Maremoto

0 Kommentare

Maremoto  

maremotoRi-e-nzner, das E spricht man im Namen mit. „Es gibt einen Fluss in Südtirol namens Rienzi“, erklärt Cristiano Rienzner, der Küchenchef, der gerade das Maremo­to eröffnet hat. Der Mann mit italienischen Vorfahren, im Wedding aufgewachsen und mit einem enormen Dickschädel und bemerkenswertem Durchhaltevermögen gesegnet, hat es nach drei Jahren geschafft. Seine Küche, eine „me­taphorische“, wie er sagt, hat eine feste Adresse. Am Strausberger Platz steht seit ein paar Tagen nun die Startrampe, um in andere, einmalige Sphären des kulinarischen Genusses zu schweben.

15 Gänge, das Menü beginnt mit Campari Cocktail – Estragon Marshmallow, danach Jamon Iberico Bellota – Frittierter Sherry, Anchoa – Joghurt – Frittierter Mais – Basilikum – bei einem Blick in die Küche legen die Köche Ager Uriguen, Miles Watson und Martin Wolf ein Tempo vor, damit kann kaum jemand mithalten. Sie pürieren, glacieren, vereisen, vernebeln, erzeugen Oberflächenspannungen und arbeiten mit unterschiedlichen Einlegeflüssigkeiten. Im Taller in Kreuzberg ist die andere Hälfte der Koch-Crew am Werke. Um 18 Uhr kommt Cristiano Rienzner ins Maremoto – übersetzt heißt das: Seebeben – und führt die Ergebnisse beider Teams zusammen. Insgesamt sind ohne den weißhaarigen Küchenchef sieben Köche am Werk.

maremoto_koch
Nicht dass der Betrachter wirklich tiefgründige Kenntnisse von diesen Vorgängen hätte, die in der Küche oder zum Teil am Tisch vor seinen Augen passieren. Es sind wissenschaftliche Vorgänge. Chemiekenntnisse wären hier nicht schlecht, um die servierten Phänomene zu analysieren, zumindest, um sie zu intellektualisieren. Doch das ist nicht das Anliegen des Berliner Molekular-Mannes. Der sinnliche Genuss hat Vorrang. Der überraschende Geschmack, der sich im Mund, am Gaumen, auf der Zunge entfaltet – immer überraschend, unerwartet, dennoch sind es sowohl angenehme als auch einmalige Effekte. „Entwickelt aus katalanischen Produkten, das ist Rienzner, einem früheren Wegbegleiter von Ferran Adrià, sehr wichtig. Aber auch die zwei Hauptgänge sind für den Konventionenvermeider wich­­tig. Sie sind ein Beweis für seine Kritiker, dass er und seine Köche durchaus die klassische Haute Cui­sine beherrschen.

Die Crux ist auch: Diese Art von Kochkunst entzieht sich der konventionellen Gastrokritik. Ein Besuch im Maremoto ist ganz klar Performance – das Menü ist eine kunstvolle Inszenierung. Es ist ein Gesamtkunstwerk, und mit 129 Euro ist der Gast ein Teil davon. Nachts, wenn die Autolichter stän­dig um den Platz kreisen, unterlegt von einem sphärischen Klangteppich der Sounddesigner Tam Tam, ist alles schon sehr entrückt. Wenn die Decke blau-türkis schimmert und eine Überraschung nach der anderen folgt, dann ist das ziemlich abgehoben. Das ist neue, innovative Exklusivität in Berlin.

maromoto_kreation
Doch Rienzner ist auch bekannt für seine Liebe zur anarchis­tischen Bodenständigkeit und zur „Halbwelt“, wie das Graffiti an der Wand im Aufgang zu den Toiletten verrät. Manche Gäste hätten sich beim sogenannten soft opening ein wenig daran gestört. „Das ist aber ein Teil von mir, auch daraus ziehe ich meine Inspiration.“ Auch wird es ab Juni unter dem Motto „Maremoto Friends“ ab 23 Uhr einen Open-Air-Bereich und eine Lounge geben. „Easy Going – es werden zwei weitere Holz­koh­le­­öfen – einer steht in der Küche – rausgestellt, und schon der Duft der Speisen ist Lockstoff.“ Nachtschwärmer werden dann bis in die Morgenstunden in den weißen Möbeln relaxen. Und vielleicht be­kommen sie dann auch noch eine kleine Snacktüte für den Weg, mit einer kleinen Überraschung für den Hunger danach.

Text: Eva-Maria Hilker


Maremoto
Strausberger Platz 2, Friedrichshain, www.maremotoberlin.de; U-Bhf. Strausberger Platz,Di-Sa 18-24 Uhr;15-Gänge-Menü 129 €; Softdrinks ab 3 €, Bier (0,3 l) 4 €, Wein (0,2 l) 9 €

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 25.06.2008

tip Ausgabe 13/2016

Titel
: Der Wilde Sound der Stadt - Wieso Berlin die aufregendste Popstadt Deutschlands ist. || Der Nerd am Herd: Foodpairing verspricht, das perfekte Gericht wissenschaftlich zu ermitteln. || "The Lobster" - Regisseur Yorgos Lanthimos entwirft eine Art Versuchsanstalt für das Verhalten. || "Die Kabale der Scheinheiligen" - Frank Castorf zelebriert…

tip Berlin Kino-Newsletter - jetzt anmelden!