"Cosmopolis" im Kino

"Cosmopolis" im Kino  

Cosmopolis

Den Rahmen dieser Erzählung bilden zwei amerikanische Gemälde, zwei Abstraktionen, zwei Ikonen eines entfesselten Kunstmarkts: Eine Arbeit von Jackson Pollock wird während des Vorspanns eingetropft, eine der Farbkompositionen von Mark Rothko steht am Ende – vom Action Painting zur Todesruhe, das ist der Weg, den David Cronenbergs "Cosmopolis" beschreibt. Ein junger Finanzmarkt-Milliardär (Robert Pattinson) besteigt seine Stretchlimousine, um sich zum Friseur fahren zu lassen, den zähflüssigen Verkehr in den Straßen Manhattans nimmt er in Kauf. Er verfügt über eine Art doppelte Panzerung: Seine blasse, wie aus dem Businessmagazin kopierte Präsenz erscheint so unangreifbar wie sein Fahrzeug. In diesem High-Tech-Refugium, das sich im Schritttempo durch die Straßen wälzt, hält er Hof, trifft er Analysten, Bodyguards und Gespielinnen. Größeres Interesse bringt er für niemanden auf, allenfalls der Umstand, dass sich sein Vermögen durch den ungeahnten Fall des Yen gerade in Luft aufzulösen droht, erregt seine Aufmerksamkeit.
"Cosmopolis", basierend auf einem Roman von Don DeLillo, ist ein Film der artifiziellen Dialoge, ein fast trancehaftes Werk, in dem jeder nur noch in sich selbst hineinzusprechen scheint. Sogar die Wutbürger bleiben Staffage, die Demonstranten wirken, wenn man sie durch die bruchsicheren Scheiben von Packers Limousine betrachtet, seltsam entrückt – das letzte Aufgebot einer anonymen, ton- und machtlosen Mehrheit. Cronenberg hält den Zuschauer auf Distanz, um ihm die Reflexion zu erleichtern. Die kryptischen Debatten, die sein Held führt, verdichten sich zu einer Philosophie des Geldes, in der es nicht mehr um Bereicherung, sondern um die letzten Kicks geht: "Cosmopolis" schließt Sex, Gewalt und Devisenspekulation kurz. Die Besetzung mit Robert Pattinson hat ihre eigene Logik: Er ist nicht nur äußerlich der perfekte Egomaniac, der die reale Aggression von der virtuellen nicht mehr unterscheiden kann, sein Wechsel von der "Twilight"-Saga in die Finanzwelt markiert auch den Übertritt von einer Vampirgesellschaft in die andere. Ein Albtraum, da wie dort.

Text: Stefan Grissemann

Foto: 2012 Cosmopolis Production Inc. / Alfama Films Production

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: "Cosmopolis" im Kino in Berlin

Cosmopolis, Kanada/Frankreich 2012; Regie: David Cronenberg; Darsteller: Robert Pattinson (Eric Packer), Juliette Binoche (Didi Fancher), Sarah Gadon (Elise Shiffrin); 113 Minuten; FSK 12

Kinostart: 5. Juli

Lesen Sie hier: Regisseur David Cronenberg im Interview

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 10.07.2012

Mehr Informationen

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 16/2014

Reportage: Der allnächtliche Taxi-Wahnsinn || Spaß am Lesen: Wie Berlin in Kinderbüchern aussieht || Blockbuster: Planet der Affen: Revolution || Nachbarn: Schweizgenössisch-Festival im Radialsystem V || Dotschy Reinhardt: Musikerin, Autorin, Sinteza ||…