Familientableau "Archipelago"

0 Kommentare

Familientableau "Archipelago"  

ArchipelagoDer Schauplatz von „Archipelago“ wird durch ein Gemälde im Entstehen eröffnet, eine Abstraktion der dahinter verborgenen sowohl rauen als auch subtropisch anmutenden Landschaft: Scilly Islands, ein Archipel an der britischen Südwestküste. Der Maler trägt noch ein wenig Farbe auf und fährt dann auf seinem Fahrrad davon, während im selben Bild ein Hubschrauber zur Landung ansetzt. Er bringt den jungen Edward auf die Insel, der vor einem längeren Auslandsaufenthalt noch für einige Tage mit seiner Mutter und Schwester in dem Haus zusammenkommen will, in dem die Familie traditionell ihre Urlaube verbringt. Zunächst scheint noch alles harmonisch, eine Haushälterin, Rose, ist angeheuert worden, für das leibliche Wohl zu sorgen, und der Maler, Christopher, gibt Mutter und Tochter Unterricht in Landschaftsmalerei.

Die Tage sind lang so ganz ohne Aufgaben, Picknicke und Fahrradtouren werden unternommen, und die Regisseurin Joanna Hogg nimmt sich Zeit, ein Personengefüge zu entfalten, bevor sie die Risse darin hervortreten lässt. Cynthia, die Schwester, ist nicht nur gegen Edwards Freiwilligendienst in Afrika, die Mutter erscheint allen Spannungen gegenüber hilflos, und der Vater ist wie immer ein Abwesender. Innerlich dysfunktional, versucht die Familie aber zumindest die Fassade des Klassenbewusstseins aufrechtzuerhalten, das sich vor allem in der strikten Trennung von der Angestellten Rose offenbart. Nur Edward überschreitet auch diese Grenze und sucht vermehrt die Nähe Roses. Beispielhaft eine Szene, in der er sie im Hintergrund an den Esstisch einladen will, während Mutter und Schwester dies im Vordergrund kritisch kommentieren.

Jegliche Ausschläge in der Dramaturgie werden formal allerdings nicht mitvollzogen, die Einstellungen, beinahe ausschließlich unbewegte, sorgfältig kadrierte Tableaus, bilden einen zueinander gleichwertigen, ruhigen Fluss, in dem auch für beiläufige Beobachtungen Platz ist. Eine Büste im Park, ein Fischer, der den Unterschied zwischen weiblichem und männlichem Hummer erklärt, Vögel, die im Unterholz aufgescheucht und dann erlegt werden. Wenn am Ende dann ein Hubschrauber wieder in den Himmel steigt, gibt es keine Lösungen, sondern das Leben geht einfach weiter.   

Text: Valerie Bäuerlein
Foto: Fugu Films
tip-Bewertung: Herausragend

Archipelago im Kino in Berlin
Großbritannien 2010;
Regie: Joanna Hogg; Darsteller: Christopher Baker ( Christopher ), Kate Fahy ( Patricia ), Tom Hiddleston ( Edward );
114 Minuten; FSK k.A.;
Kinostart: 24. Mai

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 23.05.2012

tip Ausgabe 04/2016

Berlinale total: Berichterstattung zum gesamten Festival, vom Wettbewerb bis zum Forum Expanded || Interview mit dem Betreiber des White Trash Fast Food Walter "Wally" Potts || Klavierfestival im Wedding || Atelier-Projekte - Wie das Art City Lab zusammen mit Künstler Ateliers in Berlin schaffen will || Programm-Termine vom 11.02.2016 - 24.02.2016.

tip Berlin Kino-Newsletter - jetzt anmelden!