Buchreihe: "Booklet" untersucht Fernsehserien

Buchreihe: "Booklet" untersucht Fernsehserien  

The Wire

Braucht das irgendjemand, ein Buch zur Serie? Kann das mehr sein als ein redundanter Fanartikel zur Abrundung des medienwirtschaftlichen Verwertungskreislaufs? Mit Blick auf die vom engagierten Züricher diaphanes Verlag lancierte neue Reihe booklet zu amerikanischen TV-Serien der letzten 20 Jahre kann man nur antworten: Unbedingt!
Die inzwischen mit dem Kult-Label versehenen Serien der amerikanischen Bezahlsender – und nicht länger das Kino – sind im Mainstreambereich das Laboratorium für neue Bewegtbild-Erzählformate. In der von Simon Rothöhler, Filmwissenschaftler an der FU und Mitbegründer der Zeitschrift "Cargo", herausgegebenen Reihe werden sie nicht mit akademischer Vorsicht behandelt, sondern frontal attackiert mit der Begeisterung von Aficionados. Dabei wendet die Grundidee der Buchreihe das Serialitätskonzept selbstbewusst auf den Werkgedanken zurück und lässt nur solche Serien zu, die abgeschlossen, d.h. jenseits der TV-Ausstrahlung jederzeit und unbegrenzt verfügbar sind. Die Tagline lautet "... was in den DVD-Boxen fehlt: Lektüren zur Serie". Booklets eben: klein, griffig und mit Anspieltipps im Anhang.
Die stärkste kultische Verehrung provoziert die neueste der bisher in den Bänden verhandelten Serien: "The Wire", ausgestrahlt zwischen 2002 und 2009. Von einem Polizeireporter und einem erfahrenen Polizisten aus Baltimore konzipiert, wird diese Stadt im Nordosten der USA zur Bühne eines düsteren Dramas vom Versagen der Institutionen und zivilgesellschaftlichem Niedergang. "Eine große formale Maschine" nennt Daniel Eschkötter "The Wire", die "im Seriellen das Systemische auffindet, das Systemische serialisiert".
Vergleichsweise leichte Kost in der Tradition amerikanischer Screwballkomödien ist "The West Wing", wegen seines nie in der Realität ankommenden Optimismus auch als "political porn for liberals" etikettiert. 1999 bis 2006 wurde in 156 Episoden eine idealisierte, von gravierenden politischen Verfehlungen bereinigte Version der Clinton-Ära vorgeführt, deren größtes Problem der üppig wuchernde Neurosengarten im Mitarbeiterstab war. Simon Rothöhler fragt nach der generellen Erzählbarkeit demokratischer Praxis und attestiert "The West Wing" dann doch ein beachtliches Desillusionierungspotenzial.
Diedrich Diederichsens Beitrag zu "The Sopranos" ist der vielleicht zugänglichste Band der Reihe, im typischen D.D.-Sound zwischen professoraler Weltexegese und strikt subjektivem Theoriepunk. Die "FAZ" hat die 1999 bis 2007 ausgestrahlte Serie in ihrer epischen Erzählweise naheliegend, aber nicht unzutreffend "die amerikanischen Verwandten der Buddenbrooks" genannt. Der zum Clanchef aufgestiegene Mobster Tony Soprano ist ein klassischer Vertreter des unter Druck geratenen Mittelstandes, der den multiplen Anforderungen von Familie und Beruf nicht ohne psychotherapeutische Hilfe gewachsen ist. Diederichsen spürt den vielfältigen intertextuellen Bezügen in diesem ausufernden Erzähluniversum nach und interessiert sich dabei besonders für die erstaunliche Anschlussfähigkeit der Serie, die eine neue Qualität von Fernsehunterhaltung begründete: "Avancierte kulturindus­trielle Produkte – und dazu gehört die Serie 'The Sopranos', unabhängig davon, ob sie auch ein großes Kunstwerk ist – zeichnet seit den späten Achtzigerjahren der Umstand aus, dass sie gezielt für mehrere Zuschauerperspektiven gemacht sind, für verschiedene Zugänge gebaut." Und genau das ist es unter anderem, woran deutsche Serien regelmäßig scheitern.

Text: Stella Donata Haag

Foto: The Wire / HBO

Booklet
Diedrich Diederichsen: The Sopranos; Daniel Eschkötter: The Wire; Simon Rothöhler: The West Wing, jeweils ca. 96 Seiten; 10 Euro; diaphanes Verlag Berlin 2012

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 18.07.2012

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