Kultur & Freizeit in Berlin

Interview mit Wolfgang Kaschuba

Straßen sind Bühnen, öffentliche Orte, von denen wir zunehmend Besitz ergreifen. Wir sprachen mit dem Berliner Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba über Kiezaktivismus, Mauerwunden und die Mediterranisierung des Stadtraums.

Interview mit dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba

Wolfgang Kaschuba, 1950 in Göppingen geboren, studierte in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft, Politologie und Philosophie. Seit 1992 ist er Professor am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität, das er inzwischen leitet. Er gibt unter anderem die Reihe „Beiträge zur Stadt­geschichte und Urbanisierungsforschung“ im Franz Steiner Verlag Stuttgart heraus. 2014 erschien von ihm die Broschüre „Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum“ als Abschlusspublikation eines Studienprojekts.

tip Herr Professor Kaschuba, haben Sie eine heimliche Lieblingsstraße?
Wolfgang Kaschuba Insofern nicht, als meine Lieblingsstraße längst kein Geheimtipp mehr ist: das Paul-Lincke-Ufer in Kreuzberg. Für mich ist es eine urbane Bühne, weil sich die Leute hier schon beim ersten Sonnenstrahl auf die Ufermauern setzen: schauen, reden, picknicken. Wir ziehen uns heute nicht mehr zurück in die Wohnungen wie noch in den 70er-Jahren, als die Stadt eher unwirtlich und autogerecht war, sondern wir suchen den Kontakt und das Draußen. Das Paul-Lincke-Ufer ist solch eine Kontaktzone, mit einer bunten Mischung aus Anwohnern, Flaneuren und Touristen.

tip Sie meinen also, dass Straßen an Bedeutung gewinnen?
Wolfgang Kaschuba Öffentliche Räume sind wichtiger geworden, und Straßen sind ihre Adern. Wir nehmen sie heute selbstverständlicher in Besitz. Und weil die Leute dem Draußen mehr Aufmerksamkeit widmen, haben sie auch höhere Ansprüche: Sie wollen Kaffee trinken, etwas Grünes um sich haben, Sitz- und Liegeplätze finden. ?Und viele fühlen sich dafür selbst zuständig: als Baumscheiben-Paten, Kiezaktivisten, ­Urban Gardener, Stadtstrandbenutzer oder eben auch Pfandflaschensammler. Unsere Straße soll unsere Vorstellung von einem urbanen Leben draußen verwirklichen – und manchmal eben auch unser Wohnzimmer ?ins Freie ausklappen. Dieser Drang ins Öffentliche ist neu, eine regelrechte urbane Kulturrevolution.

tip Was steckt hinter dieser Revolution?
Wolfgang Kaschuba Die Idee der Straße als ein räumliches Wir, als Vision einer Stadtheimat. Vor 40 ­Jahren wollten alle raus ins Grüne, heute wollen sie rein in die Städte. Die Straße hat als attraktiver Raum längst den Eigenheimgarten ­abgelöst.

tip Woran liegt das? Nehmen wir den öffent­lichen Raum bewusster wahr?
Wolfgang Kaschuba Wir denken und kommunizieren heute stark in Bildern. Und gerade auch Straßenzüge werden begeistert fotografiert, nicht mehr nur einzelne Gebäude oder Architekturmotive, weil wir damit typische urbane Situationen verbinden. Inzwischen ist es Teil der urbanen Romantik, dass man bei Sonnenuntergang nicht nur Horizont oder Fluss, sondern auch Straßen und Plätze knipst.

tip Wann hat sich das entwickelt?
Wolfgang Kaschuba In den letzten zehn bis 15 Jahren. Raumerlebnisse wie einst die Love Parade oder die Fußball-WM 2006 mit ihrem Public Viewing haben dabei eine wichtige Rolle gespielt. Da haben sich neue Blicke auf öffentliche Räume eta­bliert, die wiederum Bilder produziert haben: als Imaginationen von lebendigem Straßenleben und urbanen Lebensstilen – in positiver wie negativer Hinsicht.

tip Die Straßen bekommen neue Funktionen?
Wolfgang Kaschuba Wenn man eine Generation zurückblickt, dann haben Straßen damals als Grenzen gewirkt, die sozial schwache Kieze von den besseren Nachbarschaften trennten. Heute haben sie die umgekehrte Funktion: Sie verbinden, ­bilden Brücken. Man trifft sich wieder auf der Straße, sucht sie auf, denn sie prägt den ­Charakter eines Viertels. Bäume, die früher nur von Hunden angepinkelt wurden, werden jetzt umzäunt, dekoriert und gehegt. So ist der öffentliche Raum heute ein regelrechter Fluchtweg hinaus aus dem Privaten in eine Lebenswelt, die gemeinsam und städtisch sein soll: also vielfältig, grün und tolerant.

tip Die Mauer teilte einst die Stadt. Sind die Wunden inzwischen verheilt?
Wolfgang Kaschuba Die älteren Generationen haben durchaus noch die alten Stadtkarten im Kopf, sie sortieren die Straßen noch nach Ost und West. Und die Straßen im Mauerfeld bildeten zudem lange ein Niemandsland, das verschwindet nicht so schnell aus dem kollektiven Gedächtnis. Zehn Jahre nach dem Mauerfall haben wir in einem Forschungsprojekt festgestellt, dass viele ihre täglichen Wege weiterhin so gegangen sind wie zu Mauerzeiten, obwohl es längst Abkürzungen gegeben hätte – der Gewohnheit, aber auch einer gewissen Unsicherheit wegen. Die Mauerwunde heilt also nur langsam, denn Städte haben ein langes Gedächtnis. Aber die Jüngeren machen sich davon längst frei, sie nutzen ihre eigenen Berlin-Karten.

tip Der persönliche Blick ist also entscheidend. Was prägt Ihr Bild von der Stadt?
Wolfgang Kaschuba Das Berlin-Bild setzt sich immer aus verschiedenen Motiven zusammen, die in ihrem Zusammenspiel eine Spannung entwickeln. Wenn wir das Paul-Lincke-Ufer als Übergangszone nehmen – auf der einen Seite urban, auf der anderen Seite mit Parkcharakter –, dann würde ich als Kontrast die Warschauer Brücke nehmen. Die ist auch ausgesprochen urban, aber eben kein Ort zum Verweilen, sondern im Gegenteil von massenhafter Nutzung, von Fußgängerströmen und Hektik geprägt.

tip Manche Straße gleicht einem Laufsteg.
Wolfgang Kaschuba Straßenleben ist immer auch ein Spiel, in dem Elemente von Fantasie und Ironie enthalten sind, gerade in der großen Stadt. In den Face-to-Face-Gesellschaften der Kleinstädte, wo jeder jeden kennt, machen die Straßen theatralische Inszenierungen kaum möglich – das ist da nur peinlich. Ganz anders in Berlin: ?Hier können Sie jede Rolle spielen. Die Mediterranisierung der Innenstadt, also Straßencafйs und Stadtstrände, Palmen und Liegestühle, das alles ist ja eine große Inszenierung: Wir tun so, als wären wir an der Riviera, als sei es warm und Urlaubszeit. Auch wenn wir dabei manchmal frösteln und uns zumindest nach dem Heizstrahler sehnen – der in Berlin ­natürlich absolut unkorrekt ist.

tip Wie beurteilen Sie die Zunahme von ­Einkaufszentren?
Wolfgang Kaschuba In den letzten 30 Jahren haben wir bestimmt zwei Drittel des innerstädtischen Einzelhandels verloren. Das bedeutet, dass sich auch das Straßenleben nachhaltig verändert. Denn je heterogener das Angebot ist, desto vielfältiger sind die Bedürfnisse derer, die da hinkommen. Heute dominieren diese Monokulturen aus Parfumboutiquen und Marken-Flagship-Stores, aus Latte-macchiato-Cafйs und Billigketten. So machen wir eben oft den Wocheneinkauf in der Mall und beklagen nachher, dass Einzelhandel und Vielfalt verschwinden – ­typische urbane Schizophrenie.

tip Die Emdener Straße im Moabiter „Drogendreieck“ wurde 2013 zur „schönsten Straße Deutschlands“ gewählt, nachdem Nachbarn Blumen gepflanzt und Strom­kästen bemalt hatten. Ein Problemviertel über eine einzelne Straße aufzuwerten: Funktioniert das?
Wolfgang Kaschuba Nicht immer, aber das Prinzip Best Practice kann schon Erfolg haben. Denn es greift zwei Dynamiken auf: Die eine beruht auf dem Prinzip der Vergemeinschaftung, also auf dem erhofften Wir einer Straßengemeinschaft. Die andere Dynamik meint Casting und Konkurrenz. Die Leute gucken nach den Straßen rechts und links, so entsteht ein spielerischer Wettstreit, wie es ihn früher zwischen Dörfern gab. Da war etwa der Maibaum ein Symbol dafür, dass das bayerische Dorf A schöner sein wollte als das Dorf B. Wir haben zwar keine Berliner Maibäume, dafür aber Straßengrün, ­Plätze, Bänke und Cafйs.

Interview: Kaspar Heinrich

Foto: Benjamin Pritzkuleit

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