Das Fantasy Filmfest 2010 beweist, dass die einschlägigen Genres ihr Publikum nicht einfach immer nur auf die Folter spannen wollen – sie haben einiges mehr zu bieten, vom Djinn bis zum Centurion
Es ist die Mischung aus Vertrautem und Neuem, die das "Fantasy Film Fest" in jedem Jahr aufs Neue so faszinierend macht. Das gilt zwar für Genrefilme generell, aber es ist doch aufregend zu sehen, wie die klassischen Fortsetzungen immer öfter fantasievollen Neuschöpfungen oder bizarren Kombinationen weichen. Man denke nur an zwei der Höhepunkte des vergangenen Jahres, Neill Blomkamps "District 9" und Duncan Jones’ "Moon", die mittlerweile auch im regulären Kinoprogramm zu sehen waren.
Der Eröffnungsfilm in diesem Jahr, "The Pack" (La meute, Trailer und Termine weiter unten), beginnt wie einer jener ultrabrutalen französischen Backwoods-Slasher, die man in den vergangenen Jahren schon öfter sehen konnte: Eine junge Frau, unterwegs in ihrem Auto, macht Halt in einem schäbigen Restaurant – und findet sich in einem Käfig wieder, in den Händen der Schlächterin Yolande Moreau, von der sie zuvor noch vor einem Trio aufdringlicher Biker beschützt wurde. Zwar gibt es im weiteren Verlauf der Geschichte noch einige spektakuläre Tode zu sehen, aber anders als vergleichbare Geschichten verzichtet Regisseur Franck Richard hier auf die ausgewalzte Darstellung von Folterungen und Morden, arbeitet vielmehr mit klassischen Ellipsen, während Philippe Nahon, sonst immer für Psychopathenrollen gut, diesmal – trotz seines anzüglichen T-Shirts – eine etwas andere Rolle zugedacht ist.
Und auch der belgische Film "Amer", der mit seinen delirierenden Farben und den vertrauten Accessoires auf den ersten Blick wie eine Stilübung wirkt, eine Hommage an die Gattung des italienischen Giallo, enthüllt auf den zweiten Blick eine ausgeklügelte Dramaturgie, die ihn zur psychologischen Studie einer Frau in verschiedenen Lebensaltern macht. Der belgische "Vampires" dagegen eröffnet nach den romantischen Verklärungen der "Twilight"-Saga einen ganz anderen Blick auf diese Spezies, die hier in Doku-Manier abgelichtet wird.
Versprochen werden außerdem: griechische Zombies ("Evil – In the Time of Heroes"), die Verknüpfung von Kannibalismus und Pubertät (im mexikanischen "We Are What We Are"), ein tödliches Duell am Arbeitsplatz zwischen Kristin Scott Thomas und Ludivine Sagnier in Alain Corneaus "Crime d’Amour", sowie gleich mehrfach Schrecken, der in virtuellen Welten lauert, in den britischen Filmen "Chatroom" und "Ghost Machine" sowie im norwegischen "Detour", wo sich die Protagonisten plötzlich live im Internet in einem Snuff Movie wiederfinden.
Statt auf eine Anhäufung bewährter Elemente zu setzen, tendieren viele Filme diesmal in die Richtung eines neuen Minimalismus: eine Handvoll Personen, gefangen an einem Ort, wo eine (manchmal unsichtbare) Bedrohung lauert, das genügt, um anderthalb Stunden die Spannung zu halten. Da sind die Protagonisten im britischen "The Reeds" mit einem kleinen Boot in einem scheinbar vertrauten Flussverlauf gestrandet oder auf einer gekenterten Segelyacht in haiverseuchten Gewässern (im australischen "The Reef"), während ein Vater und seine Tochter in einem heruntergekommenen Haus eine Schreckensnacht verbringen (in "The Silent House" aus Uruguay).
In einer ebenfalls langen Nacht stoßen französische Soldaten in der Wüste auf Djinns ("Djinns"), während Gregg Arakis "Kaboom" erst einmal offenlässt, ob eine nicht enden wollende Nacht einer Verschwörung oder doch nur einem Drogenrausch geschuldet ist. Klaustrophobisch dürfte es auch einmal mehr im jüngsten Film von Neil Marshall ("Descent", "Dog Soldiers") zugehen, der uns in "Centurion" ins erste Jahrhundert nach Christi Geburt zurückführt, wo die Reste einer römischen Legion unter der Führung von Michael Fassbender gegen einen geheimnisvollen Feind antreten, der die Schwarze Magie auf seiner Seite zu haben scheint. Das verbindet ihn mit dem Film eines anderen Genreveteranen: Christopher Smith ("Creep") beschwört in "Black Death" das von Seuchen heimgesuchte 14. Jahrhundert herauf.
Das sind übrigens nicht die beiden einzigen Briten im Programm – mit gleich 13 Filmen ist dieses Land diesmal besonders stark vertreten und bietet die ganze Palette von den Schrecken der Pubertät ("A Scouting Book for Boys") über ein Entführungskammerspiel ("Whatever happened to Alice Creed") bis zu futuristischer urbaner Jugendgewalt ("Shank"). Was Gewaltdarstellung anbelangt, dürfte auch Michael Winterbottoms Berlinale-Beitrag "The Killer Inside Me" für erneute Diskussionen sorgen. Denn was Casey Affleck darin mit Jessica Biehl und Kate Hudson anstellt, ist schon ziemlich heftig – aber die Geschichte eines Kleinstadtsheriffs, der ein Psychopath ist, war auch schon in der Romanvorlage von Jim Thompson keine leichte Lektüre. Konkurrenz erwächst ihm noch in Gestalt des Serienkillers "Tony", der Videotheken ihren schlechten Ruf zurückgibt und aussieht, als sei er in den "Sleazy Seventies" gedreht worden. Dagegen bewahrt Sir Michael Caine als "Harry Brown" seine gelassene Alterswürde, wenn er sich anschickt, die kriminelle Jugendgang aufzumischen, die seine Nachbarschaft terrorisiert. Schön, dass er dabei mehr mit Clint Eastwood in "Gran Torino" als mit Charles Bronson in "Ein Mann sieht rot" gemein hat.
Text: Frank Arnold
Fantasy Film Fest
Di 17. bis Mi 25.8.; CinemaxX am Postdamer Platz und CineStar Sony Center
www.fantasyfilmfest.com,
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