"Inglorious Basterds"-Star Christoph Waltz im Gespräch

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"Inglorious Basterds"-Star Christoph Waltz im Gespräch  

Christoph Waltz

Als undurchschaubarer SS-Offizier verfolgt Waltz in Tarantinos Film eigene Pläne, die Weltgeschichte wird hier neu geschrieben. Bekannt wurde der 52-jährige Österreicher als Fernsehschauspieler, doch "Inglourious Basterds" zeigt, dass er längst reif für den internationalen Ruhm war. Für seine Performance bekam Waltz in Cannes den Preis für den bes­ten Darsteller. Wir trafen ihn zum Gespräch über Quentin Tarantinos Antennen, Popcorn-Abende in Babelsberg und Kunstkino für Marsianer.

tip Herr Waltz, bei der Preisverleihung in Cannes haben Sie sich noch vor Quentin Tarantino bei Hans Landa bedankt, dem SS-Mann, den Sie in "Inglourious Bas­terds" spielen. Angesichts der Figur ist das ziemlich ungewöhnlich. War das Nervosität oder Berechnung?
Christoph Waltz Nein, das war weder Berechnung noch Nervosität, das war ganz ernst gemeint. Wieso ist das ungewöhnlich, wenn man die Figur in Betracht zieht?

tip Nun, angesichts der Tatsache, dass er im Film ein Massenmörder und Kriegsverbrecher ist.
Waltz Woher wissen Sie das?

tip Mindestens die erste Szene, in der eine jüdische Familie von ihm massakriert wird, legt das nahe …
Waltz Die erste Szene, ja. Ja, ja. Da läuft man immer Gefahr, Unterschiede zu machen, die nicht richtig verortet sind, würde ich sagen, denn die Rolle ist grandios. Als Mensch gibt’s den nicht. Wenn ich sage, ich habe das dieser Rolle zu verdanken, dann bedanke ich mich ja nicht bei einem Menschen, der ein Massenmörder ist, sondern bei einer grandiosen Rolle. Das unterwirft sich völlig anderen Kriterien, als wenn ich mich irgendwo auf die Bühne stellte und mich bei Adolf Eichmann für die Gelegenheit, da­zu­stehen, bedanken würde. Was das bedeutet, ist natürlich, dass ich die Rolle so grandios finde. Und in einer anderen Rolle wäre ich ziemlich sicher nicht in die Situation gekommen. Ich bin sehr erpicht darauf, diese moralische Wertung nicht zu machen, weil die, ehrlich gesagt, in diesem ganz speziellen Zusammenhang gänzlich irrelevant ist.

tip Mochten Sie die Figur?
Waltz Sehr. Sehr. Diese Verurteilung behindert eigentlich jeglichen Zugang. "Verurteilt" ist als Wort nicht umsonst so endgültig. Ein Prozess ist mit der Urteilssprechung beendet. Das wäre für einen Film und die Arbeit daran ein nachgerade fataler Vorgang, wenn man nach der Lektüre des Drehbuches mit einer Urteilssprechung den Prozess beendete. Der Prozess findet im Drehen seinen Fortgang und möglicherweise erst im Zuschauer einen Abschluss. Und ich glaube, im Film selbst dort nicht. Das ist der Idealfall. Das heißt, jegliche Art von Urteil würde diesen Prozess behindern. Nicht umsonst wird in Strafprozessen die Presse daran gehin­dert, Urteile vorwegzunehmen.

Christoph Waltztip Tarantino sagt über "Inglourious Basterds", er liebe alle Figuren doppelt: aus der Perspektive des Gottes, den er als Regisseur und Autor in diesem Filmuniversum darstellt, und aus deren eigener Innenperspektive.
Waltz Ganz genau. Deswegen liebt er Landa und die anderen Nazis, von diesem Aspekt her. Das heißt ja nicht, dass er die nationalsozia­listische Ideologie liebt, in keiner Weise. Und das wird bei uns schnell vermanscht – in einen grauslichen, typischen Eintopf.

tip Zur Ambivalenz des SS-Mannes trägt bei, dass er plant, den Gesamtverlauf des Weltkriegs zu verändern.
Waltz Landa kann es zumindest behaupten. Er erhebt für sich den Anspruch (lacht).

tip Haben Sie kurz gezuckt, als Sie merkten, dass "Inglourious Bas­terds" die Geschichte des Zweiten Weltkriegs neu schreibt, sozusagen die Tür zu einem Paralleluniversum aufstößt?
Waltz Nein, im Gegenteil, das ist das, was mich am allermeisten fasziniert hat. Und wenn Sie so wollen, ist das auch die Figur. Landa lebt in mehreren Paralleluniversen. Am Anfang ist er dieser charmante und eigentlich höflich-liebenswerte, fast freundschaftliche Bürokrat, der kurz zum Schlächter wird, aber nur ganz kurz und dann nie wieder. Möglicherweise dazwischen – oder auch nicht. Das ist jedem selbst überlassen, was man da denkt. Er bewegt sich zwischen den Kulturen. Deswegen ist die Mehrsprachigkeit wichtig. Das ist keine Marotte, sondern ganz essenziell wichtig für die Figur, dass Landa in vielen Sprachen redet. Jetzt gibt’s hier natürlich das handelsübliche Bestreben, so viel wie möglich zu synchronisieren.

tip Ich habe mich gefragt, wie das gehen soll. "Inglourious Basterds" ist ein Film, den man nicht synchronisieren kann, der wirkt, als wäre er so gedreht, um ihn niemals synchronisieren zu können. Die Akteure, allen voran Sie selbst, sprechen Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch.
Waltz Ich habe wiederholt bohrende Fragen gestellt, aber man hat sie mir mit diesem etwas herablassenden Kaufmannsblabla beantwortet. Zack, weg. "Hier geht keiner ins Kino, um zu lesen!", hieß es. Von wem erwarten die, dass er hineingeht? Es gibt Kompromisse, und sie diskutieren immer noch, welche Szenen sie wie belassen. Es sollen mehr Kopien als sonst in Originalversion und deutsch untertitelt ins Kino kommen. Aber was tatsächlich übrig bleibt von den edlen Plänen …

Christoph Waltztip Sind Sie noch nervös, wie "Inglourious Basterds" bei der Deutschland-Premiere aufgenommen werden wird?
Waltz Die deutschen und österreichischen Journalisten sind diejenigen, die am offensten der Sache gegenüber sind. Da haben die anderen mehr Sorge, dass die Deutschen und Österreicher Sorgen hätten. Also diesbezüglich habe ich überhaupt keine Bedenken. Im Ge­genteil, ich denke, da wird eine Tür aufgestoßen, das wird auch so ein bisschen die Augen öffnen. Wenn man sich vornimmt, sich dem Thema über Kunst zu nähern – und letzten Endes ist ja Film Kunst, auch wenn er meistens nicht so ausschaut –, dann ist dieses Realitäts- und Wahrheitsgetue ja sowieso die verlogenste Nummer, die man sich überhaupt vorstellen kann. Wenn ein Film behauptet: "So war es!" Wer war denn dabei im Bunker, dass sie genau wissen, wie das im Bunker war? Das ist Kas­perletheater.

tip Sie sind Ende der 80er Jahre aus Hamburg nach London gezogen, weil Sie mit Ihrer damaligen Frau, die aus einer jüdischen Familie stammt, drei Kinder haben und wollten, dass die eine traditionelle Erziehung bekommen. Vor diesem Hintergrund finde ich Ihre Einschätzung Ihrer Rolle in "Inglourious Basterds" noch mal interessanter …
Waltz … das hat nichts damit zu tun, ehrlich gesagt. Das ist eine ganz lustige, wie soll man sagen, dekorative Assoziation. Die hat aber keinen wirklichen Gehalt, zu gar nichts. (Pause)

tip Aber als Österreicher, der sich in der Lage findet, sich verhalten zu müssen …
Waltz Na ja, man muss sich nicht verhalten. Man verhält sich ja mit allem, was man tut. Aber in dem Moment, wo man es in der Öffentlichkeit tut, hat es einen politischen Aspekt. Also ich rede trotzdem nicht über mein Privatleben, weil ich mir das mal überlegt habe. Eine Zeit lang war das ein von mir bevorzugtes Thema.

tip Es gibt tatsächlich kaum etwas Privates über Sie im Archiv.
Waltz Das entstammt einer ganz einfachen Überlegung. In dem Moment, wo ich es öffentlich mache, ist es nicht mehr privat (lacht).

tip Aber es könnte doch eine Dimension hinzufügen. Als Quentin Ta­rantino in Cannes gefragt wurde, ob er den Film als "Jewish revenge fantasy", also als jüdische Rachefantasie, sehe, hat er ein wenig laviert, mit Sympathie. Sein Basterds-Darsteller Eli Roth hingegen hat das vor seinem jüdischen Familienhintergrund vehement umarmt und erklärt: Ja, das sei wie kosher porn gewesen, diesen Wehrmachtssoldaten die Schä­del einzudreschen, eine Kindheitsfantasie, etwas, wovon er geträumt habe.
Waltz Möglicherweise, ja.

Christoph Waltztip Gab’s darüber Diskussionen am Set mit den Basterds?
Waltz Nein. Tarantino hat auch, glaube ich zumindest, aus einem bestimmten Grund laviert. Er vermeidet es sehr konsequent, für den Zuschauer irgendwo eine Blockade zu errichten. Hätte er gesagt: "Ja, ich sehe das so", wäre das in allen Zeitungen gestanden, und jeder, der hineingeht, hätte gesagt: "Ja, das ist Tarantinos 'Jewish revenge fantasy'." Ist es auch nicht. Wie oft haben Sie den Film gesehen?

tip Bei der Weltpremiere in Cannes.
Waltz Ich habe ihn auch erst einmal gesehen. Wenn ein Marsmensch auf die Erde kommt und fragt: "Was ist Kino?", dann muss man ihm den Film zeigen, dann hat er es begriffen. Also es ist wirklich essenzielles Kino. Und ich bin überzeugt davon, dass man den Film mindestens zehn Mal sehen kann und jedes Mal einen neuen Film sieht. Das weiß Tarantino. Deswegen würde er nie sagen: "Das ist das, was ich wollte, und nichts anderes." Selbe Sache: Er würde ein Urteil aufdrü­cken.

tip Quentin Tarantino hat während der Drehwochen in Babelsberg fürs gesamte Team, vom Fahrer bis zum Hauptdarsteller, Film-Screenings veranstaltet. Wie hat man sich das vorzustellen?
Waltz Babelsberg hat möglicherweise eins der besten Kinos in Deutschland. Und da hat er jeden Donnerstagabend aus seiner privaten, seltsamen 35-mm-Sammlung Filme gezeigt.

Interview: Robert Weixlbaumer

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 16/09 auf den Seiten 30-36.

Fotos: Jens Berger/tip

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 29.07.2009

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