Shakespeare lesen

Bis kurz vor seinem Tod hat der große Theater-Denker Ivan Nagel an seinem letzten Buch gearbeitet. Er unternimmt darin eine genaue, ungemein vielschichtige und kenntnisreiche Neu-Lektüre eines der rätselhaftesten, auch grausamsten Werke William Shakespeares. Nagel liest „Der Kaufmann von Venedig“ – ein Stück, das von den Nationalsozialisten zur antisemitischen Hass-Propaganda missbraucht wurde, ein Stück, das Fritz Kortner (dem Nagel sein Buch „zum Dank“ widmet) in seiner Interpretation des Shylock schroff und genau von Anti- wie Philosemitismus befreit hat.
Ist es eine Tragödie? Schon bei der Genrebezeichnung macht Nagel gleich mehrere Fragezeichen: Er entdeckt in Shakespeares Stück „zugleich zwei Stücke neben- und gegeneinander geschrieben: eine Liebeskomödie (,romantic comedy‘) und ein Problemstück (‚problem play‘) unter demselben Titel, mit derselben Handlung, mit den gleichen Figuren.“ Dieses „Doppelgeschöpf“, dieses „gespaltene Theaterstück“ befragt Nagel nach seinen Geheimnissen, den Leerstellen des Nicht-Gesagten, den vielfachen Spaltungen nicht nur der Figuren, sondern auch der Rezeption.
Nicht ohne Spott sichtet Nagel „die Ausreden, die 200 Jahre Gelehrsamkeit erfanden, um der Einsicht auszuweichen“, dass Antonio einen Mann liebt. Auch wenn er in jeder Zeile bei Shakespeare bleibt, ist es unverkennbar ein persönliches Buch: „Das Stück handelt von Shylock und Antonio, einem bekennenden Juden und einem heimlichen Sodomiten“, schreibt er in seinem Vorwort – und benennt damit zwei Leitmotive seiner Shakespeare-Lektüre wie seines Lebens als Jude und nicht heimlicher Homosexueller.

Ivan Nagel: Shakespeares Doppelspiel
Insel Verlag, 334 Seiten, 32 Euro

von  Peter Laudenbach
Zuletzt aktualisiert: 21.12.2012

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