Eins vorweg: Ich mag Vietnamesen. Und das nicht nur, weil sie so toll kochen. Ich mag sogar, wenn der Küchenjunge aus dem immer unglaublich vollen Restaurant Monsieur Vuong in der Alten Schönhauser Straße jeden Morgen ungefähr 1000 leere Saigon-Bierflaschen in den Glascontainer vor meinem Büro wirft. Er macht das mit einem Stoizismus und Langmut, den ich auch gern hätte. Wahrscheinlich wäre es ihm auch egal, wenn ich ihm erzählte, dass die Firma, die die Flaschencontainer leert, braune und weiße Flaschen, die er immer so schön trennt, auf einen großen Haufen zusammenschmeißt. Er würde nur auf erleuchtete Art lächeln und noch eine Sackkarre voller Saigonflaschen holen.
In meiner Nachbarschaft gibt es einen Vietnamesen, der einen Lebensmittelladen betreibt. Obwohl er lange nicht so viel im Angebot hat wie der Supermarkt zwei Straßen weiter, hat er viel mehr von dem, was man braucht. Er hat die richtigen Zeitschriften, das richtige Obst, er hat ein paar Bioprodukte und sonntags frische Brötchen. Ja, natürlich hat er am Sonntag auf. Denn er kennt die Bedürfnisse seiner Kunden genau. Und das ist in Deutschland und besonders in Berlin, wo Kunden eher lästig sind, etwas Besonderes. Sogar so besonders, dass mein vietnamesischer Kaufmann neulich in einer Sonntagszeitung als Mensch der Zukunft vorgestellt wurde. Neben prominenten Architekten und Designern.
Die Vietnamesen in Berlin leben nicht in Nischen, sondern unter uns. Auf Augenhöhe, oder eher drüber. Sie warten nicht auf Sozialleistungen des Staates, sie machen sich selbstständig, unabhängig und arbeiten für die Freiheit gern mehr als acht Stunden am Tag. Sie holen zielsicher die besten Blumen vom Großmarkt und bieten sie zu Preisen an, bei denen man sich fragt, was für sie übrig bleibt. Sie haben Geschäfte voller lustiger Plastiksachen aus Südostasien, die nicht länger halten, als man sie braucht. Sie fügen alle möglichen Lidl-Komponenten zu schmackhaftem Essen zusammen. Sie bekommen Kinder und fragen nicht nach Kita-Plätzen, sondern lassen sie in ihren Läden aufwachsen, wo sie beim Toben durch die Regale und Mithelfen auch nicht unglücklicher wirken als die deutschen Kinder im Hort.
Es gab in der DDR Tausende von Vietnamesen, die aus dem kommunistischen Bruderland zum Studieren gekommen waren – viele ließen sich nach dem Mauerfall nicht einfach zurückschicken, sie blieben einfach hier. Und niemand aus dem Osten hat den Umbruch besser überstanden als sie. In Rekordzeit haben sie sich an die kapitalistischen Verhältnisse angepasst und das System um ihre persönliche Marktwirtschaftsnische bereichert. Die Vietnamesen sind die modernsten Menschen der Stadt.