Im Kino: "Ende der Schonzeit" von Franziska Schlotterer

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Im Kino: "Ende der Schonzeit" von Franziska Schlotterer  

Ende_der_Schonzeit_01_c_FarbfilmVerleihWie hätte man sich vor 70 Jahren verhalten, wäre einem mitten im Wald ein Jude begegnet? Ein hagerer Bursche namens Albert, fest entschlossen, sich über die Schweizer Grenze zu retten? Der Bauer Fritz entscheidet schnell. Er hat gewildert, Nazis patrouillieren die nahe Straße, und bis zum eigenen Bauernhof ist es noch weit. Albert soll ihm helfen, dafür wird er ihn verstecken. Eine noble, mutige Tat?

"Ende der Schonzeit" hat Regisseurin Franziska Schlotterer ihr Spielfilmdebüt genannt. Um Schuld und Moral dreht sich ihre höchst eigenwillige Dreiecksgeschichte, die sich zu einer Studie über Machtmissbrauch entwickelt. Auf den ersten Blick ziehen Fritz wie Albert ihren Nutzen aus der neuen Liaison. Albert genießt einen Hauch von Schutz, Fritz hat endlich einen zupackenden Gehilfen für seinen Hof. Wäre da nicht Emma, die junge, hübsche Frau von Fritz. Sie misstraut Albert, hat Angst vor Entdeckung und Verrat. Seit zehn Jahren ist sie mit Fritz verheiratet, der mit ihr genauso umgeht wie mit dem Vieh auf dem Hof – derb, wortkarg, pragmatisch. Emma hat gelernt, sich wegzuducken, ihren Mann zu bedienen, und ist darüber verstummt. Kinder haben sie keine, worüber im nahen Dorf schon gelästert wird.

Dieser Spott wird Fritz nun zu viel. "Wenn eine Kuh kalben soll, dann bring ich sie zum Stier", sagt er und bestimmt, dass Albert für ihn ein Kind zeugen soll. Albert wie Emma fügen sich widerstrebend in die groteske Situation. Doch es dauert, bis Emma schwanger wird. In dieser Zeit lernt sie, dass Sex Spaß machen kann, und empfindet ungewohnte Gefühle. Und mit ihrer keimenden Liebe wachsen Ansprüche an Albert, die er nicht erfüllen kann. Fritz vergeht derweil fast vor Eifersucht. So wird Albert zum Spielball zweier Menschen, die ihre Macht über ihn gerade erst entdecken.

Kontrastreich bebildert Franziska Schlotterer ihre kammerspielartige Geschichte, in der sie nuanciert die Logik unterdrückter Gefühle seziert, die auf dem Nährboden totalitärer Herrschaft wachsen. Eine ungewöhnliche und berührende Studie für einen Erstlingsfilm, den die Regisseurin beeindruckend stimmig besetzt. Durch eine filmische Klammer, die Emmas Sohn 1970 nach Israel führen wird, weiß der Zuschauer zwar, dass Albert überleben wird, dafür kann er sich umso mehr darauf konzentrieren, was die damals vorgegebene Weltsicht aus den Protagonisten dieses Dramas macht. Einiges mag konstruiert erscheinen, doch die Frage nach dem Moment der eigenen Korrumpierbarkeit und deren Folgen kann man sich eigentlich nie zu oft stellen. Selbst heute.

Text: Cristina Moles Kaupp

Foto: Farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: "Ende der Schonzeit" im Kino in Berlin

Ende der Schonzeit: Deutschland/Israel 2012; Regie: Franziska Schlotterer; Darsteller: Hans-Jochen Wagner (Fritz), Brigitte Hobmeier (Emma), Christian Friedel (Albert); 104 Minuten; FSK 12; Kinostart: 14. Februar

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 13.02.2013

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