Im Kino: "Silver Linings"

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Im Kino: "Silver Linings"  

Silver Linings

Bei den Solitanos in Philadelphia ist der jüngste Sohn wieder zu Hause. Eine Weile war Pat (Bradley Cooper) in einer psychiatrischen Anstalt gewesen, nun hat ihn seine resolute Mutter nach Hause geholt. Den Rest der seelischen Gesundung soll er in vertrauter Umgebung schaffen. Allerdings hatten die Probleme von Pat offensichtlich mit genau dieser Umgebung zu tun. Sein Vater, auch er heißt Pat, explodiert gelegentlich wegen Kleinigkeiten.
Dieser sehr typische italoamerikanische Haushalt in Philadelphia könnte ebenso gut zur erweiterten Welt der Sopranos oder der Good Fellas gehören, aber der Sohn, den er hervorgebracht hat, ist kein Gangster. Er gehört eigentlich zu den Weicheier-Sorgenkindern wie Greenberg oder Jeff, der zu Hause lebt. Im Unterschied zu diesen beiden Melancholikern aber hat Pat ein echtes Problem. Seine Unbeherrschtheit hat ihm eine "restraining order" eingebracht, seiner früheren Frau Nikki, mit der wieder zusammenzukommen seine große Hoffnung und sein wichtigstes Vorhaben ist, darf er nicht persönlich gegenübertreten. Er kann ihr also nicht zeigen, was aus ihm geworden ist: ein ansehnlicher Mann, der allerdings tagsüber häufig einen Müllbeutel als Überwurf trägt.
In David O. Russells "Silver Linings Playbook" geht es darum, ob sich eine bipolare Störung therapeutisch auflösen lässt. Medikamente sind kein Mittel, nur Begegnungen helfen. Pat Solitano trifft ein "funny girl" namens Tiffany (großartig: Jennifer Lawrence). Der Ausweg, den Tiffany anbietet, fügt sich nahtlos in das Sozialprogramm des Films: "It’s a dance thing." Sie möchte an einem dieser Wettbewerbe im Paartanz teilnehmen, die wie Eiskunstlauf auf Parkettboden sind. Es geht ihr auch gar nicht um den Sieg in der Konkurrenz, sondern um eine Aufgabe in der Aufgabe: "To nail the big move", eine etwas grobe Formulierung für ein anspruchsvolles Ziel, nämlich bewegliche, schöne Zweisamkeit. Sneakers und Ballettschuhe in perfekter Harmonie.
Das Tanzen, das "Festnageln" der großen Bewegung, ist hier nichts anderes als eine weniger selbstverletzende Form des Kampfs, zu dem die beiden Brüder in David O. Russells "The Fighter" aus dem Jahr 2010 verurteilt waren. Neuerlich geht es um eine dysfunktionale Familie, nur ist dieses Mal der Focus ein wenig offener auf das Ganze der US-Gesellschaft gelegt: Die Rede von den "silver linings", die am Horizont das Ende der (psychischen) Nacht andeuten, gehört zu jenem Optimismus, der gewissermaßen nationales Kulturgut ist.
David O. Russell schafft es mit einer subtilen Regie und mit tollen Schauspielern (Robert De Niro war lange nicht mehr so gut), diesen Optimismus nicht zu enttäuschen, ihn aber an ein Realitätsprinzip zu binden, das wieder einmal im Genre der Komödie seine ideale Ausprägung findet.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Jojo Whilden / 2012 The Weinstein Company / Senator Film Verleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: "Silver Linings" im Kino in Berlin

Silver Linings (Silver Linings Playbook), USA 2012; Regie: David O. Russell; Darsteller: Bradley Cooper (Pat Solitano), Robert De Niro (Pat Solitano Sr.), Jennifer Lawrence (Tiffany); 120 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 3. Januar 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 18.01.2013

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