Berlinale 2016

Ein Interview mit Volker Sattel

Der Regisseur durchquert in seiner kontemplativen Cinemascope-Dokumentation die ewig strahlende Welt der deutschen Atomindustrie.

Volker Sattel

tip Herr Sattel, am Beginn Ihres Films sieht man seltsame, organisch wirkende Strukturen im Dunkeln aufblitzen. Was ist das?
Volker Sattel Am Anfang sieht man eine Nebelkammer. Eine Box, die ist mit Alkoholdampf gesättigt und in der Lage, die Spuren der Strahlenteilchen in Form von Nebelspuren oder dieser bizarren Gebilde, die man da sieht, sichtbar zu machen. Was man sieht, sind die Spuren der Alpha-Teilchen, Beta-Teilchen, Neutronen. Im Zentrum des Films steht ja dieser Spaltprozess und die radioaktive Strahlung, die dabei frei wird – und ich wollte das ästhetisch erfahrbar machen. Eine Möglichkeit war diese Nebelkammer.

tip Die Methode, mit der Sie sich diesem Komplex der Atomindustrie nähern – Schulungszentren, aktive Reaktoren, Endlager, Forschungszentren –, ist extrem kontemplativ: langsame Cinema­scope-Kamerafahrten durch diese Orte strukturieren den Film. Warum diese ästhetische Entscheidung, die ja auch eine analytische ist?
Volker Sattel Mich hat der Aspekt der Utopie interessiert, die einmal dahinterstand, aber auch der Status quo und was die Hinterlassenschaften sind. Ich wollte das aber nicht in einer Polemik aufarbeiten, sondern ein Panorama schaffen – das ist das, was mir eigentlich fehlt. Ich wollte mit den filmischen Mitteln auch einen neuen Blick auf die Sache eröffnen.

Unter Kontrolletip War es leicht für Sie, Zugang zu bekommen?
Volker Sattel Wenn man in einer Atomanlage drehen will, muss schon jedes Gespräch, jeder Dreh vorher abgesprochen werden – das ist natürlich für einen Dokumentarfilmer ein großes Problem, wenn man von vornherein so eingeschränkt ist. Aber ich habe das dann bewusst zum Konzept des Films gemacht: zu zeigen, wie sich die Akteure selbst repräsentieren, die Ingenieure, die Pressesprecher, die Atomkraft selbst.

tip Es gibt einen schönen Suspense-Moment in „Unter Kontrolle“: Man wartet auf den Blick in den heißen Kern der Sache selbst. Und tatsächlich fangen Sie irgendwann einen erhabenen, gleißend hellen Schein in einem Reaktor ein.
Volker Sattel Das ist ein Forschungsreaktor, in dem es also nur ein Brennelement gibt. Das wird einmal im Jahr gewechselt und wir konnten glücklicherweise dabei sein. Die Strahlung wird da im Wasser sichtbar, im Tscherenkow-Effekt, einem blau leuchtenden Lichteffekt. Es ist nicht einfach zu filmen.

tip Ist aber gut gelungen. Mussten Sie Ihr Leben riskieren?
Volker Sattel
Ich hoffe nicht (lacht). Nein. Es wird natürlich höllisch aufgepasst, dass man immer unter den erlaubten Grenzwerten bleibt. Aber es gab durchaus Situationen, die unbehaglich waren. Eher, weil die Anlagen so komplex sind. Sie sind so schwer zu verstehen und die Menschen dort betreiben das zugleich mit einer so großen Selbstverständlichkeit und halten diesen Technikkomplex für sehr gutmütig. Aber wenn man von außen kommt, empfindet man das überhaupt nicht so, man kennt ja die Risiken und die Unfälle.

Unter Kontrolletip Im Abspann bedanken Sie sich bei einem Atomtechniker für die Gammabestrahlung der grün pulsierenden Schlusssequenz.
Volker Sattel Da schließt sich der Bogen. Wir haben da in einem extremen Experiment 35mm-Filmmaterial in einem Forschungsreaktor bestrahlen lassen und sichtbar gemacht, was die Strahlung auf dem Material auslöst.

tip War das Material selbst radioaktiv nach dieser Prozedur?
Volker Sattel Nein (lacht). Wäre es das gewesen, dann hätte ich es nicht mehr in die Hand bekommen. Dann wäre es jetzt auch Atommüll und würde in eine dieser vielen Lagerstätten wandern und entsorgt werden. Aber das hätten sie in diesem Forschungsreaktor nie gemacht, das hätte gegen alle Strahlenschutzverordnungen verstoßen.

Interview: Robert Weixlbaumer

Foto von Volker Sattel: Benjamin Pritzkuleit

Fotos „Unter Kontrolle“: Volker Sattel / Stefan Stefanescu

Unter Kontrolle (Forum)
11.2., 16.30, Delphi
17.2., 19.15, CineStar 8
19.2., 17.30, Arsenal 1
20.2., 20.00, Cubix 9

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare