Kino & Film in Berlin

Im Kino: „Steve Jobs“

Das konzentrierte Biopic von Danny Boyle beleuchtet den Apple-Gründer im Rahmen von drei großen Produktpräsentationen.

Steve Jobs

24. Januar 1984, Cupertino, Kalifornien: Es sind nur noch ein paar Minuten, bis ein junger Computerunternehmer namens Steve Jobs die Bühne betreten wird, um den Macintosh zu präsentieren. Einen kleinen Rechner, der in einem Beutel versteckt ist. Das Publikum ist durch einen Werbefilm von Ridley Scott vorbereitet, die Neugierde ist groß, aber das Gerät hat noch Macken. Es will nicht sprechen. Dabei ist doch dieser Satz programmiert, in dem Steve Jobs als sein „Vater“ angesprochen wird. Eine seltsame Familie.
Die Minuten vor diesem mit Fug und Recht als historisch zu bezeichnenden Moment bilden den ersten Teil von Danny Boyles Film „Steve Jobs“, der auf einem Drehbuch von Aaron Sorkin beruht, das wiederum von der Bestsellerbiographie von Walter Isaacson ausgeht. In der klassischen Manier eines Machtmenschen, der ganz auf seine Vision konzentriert ist, setzt Jobs hier seine Mitarbeiter unter Druck: Ein Programmierer muss das Problem mit der Sprachausgabe lösen, und auch sonst ist noch jede Menge zu tun. Doch Jobs steht auch selbst unter Druck, denn ausgerechnet jetzt taucht seine frühere Partnerin Chrisann mit der gemeinsamen Tochter Lisa auf. Sie braucht Geld, Jobs hat Geld, viel Geld, aber er ist nicht gewillt, ihr etwas zu geben. Er bestreitet stattdessen die Vaterschaft und will mit Lisa nichts zu tun haben.
Steve JobsSeit seiner berühmten Fernsehserie „The West Wing“ ist Aaron Sorkin auf die Hinterbühnen des amerikanischen Traums spezialisiert. Dass ein linksliberaler Katholik, umgeben von einer Truppe hochtalentierter Idealisten, Präsident der USA werden kann, das erscheint kaum noch denkbar. Doch Sorkin dachte diese Idee bis zu ihrem Ende, und ließ sie auf den Korridoren des Weißen Hauses in den schnellsten Dialogen seit den Screwball-Komödien der 30er-Jahre konkret werden.
Mit „Steve Jobs“ schließt er nun deutlich an „The West Wing“ an, zugleich setzt er seine gründungsmythologische Saga fort, die er mit „The Social Network“ begonnen hatte. Die Persönlichkeit des großen „Disruptors“ wird für Sorkin zu einem Modellfall für das neue Menschenbild, das im digitalen Zeitalter entsteht: eine Funktionsmarionette, die höchste Ansprüche an sich selbst stellt, aber in den alten Disziplinen (Menschlichkeit in erster Linie) große Defizite hat. Der Film ist auf virtuose Weise auf drei große Auftritte konzentriert: drei Backstage-Choreographien vor den Präsentationen des Mac, des NeXT und des iMac. Michael Fassbender spielt Jobs auf eine konsequent unpsychologische Weise: Dieser Mann, der immer schmaler wird, ist ein Getriebener, aber es bleibt offen, wovon. Die heranwachsende Tochter fordert ihn mit jeder Szene stärker heraus, aber sie wird auch, mit ihrem umständlichen Walkman, zur Inspiration für den iPod. Business durchdringt noch die intimsten Momente, und als Jobs schließlich so etwas wie einen Moment der Selbsterkenntnis hat, da spricht er von sich wie von einem Gerät: „I am poorly made.“ Ich bin schlecht konstruiert.
Steve JobsDas ist ein Satz für die Ewigkeit, denn er markiert das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine, und damit ist auch der Horizont dieses immer wieder atemberaubend konzentrierten Films benannt: „Steve Jobs“ mag eine Unternehmerbiographie sein, aber es ist eine, in der mehr auf dem Spiel steht als Profit und Innovation. Glücklicherweise findet Danny Boyle eine filmische Form, die der Intensität von Sorkins Drehbuch vollkommen entspricht: Selten kann man ein Ensemble großartiger Darsteller (neben dem überragenden Fassbender vor allem Kate Winslet, Seth Rogen und Jeff Daniels) so vibrieren sehen angesichts dessen, was auf dem Spiel steht. Boyle inszeniert flüssig, mit vielen Spiegelungen und Brechungen, vor allem aber mit einem Gespür für das Timing, das die fast schon titanischen Streitgespräche brauchen: einen langen Atem, und eine messerscharfe Interpunktion.
Kann man ein Genie sein und dabei auch noch ein guter Mensch? Diese Frage, die Steve Wozniak, der Jobs noch aus der Garage kennt, einmal stellt, schwingt die ganze Zeit mit. Sie wird natürlich noch dadurch verschärft, dass wir um den frühen Tod von Jobs wissen. So bekommt die ganze theatralische Zuspitzung von Sorkin noch eine zusätzliche Dimension: technisches Übermenschentum wird herausgefordert durch das menschliche Maß, das in der eigenen Zeitlichkeit erkennbar wird. Boyle und Sorkin scheuen nicht vor Anspielungen auf den größten amerikanischen Film über Hybris und Einsamkeit zurück: „Steve Jobs“ ist tatsächlich in mancherlei Hinsicht ein neuer „Citizen Kane“. Sein Xanadu passt in einen Beutel.

Text: Bert Rebhandl

Fotos: François Duhamel / Universal Pictures

Orte und Zeiten: „Steve Jobs“ im Kino in Berlin

Steve Jobs, USA 2015; Regie: Danny Boyle; Darsteller: Michael Fassbender (Steve Jobs), Kate Winslet (Joanna Hoffman), Seth Rogen (Steve Wozniak); 123 Minuten

Kinostart: Do, 12. November 2015

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