Doku: "Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton"

Doku: "Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton"  

Parabeton-Pier_Luigi_Nervi_und_roemischer_BetonIn der Vermittlung architektonischer Feinarbeit stößt das Kino an seine Grenzen. Die adäquate Darstellung von realem Raum im Planquadrat der Filmleinwand ist problematisch. Der deutsche Filmemacher Heinz Emigholz hat jedoch einen Weg gefunden, die Wirkung kreativ gestalteter Bauwerke in Filmbildflächen zu übersetzen. Seit bald 20 Jahren lotet er auf ganz eigensinnige Art Bauweisen und Raumgefühl aus. Sein jüngster Film, „Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton“, markiert eine Art Anfang vom Ende: Er ist als erster Teil einer neuen Serie namens „Aufbruch der Moderne“ konzipiert, die Emigholz als Finale seiner Architekturfilmreihe sieht – der nächste Film, er wird sich der Arbeit Auguste Perrets widmen, ist bereits fertig gestellt.

Die zentrale Figur von „Parabeton“, Pier Luigi Nervi (1891 – 1979), war Spezialist für Gewölbe-, Dach-  und Kuppelkonstruktionen. Nervi bezeichnete sich selbst lieber als Bauingenieur denn als Architekt, fühlte sich der Wissenschaft näher als der Kunst. Der Beton, mit dem er arbeitete, war keine Erfindung seiner Zeit. Schon die Kuppel des Pantheons in Rom wurde mit Kalkbeton hergestellt. In der Antike entdeckt Emigholz daher eine Keimzelle der Moderne. „Parabeton“ porträtiert 26 Bauwerke: 17 Nervi-Elaborate aus den Jahren 1932 bis 1971, die hier mit neun antiken Bauten verglichen werden. Die exakte Datierung jeder dieser 26 Sequenzen ergibt in diesem System übrigens Sinn: Emigholz macht Filme, die nicht einfach von Architekturen handeln, sondern auch von der Zeit, in der sie existieren. Die zum Teil beträchtlichen Verfallsspuren an den präsentierten Bauten sind Teil der Dokumentationsleistung dieses Regisseurs: Jedes architektonische Werk sei auch „Container einer gespeicherten Wirklichkeit“, sagt Emigholz.

Die hohe sinnliche Wirkung dieses Films ist auf die sehr spezielle Methode des Regisseurs zurückzuführen: Emigholz agiert als sein eigener Kameramann, arbeitet mit hochauflösendem Videomaterial und Mehrkanalton, mit natürlichem Licht und Normalobjektiv; auch das aus Originaltönen präzise gebaute Sound-Design trägt zum atmosphärischen Reiz seiner Werke bei. In seiner Rauminszenierung verfährt Emigholz selbst gleichsam architektonisch, indem er seine grundsätzlich statischen Einstellungen höchst beweglich ineinander fügt – und in jeder dieser Einstellungen die jeweils nächste bereits ankündigt. Der Manierismus des Emigholz’schen Blicks – es sind oft leicht gekippte, hochkomplexe Einstellungen, die den jeweiligen Raum zu erschließen helfen – passt zur untergründigen Nervosität, die „Parabeton“ durchdringt: Alle paar Sekunden wechselt Emigholz seine Perspektive, fordert Konzentration und eine gewisse Abstraktionsfähigkeit: Denn die Räume, die Emigholz ausschnittsweise zeigt, sind tatsächlich nur zu erfassen, wenn man sie im Kopf zu einem Ganzen fügt.

Text: Stefan Grissemann
Foto: Filmgalerie451 und_Heinz Emigholz
tip-Bewertung: Herausragend

Parabeton – Pier Luigi Nervi und römischer Beton im Kino in Berlin
Deutschland 2012;
Regie: Heinz Emigholz;
100 Minuten; FSK k.A.;
Kinostart: 31. Mai

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 31.05.2012

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