Im Kino: "Zeit der Kannibalen"

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Im Kino: "Zeit der Kannibalen"  

Zeit der Kannibalen

Es ist eine ästhetische Welt, in der die beiden Unternehmensberater in Johannes Nabers neuem Film ihrer Arbeit nachgehen: Die Interieurs sind hell und großzügig, die Fensterfront breit, der Zimmerservice aufmerksam. Darin ähneln sich die Luxushotels, in die das Duo routiniert eincheckt – ob in Indien, Pakistan, Nigeria oder sonst einem Entwicklungsland, in dem die Geschäfte der Beraterfirma blühen. Hier optimieren die beiden Wirtschaftskenner Produktionen – verschieben dafür oder wickeln ganze Belegschaften ab. Einen Fuß vors Hotel setzen sie dafür nicht: Ihre Handelsplätze sind Konferenzräume und Skype-Meetings.
Johannes Naber, der für sein Kinodebüt "Der Albaner" 2010 mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet wurde, betrachtet in "Zeit der Kannibalen" den entfesselten Kapitalismus gleichsam aus der Nähe: Sein Studienobjekt sind Devid Striesow und Sebastian Blomberg als Dream-Team der Beraterwelt, die darauf hinarbeiten, endlich zu Partnern der Company aufzusteigen. Die Devise in ihrer Branche ist einfach: "Up or out." Zu ihnen stößt bald Katharina Schüttler als neue Kollegin, die das eingespielte Tandem ein wenig aus dem Tritt bringen wird. Komparsen gibt es wenige, der Schauplatz bleibt das Innere der stets gleichen Hotels, in denen lediglich Dekors verraten, ob man sich in Mumbai oder Lagos befindet.
Zeit der KannibalenEs ist ein minimalistisches Set für einen Film über Globalisierung; ein Film, der zum Hellsichtigsten und Ironischsten zählt, was man lange im deutschen Kino gesehen hat. Was die Verheißungen des Kapitalismus mit Menschen machen können, erfährt man in dem mit kleinem Budget realisierten Kammerstück mindestens so genau wie in Hollywood-Gegenstücken à la "The Wolf Of Wallstreet". "Es war eine der Maßgaben der Produktion, dass der Stoff leicht zu realisieren ist. Es ging darum, daraus eine Stärke für die Geschichte zu gewinnen", erzählt der in Berlin lebende Filmemacher über die Genese seines Films. "Ich denke, die ökonomische Beschränkung ist manchmal auch ein Vorteil. Überfluss kann einem guten Film manchmal mehr im Weg stehen als Beschränkung."
Dass ein Film über globale Wirtschaftsprozesse auch in Gestalt eines strengen Kammerspiels bestens funktionieren kann, das bewies 2011 US-Regisseur J.C. Chandor in seinem Thriller "Margin Call" über das Personal einer Investmentbank, das die 24 Stunden vor dem großen Crash der Finanzkrise erlebt. Ein Film, der Naber nachhaltig beeindruckt hat: "Das war ein Film, bei dem ich mich gut unterhalten gefühlt, hervorragende Schauspieler gesehen und eine Sichtweise auf Dinge erhalten habe, die mir vorher so noch nicht bewusst war", erzählt er. Solches Kino interessiert ihn, "reine Unterhaltung ist nicht mein Ding." Eine ähnliche Wirkung gelingt dem 42-Jährigen nun mit "Zeit der Kannibalen", einem Thriller, bei dem sich im Verlauf weniger Tage das Erfolgssystem der allmächtigen "Company" gegen seine eigenen Diener wenden wird. Das Schauspielertrio um Devid Striesow läuft dabei zu Hochform auf und schlägt sich die schwarzhumorigen Dialoge von Buchautor Stefan Weigl derart trocken um die Ohren, dass man es auch glatt mit Figuren der Serie "Breaking Bad" aus der amerikanischen HBO-Schmiede zu tun haben könnte.
Zeit der KannibalenÄhnlich wie die beiden Drogenköche aus New Mexico sind die Firmen-Abwickler in "Zeit der Kannibalen" in ihrem Zynismus doch auch gewinnend. Und in ihrer explosiven Mischung aus Größenwahn, Eigensucht und Abhängigkeit erhalten sie schließlich gar eine tragische Größe. Um die Welt der Unternehmensberater kennenzulernen, hat sich Johannes Naber im Vorfeld in ihren Kreisen umgehört und Gespräche geführt. Für ihn sind die Berater "eine Art Katalysatoren des globalisierten Kapitalismus." Aus den Interviews erhielt Naber oft den Eindruck differenzierter Persönlichkeiten: "Ich habe sie als smarte, eloquente und charismatische Menschen erlebt, die mit großer Bildung und großem Allgemeinwissen ausgestattet sind und sehr profund über die Welt geredet haben und ihren Beruf", erinnert sich der Regisseur. "Das sind keine Idioten und es sind auch keine Arschlöcher, sondern es sind kluge Menschen. Aber sie haben sich auf eine Systematik eingelassen, die mit einem Glücksversprechen daherkommt – von Geld und Erfolg."
In seinem Kammerstück erzählt Naber nun mit kühler Beobachtung, wie sich drei solcher Paktierer an den Verheißungen des maximalen Profits spektakulär verheben. Am Ende spielt dann doch die Außenwelt eine entscheidende Rolle, die im Verlauf des Films durch die immer gleiche stilisierte Skyline dargestellt ist und akustisch in Form gedämpfter Gewehrsalven zu vernehmen ist: Es sind Signale von Bürgerkriegen und Rebellion in zerrütteten Ländern. Die Kannibalenzeit bricht letztlich auf andere Weise an als gedacht, und fast könnte man Mitleid mit Nabers Hotelmenschen bekommen. "Es war mir wichtig, dass man sich nach dem Film fragt: Welche Anteile dieser Figuren sind eigentlich in mir selber drin?", so Naber. "Sie sind ja nicht so weit weg von uns, denn in unserer Gesellschaft ist ihre Denkweise ein integrativer Bestandteil."

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Pascal Schmit / Farbfilm Verleih

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: "Zeit der Kannibalen" im Kino in Berlin

Zeit der Kannibalen, 
Deutschland 2014; Regie: Johannes Naber; Darsteller: Devid Striesow (Frank Öllers), Sebastian Blomberg (Kai Niederländer), Katharina 
Schüttler (Bianca März); 97 Minuten; FSK 12

Kinostart: 22. Mai

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 27.05.2014

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