Filme für alle jederzeit

Filme für alle jederzeit  

Spiderman3
Glaubt man den Kampagnen der Filmverleiher und Musikkonzerne, ist das Internet vor allem ein Ort, an dem sich Kriminelle miteinander verabreden, um der Unterhaltungsbranche ihre mühsam erwirtschafteten Gewinne ab­zugraben. Die Auseinandersetzung wird mit zunehmend härteren Bandagen geführt. In Frankreich wurde jüngst ein Gesetz auf den Weg gebracht, das vorsieht, Tauschbörsennutzern bei wiederholten Urheberrechtsverstößen den Internetzugang zu kappen. Das Netz müsse endlich „zivilisiert“ werden, forderte Staatspräsident Nicolas Sarkozy, dem dank seiner Frau die Interessen der Musikindustrie vermutlich besonders am Herzen liegen.
Herrscht im Digitalen also das Gesetz des Wilden Westens? Ist die Unterhaltungsindustrie eine Wagenburg, belagert von barbarischen Stämmen ohne Zucht und Ordnung? Jedenfalls fassen sich beide Seiten nicht gerade mit Samthandschuhen an, wobei Hollywood immer noch am längeren Hebel sitzt. So wurden auf Druck aus den USA vor zwei Jahren die Server des Torrent-Dienstes The Pirate Bay beschlagnahmt, der Filesharer auch beim Up- und Download von Filmdateien unterstützt. Drei Personen wurden vo­rübergehend festgenommen – und das alles ohne rechtliche Grundlage. Schließlich ist Schweden we­der ein Bundesstaat noch eine Kolonie der USA, und nach schwe­dischem Recht handelt thepiratebay.org völlig legal. Die Piraten bedanken sich für solch ebenso rabiate wie wirkungslose Einschüch­terungsversuche mit hä­mischen Antwortschreiben an ame­rikani­sche Kanzleien, in denen sie die Rechtsanwälte bitten, sich ihre Drohbriefe sonstwohin zu ste­cken.
Zum Glück gibt es abseits dieses Schlachtgetöses auch Web­sites, die mit Einverständnis aller Beteiligten den Versuch unternehmen, das Internet für Filmkultur produktiv nutzbar zu machen. Beispielsweise www.ubuweb.com, eine Sammelstelle (unter anderem) für Avantgardekino von Vito Acconci über Harun Farocki bis Dziga Vertov. Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“ steht dort ebenso zum Download bereit wie das Musikvideo „Sonne statt Reagan“ zu Joseph Beuys’ kurzem Ausflug in die Popwelt, oder „Film“, der letzte Leinwandauftritt Buster Keatons, nach einem Drehbuch von Samuel Beckett. Die Macher der Seite sehen ihre Mission darin, schwer auffindbares oder vergriffenes Material wieder zugänglich zu machen. Die private Initiative arbeitet dafür unter anderem mit dem renommierten New York Anthology Film Archive zusammen.
Oder zum Beispiel www.archive.org, eine Seite, die sich kein geringeres Ziel gesetzt hat, als das gesamte digitale Wissen für künftige Generationen aufzubewahren. Abertausende von Texten, Tönen, Bildern und Filmen stehen dort zum Abruf bereit, darunter mehr als 2000 Filme aus der Sammlung von Rick Prelinger: Unterrichts-, Industrie- und Werbefilme aus den 50er und 60er Jahren, oder von der US-Regierung in Auftrag gegebene Propagandafilme, wie etwa der legendäre „Duck and Cover“, in dem eine gezeichnete Schildkröte Schulkindern erklärt, wie man sich vor der Atombombe schützen kann: nämlich ab unter die Tische!
Rick Prelinger hat in den 1980er Jahren damit begonnen, solche „ephemeral films“, Eintags­filme, wie er sie selbst nennt, zu sammeln und gegen Gebühr zu verleihen. Als ihm 1999 der Vorschlag gemacht wurde, seine Film­sammlung kostenfrei ins Netz zu stellen, war Prelinger erst einmal scho­ckiert von der Vorstellung, seine Geschäftsgrundlage aufzugeben – und hat sich dann doch überzeugen lassen. Seither ist sein Umsatz sogar deutlich gestiegen, was vor allem daran liegt, dass sein Filmarchiv bekannter geworden ist und kommerzielle Produktionsfirmen, die beispielswei­se Bildmaterial für Dokumentationen verwenden wollen, immer noch das Originalzelluloid brauchen. In den Grabenkämpfen zwischen Online- und Offline-Welt ist Prelinger seither ein Brü­cken­bauer, der sich vehement für eine Öffnung der Archive und eine Liberalisierung des Urheberrechts einsetzt. „Je verbreiteter eine künstlerische Idee ist, umso wertvoller wird sie. Kultur ist nicht wie Öl. Sie kann nicht verbraucht werden“, weiß Prelinger, der vergangenen Monat Gast einer Tagung im Filmmuseum Berlin zur Zukunft digitaler Filmarchive war.

Seine Überzeugung: Unser kulturelles Erbe ist dazu da, von uns weiterverarbeitet zu werden, um daraus Neues zu schaffen. Parade­beispiel für solch kreative Aneignungen finden sich im Internet zuhauf: Etwa unter www.machinima.com, einer Seite, auf der User Filme (Comedy-Shows, Nach­­rich­tensendungen, Spielfilme, Musikvideos) reinstellen können, die sie mithilfe der Software von Videospielen produziert haben. Aber wozu hochaufgerüstete Spielekonsolen bemühen, wenn es auch die bunten Steinchen tun? Auf www.brickfilms.com bauen Tüftler ihre Lieblingsfilme aus Legoklötzchen nach, von Kubricks „2001 – A Space Odyssey“ bis „Lego Chainsaw Massacre“.
Etwas ernsthafter geht man seit einigen Wochen auf YouTube der Förderung des Regienachwuch­ses nach. Im „Screening Room“ (youtube.com/yt­scree­ning­room) wählt eine Re­dak­tion wöchentlich vier Kurzfilme unabhängiger Filmemacher aus, die so ein Mil­lio­nenpublikum erreichen. Wem der Film gefallen hat, der kann ihn sich sofort auf DVD bestellen. Das ansonsten übliche Zeit­limit für Filmclips hat YouTube für sein Online-Kino natürlich aufgehoben.
Angesichts dieses reichhaltigen Angebots nehmen sich die kommerziellen Video-on-Demand-­Portale geradezu knauserig aus. Ihr Geschäftsmodell besteht im Grunde nur darin, ihren Kunden den Gang in die nächste Videothek zu ersparen. Dafür dürfen diese einerseits kräftig draufzahlen (was den Preis einer Ausleihe im Online-Store im Vergleich zur regulären Videothek angeht), andererseits bekommen sie deutlich weniger (keine Extras, kein Bonus­material, keine Sprachauswahl wie bei gewöhnlichen Leih-DVDs).
Dazu kommt das bekannte Elend des digitalen Rechtema­na­ge­­­ments. Manche Anbieter schaufeln sich mit einer übertrieben restriktiven Rechtepolitik ihr eigenes Grab: Das Unternehmen in2movies, ein Joint Venture, an dem sich Warner Bros. Entertainment beteiligt hatte, erlaubte etwa in seiner „Download-to-Own“-­Lizenz zwar, einen erworbenen Film beliebig oft abzuspielen – allerdings war die Brennoption nicht vorgesehen, das heißt, der Film konnte die Festplatte des PCs nicht verlassen. Das wurde von Kunden nicht honoriert: Seit Mitte Juni findet man auf der Web­site von in2movies keine bunten Logos und Filmtrailer mehr, sondern die lapidare Feststellung: „Dieser Dienst wurde eingestellt.“ Hollywood muss noch gründlich umlernen, bevor es sich mit dem Internet anfreunden wird.

Text: Dietmar Kammerer

Weitere Links:

thepiratebay.org


www.prelinger.com

www.youtube.com/ytscreeningroom

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 02.10.2008

Alle anzeigenDiese Nutzer haben "Filme für alle jederzeit" zu ihren Favoriten hinzugefügt (2 Nutzer)

Bernd SauerBernd Ball

Weitere Favoriten dieser Nutzer

StreetArt verlässt die Straße
Offener Brief an Berlins Bürgermeister
Downstairs Kino Filmcafé
Fotoband über Skins und Punks von Gavin Watson
Metallica Sänger James Hetfield im Interview

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 08/2014

HIP HOP IS BACK! || She She Pop: Die Performerinnen holen ihre Mütter ins HAU || Judith Holofernes im Interview: Warum sie am liebsten aus der Hüfte schießt || Wohnen Spezial: Berliner Designer & hängende Gärten || Programm- und TV-Kalender vom 10.04. - 23.04.2014.

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Kino-Newsletter

* Pflichtfeld