"Der Fremde am See" im Kino

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"Der Fremde am See" im Kino  

Der Fremde am See

Ein stiller See, der das Licht reflektiert, je nach Tageszeit funkelnd oder mit weichem Schimmer auf dem Wasser: Claude Monet hätte das idyllische Gewässer im Zentrum von Alain Guiraudies "Der Fremde am See" gemocht. Der Impressionist hätte wohl die Faszination des Filmemachers für die vielen verschiedenen Facetten geteilt, die ein und derselbe Ort mit dem Lauf der Sonne preisgibt.
Auf die Bildkraft seines Schauplatzes setzt der Regisseur in seinem sechsten Langfilm konsequent. Es gibt nur diesen einen Ort, an dem der Franzose eine romantische Amour fou mit einer Mordgeschichte verkuppelt: ein Badesee mit Wäldchen, dazu ein sandiger Parkplatz, an dem Tag für Tag Badegäste vorfahren. An einer Reihe von Tagen, markiert durch das immer wiederkehrende Motiv des Parkplatzes samt wechselnder Konstellation der Fahrzeuge, spielt Guiraudies minimalistisch inszenierte Geschichte.
Es geht um Franck, der sich dort den Sommer vertreibt. Schwule Männer treffen sich hier zum Baden und Plaudern oder um im Wald Sex zu haben. Franck genießt die Sinnenfreuden, schätzt aber auch das rein freundschaftliche Gespräch mit dem brummigen Henri, der sich abseits des Cruising-Spots setzt und wenig mit Sex am Hut hat. Als eines Tages der virile Surferboy Michel auftaucht, verliebt sich Franck Hals über Kopf. Der Alphamann ist zwar anderweitig vergeben, doch schmälert dies nicht Francks Attraktion – nicht einmal, als er Michel eines Abends unbemerkt bei einer grausamen Tat beobachtet. Sein Geheimnis behält Franck für sich und stürzt sich in eine glühende Liaison mit Michel. Als ein Toter aus dem See geborgen wird und ein Kommissar ermittelt, legen sich Schatten über die Idylle. Doch um den Verliebten aus seinem Rausch zu reißen, müssen sich die Dinge weiter zuspitzen.
Der Fremde am See"Ich hatte Lust, einen großen romantischen Film zu drehen und dabei bis zum Ende zu gehen", erzählt Alain Guiraudie am Rande der "Mongay"-Nacht im Berliner Kino International, während im Saal gerade die Projektion seines Films läuft. "Wie ist das, wenn man eine solche romantische Liebe erlebt und zu allem bereit ist, auch zu jedem Risiko?" Die Ambivalenz, die dem Thema innewohnt, spiegelt sich in dem eindrücklich porträtierten Ort des Geschehens: dem herrlichen See, der mal einladend klar wirkt, in der Dämmerung jedoch etwas Beklemmendes ausstrahlt. Ein poetischer Ort, gleichzeitig auch Umschlagplatz beiläufiger Lustbefriedigung. "Der See ist für mich ein Sinnbild für etwas, das mal eine sehr hedonistische Angelegenheit war, ein freies Ausleben von Lust. Aber man landet letztlich in der Hölle dabei. Das drückt auch meine eigene innere Zerrissenheit bei diesem Thema aus. Wir haben zwar die sexuelle Befreiung erlebt. Doch wohin hat sie geführt? Wir sind heute in einer Lebenswelt, in der wir quasi dazu gezwungen werden, jeden Tag Lust zu haben oder sogar einen Orgasmus."
Der Fremde am SeeDie unterschiedlichen Vorstellungen von Liebe und Sex verkörpern die Hauptfiguren des Films: von der rein platonischen Vertrautheit über die extreme hedonistisch-konsumhafte Sexauffassung bis hin zur romantischen Liebe und Leidenschaft, die den Tod nicht scheut.
Nacktheit und Sexualität räumt Guiraudie ausführlichen Raum ein. Für Teile des Publikums dürfte es irritierend sein, die vielen expliziten Szenen mit Analverkehr, Fellatio oder Ejakulation zu sehen. "Mir war es wichtig, mich mit meiner eigenen Sexualität auseinanderzusetzen und sie auch zu filmen", sagt der Regisseur. "Ich wollte zeigen, was es heißt, wenn man jemand anderen physisch spürt, Liebe körperlich erlebt. Das läuft nun mal über den Körper und konkrete Organe, die dabei funktionieren. Das Kino hat sich angewöhnt, diesen Aspekt zu verstecken. Aber ich wollte beide Aspekte miteinander vereinen." Guiraudie sieht das Problem darin, dass die Pornografie das Thema Sex vereinnahmt habe. Dadurch sei es schwer geworden, auch "die Schönheit und die Poesie im sexuellen Akt" zu finden.
Mit Autorenfilmern wie Catherine Breillat oder auch Abdellatif Kechiche, der für "La vie d’Adèle" mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet wurde, ist Guiraudie nicht allein mit seinem Ansatz einer offen dargestellten Sexualität. Konsequenter aufs Erzählkino übertragen als in "Der Fremde am See" wird man diesen Ansatz wohl so schnell in keinem anderen Kinofilm sehen.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Alamode Filmdistribution

tip-Bwertung: Sehenswert

Der Fremde am See (L’inconnu du lac), 
Frankreich 2012; Regie: Alain Guiraudie; Darsteller: Pierre de Ladonchamps (Franck), Christophe Paou (Michel), Patrick d’Assumçao (Henri); 100 Minuten; FSK 16

Kinostart: 19. September

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 20.09.2013

tip Ausgabe 13/2016

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