Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Elly…“ von Asghar Farhadi

Ein Blind Date am Meer: Der iranische Regisseur zeichnet in seinem Film das Porträt einer jungen Generation, die Verantwortung erst lernen muss.

Elly...

Eine eingeschworene Gemeinschaft, auf die ein Fremder trifft – das ergibt eine sehr offene Konstellation, nicht nur aufgrund der vielen Möglichkeiten, die sich wie in einer Versuchsanordnung für den Verlauf der Geschichte ergeben. Der Blick eines Außenstehenden auf eine Gruppe entspricht dem Blick des Zuschauers, der ebenfalls für sich die Situation erst erschließen muss. Daraus entsteht unwillkürlich Identifikation, das Publikum wird in die Konstellation zwischen der Einzelperson und der Gruppe eingebunden.
Der iranische Film „Elly…“ arbeitet in genau entgegengesetzter Weise, wenn er sich auch derselben Ausgangskonstellation bedient. Die junge Elly verreist mit drei jungen Ehepaaren und deren geschiedenem Freund Ahmad für ein Wochenende ans Meer. Eine der Frauen, Sepideh, deren Kind sie in der Vorschule unterrichtet, hat sie dazu eingeladen. In diesen ersten Szenen der Reise schon, dem Picknick auf einem Rastplatz, der Einquartierung in einer maroden Strandvilla, verlegt sich der Film darauf, den Standpunkt der Gruppe einzunehmen, die auf Elly schaut. Man sieht sie in der Ferne vorbeilaufen, während schnell die nötigsten Informationen über sie ausgetauscht werden. Handlungsräume und Dynamiken verschieben sich ständig, während nach und nach klar wird, dass Elly durch einen Plan Sepidehs mit Ahmad zusammengebracht werden soll.
Elly...Regisseur Asghar Farhadi hat einen intelligenten Film gemacht, von dem er selber sagt, er solle dem Zuschauer kein Gedankensystem aufprägen, ihn stattdessen vom Konsumenten zum Gedankenschöpfer machen. Zu Recht wurde er dafür bei der Berlinale 2009 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Das Haus am Meer fungiert als Dreh- und Angelpunkt seiner Inszenierung, die gekonnt Bewegungen zwischen den Räumen nutzt, um vorübergehende Gemeinschaften und Spaltungen offenbar werden zu lassen. Den anderen obliegt es dabei, sich ein Bild von Elly zu machen, das zwar durchaus positiv, aber doch von ihnen generiert worden ist, also ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht, für die die zurückhaltende Elly eine so gute Projektionsfläche abgibt.
In der Ausgelassenheit dieses ersten Abends, entstanden durch eine improvisatorische Arbeitsweise, die die Schauspieler über den Verlauf des Drehbuches bewusst im Unklaren ließ, wird das Schamgefühl Ellys durch Andeutungen und Neckereien in Hinsicht auf die sich womöglich anbahnende Ehe verletzt. Zu gering ist ihr Widerstand, zu unsichtbar die Spuren von Verletzung, als dass sie wahrgenommen werden könnten. Meisterhaft werden gruppendynamische Prozesse abgebildet, die sich gegen einen Einzelnen wenden können, wenn auch ungewollt. So erstarrt Elly einmal in der Küche, von wo sie Salz holen will, als im Wohnzimmer ein Gesang auf sie und den „Bräutigam“ angestimmt wird.
Elly...Kleine Unaufmerksamkeiten, ein zu bequemes Aufgehen in einem Kollektiv, das jegliche Entscheidungsfindung durch Abstimmungen vollzieht, gespiegelt in der Aussage Ahmads, er heirate Elly, wenn die Mehrheit dafür sei: Universell kann dies als Appell an die Eigenverantwortung eines jeden gelesen werden, und sei es auch nur die, auf ein Gegenüber einzugehen, statt ihm einen Platz zuzuweisen, der noch unbesetzt ist. Erst als Elly am nächsten Tag spurlos verschwindet, können individuelle und kollektive Versäumnisse begreifbar werden. Ist sie im Meer verschollen, oder hat sie sich doch nur heimlich und ohne Verabschiedung aus dem Staub gemacht? Mutmaßungen über Elly, von der man, wie sich zeigt, nichts wusste, charakterisieren den zweiten Teil des Filmes. Stärker differenziert ist die Gruppe nun, in einzelnen Einstellungen bleiben Individuen mit sich allein, doch nur für einige wenige Ruhemomente, bevor wieder gemeinsam Lösungen für das weitere Vorgehen gesucht werden müssen.
Gegen das Aufgeben setzt der Regisseur so immer die zwingende Notwendigkeit, weiterzumachen, trotz aller Widerstände und Widersprüche, aus denen das Leben besteht. Unter dieser Prämisse verurteilt er seine Figuren niemals (das tun sie ja schon selbst), sondern beobachtet sie mit dem größten Verständnis, sogar wenn sie die Errichtung von Lügenkonstrukten über die Wahrheit stellen. In einem wunderbaren Schlussbild aus der Ferne werden sie dann ganz beiläufig wieder dem Fluss des Lebens anheimgegeben.

Text: Valerie Bäuerlein

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Elly“ im Kino in Berlin

Elly… (Darbareye Elly), Iran 2009; Regie: Asghar Farhadi; Darsteller: Golshifteh Farahani (Sepideh), Taraneh Alidoosti (Elly), Mani Haghighi (Amir); 119 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 6. Januar

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