Kultur & Freizeit in Berlin

Guerilla-Gardening, Bauerngärten, Schrebergärten

Sie verwandeln Parkdecks in grüne Biotope, werfen Samenbomben und bestellen ihr Äcker mitten in der Stadt. Seit Berlin das Thema Urban Gardening entdeckt hat, ist die Stadt so grün und fruchtbar wie noch nie

Der Himmel über Berlin ist weiß. Seit Tagen ist es drückend und schwül. Nur auf der Tempelhofer Freiheit jagt der Wind über das Feld, drückt das Gras nieder, verfängt sich in Jacken und lässt sie knattern. Weit hinten im Osten erstrecken sich die Schillergärten. Anarchisch, bunt und wild liegen sie dort wie Piratenschiffe im Wiesenmeer. Die Gärten sind mobil, keine Pflanze darf hier ihre Wurzeln ins Berliner Land schlagen, denn sie liegen genau in dem Randgebiet, das bald bebaut werden soll. Ihre Besitzer sind nur Zwischennutzer. Die Stadt hat ihre eigenen Pläne mit der Tempelhofer Freiheit. Wenn die Bagger kommen, ist es vorbei.

Doch auf dem Tempelhofer Feld ist auch die Garten-Guerilla aktiv und hinterlässt leuchtende Blumen, die scheinbar aus dem Nichts heraus mitten in der Wiese wachsen. Die Bagger mögen anrücken, doch gegen die Seed Bombs, kleine, mit Samen gefüllte Kugeln, der Guerilleros sind sie machtlos. Im Netz gibt es Dutzende Anleitungen und diverse Bio-Supermärkte verkaufen fertige Sets. „Das Feld hat ideale Bedingungen für Samenbomben“, erklärt Charlotte, die ihren wahren Namen nicht nennen will, denn Guerilla Gardening ist illegal. „Für Müllhalden und solche Orte braucht man schon resistentere Samen. Fetthenne, Mohn und Ringelblume gehen immer.“

SeedballUnd dann: „Kuhle machen, Wasser drauf, that‘s it“, lacht sie. Für Charlotte ist das wilde Stadtgärtnern Kunst: „Man macht sich Gedanken, wie etwas entstehen kann, das vorher noch nicht da war“, sagt die Hobby-Guerilla-Gärtnerin. „Ich mache das einfach, weil ich leidenschaftlich gern in der Erde wühle. Das Guerilla Gardening macht jeder für sich selber. Es ist dein ganz persönlicher Beitrag, die Stadt mitzugestalten, Berlin freundlicher und bunter zu machen.“

Den Kiez mitgestalten, sich die Hände schmutzig machen – die Berliner sind hier kaum zu bremsen, weiß auch Hannah Linsmaier. Sie ist die Koordinatorin des Himmelbeets im Wedding, eines interkulturellen Gemeinschaftsgartens, der auf dem Dach des Schillerpark-Centers in der Müllerstraße entstehen soll, einer Asphaltwüste in 22 Metern Höhe. Bienenstöcke, ein Gartencafй, Kulturveranstaltungen und Workshops soll es hier bald geben. Außerdem Pachtbeete, die man für eine Saison übernehmen kann. Hier oben gibt es nur Himmel, Wolken und Wind, der Lärm der Stadt verliert sich. „Man hat hier wirklich in Stück Freiheit“, sagt Hannah Linsmaier. „Die Leute im Kiez sind voll dabei, die wollen wirklich bauen.“ Da ist der Kiezpolizist, der unbedingt seine Sonnenblumen auf dem Dach haben möchte, oder die türkische Frau, die ihr Wissen in Kräuterworkshops weitergeben will. Während ganz Berlin unter dem nicht enden wollenden Winter ächzte, reckten auf unzähligen Weddinger Fensterbrettern Pflanzensprösslinge in kleinen Anzuchtstationen ihre Köpfe in die Sonne. Vor allem alte und regionale Sorten keimten dort und warteten auf den Umzug ins Freie. „Wir hängen alle in virtuellen Welten ab“, sagt die Koordinatorin. „Wahrscheinlich sind die Leute deshalb so begeistert dabei. Weil das hier was Echtes, Lebendiges ist.“


Inzwischen neigt sich auch über den Feldern rund um Spandau der Tag. Die Sonne steht tief und bringt die Flurzäune zum Glänzen. Max von Grafenstein steht auf dem Feld und kontrolliert die Bewässerungsanlage. Schrebergartennachbar Neumann steht am Zaun, raucht sein Kippchen und verwickelt ihn in Fachgespräche über Wintergemüse und Kommunalpolitikerpläne. „Na ick wünsch euch wat“, winkt Neumann ab und trollt sich zurück in sein Gärtchen. „Mit den Schrebergärtnern kommen wir ganz gut aus“, freut sich Max von Grafenstein. Er ist der Betreiber der Bauerngärten, in denen Gärtner ein fertig bestelltes Stück Acker pachten können. Auf den kreisrunden Feldern in Spandau, Pankow und Buckow wachsen etwa 50 Pflanzenkulturen: Ringelblumen, Salat, Kartoffeln, Kürbis, Bohnen, Mangold. Alles bio.

Ein rationales Konzept: „Wenn 1000 Leute ihren eigenen Garten umgraben und bestellen, sind sie ewig beschäftigt. Mein Traktor gräbt für alle in zwei Tagen. Das spart Zeit und vor allem viel Energie“, erzählt Max von Grafenstein. Die Gartenarbeit reduziert sich auf etwa zwei Stunden in der Woche. Viele seiner Kunden seien ohne viel Vorwissen, sagt er. Beim Bauerngarten werden sie an die Hand genommen. „Das ist so banal, aber man lernt als Allererstes, dass die Natur nicht immer das macht, was du willst“, lacht Pächterin Theresa Dühn. „Du siehst, dass Nahrung Arbeit macht, Zeit und vor allem viel Pflege braucht“, erzählt sie. „Ich war so stolz, als ich irgendwann meine eigenen Möhren aus der Erde gezogen habe.“ Und noch etwas kann man lernen: „Wir gärtnern mit 1000 Leuten und das ganz ohne Zaungrenzen“, sagt Max von Grafenstein. „Hier klappt das auch so.“

Es klappt auch in Köpenick. „Ein Garten hat ein friedensstiftendes Potenzial“, sagt Gerda Münnich, die zu den Pionieren der Berliner Gartenkultur zählt. Sie ist die Mutter des Wuhlegartens, Berlins erstem interkulturellen Garten, der in diesem Sommer zehnjähriges Bestehen feiert. Auch im Wuhlegarten gibt es keine Zäune. Die Menschen, die hier ihr Beet bewirtschaften, sind Spätaussiedler, kommen aus Vietnam oder sind vor dem Krieg aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen. „Viele der Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass die Schrebergärten sie nicht wollen“, erzählt die Gartenaktivistin. „Aber wo fängt das an, dass jemand aus einem anderen Land einen Fuß auf die Erde kriegt? Manchmal fängt das mit einem Beet an.“ Dann erzählt sie, dass einige Wuhlegärtner inzwischen in klassische Schrebergärten gewechselt seien: „Da lebt jeder mehr für sich, das wollten wir hier nicht machen. Aber jeder muss sehen, was für ihn das Beste ist.“ Plötzlich reißt der Himmel auf und der seit Tagen ersehnte Regen fällt.

„Super, grad brennt das Feuer!“, schimpft jemand. Eine der Wuhlegärtnerinnen rettet sich vor der Husche zu Gerda Münnich unters Dach. Sie hat Topinambur und Möhren geerntet. Eine Nachbarin bringt frische Kräuter. Daraus soll nun ein großer Topf Suppe gekocht werden. Gegessen wird gemeinsam. Die neue Leidenschaft für das Gärtnern, die ist mehr als die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, auch wenn Berlin viele große und kleine paradiesische Orte bereithält. Gärtnern bildet Gemeinschaften, in denen Menschen, die völlig unterschiedliche Leben führen, ins Gespräch kommen, sich gegenseitig helfen und voneinander lernen. Der Garten ist das Gegenteil vom städtischen Aneinandervorbeileben. Darum müssen Gärten Wurzeln schlagen können. Je tiefer, desto besser.

Text: Sandra Prophet
Fotos: Daniela-Friebel-HiPi

Gute Adressen für Gartenfreunde



Allmende-Kontor

Die Schillergärten auf dem Tempelhofer Feld sind der große Gemeinschaftsgarten des Allmende-Kontors, der sich darüber hinaus als Anlauf- und Vernetzungsstelle, Lernort, Ressourcen- und Wissensspeicher für Berliner Gemeinschaftsgärten und Urbane Landwirtschaft engagiert.
Kontakt über workstation Ideenwerkstatt Berlin e. V., Laskerstr. 6-8, Friedrichshain, Tel. 0176-32 61 40 55,
www.allmende-kontor.de, S-Bhf. Ostkreuz

Bauerngarten
„Wir pflanzen, Sie ernten“ ist das Motto der konsequent ökologisch ausgerichteten Bauerngärten. Eine fertig bestellte Parzelle enthält 50 verschiedene Pflanzenkulturen, von Gemüse bis Ringelblume, alles in Bio-Qualität. Es gibt Flächen in Spandau, Pankow oder Buckow, die man ganz einfach online pachten kann.
Kontakt über Flotowstr. 6, Mitte, Tel. 23 18 68 70, www.bauerngarten.net, Saisonbeitrag je Parzelle 230/390 Ђ

Domäne Dahlem
Das historische Rittergut in Dahlem Dorf ist heute ein Öko-Bauernhof und Freilandmuseum direkt in der Stadt. Viele Kleinkinder sehen hier zum ersten Mal Pferde, Schafe, Schweine und Hühner. Auf dem Gutshof gibt es einen Hofladen, der nicht nur die Erzeugnisse der Domäne in Bio-Qualität verkauft, außerdem eine Töpferwerkstatt und noch vieles mehr. Im Herrenhaus vermittelt ein Museum Kulturgeschichtliches rund um Landwirtschaft. Jeden Samstag ist Ökomarkt und regelmäßig finden Veranstaltungen statt.
Königin-Luise-Str. 49, Dahlem, Tel. 666 30 00, www.domaene-dahlem.de, U-Bhf. Dahlem Dorf, Hofmarkt Sa 8-13 Uhr

Himmelbeet
Im Juni 2013 eröffnet das Himmelbeet, Weddings interkultureller Gemeinschaftsgarten auf dem Dach des Schillerpark-Centers. Geplant sind Pachtbeete, ein Garten-Cafй, Bienenstöcke, Kulturveranstaltungen, Workshops und vieles mehr. Himmelbeet-Sprechstunde ist immer freitags.
Kontakt über das Himmelbeet-Büro, Triftstr. 2, Wedding, mail@himmelbeet.de, www.himmelbeet.com, U-Bhf. Leopoldplatz, Sprechstunde Fr 16-18 Uhr

Landesverband Berlin der Gartenfreunde e.V.

Wer sich für die traditionelle Form des Urban Gardening, einen guten alten Schrebergarten, interessiert, wendet sich an den Landesverband der Kleingärtner. Hier gibt es Kontakte zu Kolonien in der Nähe und alle wichtigen Infos zur Pacht.
Spandauer Damm 274, Spandau, Tel. 300 93 20, www.gartenfreunde-berlin.de, Bus M45

Meine Ernte
Einen eigenen Gemüsegarten zum Mieten gibt es auch bei Meine Ernte. Das deutschlandweit operierende Unternehmen
bietet in Wartenberg und Rudow fertig bestellte Flächen an, die man pflegen und gärtnerisch kultivieren kann.
Kontakt über Meine Ernte Ganders und Kirchbaumer GbR, Wörthstr. 54, Bonn, Tel. 0228-28 61 71 19, www.meine-ernte.de, Saisonbeitrag je Parzelle 179/329 Ђ

Prinzessinnen-Garten
In Berlins berühmtestem urbanen Gartenprojekt stehen die gemeinsame Arbeit und das gemeinsame Lernen im Mittelpunkt. Wöchentlich finden Gartenarbeitstage statt, zu denen jeder kommen und mitmachen kann.
Prinzessinnenstr. 35-38, Kreuzberg, kontakt@prinzessinnengarten.net, www.prinzessinnengarten.net, U-Bhf. Moritzplatz

schoener.wжrs.wenns.schoener.wжr
Samenbomben fertig kaufen kann man bei S.W.W.S.W., Concept Store für nachhaltiges Design in Nachbarschaft zu den Prinzessinnengärten. Das Sortiment umfasst ökofaire Möbel, Wohnaccessoires, Spielwaren, Kindersachen, Papierwaren, Schreibwaren, Taschen und Accessoires.
Oranienstr. 58 a, Kreuzberg, Tel. 43 20 14 88, shop.schoener-waers.de, U-Bhf. Moritzplatz, Mo-Fr 12-19, Sa 12-16 Uhr, Samenbomben 2,50 Ђ

Stadtacker.net
Die Vielfalt urbanen Gärtnerns in Berlin ist riesig. Wer auf der Suche nach einem Feld oder einem Garten in seiner Nähe ist, wird auf Stadtacker.net fündig. Hier kann man per Mausklick alle Projekte in seinem Bezirk ausfindig machen und, wenn noch was fehlt, eigene eintragen.
www.stadtacker.net

Wilde Gärtnerei
Frisches Obst, Gemüse und Säfte aus solidarischer Landwirtschaft gibt es bei der Wilden Gärtnerei in Rüdnitz, 30 km nördlich von Berlin. Bauer Roberto Venas Hof liefert ganzjährig Lebensmittel. Ernteanteilhaber ermöglichen die urbane Landwirtschaft mit monatlichen Beiträgen und persönlichen Arbeitseinsätzen. Roberto Vena trifft man auch auf dem Wochenmarkt in der Kreuzberger Markthalle Neun.
Bernauer Str. 6, Rüdnitz, Tel. 03338-91 63 65, www.wildegartnerei.blogspot.de, monatlicher Beitrag 75 Ђ

Wuhlegarten
Berlins erster interkultureller Garten in Köpenick bietet gemeinschaftliches Gärtnern und ein Pachtbeet für jeden Gärtner. Sonntags kann der Garten besichtigt werden und es gibt Kaffee und Tee aus Wuhlegarten-Kräutern.
Cardinalplatz 1c, Köpenick, info@wuhlegarten.de, www.wuhlegarten.de, S-Bhf. Köpenick, Besichtigungen So 15-17 Uhr

 

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