Nachgeschmack, sich angesichts zweier derart intensiven Shows drei Stunden nicht bewegt zu haben. Am Theaterstuhl headbangen, dem DJ das Gefühl geben, er sei bei einem Verhör, gezieltes Klatschen nach Ende der Arie,- alles, wie wenn Richard III. einen weiteren Kopf zum Rollen bringt, jippieh ey, yeah: Rock'n Roll 2009. 

Richtig tragisch wird es, wenn Gustav demonstriert: das Menschliche selbst, das Grund Menschliche: zu rauchen, zu saufen, hässlich zu sein, unpassend emotional zu reagieren: das ist heute schon Widerstand. 

Wir waren live dabei als via SMS die Nachricht aus Wien kam, dass die Fruchtblase von Oliver Stotz (Gitarrist von Gustav) Frau soeben geplatzt war. Wir waren live dabei als zwei Soldatinnen: We Shall Overcome! gesungen haben und mit Schlammpeitziger hätten wir um ein Haar ein paar Wale gerettet, wäre da nicht der Stuhl des Sitznachbarn dazwischen gewesen.

In diesem Sinne, um es auf Schlammpeitziger zu sagen: Stompa Stricksekret. 

 

 

www.schlammpeitziger.com
www.myspace.com/schlammpeitzigerjozimmermann 

www.myspace.com/gustavofficial

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 05.02.2009 , Zuletzt aktualisiert: 05.02.2009

THE BRIG - EIN NACHRUF ZUR EUROPA PREMIERE 2008


Akademie der Künste _"The Brig" _Von Kenneth H. Brown _Neuinszenierung von Judith Malina _Mit Gary Brackett, Gene Ardor, Kesh Baggan, Brad Burgess, Andrew _Greer, John Kohan, Tommy McGinn u.a. _Europa Premiere
www.livingtheatre.org


Der Autor, Kenneth H. Brown, siedelt das Stück in einem Militärgefängnis der U.S. Marine Corps im Jahre 1957 an. Die Zuschauer verbringen hinter Stacheldraht, der die Bühne vom Publikum trennt, einen Tag vom Aus dem Bett heraus getrieben werden, bis zum ins Bett hinein getrieben werden mit den zehn Häftlingen und ihren vier Wärtern.

Living Theatre ist ein Mythos, steht als Synonym für Avantgarde und experimentelles, politisches Theater. Vielleicht war diese große Vorlage der Fluch, der über jener Walpurgisnacht lag, als THE BRIG nach vierundvierzig Jahren an demselben Ort wieder aufgeführt wurde, an dem es 1963 zu so viel Ehren gelangt ist. Der leidige Vietnam – Abu-Ghuraib Vergleich, der davor in der Presse gestreut wurde,  hinkte nicht, sondern lag auf einmal totgeschlagen auf der Bühne.


Als ich die Wohnung auf dem Weg zur AdK verließ, parkte vor meiner Haustür gerade der fünfzehnte Polizeiwagen. Die Polizeihunde kläfften aus ihren viel zu engen Zwingern  und provozierten damit die frei laufenden Köter der Friedrichshainer Punks. Von einem Stück ins andere, beide mit politischem Hintergrund.


THE BRIG war vielleicht einmal "Rebellion", in der Neuauflage von Judith Malina, in der die Regisseurin nichts verändert hat, außer natürlich andere, junge Schauspieler zu besetzen, mutierte diese "Rebellion" teilweise zu purem Pathostheater.
Das Publikum,-  maggots ohne Namen, mit Code der IP Adresse und gefakten My Space Identitäten, freute sich die ersten Minuten über Dokumentartheater, in dem es um die genaue Darstellung von Bewegungsabläufen gehen sollte, vom Boden Schrubben, bis zum Drill, des immer wieder geschrieenen "Sir, prisoner number one requests permission to cross the white line, Sir!" und all den konkreten Brutalitäten dazwischen.


Wir beobachteten, wie durch monotone, sinnentleerte Rituale, Aggression geschürt wird, wie es gar nicht anders möglich ist, als dass Wärter zu Sadisten werden, wenn sie mit einer Menge Mensch, die alles tut, was ihr befohlen wird, spielen kann. Wir bemerkten, wie prisoner number five zusammenbrach, wie er in die Zwangsjacke gesteckt, abgeführt und gleich darauf durch einen Neuzugang ersetzt wurde.

In einer Zeit, wo der Wirklichkeitsbegriff derart ins Wanken geraten ist, ist gerade das Theaterbesuch, wo man Schweiß, Prusten und Trampeln der Schauspieler direkt vor sich sieht und spürt, ein Fest für die Sinne. So auch hier, doch die Inszenierung verzichtet auf exakte Darstellung um der Betroffenheit willen, führt damit den dokumentarischen Ansatz der Vorlage ad absurdum und erreicht genau das Gegenteil der ursprünglichen Intention: Pathostheater. Zu oft wrd an die Zeit erinnert, in der das Stück geschrieben wurde. 


Genauer recherchiert, mit exakter Darstellung gegenwärtig gängiger Gefängnismethoden und im Vertrauen darauf, dass die Wirklichkeit an sich das durchschnittliche Vorstellungsmaß und gängige Schmerzgrenzen bei weitem überschreitet, wäre THE BRIG noch immer nicht tot, sondern ein Stück über den Alltag im Gefängnis, wie es immer schon war und immer sein wird, solange es den Knast gibt, ob nun Jean Genet drin sitzt oder Nachbar Müller, oder man selbst, mit ein bisschen Pech. So aber ist das arme, gute Stück aufgrund gewissenhafter Vorarbeiten der immer zu wahrenden political correctness von Kunstbetrieb und Medien tot und ich war auf einem Begräbnis.  


Wer oder was in dieser Walpurgisnacht noch begraben wurde,- ein Teil mitfühlender Menschlichkeit, die nun abgelöst wurde durch bitteres Kopfschütteln oder ein Theaterstück, oder gar ein ganzer Mythos, weiß ich nicht genau.  
Trotz Geistern aus der Vergangenheit und dem Living Theatre skurriler Hundertschaften im grünen Kostüm, erwartete mich diesmal auch kein Hubschrauber über dem Platz, der normalerweise in solchen Nächten die Dächer mit einem Scheinwerfer ableuchtet auf der Suche nach destruktiven menschlichen Partikeln.
Dafür erschien er ein paar Tage später zum Treffen linker Gruppen über demselben Platz und das Polizeiaufgebot war in etwa gleich groß. Überdimensional groß. Eindämmungstaktik. Aber das ist eine andere Geschichte, das hat mit THE BRIG 2008 nichts mehr zu tun.

Der starke Ansatz von THE BRIG versteckte sich hinter den Schleiern einer verhexten  Nacht und schürte durch seine Abwesenheit nostalgische Gefühle.





von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 30.01.2009 , Zuletzt aktualisiert: 07.07.2009
1 Kommentar

Jäckls Berlin: Wow! Zerkratzter Pressespiegel.

Die 10 informativsten Headlines des Tages:
1.Wow! Berlin und die Kunst: "Nazi Anwältin gegen Microsoft". Eine Ausstellung im Martin Gropius Bau, ohne Jeff Koons aber auf Türkisch für Anfänger. 
2. Spezial Beauty & Wellness: Wow! Wenn ganze Kerle Krallen zeigen, erwartet Berlin keine Gewinne, sondern haarige
Aussichten.
3. Wow! Apfel Diebe entdecken Tempelhof nach dem Flughafen-Aus: ein weites Feld für Apple....
4. Wow! Die Kuratoren im Gespräch: Malen nach Zahlen mit Bezirksbürgermeister Franz Schulz.
5. 3.Europäischer Monat der Fotografie: Fressen oder Fliegen, Lebenserinnerungen von  Anne Teresa de Keersmaeker.Wow!
6. Venus Messe im Wow-Crash Test: Jens Sierra Lengemann über Wow-Beauty und Wow-Pflege Trends für Männer
7. Wow! Schöne Gewinne: Attac Proteste & Freikartenverlosung für Obama Party
8. Schuh Schmuggel von Rüpel Rapper Wow! im ehemaligen Haus Ungarn
9. Wow! EU in Haft: Autobiografiker verschweigen Unfalltod der Stadtbärin Maxi 
10. Kunstraum präsentiert: Pagan Metal statt Ein Quantum Trost. Wow!


Was in dieser Stadt alles passiert... Wow!

 

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 10.11.2008 , Zuletzt aktualisiert: 13.03.2009

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Bernd SauerJOE

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EURE WORTE - TEIL 8: Die Scheinverantwortlichen
Jäckls Berlin: Wow! Zerkratzter Pressespiegel.
Berlin Mitte braucht keine neue Altstadt
Im Kino: "Avatar - Aufbruch nach Pandora"

Kommentare

ritakimutai@yahoo.in

Hi Mein Name ist Rita nie verheiratet. l sah Ihr Profil heute und nachdem sie durch sie viele Male (www.tip-berlin.de), dann l aus meiner Meinung nach zu Kontakt mit Ihnen als mein Freund. l, so…Lesen »

o yea

was so alles passiert in berlin, nisch? aber wenn man der kleinen feinen anthologie, die mich durch ihro gnaden zártgliedrige hand erreichte, glauben schenken darf, gehts in g. auch gut ab. siehe…Lesen »

2 Kommentare

EURE WORTE - TEIL 9: Genderbudgeting

 Liebe Leser,

Das ist vorläufig der letzte Teil der Reihe "EURE WORTE", der hier veröffentlicht wird, ich danke Euch für die vielen Zusendungen!

In diesem Blog werden in Zukunft andere Texte erscheinen: Rezensionen, Berlin Beobachtungen und andere Marktschreiereien, vielleicht auch die eine oder andere Sprachverhunzung. Ansonsten findet Ihr mich wie immer im Wurmfischer's Paradise auf www.jekely.net. 

Hasta Luego & don't blame it on the Finanzmarktkrise,

Alles Gute, 

LJ 

 

 EURE WORTE - TEIL 9: Genderbudgeting

(INKLUSIVE ÖSTERREICHISCH/DEUTSCH WÖRTERBUCH AM ENDE DES TEXTES!)

 

"So ein Hudriwudri! Kannst du bitte mit dem Ober anbandln, der kommt sonst net weg von seinem Nudelfriedhof, so, wie's ausschaut.", bittet mich der vor Hunger und Durst schon völlig ausgezehrte János gerade eindringlich.
Wir sitzen in der einzigen Schenke im Umkreis von hundert Kilometern, die aus Bast und schiefen Schilfblättern zusammengezurrt im Wind bibbert, die Luft surrt, Fliegen schuhplatteln über den Tischen, eine einäugige Katze streicht um meine Beine und der sandige, wuselnde Boden zu unseren Füßen ist selbst mir nicht ganz geheuer. Es gibt ungefähr fünfzehn winzige, hochgiftige Skorpionarten, die sich in dieser Region sehr wohl fühlen. Eine kaputte Gestalt lehnt am Tresen bzw. lehnt der kaputte Tresen an einem Fleischberg, denn der Jüngling wiegt um die zweihundert Kilo und trinkt gerade sein viertes großes Bier in einer halben Stunde. Sengende Hitze. Der Wirt, von dem wir annehmen, dass es der Wirt ist, befindet sich in einem Meeting mit einer üppigen Dame, in dem es wahrscheinlich nicht um die aktuelle Finanzmarktkrise geht.  
Bin ich froh, dass ich den Ventilator an unseren Tisch gestellt habe, trotz des finsteren Blickes des zweihundert Kilo Mannes, wir werden schon merken, wenn er aufsteht.
Wieder einmal rufe ich dem Wirt zu, dass wir verdammt hungrig sind und ihm gleich die Bude kurz und klein schlagen, wenn er uns nicht sofort etwas zu trinken und zu essen bringt. Er nickt verständnisvoll, wirft einen Blick in die Küche, wo gerade eine kleine hagere Gestalt, wahrscheinlich seine Mutter, zwischen dampfenden Deckeln hin und her läuft und es scheint, als würde sie dabei murmeln und mit sich selbst sprechen. Unterwürfig deutet er mir, sie sei gleich fertig, man dürfe sie in dieser Phase auf keinen Fall stören.
Vom Überlebenstrieb gepackt, gehe ich also selbst hinter den Tresen und suche nach Nahrung, während sich der Wirt dem Aktienindex der Dame widmet.  
Eigenartigerweise berührt es niemanden, dass ich mich soeben selbst bediene und das in rauen Mengen. Man glaubt nicht, was hinter dem klapprigen Holzversschlag, aka Tresen alles versteckt ist: blitzend sauber polierte Kristallgläser, Erdnussflocken, Hummerchips, die neueste Ausgabe der Lichtungen, Zimtsterne von Tante Anneliese, unveröffentlichte Skripten von Jean Genet, die Skizze eines  fliegenden Tresens von Michelangelo, eine Großpackung Psychopax und Methadon, die aktuelle Zitty! Nein, doch der Tip, und hier, ich fasse es kaum: eine Kiste bestes, deutsches Mineralwasser in einer Kühltruhe und darunter mehrere Flaschen Veuve Cliquot!
Nur einen Meter entfernt von dem Wirt und seiner Transaktion hole ich all die Köstlichkeiten hervor, ohne dass sich jemand darum schert. Ich trage so viel ich nehmen kann an unseren Tisch, wo János sitzt und gerade versucht, die Situation zu verstehen. Er spricht noch immer österreichisch. Ich weiß nicht, wie ich dieses Problem lösen soll. Nach dem Schock des Nahtoderlebnisses hat er einen traumatischen Persönlichkeitsverlust erfahren und glaubt nicht nur aus einem Bergdorf zu stammen, sondern denkt auch noch, wir würden hier unsere Flitterwochen verbringen. Was aber noch viel erschreckender ist, ist, dass all das, was ich so an ihm geliebt habe,- seine Taktlosigkeit, seine Neurosen, seine Überheblichkeit, ausgelöscht sind, keine Spur mehr von Sarkasmus, keine Anzeichen von Misanthropie, sondern nur noch Liebenswürdigkeit und ein Dialekt, der noch fataler auf die Libido wirkt, als ein Besuch im Schlachthof zur Vorweihnachtszeit. Mein Plan ist, dass wir hier ein wenig essen, zur Ruhe kommen,  nach einer Tankstelle fragen und danach gemütlich nach Hause fahren in meine Villa, ich den Doktor meines Vertrauens anrufe und ihn sofort einweisen lasse. Hudriwudri.
"Soviel klasses Nunzelwerk hast gfunden? Ein Nudelaug der Wirt. Super! Prost!"
Schon lange frage ich nicht mehr nach, was die Worte bedeuten, aber ich glaube ihren Inhalt nachvollziehen zu können, denn einiges klingt auf Shuar sehr ähnlich.
"Du, i mag ja net raunzen, Schatzi, aber mir kommt vor, seit i des verschissn hab mit dem Balkenmäher, bist irgendwie bes auf mi. I muass alles aus dir aussa zuzeln, du redst net mehr mit mir. I was, i hab mi in letzter Zeit zerspragelt vor lauter Hackln, aber du wast ja, dass i volle Granatn auf die steh, oder?"
Ich nicke. Das passt fast in jeder Situation.  
"Des Wiegel Wagel von Früher is jetzt vorbei, es wird a kane Wadelbeissereien mehr geben, des versprich i dir. I bin damals komplett versumpert, weil i nach der Kameldungverbrennungsanlage nie mehr was ghört hab von dir. Weg warst! Drauf hab i mein Hof verscheppert und meine Viecher, und damit i des übertauch, des mit dir, bin i in die Stadt gangen und hab stantapede mit großem Tam Tam angfangen meine Spompanadln auszumleben. I hab a Techtel Mechtel ghabt nach dem andern, - a Spinnerin!!" – Er schreckt zurück, als eine Spinne über seinen Stuhl krabbelt.
"Spuck aus und schwimm ham, Drecksmiachn!!", schreit er die schüchterne Spinne an und versucht sie mit seinem Schuh zu erschlagen.  
Da öffnet sich kreischend die Küchentür! Alles ist schlagartig still. Die steinalte Frau aus der Küche fixiert János griesgrämig und stemmt die Hände in die knochigen Hüften.
In Zeitlupentempo lässt János seine Hand sinken und zieht sich wieder den Schuh an. Als er sich setzt, schüttelt die Alte abschätzig den Kopf und verzieht sich wieder in die dubios dampfende Küche.
"Was isn mit der Schragen los?"
Ich schüttle den Kopf und hebe fragend die Schultern.
"Wo war ma grad? Ah, ja. I hab gschnackselt, gschustert, pudert, was des Zeug ghalten hat, aber, " -
Er merkt wohl, dass ich mich unwohl fühle und gibt mir einen väterlichen Kuss auf die Stirn.
"Hast di nie gfragt, warum i mi dann glei wieder gschlichen hab, nachdem i di durch Zufall wieder fgunden hab? Des woar net weil i Schlampatatsch die Nummer verschustert hab,- i hab dir so viel Schmiraschen gschrieben und nix davon abgschickt, - ja, Sakrameichel!!"
Wieder springt er erschrocken auf, die Küchentür öffnet sich, er setzt sich, die Küchentür schließt sich, eine kleine Wolke Dampf hinterlassend.
Leise flüstert er mir zu: "No a Spinnerin."
Ich nicke und frage mich, was mit der Alten in der Küche los ist und ob wir das, was dort entsteht, wirklich essen sollten.
"Ja, wurscht. Grupft ham's mi z'erst in da Stadt. Nur Schmähtandler und Rauschkugeln, egal wohin'st schaust. Aber irgendwie hab i's dann gschafft, zum hackeln, aber i was net mehr was eigentli..... Irgendwas mit Viechern glaub i.."
"Chemiker?"
"Wos? – Na! I hab ja immer nur pipperlt. Na, pomale, pomale."
"Arbeit bei einem Kosmetikkonzern?"
"Du, du brauchst mi jetzt net pfitschigogerln, göll? I was, du wüllst net alles wissen, kalt wie'sd bist, aber es is hoid net wie im Patschenkino, es woar net alles parat. Erst hab i glebt bei am Peitscherlbuam, der drei Pferderln am Laufen ghabt hat. Verdient hat er net viel mit denen, die ana war a Landpomerantschen, die andere a fade Nocken und die dritte a mieselsüchtige Menschin, über die's gmauschelt haben, dass sie eigentlich des Gschäft nur zur Gaude macht, weil ihr Vater is a hoher Politiker. Immer ham's mi probiert zum niederbügeln, die Menscher und ihr Marmeladinger, i war ja komplett neger, wir i in der Stadt anmarschiert bin und war scho heppy, dass i überhaupt irgendwo hab schlafen können, wenn i zum schlafen kommen bin, auf jeden Fall war da Hawara a richtiges Märzveigerl und seine Weiba ham den ganzen Tag gmatschkert. Er war a a geistiges Nackerbatzerl und a Neidhammel, weil's auf mi gflogen san, de Weiber hat er mi aussa ghaut. I ruinier des Gschäft, hat er gsagt und dann war i wida auf da Straßn."
Mit einem langen Seufzer beendet er den Satz und wir stoßen mit eiskaltem Champagner in Kristallgläsern an, die übrigens das einzig Saubere im ganzen Lokal sind, neben meiner weißen Weste.
"Verstehst?!"
Ich nicke bedeutungsvoll, so ernst, wie möglich.
Plötzlich bricht es aus mir hervor: "Pfitschigogerln?!"
Ich kann mich vor Lachen nicht mehr halten und pruste los: "Pfitschi-pfitschi- was? He, he!", es lässt mich nicht los, dieses Wort macht mich fertig. Tränen kullern über mein Gesicht, plusterroten Kopfes trinke ich rasch ein Glas Schampus ex, um mich abzukühlen und meinen Lachkrampf zu ertränken.
Pfitschigogerln...
"Bist a Mann oder bist a Frau?!", donnert er wütend hervor, während ich mich am Stuhl festhalten muss vor lauter Lachen.  
"Ein Mann natürlich. Ha, ha, pfitschi, pfitsch.... Hirgs."
"Dann benimm di a wie ana."
Stop.
Das war genug. In dieser Sekunde ist aller Spaß verflogen.  Solche Machosprüche habe ich nicht nötig, nein, wirklich nicht, ich gehe, sofort, raus hier, soll er schauen, wo er bleibt, der Spinner.
So etwas lasse ich mir nicht bieten, nein, ich nicht. Nach all dem, was ich bisher für ihn getan habe. Nein. Frechheit.
"Fliezpiepe!", schmettere ich ihm Wut entbrannt entgegen, als ich nach meiner Handtasche greife, um dieses schmuddelige Etablissement zu verlassen.
"Mehr fallt da net ein, Bosnigel? Na, dann gemma auf die Bluatwiesn, i kann da's im Alphabet aufsagn, wennst wüst!"
Schlagfertig haue ich ihm noch ein bitter böses: "Mistfink!" um die Ohren.
Er kontert: "Armutschkerl, Bemmerl, Coloniakübel, Dampfplauderer, Eiskasten, Fetzenschädel, Gwandlaus, Hirnedi, i-Tüpfel-Reiter, Jogl, Kanalforelle, Lawurpappn, Mastdarmakrobat, Nebochant, O.. oh, oh."
"Was ist, Schluchtenscheisser, fällt dir nichts mehr ein?!", piepse ich tapfer meiner verbalen Niederlage entgegen.    
"Mir fallt mit O nix ein. Aber mit P! Pleampel, Quetschen, Rabenbratel, Schlaucherl, Topfenneger, Urschel, Ungustl, verhatschter Wappler, X.... Moment."
Es reicht.
"Tschüss!", ich stehe auf, nehme die Flasche Champagner und verlasse die Bruchbude.
"Zwiederwurzn, Zniachtl!"
"M.. Mistfink!"
"Dodel, Pipn, Trutschn!"
Ich öffne die Tür und will zum Jeep.
In dem Moment wird die Küchentür aufgerissen und der Wirt erstarrt in Ehrfurcht. Heraus tritt.. Dampf. Darunter erkennt man zwei winzige, runzlige Füßlein. Zwei riesige Kochtöpfe dampfen um die Wette, keine Ahnung, wie das alte Weiblein sie so behände tragen kann.
Der Fleischberg nimmt respektvoll den Hut ab.
Die unerkennbare Alte bringt die riesigen Töpfe an den Tisch, ich will gehen, da herrscht sie mich an, ich solle gefälligst hier bleiben und essen.
Sie deutet auf meinen Stuhl und ich gehorche. Der Wirt bringt zitternd Teller. Der Kurs seines üppigen Spekulationsobjektes ist von allen unbemerkt in den Keller gerasselt. Alles starrt uns an. Hochspannung.
Die Alte nimmt einen großen Schöpflöffel und gießt als erstem János Suppe auf den Teller. Dazu murmelt sie einige unverständliche Worte.  Lange blickt sie ihn aus verschleierten Augen an, bis er den ersten Löffel probiert. Sie lässt ihn nicht aus den Augen. Er muss den ganzen Teller aufessen, bevor sie sich mir zu wendet.
Aus dem anderen Topf, auf dem in großen roten Lettern "GVS" steht, reicht sie mir blutrote, dickflüssige Brühe. Mein Gott, ich mag's ja nicht scharf! Wie bringe ich ihr das bloß bei?
Aber eigenartigerweise nickt sie mir nur freundlich zu, wünscht mir guten Appetit und richtet wieder ihre ganze Konzentration auf János. Er muss essen. Einen Teller nach dem anderen. Die ersten drei scheinen ihm zu schmecken. Mit der Zeit wird er immer müder und müder, doch die Alte lässt nicht nach, bis der gesamte Topf mit dem hellgrünen, sämigen Avocadobrei leer ist und vom vor Aufregung schwitzenden Wirt abgeholt wird.
Die Alte berührt sanft János's Gesicht, das mittlerweile eine ähnliche Farbe angenommen hat, wie die Suppe, und murmelt wieder ein paar Worte, während sie die Augen schließt. János schläft ein.
Vorsichtig bettet sie seinen Kopf auf die Tischplatte und verschwindet leise, schwebend wieder in der Küche.
Mich ignoriert sie vollkommen.
Der vollschlanke Mann bekreuzigt sich gerührt, steht nach dem achten Bier auf und wankt aus dem Lokal.  
Der Wirt ist spurlos verschwunden. János beginnt zu schnarchen.
Ich strecke meine Hand aus, um ihn zu wecken, da reißt die Alte die Küchentür auf und befiehlt mir, das sofort zu unterlassen.
Nun gut.. Ich kann doch nicht einfach gehen. Meine Suppe war wahnsinnig versalzen, aber wenigstens nicht scharf. Also trinke ich die ganze Flasche Champagner aus und warte bis János erwacht.  
Eigenartigerweise ändert sich meine Optik auf einmal. Ich habe das Gefühl, meine Prisma Dioptrien entwickeln ein Eigenleben. Hinter dem Tresen erscheint ein Berg. Der Cotopaxi! Nein. Doch nicht. Ein alpines Bergdorf. Ich drehe mich zu János, doch dort, wo er gerade eben noch saß, steht nun plötzlich eine geöffnete, goldene Schatztruhe. Daraus funkelt und glitzert es in tausenden Farben. Unfassbar. Ich greife hinein und wühle in Brillianten, Perlen, Edelsteinen, schlinge Goldketten um meine Arme.
Das edle Geschmeide fühlt sich wunderbar an. "Retropositiomamae, Retropositiomamae", klingt es leise durch die Luft, die nun kühler geworden ist und frisch riecht nach Edelweiß und Enzian. Keine Ahnung, was soll das heißen? Sanfte Stimmen, wie von tausend Engeln seufzen: "Retropositiomamae, Retropositiomamae". Es klingt wunderschön, so weich und zart. Ich möchte gerne in meinem Artikelverzeichnis nachsehen, was das Wort bedeutet, aber leider habe ich keines, deshalb greife ich nach ein wenig Kuhschnappelbrot, das noch von der Suppe auf dem Tisch steht und kaue. Kauen, einfach kauen. Herrlich. Wieder: kauen. Ich lasse den Blick über das spektakuläre Bergpanorama hinter dem Tresen gleiten und betrachte den Sonnenuntergang über den Alpen. Ein paar Gämsen sind in der Weite zu erkennen, ich verhalte mich leise, um sie nicht zu erschrecken und wühle zur Beruhigung wieder ein wenig im Geschmeide der bodenlosen Schatztruhe mir gegenüber. Hätte ich bloß eine Steinschleuder. Dann könnte ich hinter den Tresen steigen und Murmeltiere jagen.. Aber das muss nicht sein, ich bin ganz eins mit meinem Gebiss und dem grandiosen Ausblick. Kauen. Einfach kauen. Wunderbar.
"Retropositiomamae, Retropositiomamaeee.....", hallt es lieblich durch den Wind.
Ich fühle mich ein wenig, wie Iphigenie auf Tauris, weiß aber nicht, wieso.
"Retropositiomamae."
Es wird Nacht und die Eulen rufen: "Retropositiomamae, Retropositiomamae." Da greife ich auf meinen Rücken, um mich zu kratzen und bemerke... bemerke....
Ahne... Nein.
Um mich abzulenken von dem grausigen Gedanken greife ich rasch nach ein wenig Schmandrhabarbererdbeergebäck und kaue daran. Kauen. Wieder: kauen. Lecker. Schmeckt gleich wie in Berlin. Wo wohl János hin ist? Ach, ist ja egal, ich genieße die Ruhe. Den Frieden. Das Gold mir gegenüber ist ein wunderbarer Tischnachbar, mir mangelt es an nichts. Aber ich habe das Gefühl, plötzlich sogar ein wenig zu viel zu haben. Rückwärts. Wieder taste ich behutsam auf meinen Rücken. Nein! Da ist es schon wieder. Das gibt es doch nicht! Ich berühre die andere Seite! Auch hier!
Ich schreie auf vor Schreck und in dem Moment sitzt statt der herrlichen Schatztruhe wieder János mir gegenüber, der aus seinem Traum hochschnellt und ruft: "Wir sind nicht schwarzgefahren!"
Er weckt sich dadurch selbst, schaut mich an und greift erschrocken mit beiden Händen an meinen Hals. "Wie siehst du denn aus? Ist ja schrecklich!"
Was dann geschah verstehe ich bis heute nicht...
Fest steht: er nahm meinen Hals und den darauf liegenden Kopf und drehte ihn um 180 Grad. Nun ergaben auch die seltsamen Erhebungen am Rücken plötzlich einen Sinn.
Und als ich zum Tresen blickte, war dahinter auf einmal wieder die gammlige Küchentür, über die gerade eine tapfere Wanze wanderte, im Schneckentempo auf das Gipfelkreuz der Türklinke zu, mit dem Esprit eines Reinhold Messner in den sechs strammen Waden.  
Der Wirt wischte pfeifend an einem Glas herum, das dadurch immer dreckiger wurde und der dicke Mann kam gerade von der Toilette zurück und ließ sich wieder auf den viel zu kleinen Barhocker fallen, als wäre nichts gewesen.
"Was tun wir hier eigentlich?" fragte mich János, missmutig, skeptisch - blitzscharf wie eh und je.
"Ich weiß es nicht, ich denke, wir wollten etwas essen.."
"Genug, gehen wir. Es wird Zeit. Komm."
Er war wieder er selbst! Wie schön.
Sachlich und nüchtern bezahlten wir und gingen.
Sofort durchzog mich dieses wohlige Gefühl der Nähe wieder und ich schaute zu ihm auf, wie zu dem Mann meines Lebens, mit dem ich alles teilen wollte, selbst Persönlichkeitsverluste, spontane Geschlechtsumwandlungen und Schulschlussstress.
Kurz vor dem Jeep hielt er abrupt an und sah mir tief in die Augen:
"In zwei Stunden könnten wir schon bei der Unterkunft sein, die ich uns besorgt hab. Ein ziemlich hübsches Apartment nicht mehr weit vom Cotopaxi."
Wie bereits erwähnt, habe ich meiner Wirbelsäule die letzte Autorität über mein Handeln zugesprochen und weiß der Geier, der Rohrspatz oder die Kellerassel warum: mein Kinn zog sich in gerader Linie nach unten, meine Mundwinkel nach oben und mein Nacken nickte. "Déja-vu, mein Liebster.", hörte ich mich flüstern, weiblicher, sanfter und zarter denn je, von ihm leider völlig ungehört, denn er legte schon den Gang ein und fuhr los.
Gut, suchen wir also den beknackten Kolibri, wieder als Mann und Frau, was wir zumindest glauben, dass wir sind, was wir sein wollen, wir Bio Piraten auf dem Raubzug durch die Natur, die sich kaputt lacht bei unseren linkischen Versuchen, ihr das Paten der großen Ingenieurskunst zu entwenden.     

 

(To be continued, but not here ;-)

 

 

 

 ÖSTERREICHISCH/DEUTSCH WÖRTERBUCH:

IN ORDER OF APPEARANCE:

HUDRIWUDRI

Wirrwarr; oberflächlicher, schusseliger Mensch

OBER 

Zahlkellner

ANBANDLN 

Kontaktaufnahme zwecks Einleitung eines Liebesverhältnisses oder einer Schlägerei

NUDELFRIEDHOF 

Nymphomanin

NUNZELWERK

Sammelbegriff für Speiseabfälle

NUDELAUG

despektierliche Bezeichnung eines Mitmenschen

RAUNZEN

nörgeln, jammern

ZUZELN

lutschen, saugen; lispeln

ZERSPRAGEN 

sich überarbeiten

HACKELN 

arbeiten (das Beil schwingen)

VOLLE GRANATN 

äußerst; sehr

WIEGEL WAGEL 

Unentschlossenheit

WADELBEISSEREI

unseriöse Debatte

VERSUMPERN

geistig abstumpfen

VERSCHEPPERN

verkaufen

VIECH 

Tier

STANTAPEDE

sofort; auf der Stelle

TAM TAM

Aufsehen

SPOMPANADELN 

vernunftwidriges Tun (ital. spampanare: aufschneiden)

TECHTEL MECHTEL

schnellebige Liebschaft

DRECKSMIACHN

unflätiger Lauser

SCHRAGEN

Schimpfwort für eine ältere Dame

SCHNACKSELN

koitieren

SCHUSTERN

koitieren

PUDERN

koitieren

SCHLEICHEN (SICH)

verschwinden

SCHLAMPATATSCH

Mensch mit mäßig ausgeprägtem Ordnungssinn

VERSCHUSTERN

verlieren

SCHMIRASCH

unleserliches Gekritzel

SAKRAMEICHL 

Ausruf des Erstaunens und der Entrüstung

WURSCHT

egal

GERUPFT

ausgenommen

SCHMÄHTANDLER

unglaubwürdige Person

RAUSCHKUGEL

Spiegeltrinker

PIPPERLN

dem Alkohol fröhnen

POMALE

langsam, gemächlich (tschech.: po malu)

PFITSCHIGOGERLN

Spiel mit Münzen; als Aufforderung: Du kannst mich mal!

PATSCHENKINO

Fernseher 

PEITSCHERLBUA

Zuhälter

PFERDERLN

Prostituierte

LANDPOMERANTSCHE

einfältige Maid vom Lande

NOCKEN

keine zum Pferde stehlen

MIESELSÜCHTIG

depressiv

MENSCHIN

Mädchen, ledige Frau

MAUSCHELN

etwas Unseriöses flüsternd aushandeln (von Moische, Moses)

GAUDE

Vergnügen

NIEDERBÜGELN

einschüchtern

MARMELADINGER

Norddeutscher

NEGER

pleite

HABARA

Freund, Liebhaber (hebr. haber)

MÄRZVEIGERL

charakterschwaches Subjekt, welches im März 1938 Hitlers Einmarsch in Österreich begrüßte (Veigerl = Veilchen)

MATSCHKERN

vor sich hin schimpfen

NACKERBATZERL

nacktes Kind

NEIDHAMMEL

mißgünstiger Mensch

BOSNIGEL

boshafter Mensch

BLUTWIESN 

Kampfstätte zur tätlichen Fortführung verbaler Konflikte

ARMUTSCHKERL

armes, bedauernswertes Geschöpf

BEMMERL

(Kot)Kügelchen

COLONIAKÜBEL

Abfalltonne der städtischen Müllabfuhr

UVM.

Dampfplauderer, Eiskasten, Fetzenschädel, Gwandlaus, Hirnedi, i-Tüpfel-Reiter, Jogl, Kanalforelle, Lawurpappn, Mastdarmakrobat, Nebochant

Pleampel, Quetschen, Rabenbratel, Schlaucherl, Topfenneger, Urschel, Ungustl, verhatschter Wappler, Zwiederwurzn, Zniachtl, Dodel, Pipn, Trutschn

 

 

VERWENDETE WORTE IN DIESEM TEIL:
schatztruhe
Déjà-vu
retropositiomamae
Berg
Iphigenie
schmandrhababererdbeergebäck
Genderbudgeting
Balkenmäher
Schulschlusstress
Kuhschnappelbrot
Schwarzfahren
Artikelverzeichnis
GVS
Prisma Dioptrien 
Steinschleuder

 

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 21.10.2008 , Zuletzt aktualisiert: 07.07.2009

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JOE

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EURE WORTE - TEIL 5: Alles wird gut
EURE WORTE - TEIL 7: Die Todesfuge

Kommentare

ritakimutai@yahoo.in

Hi Mein Name ist Rita nie verheiratet. l sah Ihr Profil heute und nachdem sie durch sie viele Male (www.tip-berlin.de), dann l aus meiner Meinung nach zu Kontakt mit Ihnen als mein Freund. l, so…Lesen »

super lustig , peppig und

super lustig , peppig und frech . das mit dem letzten Teil kann jawohl nicht dein ernst sein !!! Neue Worte -> : Familienzusammenführung Freelancer Friedensnobelpreis peace joe PS : Wir wollen…Lesen »

hmpf

...was soll das heißen, "letzter teil"?! mit einer 9 enden - das habe ich ja noch nie gesehen! macht man das, darf man das so ohne weiters? kommst du da straffrei davon? na jut, ich gib dir ne chance…Lesen »

EURE WORTE - TEIL 8: Die Scheinverantwortlichen

Stundenlang bin ich am Ufer des Flusses entlang geirrt, verzweifelt vom vielen Schreien nach meinem verrückten Wissenschaftler, der spurlos verschwunden ist, nachdem wir beide an dem vergiftetem Wasser einer Naturschönheit beinahe gestorben wären. Von der Weite sah ich nun endlich unseren Jeep. Aber keine Spur von János. Nun gut, ich nahm einen Umweg hinein in den Dschungel, um ihn zu finden.

Wofür tat ich mir eigentlich den ganzen Zirkus an? Für einen Kolibri? Oder einer Laus, die mir über die Leber gelaufen ist. Oder einer Taube in der Hand? Wen suchte ich eigentlich wirklich?
Blaue Augen, tiefschwarz, manchmal grau. Schöne Hände, Arme sehnig, schlanke Beine, Muskel, weiche Lippen und einen 3-Tage Bart. 
Nein. Einen Freund, einen Verbündeten, einen Vertrauten. Nein. Eine warme Hand. Einen Besuch in meiner Snob Villa. Einen guten Kontakt. Nein. Eine Manie, ein Phantom, eine Chimäre. Ein Laster, ein Hobby gegen die Langeweile. Ja. Ein Zeit- und Raumvertreib. Eine Rechtfertigung für Gefühlsschwankungen. Den Antagonisten für ein kleines Drama. Name und Daten sind alles, woran ich mich nach der stundenlangen, erfolglosen Suche entlang des Nunkui noch richten kann. Je mehr ich an ihn denke, nach ihm rufe, durch den Dschungel laufe, desto mehr verliere ich das innere Bild von ihm, die Erinnerung. Nachdenklich gibt man irgendwann der Erschöpfung nach. Eine Idee von etwas festhalten, sie in ein Wasserglas setzen, auf dass sie Wurzeln schlagen soll und blühen, nicht nur blühen, sondern fliegen, wie ein Schmetterling mit Gipsflügeln. Ist das der Auftrag?
Nein. Nach so etwas habe ich nie gesucht. Und er sucht einen Kolibri. Was jetzt? Zwei Beine. Zwei Augen. Zwei Arme. Eine Stimme. Tief. Geschliffenes Hochdeutsch sprechend. Ausgezeichnete Wortwahl mit einem Hauch Wissenschaftlichkeit konterminiert  Ich setze mich jetzt hierhin und schreie nur noch einen Namen. Sollte jemand kommen, gut. Ich warte eine halbe Stunde. Leider gibt es im Dschungel keine Uhren.
Schlammwanne.
Hinter mir knipst plötzlich eine Kamera. Weitere Blitze folgen! Eine Horde schwedischer Touristen trabt hinter mir durch das Dickicht und fotografiert mich olle Nackedei auf einem Baumstamm sitzend, nur in Schilf gewickelt. Ich verschwinde erschrocken im Gebüsch. Kreischendes Gelächter hinter mir. Alles komplett verschwedet hier.
Der Touristenführer mit der Shuar Frisur und dem Lendenschurz, ein geborener Däne, treibt grimmig die Horde weiter, und gibt ihnen immer wieder den Rat, nicht ins Wasser zu steigen, aber ruhig mal einen Schluck davon zu probieren, das Wasser sei nämlich nachgewiesener Maßen "Cholesterin senkend", wie er einer pausbäckigen Blondine gerade hinterhältig grinsend versichert.
Ich schleiche mich von der Gruppe unbeobachtet in mehrere Lagen Geäst gewickelt zurück zum Jeep, steige ein, der Wagen war nicht mal abgeschlossen, und sitze. Sitze, warte, überlege. Freundschaft hin oder her. Ich fahre jetzt. Aber zuerst ziehe ich mir etwas an.
Mist, das rote Abendkleid passt jetzt irgendwie nicht so richtig zur Situation. Am besten wäre ein T-Shirt. Ein weites, langes, großes. Ich finde Jeans, öffne János's Reisetasche und fetze ein T-Shirt heraus. So. Gut.
Hinter das Lenkrad. Zack. Auf jetzt. Weg hier. Nach Hause. Cotopaxi vergessen, Dachboden ausräuchern, Besuch abfüllen, schlafen gehen. Morgen Aufwachen und mit der Polizei nach János suchen. Schrecklich.
So, ich greife jetzt in das Seitenfach auf der naiven Suche nach einem Zulassungsschein. Da fällt mir ein schmales Heft in die Hand mit dem Titel:

"Klaferzengelee mit Wurstwasser: Junge, deutsche Protektionslyrik"

Ich blättere darin und bleibe bei einem sehr schön gesetzten Text des grafisch aufwendig gestalteten Heftes hängen, der den zungenbrecherischen Titel trägt:

"Schulschlusstress"

Du. Fuck.
Arschficken, Fuck! Prack, Du!
Harsch-nicken Lack.
Krassflippen. Schnack. Schnick ju. Pi?
Du!
Pi?
Schlack. Yak Kuh. Barsch kicken. Suck!
Luck to you do! Two?
Juhu.
Fuck Luck krass Suck You: Marsch rippen. 
Pi?
Pi.
Schnack, you, ju, fuck, Yak Kuh, Pi.
Krassflippen. Krassflippen. Krassflippen. 


Bestürzt lege ich rasch das Heft weg und wühle weiter im Seitenfach herum. Ein Ausweis.
Sehr gut. Nein, nicht gut. Das ist nicht der Zulassungsschein, sondern János's Reisepass, darin steckt ein Brief.
Aha, das ist ja spannend.
An: János Ismeretlentöl.
Absender: Meike Deppert.
Gut, dann bleibe ich halt noch ein bisschen hier und lese, wer weiß, vielleicht kommt ja meine große Liebe doch noch aus dem Dschungel.

 Geliebter János,
Vor ein paar Tagen war ich in der Hartz 4 World, da haben die Asozialen jetzt ein großes Plakat aufgestellt in denselben Farben und Schriftzug, wie der O2 Schriftzug, das steht an der Warschauerstraße, bevor man in die unvergleichlich dreckige Revalerstraße einbiegt. Ich finde es geschmacklos, vor allem, wenn man bedenkt, dass dort jetzt ein sehr hübsches Hotel steht, und was ist das erste, was die Gäste sehen, wenn sie in Richtung des Hotels gehen von der Warschauerbrücke aus kommen? Ja, genau: Elend.
Schon ein gutes Gefühl, wenn man wieder zu Hause am Savignyplatz angekommen ist. Ich bin ja open minded, aber Friedrichshain ist noch schlimmer als Neukölln, dort gibt es wenigstens kaum Auslandsstudis.


Heute ist nicht mein Tag anscheinend. Vor lauter Langeweile lese ich trotzdem weiter. Ich nehme an, das schreibt die Frau, die János heiraten will.
 
" Ich verstehe das nicht, überall diese Faulheit, beschmierte Wände, Obdachlose, besoffene  Jugendliche,- haben die alle nichts zu tun? Und weißt Du, was die Zitty schreibt?
"F'hain entwickelt sich zum neuen Mode Mekka Berlins!" Ich gehe aber nach wie vor mit Marie-Luise zum Ku'Damm. Soviel steht fest. Nicht jedem Trend muss man folgen, auch wenn man open minded ist. Die O2 Halle ist schön geworden! Marie-Luise und ich waren bei der Eröffnung! Schade, dass Du nicht dabei warst, Hans Peter Kuhn, der Cousin von Franz Kuhn, Jonathan Mies und sogar Karsten Steinbeck waren da und fragten mich nach Dir, sie vermissen Dein Handicap. Ein sehr schöner Abend. Ein bisschen Protest gab es von ein paar Asozialen, aber darüber konnte man hinweg sehen. Krawallmacher wird es immer geben.
Ansonsten ist es im Büro im Moment ganz schlimm.
Seit Florian Krauss sich von Regina Ahrem getrennt hat wegen Silke Lebenssporn, reagiert Konstanze (ja! Die Konstanze! Meine, nicht die Konstanze Hartmann ) ebenso verachtend auf mich, wie früher auf Florian Zumbühl, den Neffen von Jens Wagner. Nur weil sie weiß, dass ich mit Silke, Anna und Franzi einmal im Fitness Studio war und alle paar Monate mal telefoniere. Aber das ist noch lange nicht alles, weil ja Doerte, Doerte Kurzmann, die mit dem breiten Sächsisch, seit sie aus der Klinik zurück ist und von ihrem Bruder Jan-Alois, der jetzt übrigens bei Karsten Steinbeck arbeitet und dabei sehr gut verdient – dasselbe, was Du auch hättest machen können, mit allen Absicherungen und Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld, auf über 4000.-€ netto kommt, obwohl er soeben erst sein Abitur gemacht hat, wie mir vor kurzem Klaudia ganz stolz erzählt hat, die Klaudia, die – "


Jetzt hab ich's! Das ist das alte Testament, neu interpretiert!  Nein, doch nicht. Na, ja.  

"die jetzt wieder mit ihm zusammen ist, - auf jeden Fall – Ja, von Jan hat sie erfahren, dass Regina sie als "nervenkrankes Kamel" bezeichnet hat und seitdem sprechen wir nicht mehr miteinander. Ich war dabei, als das Wort "nervenkrank" gefallen ist, aber ist das so schlimm? Camille, Jürgen und Paula Hinpel  waren damals übrigens auch dabei.  Ich meine, wenn man in die Nervenklinik kommt, ist man ja wohl nervenkrank, oder nicht? An das "Kamel" kann ich mich nicht erinnern und überhaupt. Ich habe es ja nicht ausgesprochen, also trifft mich ja auch keine Schuld, oder?
Ich könnte jetzt wirklich Unterstützung und liebevolle Zuwendung brauchen, wie Du siehst, aber Du bist ja leider mit wichtigeren Dingen beschäftigt und Marie-Luise ist so im Stress wegen ihrer Hochzeitsvorbereitungen, jetzt muss ich ganz allein damit fertig werden.
Ich mag Doerte ja wirklich gern. Ich war ihr immer eine ehrliche und gute Freundin. Letztens hat sie wieder ihre Mac Donalds Box auf meinem Tisch abgestellt, bevor sie auf's WC ging und da habe ich auch nichts gesagt. Gemüse greift sie ja nicht an. Das könnte ja schädlich sein. Davon könnte sie ja abnehmen, - übrigens trägt sie noch immer dieselbe Frisur von der Du damals gemeint hast, sie erinnere Dich an den verstorbenen Yorkshire Terrier Deiner Großmutter kurz vor seinem tragischen Ableben an der Starkstromleitung... Immer kommt sie mir mit: "Meiki, Meiki. Wann heiratest Du denn endlich? Jetzt seid ihr doch schon ein halbes Jahr zusammen und die allerjüngste bist du ja auch nicht mehr, usw.", das blöde Psycho Luder.
Na, ja. Soviel zur Arbeit.
Und wie geht's Dir so?
Hast Du diesen Vogel schon gefunden?
Ich hoffe, Du hast recht viel Spaß mit Deinem Nico. Muss ja ein ganz toller sein. Du weißt, ich bin überhaupt nicht der Typ, der in den Sachen anderer herumwühlt, aber letztens als ich Deine Hemden bügeln wollte, da- ja, ich hab Deine Sachen alle zu mir gebracht, ich wollte Dir ein wenig Arbeit ersparen, wenn Du zurück kommst – Du hast ja gesagt, Du möchtest nach der Reise bei mir einziehen, ich habe einfach ein paar Arbeiter besorgt und das ging alles ganz rasch, nur Dein Arbeitstisch und Deine Baseball Handschuhe sind noch in der Wohnung, ich dachte das möchtest Du sicher persönlich holen, Intimes und Persönliches wollte ich natürlich nicht berühren. Du musst mir nicht danken, ich habe es gerne gemacht. Damals. Vor einer Woche. Das war ja auch noch bevor... Ich wusste da ja noch nichts von dieser... diesem... Deinen... wie soll ich sagen.. Neigungen?
Du Schwein!
Ich habe all seine Briefe gefunden! Alle beiden!
Zuerst wollte ich sie nicht lesen, legte sie gleich wieder zurück, da wankte die Kommode und heraus purzelte ein Haufen unabgeschickter Briefe von Dir an ihn und einer davon  flog so unglücklich,- das Fenster war ja auch offen, ein extrem windiger Tag, nieselig, schwül und.., und landete genau schräg auf meiner Handfläche, so, dass der Brief aus dem unverschlossenen Kuvert von selbst heraus glitt und ich beim Wieder Hinein Stecken  nicht wegsehen konnte.
Ich bin open minded, wie Du weißt, aber was Du da schreibst.. Das..
Ist selbst für mich zu viel.
Du Schwein!
Auf jeden Fall ist die Sache mit der Hochzeit gestorben, ich akzeptiere Deine Neigungen, so krank sie auch sein mögen, was übrigens auch Marie-Luise findet, die sich das bei Volker Behrens, der ein richtiger Mann ist und immer zu ihr steht, obwohl er als Spitzenverdiener bei Siemens wirklich viel um die Ohren hat, niemals vorstellen könnte, und ich will Dich nie wieder sehen.
Die Sachen lasse ich morgen wieder in Deine versiefte Wohnung zurück bringen. Werde glücklich mit diesem Mann und am besten bleibst Du gleich in Ecuador, denn hier wissen alle Deiner Arbeitskollegen bescheid. Immerhin musste ich ja mit jemandem darüber reden, wenn Du schon nie für mich da warst.
Ein herzliches Tschüss aus Berlin! Nicht-mehr-Deine Meike"



Ok. Ok. 
Sie weiß also zu glauben, dass ich ein Mann bin.
Ok.
Und, dass János...
Puh!
Warum hab ich bloß vorgestern aufgehört zu rauchen?
Mist.
Ein Königreich für eine Marlboro.
Ob er es geschafft hat, den Brief bis zu Ende zu lesen? Vielleicht ist er beim ersten Absatz eingeschlafen und weiß gar nicht, wie open minded sie das mit der Hochzeit mittlerweile sieht. Nein, er muss es gelesen haben. Aber warum hat er nichts davon erzählt? Na, ja. Typisch. János halt. Persönliches erzählt er nur in Randnotizen, außer man bohrt ihm Löcher in den Bauch. Was ich jetzt übrigens gerne tun würde, aber nicht verbal.
Ein Lächeln huscht über meine Lippen: Was hat er mir da bloß alles geschrieben? Davon hat sie natürlich nichts erwähnt.. Leider. Und Murmler sind keine Vögel, sondern Schmetterlinge, die so tun, als wären sie Kolibris, das ist ein riesiger Unterschied, ich bin ja auch kein Delphin. Zumindest momentan. Stimmt! Wo sind die Pilze?
Nein. Jetzt nicht. Die Situation ist schon abstrus genug.

"Servas!" schreit da jemand aufgeregt aus dem Gebüsch kommend. János! Na, endlich, Alter.
"I bin nackert!". Er rennt auf's Auto zu, stürzt sich Hals über Kopf in den Kofferraum und zieht sich rasch, peinlich berührt an. In aller Ruhe stecke ich den Brief und den Pass wieder ins Seitenfach.
"Oida, i bin voll zerwuselt. Bei dir ois senkrecht?", fragt er mich und ich blicke fassungslos in sein schönes Gesicht.

Warum spricht er plötzlich einen so eigenartigen Dialekt?
Oh, Gott, sag nur, er hat schon wieder das Gedächtnis verloren! Das kann doch nicht sein, dass jemand auf Schock immer mit Gedächtnisverlust reagiert, Himmelherrgottsakra!
"Wos isn, was schaustn so betropezt?"
"Du sprichst in einem seltsamen Dialekt und was zur Hölle heißt "betropetzt"?"
"Deppert."
"So, wie Meike?"
"Meike? Man'st die Würschtln, oda wos?"
Ok. Jetzt ist es klar. 
János glaubt, nachdem er das Leben fast verloren hätte, er sei Österreicher.
"Schau, was i im Wald gfunden hab!"
Er zeigt mir einen großen, braunen Pilz. Völlig unspektakulär.
"Parasol!"
"Weißt Du, wie ich heiße?", frage ich ihn ernst.
"Jo, Nico, glaubst i hab an Vogel, was is? Fahrst jezan amol los mit deina Kreibn, oda miass ma latschn bis zum nächstn Wirtn, i hab so an Hunger! Rasiern könntest di a wida amoi, so nebenbei."
Stimmt, in dem Punkt hat er Recht. Aber nur in diesem einen.
"Weißt Du, was wir hier eigentlich vorhaben, warum wir hier sind?"
"Wos sulln denn die bleden Fragen, wo hastn den Ring? Des san unsare Flitterwochen, wasn sunst!"
Er will mich küssen. Ich weiche rasch aus.
Verliebt schaut er mich mit seinen großen blauen Augen an und sagt: "Schau, wennst wissen wüst, wer i bin, dann sag i's dir gern: I bin a bissl wer und gar nix in Wirklichkeit. Oba: Des wast nur du! I bin net reich, i bin net schen, aber i steh auf di mehr als auf den ganzen andern Quargel, mit dir is immer schen, egal wann, wie und wo. I wüll bei dir sein, net mehr und net weniger. I seh die Wöd dann irgendwie anders und sie is schener. Verstehst? Und kannst jetzt bitte losfahren, mir knurrt der Magn. I was net, was ma da so lang gmacht haben, aber schen, dass'd des ganze Camping Zeigs scho verstaut hast. Danke, Schatzi."

Ich starte betropezt den Motor. Und fahre angewidert von diesem depperten Charakter, der mit meinem János so gar nichts zu tun hat, aber sein makellose Gesicht  trägt, in Schrittempo zur nächsten Kneipe.
"Du, der Parasol, der passt sicher super zum Schweinsbraten.", nuschelt János neben mir und schnüffelt an dem braunen Pilz. Ich konzentriere mich nur noch auf die Mittelstreifen und murmle in Gedanken mantrenartig: "Bitte Kneipe, sei bald da, bitte Kneipe sei bald da, bitte Kneipe sei bald da und rette mich.."

 

(To be continued) 

 

VERWENDETE WORTE IN DIESEM TEIL: 

Fuck_
Fuck you_
Arschficken_
Schulschlusstress
Scheinverantwortlicher

Klaferzengelee mit Wurstwasser

 

 

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 27.09.2008 , Zuletzt aktualisiert: 27.09.2008

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EURE WORTE - TEIL 1: Die Wurmfischerei
EURE WORTE - TEIL 2: Verlierermentalität
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AKTUELLE WORT - ZUSENDUNGEN DER TIP LESERATTEN - & GERETTETEN (#3)

Aus folgenden Worten entstehen gerade die Teile 8 & 9 der supergeilenaffenstarkmegagalaktischirrwitzigenhyperhyperjugendfreigewaltundsexlosen usw. Fortsetzungsgeschichte "EURE WORTE". Wer weitere Worte in den Pool werfen möchte oder den ganzen Wahnsinn in eine andere Richtung lenken will, schicke bitte weitere Worte, gute wie böse, weiße, schwarze, lange oder dünne an:

EureWorte@tip-berlin.de

THX ;-)  ---> The Wurmfischer's Paradise <---------------www.jekely.net

schatztruhe
Déjà-vu
retropositiomamae
Berg
Iphigenie
schmandrhababererdbeergebäck
Genderbudgeting
Gefahrensucher_

Fuck_
Fuck you_
Arschficken_
Bitte und Danke

Balkenmäher
Schulschlusstress
Kuhschnappelbrot
Schwarzfahren
Scheinverantwortlicher
Artikelverzeichnis
Klaferzengelee mit Wurstwasser

von  lilly jaeckl
Veröffentlicht: 17.09.2008 , Zuletzt aktualisiert: 17.09.2008

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