Ein Gespräch mit Scander Copti und Yaron Shani

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Ein Gespräch mit Scander Copti und Yaron Shani  

Scandar Copti und Yaron ShaniEin Gespräch über Thrillerformeln und die konkreten Erfahrungen mit der israelisch-palästinensischen Realität.

tip Herr Copti, Herr Shani, fangen wir mit ein bisschen Geografie an. Wo liegt Ajami?
Scandar Copti Ajami ist ein Viertel in Jaffa, das wiederum ein Teil von Tel Aviv ist. Vor 1948 war Jaffa eine kulturell sehr bedeutende arabische Stadt mit großem Einzugsgebiet. Nach 1948 waren nur 3600 Menschen übrig geblieben, und die konnten so Tel Aviv zugeschlagen werden. Jaffa ist eine der historisch ältesten Städte der Welt.

tip Es gibt eine Reihe von Hauptfiguren in "Ajami", bei allen ist es wichtig, genau darauf zu achten, wo sie hingehören. Zum Beispiel Omar – wer ist er, wofür steht er?
Copti Omar ist ein einfacher Typ aus Jaffa. Er muss um sein Leben kämpfen, und er muss alle Mittel nützen, die er in seiner Lebenserfahrung hat. Wofür er steht? So haben wir das nicht gesehen.
Yaron Shani Jeder repräsentiert etwas, aber es ist so kompliziert, dass niemand nur einfach eine Gruppe vertritt. Um die Identitäten im Film zu verstehen, muss man all das zusammentun: das Selbst, das Geschlecht, die Familie, die Nation, die Umstände. Daraus ergibt sich ein Geschick. Omar ist ein Araber in Israel, er lebt außerhalb des Gesetzes. Wenn er ein Problem hat, wenn er in eine Fehde mit einer Beduinenfamilie gerät, wie es zu Beginn der Fall ist, geht er nicht zur Polizei. Er löst das anders. Er will kein Opfer sein, er weiß sich zu helfen und geht dabei vielleicht zu weit. Die Wirklichkeit ist stärker als er. Seine muslimische Identität trennt ihn auch von dem Mädchen, das er liebt, und das ihn liebt. In Ajami hat er vor allem gelernt, hart zu sein, sich zu behaupten. Das ist die Lektion seiner Welt.

tip Das Projekt "Ajami" reicht weit zurück, bis 1998. Wie fing es an?
Shani 1998 gab es ein Thrillerprojekt, das hatte mit den wirklichen Problemen der Region nichts zu tun hat. Scandar kam 2002 dazu, und gemeinsam haben wir zu verstehen begonnen, was wir eigentlich tun. Wir haben Respekt gelernt für das, womit wir es zu tun haben: die Wirklichkeit von Ajami. Der Film beginnt mit einem Kind, das aus Versehen getötet wird. So ein Fall ist in dieser Gegend tatsächlich passiert, und die Mutter des Opfers ist wieder in Tränen ausgebrochen, als sie uns bei den Dreh­arbeiten gesehen hat. Ajami ist für mich ein anderer Planet, ich komme von ganz woanders, ich musste auch erst Arabisch lernen. Scandar hat mich an die Hand genommen.

tip War das Thrillerprojekt von 1998 noch näher am Genrekino?
Shani Ich kann mich nicht mehr gut an die erste Version erinnern, aber es ging tatsächlich um einen anderen Typ Kino, mehr in Richtung "Pulp Fiction". Aufregendes Kino, mit filmischen Tricks und überraschenden Wendungen. Davon sind wir Stück für Stück weggekommen, denn die Wirklichkeit ist viel interessanter. Stil wurde durch Drama ersetzt. Bei einem oberflächlich vergleichbaren Film wie "Amores Perros" weiß man immer Bescheid, das Publikum ist ein Gott. Hier werden wir erst am Ende zum Gott, und dann ist man erst recht ohnmächtig.

Foto: Sami Boukhary

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 10.03.2010

tip Ausgabe 13/2016

Titel
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