Lesungen und Bücher in Berlin

Interview: Verena Rossbacher und ihr Roman „Schwätzen und Schlachten“

Die Österreicherin Verena Rossbacher über ihren literarischen Spieltrieb, Klagenfurter Keile, Leipziger Armutsangst, den Prenzlauer Berg und ihren Roman "Schwätzen und Schlachten"

Rossbacher_harry_schnitger1979 in Bludenz in Österreich geboren, studierte Verena Rossbacher unter anderem Philosophie und Germanistik in der Schweiz sowie am Deutschen Literatur­institut in Leipzig. 2009 erschien ihr ­Debüt „Verlangen nach ­Drachen“, im Jahr ­darauf las sie beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Sie lebt in Prenzlauer Berg.

Frau Rossbacher, das Cafй Liebling am Helmholtzplatz, wo wir sitzen, hat eine -Rolle in Ihrem neuen Roman. Einige der darin eingestreuten fiktiven Dialoge zwischen Ihnen und Ihrem Lektor Olaf spielen hier.
Mitunter treffen wir uns wirklich hier. Wenn er denn mal auftaucht. Lektoren sind ja stets in wichtiger Mission unterwegs. Ich sitze also eher allein im Liebling und warte auf ihn.

Er klagt, die Handlung wäre zu unübersichtlich, das Buch mit 640 Seiten zu dick, die erste Liebesszene sei erst auf Seite 75 …
Ich mag dicke Bücher. Verlage mögen keine dicken Bücher. „Wer soll denn das kaufen, geschweige denn“, rufen sie, „lesen?“ Mitunter denke ich, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, der dicke Bücher super findet.

Wenn Sie dann bitte selbst mal kurz erklären würden, worum es im Buch geht …
Ich möchte sagen: Es ist ein Krimi. Ja, es ist eine Art verdrehter Krimi über drei ungeheuer liebenswerte Kumpels, die durch Berlin tingeln. Zwei verdächtigen dann den dritten, einen Mord zu planen. Sie finden einen „Schlachten“-Text und denken, ihr Freund Simon Glaser wäre ein Psycho, der eine Frau umbringen will. Das wollen sie selbstverständlich verhindern.

„Schlachten“ hieß auch Ihr Text 2010 beim Bachmannpreis. Kann man sagen, dass der von der Jury komplett zerrissen wurde?
Aber holla! (lacht)

Ist Ihr ähnlich überbordendes, abschweifendes, ständig neue Fässer aufmachendes Buch auch ein „Fuck you, Klagenfurt!“?
Schauen Sie, man könnte ja sagen, es war ein Fehler, einen derart experimentellen Text einzureichen. Aber ich ticke nicht so. Es war damals genau die Art von Text, die mich interessiert hat. Schreiben ist Spielen. Und man spielt halt mal so, mal so.

Wie der neue Roman ja auch zeigt.
Jetzt Witze zu klopfen und große Töne zu spucken, derart einen Klamauk aufzuführen, ein bisschen Krimi, ein bisschen Screwball, das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich habe in Klagenfurt bezahlt, und nicht zu knapp. Insofern muss ich mir jetzt wirklich keine Asche aufs Haupt streuen.

Zwischen Ihrem viel gelobten Debüt „Verlangen nach Drachen“ von 2009 und dem neuen Buch liegen fast fünf Jahre. Lag das auch an der harschen Kritik in und nach Klagenfurt?
Die Kritik hat mir natürlich zu denken gegeben. Ich habe geschrieben und es hat mir keinen Spaß mehr gemacht, das war schlimm. Da dachte ich: Wenn das so weitergeht, muss ich wirklich umschulen.

Was wollten Sie denn werden?
Ich habe keine Ahnung! Vielleicht Bäcker.

Weiterlesen: Diedrich Diederichsen über sein neues Buch „Über Pop-Musik“  

Sie waren, um Ihr Studium zu finanzieren, Hausmädchen in der Schweiz. Aber als Ausländerin darf man das nach dem Volksentscheid dort wahrscheinlich gar nicht mehr.
Ich habe ja noch ein Konto in der Schweiz, da kriege ich neuerdings alle zwei Wochen Briefe von der Bank. Fünf Mal musste ich schon schriftlich bestätigen, dass ich wirklich keine Amerikanerin bin. Trotzdem wurde ich noch höchstpersönlich vorgeladen.

Warum denn das?
Weil ich in Deutschland versteuere. Da ist die Sorge derzeit groß, dass ich mein in der Schweiz verdientes Geld nicht brav angebe.

Steuerflucht war aber nicht der Grund, weshalb Sie nach Prenzlauer Berg zogen.
Nein. (lacht) Es ist immer Geld oder Liebe, richtig? Bei mir Gott sei Dank Zweiteres.

Warum Prenzlauer Berg? Und nicht die hippen Gegenden? Nord-Neukölln oder so.
Du liebe Güte! Neukölln wäre nichts für mich. Ich bin weder hip noch cool und kenne Clubs nur vom Hörensagen.

Für solche Bekenntnisse sollen schon Leute aus Berlin ausgewiesen worden sein.
Richtig, ich fürchte mich jeden Tag und gehe nur mit einer Tüte über dem Kopf raus. Ich bin leider nicht so Berlin. Eigentlich wollte ich ja auch nie wieder in den Osten.

Sie haben in Leipzig am Literaturinstitut studiert. War Leipzig denn so schlimm?
Ach, schlimm natürlich nicht. Ich habe da acht Jahre gelebt, Leipzig hat wunderschöne Ecken. Aber ich bin da nie warm geworden. Leipzig mit mir wohl auch nicht.

Kleiner Kulturschock nach der Schweiz?
In der Schweiz! Wenn man da ein winziges Brötchen kauft, sind die so ungeheuer freundlich. „Ah! Grüezi, grüezi! Wiederschauen! Und vielen, vielen Dank! Bis bald!“ In Leipzig: „Ham wa nich. Führn wa nich. Weeß ich och nich. Tschüss.“ Abgesehen davon, dass Leute aus dem Westen ja immer noch als arrogant und selbstgefällig gelten.

Als Österreicherin ist man nicht außen vor?
Wenn ich einen schönen Wiener Akzent hätte, wäre das sicher einfacher. Ich komme aber aus Voralberg. Ich kann nur breiten Dialekt und eben Hochdeutsch.

Könnten Sie bitte mal kurz etwas auf, äh, Voralbergisch, sagen?
Jo sichr, as tät jetzt scho no die luschtigschta Saha geh, übr dia ma reda könnt, abr i waß halt net, ob Se net a kläle ins Schtrudla ko tätn bam Zualosna.

An der Passage wird unsere Korrekturabteilung viel Freunde haben.
Miar könn wällawäg scho no so wietr maha.  

Auf keinen Fall. Sie fahren jetzt wieder nach Leipzig zur Buchmesse. Mit welchen Gefühlen? Es war ja eine diffizile Zeit.
Wir haben damals zu dritt, meine Tochter war schon da, von wahnsinnig wenig Geld gelebt. 1?200 Euro im Monat. Das war eine Phase, wo du einfach keine Straßenbahn mehr benutzt, in kein Cafй mehr gehst, weil das Geld nicht da ist. Ich hatte das Gefühl: Ich komme da nicht mehr raus, rundherum eh hohe Arbeitslosigkeit und auch Hoffnungslosigkeit und die Sorge, man gehöre zu den Leuten, die keine Zukunft mehr haben. Diese Angst verbinde ich mit Leipzig.

Ist diese Angst mit dem ersten Buch geringer geworden?
Damit kam das Geldverdienen und dass sich die Sache entspannte, gewiss. Aber so etwas dauert ja lange, bis man die Panik wegkriegt, existenziell bedroht zu sein. Ich habe das erst seit ein oder zwei Jahren nicht mehr.

Fühlt sich diese Erinnerung an wie: Ich war eine Privatfernsehen-Nachmittagssendung?
Ich war eine was???

Raus aus den Schulden, Leben in den Griff kriegen, Peter Zwegat im Wohnzimmer.
Sie schauen Sachen! Ich kenne diesen Peter nicht, ich habe gar keinen Fernseher. Aber es ist in Berlin gewiss einfacher, mit weniger Geld nicht gleich Prekariat zu sein.

Moment. Sie wohnen in Prenzlauer Berg.
Eine teure Gegend, richtig. Ich bin aber nicht mehr derart knapp bei Kasse, zum Glück.

Sie leben quasi in der Schweiz Berlins.
In der Schweiz bist du definitiv sozial isoliert ohne Geld. In Berlin gibt es ja viele Leute, die leben ähnlich. Die schaffen es, mit diesen ganzen unseriösen Gauklerberufen durchzukommen und dabei die Moral und den Humor nicht zu verlieren.

Zurück zum Buch. Darin barmt Ihr Lektor darum, dass Sie mal eine Geschichte stringent auf 100 Seiten erzählen. Wann gibt es dann die erste Liebeszene? Auf Seite 50?
Nein! Auf Seite 2, spätestens! Stringenz ist ja bei Gott keine schlechte Angewohnheit.

Und Ihr literarischer Spieltrieb?
Ach wissen Sie, wie man ja, wenn man’s richtig macht – toi, toi, toi – einfacher, netter und unkomplizierter wird als Mensch, wird man es vielleicht auch im Schreiben. Das ist so meine These.

Mit dem zweiten Buch sind Sie ja auch mit 34 noch in der Schriftsteller-Pubertät.
Das haben Sie schön gesagt. Richtig, ich bin im Schreiben praktisch noch ein Backfisch. Ich muss noch ein bisschen so richtig auf den Putz hauen. Aber irgendwann, ich seh’s in blassgelben Träumereien, werde ich alle diese Albernheiten bleiben lassen und ein ganz, ganz seriöses Buch schreiben. Es wird ausschließlich von schwierigen Beziehungen handeln und von Leuten, die nicht gescheit miteinander reden können, es wird wahnsinnig traurig sein, ungeheuer stringent und sehr, sehr erwachsen. Ich freue mich schon tierisch drauf.

Interview: Erik Heier

Foto: Harry Schnittger

Verena Rossbacher: „Schwätzen und schlachten“ Kiepenheuer & Witsch, 640 Seiten, 24,99 Ђ