Kulinarisches Kino auf der 63. Berlinale

Kulinarisches Kino auf der 63. Berlinale  

piecha_c_hipi"Da müssen wir hin!" Für Ulrike Piecha war das sofort klar. Denn Nils Henkels Vorstellungen des Menüs für das Kulinarische Kino sind sehr anspruchsvoll. Die beiden Schwestern sind im "Gropius Mirror", dem Restaurantzelt vor dem Gropius-Bau, dem kulinarischen Treffpunkt während der Berlinale, für die komplette Gastronomie zuständig. Sie müssen mit den Spitzenköchen der Bundesrepublik jeweils für einen Abend ein Drei-Gänge-Menü realisieren. Noni Piecha soll am Eröffnungsabend mit Nils Henkel einen Part beim ­Dessert übernehmen. "Eine Schokoladengeschichte" lacht sie – noch. Sie wird über 200 Kugeln aus Gianduja-Schokolade herstellen und auf diese eine Schokoladen­emulsion mithilfe ­eines Airbrush samtig auftragen.

Thomas Struck, der Kurator des Kulinarischen Kinos kann nun wieder lachen. "Wir haben uns im April 2012 auf das Thema Garten eingeschossen." Mit Michael Hoffmann, dem Berliner Sternekoch mit eigenem großen Garten in Brandenburg, hatte die Arbeit da bereits schon begonnen. Es wird im Zeitraffer festgehalten, wie sich die Pflanzen den Jahreszeiten entsprechend entwickeln. "Dig Your Food – vom Garten auf die Gabel" so das diesjährige Motto, unter dem Spitzenköche und großartige Filme über Ernährung und Esskultur fester Bestandteil der Berlinale sind. Das mit dem Garten ist auch im übertragenen Sinn zu verstehen. So bei dem Dokumentarfilm "L’Amour des Moules" (Mussels in Love). Denn auch Muscheln werden ausgesät und geerntet. "Die Regisseurin Willemiek Kluijfhout dokumentiert, wie durch EU-Richtlinien die traditionelle Muschelfischerei in Bedrängnis kommt."

Filmexperte Struck erzählt weiterhin von wunderbaren Bildern und einer Liebesgeschichte am Rande. Nach dem Film gibt es dann das Menü von Nils Henkel, in dem es zum Schluss um die bereits erwähnte Kugel geht. Noni Piecha denkt laut darüber nach: "Zuerst also 200 Halbkugeln gießen, einfrieren. Dann die zweiten Hälften produzieren, beide Hälften zusammenkleben, und wieder gefrieren, Fingerabdrücke dürfen auch nicht …" und plötzlich sieht man die jüngere der Schwestern Piecha in einem Meer von Schokoladenkugeln rudern. Noni Piecha nimmt es sportlich. Sie ist nun zum dritten Mal die Frau in der Küche, die 28-Jährige ist Koordinatorin und als Küchenchefin für den täglichen Lunch zuständig. Was sie an dieser Aufgabe reizt?

thomas-struck_berlinale"Der Rollenwechsel. Tagsüber verantworte ich das, was aus der Küche kommt, abends bin ich rechte Hand, Koordinatorin und der Springer." Ulrike Piecha arbeitet an der Front. "Ich hinten, sie vorne" beschreibt es Noni. Ulrike ist diejenige, die im Vorfeld die Menüs, den Ablauf, die Produkte organisiert und während der Berlinale die Reservierungen, die Platzierung der Gäste übernimmt.
Wie ein Leben mal kurzerhand umgekrempelt werden kann erzählt die Hollywood-Komödie "Being There" (Willkommen, Mr. Chance) von Hal Ashby von 1979. Peter Seller spielt einen naiven Gärtner. "Michael Hoffmann hat der Film gut gefallen" sagt Thomas Struck und verrät weiter, "er hat diesen Film mit seiner Frau, der Schwiegermutter und dem Hund gesehen." Ein jahreszeitlich inspiriertes Menü wird es geben. Mehr verrät Struck nicht.

Eine fast abenteuerliche Geschichte erzählen die australischen Dokumentarfilmer Warwick Ross und David Roach. Sie gehen dem Geschäft mit dem Bordeaux nach, erzählen von den unglaublichen Preisen, die dieser Wein in China erzielt. Warwick Ross ist übrigens auch Winzer. Jedenfalls reisen die beiden Filmemacher dem Wein als Geldanlage hinterher und beobachten die Entwicklung in China. Hier erreicht eine Flasche Bordeaux einen Wert von mehreren tausend Euros. Schon alleine die leere Flasche ist einige hundert Euro wert. "Da trifft die alte europäische Weintradition auf eine neue Welt und auf einen ganz neuen Markt." Und das Land der Mitte wäre nicht so weit gekommen, wenn nicht tief in ihrer Kultur das unerschütterliche Selbstbewusstsein verankert wäre, das sie alles können.

"Kolja Kleeberg wird dazu Drache in Rot zubereiten", witzelt Struck. Heißt übersetzt: Kleeberg will asiatische wie Europäische Stilelemente zusammen bringen. Der Zwei-Sterne-Koch Tim Raue serviert dagegen einen ungewöhnlichen kulinarischen Kommentar zu der britischen Komödie Jadoo von Amit Gupta. "Ich bin in Indien auch zu Hause, behauptet der kulinarische Sinologe. Alle Köche arbeiten aber mit den Schwestern Piecha zusammen – und die beiden freuen sich, alle Ebenen irgendwie zusammen zu bringen. "Es ist eine großartige Erfahrung und zum Schluss sind wir glücklich, alles geschafft zu haben." Noch ist es nicht soweit und der Genuss- und Filmliebhaber sollte sich um Tickets frühzeitig bemühen. "Es gibt aber immer noch am selben Abend ein paar vor Ort", im Gropius-Bau verspricht Ulrike Piecha.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Esther Suave / HiPi (großes Foto oben), Piero Chiussi / Berlinale 2011 (Mitte)

Kulinarisches Kino der Berlinale, 10.2. bis 15.2.2013; 16 Filme über Essen und Umwelt laufen im Kino des Martin-Gropius-Bau, Kostenpunkt 85 €; Restaurant Gropius Mirror im Spiegelzelt vorm Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Mitte, 7.2. bis 14.2.2013, täglich 11-15 Uhr; Lunch sowie Kaffee und Torte (offen für alle ­Festivalgäste), Reservierung: ab sofort unter 25 92 07 11

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 13.02.2013

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