Im Kino: Pawel Pawlikowskis "Ida"

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Im Kino: Pawel Pawlikowskis "Ida"  

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Sozialistische Klassik, spirituelle Moderne: Pawel Pawlikowski erzählt in "Ida" von Paradoxien der Freiheit. Fotos: Arsenal Filmverleih

Schon die Eröffnungssequenz ist berückend in ihrer poetischen Sachlichkeit: Drei junge Frauen waschen eine Männerfigur, polieren sie mit Hingabe und tragen das überlebensgroße Standbild Christi dann durch den Schnee, stellen es auf einen Sockel im Klostergarten. Die Kamera blickt von oben auf sie herab, die Reduktion durch kontrastreiches Schwarz-Weiß und das nicht mehr vertraute Format 1:1.33 verfremden die Szenerie noch weiter und vermitteln respektvolles Staunen für dieses archaisch anmutende Handeln.

Polen 1962. Für Anna, die kurz vor ihrem Gelübde als Nonne steht, ist die strenge Geborgenheit der klösterlichen Gemeinschaft ein Versprechen. Die Kriegswaise kennt nur dieses Leben, in dem die großen Gefühle der religiösen Versenkung vorbehalten sind und die kleinen Scherze unter den Novizinnen von den alten Schwestern nachsichtig geduldet werden. Als die Äbtissin Anna eröffnet, dass sie eine Tante hat, von der sie sich vor dem endgültigen Rückzug ins Kloster verabschieden soll, fährt sie nur widerwillig in die große Stadt. Die mondäne Wanda, die Schwester ihrer Mutter, ist eine einflussreiche Richterin und frühere Anklägerin in Schauprozessen, die alleine in ihrer eleganten Altbauwohnung lebt und mit Alkohol und wechselnden Liebhabern die Einsamkeit vertreibt.

Sie hatte den Kontakt bisher abgelehnt und zeigt auch jetzt kaum Interesse an Anna, die eigentlich Ida hieß, begleitet sie aber schließlich doch auf der Suche nach dem Grab ihrer Eltern. Für Wanda wird es eine Reise in dunkle Vergangenheit, als sie keine gefürchtete Staatsbeamtin war, sondern eine verfolgte Jüdin im besetzten Polen der Kriegsjahre. Am Ende werden beide Frauen radikale Entscheidungen treffen.

Ihr Zusammenspiel ist das Kraftzentrum des Films. Die renommierte polnische Theaterschauspielerin Agata Kulesza verleiht Wanda genau jenes Maß an Extravaganz, in dem die Zerrissenheit und der Kampf um Kontrolle des eigenen Lebens sichtbar werden. Damit steht ihr Spiel in perfektem Kontrast zur ruhigen, abwartenden Art von Ida, deren Rolle der Regisseur unbedingt mit einer Amateurin besetzen wollte. Agata Trzebuchowska, die er dann zufällig in einem Warschauer Szene-Café entdeckte, verbindet in ihrem Spiel hochkonzentrierte Präsenz mit latenter Skepsis.

Ida_11_c_ArsenalFilmverleihTrotz des klaren formalen wie inhaltlichen Bezugs auf die Geschichte verströmt der Film eine faszinierende Momenthaftigkeit. Nichts scheint festgelegt, das Gewicht der Biografien ist präsent, wird aber nicht auserzählt. Warum wurde die Tante zu einer glühenden Stalinistin – aus Überzeugung für den Neuanfang? Aus Rache am katholisch-konservativen Polen, das dem Holocaust zu wenig Widerstand entgegengesetzt hat? Aus dem nachvollziehbaren Opportunismus heraus, ab sofort immer auf der Siegerseite zu stehen?

Pawlikowski, der seine Heimat Polen mit 14 verließ und seit 1977 in England lebt, zeichnet die frühen 1960er-Jahre als auf spröde Weise elegantes, melancholisches Zeitalter. Die Nachkriegsmodernisierung hat schon Patina angesetzt, das kommende Tauwetter ist noch nicht spürbar. Während der großartige Soundtrack eine Hommage an die polnischen Jazz-Heroen der Zeit wie Krzysztof Komeda und Tomasz Stanko ist, hören die Menschen im Film Mozarts Jupiter-Symphonie und, ganz heimlich, John Coltrane. So erzählen Musik und Geräusche ebenso wie Orte, Möbel, Autos und Kleider beiläufig von den widersprüchlichen Tendenzen der Epoche. Doch Pawlikowski gelingt mehr als ein Zeitporträt: Durch den Rückgriff auf die strenge Formensprache der polnischen wie europäischen Nouvelle Vague gewinnt der Film ein intellektuelles Pathos, das den Bedeutungsraum weitet. So bilden sich in dieser kleinen, grandios erzählten Geschichte die affektiven Grundmuster der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ab.

Text: Stella Donata Haag

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: "Ida" im Kino in Berlin 

Ida Polen/Dänemark 2013; Regie: Pawel Pawlikowski; Darsteller: Agata Kulesza (Wanda Gruz), Agata Trzebuchowska (Novizin Anna/Ida Lebenstein), Dawid Ogrodnik (Lis); 80 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 10. April

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 11.04.2014

tip Ausgabe 11/2016

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