Im Kino: "Bis zum Horizont, dann links"

Im Kino: "Bis zum Horizont, dann links"  

Bis zum Horizont, dann links!

Bernd Böhlich ist ein Regisseur, der nicht bloß Ost-Geschichten erzählt. Mit Filmen wie "Du bist nicht allein" (2007) und "Der Mond und andere Liebhaber" (2008) hat er die gesamtdeutsche Kinematographie an der Bruchstelle weitererzählt, wo mit dem Verschwinden der DEFA-Spielfilme eine Lücke geblieben ist: Mit Geschichten über Verhältnisse, die nicht so sind, wie sie sein sollten, mit starken Frauen, überforderten Männern und einem Finale, bei dem das kleine Glück im großen Drama möglich scheint. Doch DDR und DEFA sind Geschichte und die Selbstzensur, die gerade dem Nichtgesagten seine Brisanz verlieh, wird nicht mehr gebraucht.
Nicht gesagt wird auch in Böhlichs aktuellem Film viel. Was das für eine Gesellschaft ist, in der Alte in teure Seniorenresidenzen abgeschoben werden, damit die Kinder beruflich weiterkommen, ist so ein Thema. Böhlich löst solche Fragen lieber launig. Erzählt wird vom Ausbruch einer charmant widerborstigen Gruppe von Insassen eines Altersheims. Hier führt die lebenslustige, an ihrem Job aber uninteressierte Schwester Amelie das Regiment. Einen Rundflug nutzen die Alten zum Trip ans Meer. Doch als Rache der von ihren Familien Abgeschobenen will Böhlich den Ausbruch bestimmt nicht verstanden wissen.
Für "Bis zum Horizont, dann links!" wurde ein großartiges Ensemble verpflichtet. Leider traut Böhlich keinem seiner Stars. Die altersweise Anarchie, die noch in jedem Lidschlag Otto Sanders blitzt, wird umstandslos mit einem Dialog niedergestreckt. Und genauso wie man bei Frau Simon dank Angelica Domröse das bildungsbürgerliche Ressentiment der neuen kleinbürgerlichen Umgebung gegenüber eher erahnt, als das Böhlich es gemeint haben könnte, darf Schwester Amelie (Anna Maria Mühe) eben nur dümmlich sein. Tatsächlich besitzt diese Amelie das ganze hinterhältige Potenzial, das die abgründigsten Figuren eines Robert Aldrich ("Hush ... Hush Sweet Charlotte", "The Killing of Sister George") auszeichnet. So vermeidet Böhlichs Drehbuch jede Ambivalenz, auch darin ähneln seine Filme dem DEFA-Mainstream der Vergangenheit.

Text: Nicolaus Schröder

Foto: Conny Klein / Mafilm

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: "Bis zum Horizont, dann links!" im Kino in Berlin

Bis zum Horizont, dann links!, Deutschland 2012; Regie: Bernd Böhlich; Darsteller: Otto Sander
(Eckehardt Tiedgen), Angelica Domröse (Annegret Simon), Ralf Wolter (Willy Stronz); 93 Minuten; FSK 0

Kinostart: 12. Juli

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.07.2012

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