Im Kino: "Die Moskauer Prozesse"

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Im Kino: "Die Moskauer Prozesse"  

Die Moskauer Prozesse

Wenn die Realität sich als Farce erweist, kann nur das Spiel ihre Irrtümer noch korrigieren. Die Simulation wird dann womöglich glaubwürdiger, zumindest aber redlicher als die Realität selbst.
Zwischen 2004 und 2012 ereigneten sich in Moskau drei Prozesse zum Thema Kunstfreiheit, mit denen sich die autokratische Visage des Putin-Regimes aus ihrer rechtsstaatlichen Maskierung herausschälte. Die Ausstellungen "Vorsicht! Religion" und "Verbotene Kunst" sowie die Protestaktion der Punkband Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale provozierten den Furor orthodoxer Aktivisten, der sich in Zerstörungen diverser Kunstwerke und aggressiven Schmähungen gegenüber den beteiligten KünstlerInnen Bahn brach. In allen drei Fällen entschieden die Gerichte durch Schuldsprüche gegen die Freiheit der Kunst, zugunsten angeblich verletzter religiöser Gefühle, und offenbarten damit den Schulterschluss von Mob, Macht und patriarchaler Orthodoxie.
Die Moskauer ProzesseDer viel diskutierte Schweizer Theaterregisseur Milo Rau – der in seinem Pamphlet "Was tun? Kritik der postmodernen Vernunft" den gegenwärtigen linken Diskurs zum zahnlosen Papiertiger erklärt und eine echte revolutionäre Praxis fordert – hat in seinem filmisch dokumentierten Bühnenstück "Die Moskauer Prozesse" eben diese Gerichtsverfahren in Russland als sogenannte Reenactments inszeniert. Wie schon bei "Hate Radio" und "Breiviks Erklärung" wiederholt Rau, Gründer des "International Institute of Political Murder", auf der Bühne ein tatsächliches Geschehen als hyperreale Simulation. Bei den "Moskauer Prozessen" wurden die drei Verfahren im Moskauer Sacharow-Zentrum von einem Teil der beteiligten Akteure zusammen mit Personen, die zu deren Weltsicht analoge Positionen vertreten, noch einmal durchgespielt. Dabei tauschten die Kontrahenten als Richter, Anwälte und Sachverständige, als Staatsanwälte, Zeugen und Angeklagte drei Tage lang ohne Drehbuch und ohne Regieanweisung ihre Argumente aus. Die Simulation förderte schließlich jenes Ergebnis zutage, das eine objektive Entscheidung im Sinne der (gespaltenen) russischen Bevölkerung vermutlich ergeben hätte – nämlich ein Unentschieden hinsichtlich der Frage, ob die Künstler das Sakrale entweiht und die Gefühle der Gläubigen verletzt hätten oder nicht.
Der Film verschränkt das dokumentierte Reenactment mit Statements der Protagonisten, in denen die Vertreter beider Lager erklären, aus welchen Gründen sie sich an dem Kunst-Projekt beteiligen – und wirft damit Schlaglichter auf konträre Mentalitäten der "russischen Seele". Da ist zum Beispiel die Pussy-Riot-Aktivistin Katja Samuzewitsch, die in der Christ-Erlöser-Kathedrale gemeinsam mit zwei Mitstreiterinnen das Punk-Gebet "Mutter Gottes, vertreib Putin!" zum Besten gab und dafür 2012 zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Sie führt aus, die Kathedrale sei kein heiliger Ort mehr, sondern ein Symbol für den sakral-politischen Filz.
Die Moskauer ProzesseDer den Ankläger spielende staatstreue Fernsehjournalist Andrey Schevchenko wiederum verabscheut Pussy Riot als Auswurf der "westlichen Massenkultur". Weitere Protagonisten sind unter anderem der Philosoph Michail Ryklin, dessen Frau Anna Altschuk in einem der Kunstprozesse angeklagt war und unter nie geklärten Umständen ums Leben kam, sowie der Vorsitzende einer orthodoxen Kampfsportvereinigung, der sich damals an der Zerstörung der von den Seinen als blasphemisch geschmähten Kunst beteiligt hatte. Eine interessante Wendung nimmt das Projekt, als die Grenzen von Realität und Fiktion endgültig in sich zusammenfallen. Als nämlich Staatsmacht und Kosaken ein Ende der "Moskauer Prozesse" fordern, weil sie antirussisch-antireligiöse Propaganda vermuten, argumentieren die vorherigen Kontrahenten plötzlich gemeinsam für die Relevanz ihrer Aufführung.
Insgesamt sind "Die Moskauer Prozesse" ein bewegendes Plädoyer für die Kunst als subversive Praxis. Und auch wenn Milo Rau an den realen Verhältnissen nur wenig ändern dürfte – der Kreml scheint sich vor der Hyperrealität im Sacharow-Zentrum doch immerhin so sehr gefürchtet zu haben, dass dem Regisseur eine erneute Einreise nach Russland versagt wurde.

Text: Christoph David Piorkowski

Fotos: IIPM / Maxim Lee

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: "Die Moskauer Prozesse" im Kino in Berlin

Die Moskauer Prozesse, 
Deutschland 2013; Regie: Milo Rau; 
89 Minuten; FSK 6

Kinostart: 20. März

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 21.03.2014

tip Ausgabe 13/2016

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