Ein Interview mit David Cronenberg

Ein Interview mit David Cronenberg  

David Cronenberg

Ein Gespräch mit dem Starregisseur über abstraktes Geld und unerwartete Geschenke der "Twilight"-Fans.

tip Mr. Cronenberg, in seinem Roman "Cosmopolis" liefert Don DeLillo eine komplexe Innenansicht des kapitalistischen Geistes. Wie weit teilen Sie seine implizite Kritik?
David Cronenberg Als Filmemacher bin ich daran gewöhnt, wie ein Schauspieler verschiedene Positionen einzunehmen. Wenn meine Hauptfigur antikapitalistisch wäre, dann würde ich mich für diesen Moment auch darauf einlassen und herausfinden, was sich daraus ergibt. Und zugleich gibt es andere Figuren, die das Gegenteil sein mögen und mit denen man auch ein Stück mitgeht. Als Regisseur sagt man sich, dass das eine interessante Struktur, eine interessante Theorie, eine interessante Perspektive auf den Kapitalismus ist. Das heißt nicht, dass ich notwendigerweise jedem philosophischen Aspekt davon zustimme. Man kann einen ganz klaren, sauberen Film drehen, ohne mit den Haltungen innerlich ganz übereinzustimmen. Das passiert dauernd.

tip Und wie steht es mit DeLillos Modell?
David Cronenberg Es ist schon ziemlich überzeugend, was DeLillo sagt. Und das ist nicht einfach antikapitalistisch. Es ist eine Diskussion des Kapitalismus, die merkwürdigerweise ziemlich marxistisch ist. Selbst Kapitalisten, die nicht an den Kommunismus glauben, meinen, dass Marx den Kapitalismus verstanden hat. Sie lesen Marx, um bessere Kapitalisten zu werden, darin steckt schon eine beträchtliche Ironie. Im Film gibt es eine offene Referenz an das "Kommunistische Manifest". Sein Blick auf den Kapitalismus als etwas, das die Menschen isolieren, entfremden kann, voneinander und von einem lebenswichtigen Anteil der menschlichen Existenz, war eine gültige philosophische Kritik von Marx. Und ich denke, dass Don DeLillo das teilt. Auch seine Hauptfigur leidet an dieser Isolation. Ich habe das Gefühl, dass das ein akkurates Porträt ist. Einer der Investoren in unseren Film ist ein Mann namens Edouard Carmignac (Chef des milliardenschweren Pariser Investmenthauses Carmignac Gestion, Anm.d.Red.), ein französischer Finanzier, involviert in Hedgefonds und alle möglichen Finanzprodukte. Er liebt das Buch. Er sagt, es sei ein realistisches Porträt vieler Leute, mit denen er zu tun hätte. Ihr Verständnis von Geld ist so abstrakt, dass sie in einer Blase leben, die komplett von der Realität abgetrennt ist. So surreal wie das Leben von Eric Packer im Film scheinen mag, es ist doch auch Realität. Ich habe es bestätigt von jemandem, der selbst diese Art von Leben führt.

David Cronenbergtip Aber so wie Sie diese Welt präsentieren, hat das auch eine metaphorische Qualität. Als ob Sie ein metaphysisches System porträtieren würden, das in die ganze Welt diffundiert ist und kein Außen mehr hat.
David Cronenberg Aber ich glaube, dass das nicht nur metaphorisch ist. Es ist wahr. Je mehr man über diese Leute liest, wie ich es nun tue, bestätigt sich das. Wie der "London Whale" (verantwortlich für aktuelle Milliardenverluste der Investmentbank JPMorgan, Anm. d. Red.). Da werden Microtrades in Millisekunden über die Computer abgewickelt. Das hat nichts mit der Produktion von Gütern oder der Interaktion mit Menschen zu tun. Es ist eine Interaktion unter Computern, bei der Milliarden gemacht oder verloren werden – und das hat dann natürlich große Folgen für reale Menschen: reales Leiden in vielen Ländern. Aber diese Leute sind davon isoliert, sie sehen das nicht, sie müssen nicht mit den Konsequenzen ihrer Handlungen umgehen und dem, was Instrumente wie Credit Default Swaps anrichten, die so abstrakt sind, dass nicht einmal die Leute, die sie geschaffen haben, wissen, was das ist. Milliarden Dollar werden gemacht mit etwas, das nicht greifbar ist: Es ist metaphysisch. Die Hauptfigur des Films berührt Geld nie und außerhalb des Autos vermag er nicht einmal, mit seiner Frau zu kommunizieren oder ein Essen zu bestellen. So surreal und traumartig der Film auch erscheinen mag, er ist doch auch akkurat.

tip Sie rahmen die Handlung des Films mit zwei Zitaten von abstrakten Expressionisten ein, Jackson Pollock und Mark Rothko. Darf man das als Beschwörung des utopischen Potenzials von Kunst sehen?
David Cronenberg Ich habe das mehr auf die Figur bezogen. Man sieht am Anfang kleine, unverbundene Punkte und Farbspritzer – es ist zerstreut, wie ADS, überall zugleich, wie das Investment eines Computers. Da beginnen wir und sehen dann im Lauf des Films, dass die Figur das Bedürfnis hat, eine zenartige Ruhe zu erreichen. Als Erzkapitalist will er sich den Wunsch durch einen Kauf erfüllen – die Rothko Chapel.

tip Sehen Sie denn in der Kunst eine Alternative zum System?
Nein, ich glaube nicht. Die Ironie ist, dass Pollock und Rothko Teil des Systems geworden sind. Ich als Filmemacher, der 15 Millionen-Dollar braucht, um den Film zu machen, muss mit Investmentgruppen und staatlichen Förderfonds verhandeln, bin Teil des Systems. Es gibt kein Entkommen. Selbst wenn man aus ihm ausgeschlossen ist, ist man Teil davon. Die Occupy-Wall-Street-Bewegung, die DeLillo in seinem Buch antizipiert, ist auch Teil des Systems. Sie sagen: "Wir wollen hinein, wollen teilhaben." Sie sagen nicht, dass sie antikapitalistisch sind, sondern, dass sie mehr von dem wollen, was man ihnen vorenthält. Auch der Attentäter am Ende von "Cosmopolis" ist weit davon entfernt, das System selbst attackieren zu wollen. Das ist die Ironie, aber da stehen wir, und "Cosmopolis" nimmt das zur Kenntnis.

Das Original-Gespräch mit dem Starregisseur über abstraktes Geld und unerwartete Geschenke der "Twilight"-Fans finden Sie hier unten als Audio-Stream.

Fotos: Harry Schnitger / tip

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.07.2012

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