Interview mit den Filmemachern Christoph Hochhäusler und Ulrich Peltzer

0 Kommentare

Interview mit den Filmemachern Christoph Hochhäusler und Ulrich Peltzer  

Unter_Dir_die_Stadttip: Herr Hochhäusler, Herr Peltzer, Sie haben für den Film ausführlich in der Frankfurter Bankenwelt recherchiert. Wie verhalten sich Recherche und Drehbuch zueinander?
Christoph Hochhäusler: Wir haben zunächst einen Plot konstruiert, dann haben wir recherchiert. Wir haben Sekundärliteratur, Enthüllungsbücher und dergleichen gelesen und Leute getroffen, die wir zu Details befragt haben, zu bestimmten Vorkommnissen in unserem Plot. Wir wollten wissen, ob das, was wir uns vorstellen, möglich wäre. Und wie es sich abspielen würde. Das hat dann von der ersten zur zweiten Fassung viel verändert. Abstrakter gesagt: Erzählung ist immer ein Modell. Das baut man zuerst. Und dann befragt man die Wirklichkeit mit diesem Modell.
Ulrich Peltzer: Es geht um die Korrespondenzen zwischen beidem. Und da ist es vor allem wichtig, Eindrücke zu erhalten. Das Entscheidende für mich war daher eher, in den Vorstandsräumen gewesen zu sein, dort gegessen zu haben, das Verhalten der Vorstände im Gespräch zu beobachten, das Atmosphärische, eher private Sachen. Wie ist etwa der Alltag eines Bankvorstands organisiert?
Hochhäusler: Wir haben einen Vorstand getroffen, der uns erzählte: Er lebt unter "normalen" Menschen in der Stadt, die nicht wissen, was er beruflich macht. Er lässt sich jeden Morgen um sieben an einer bestimmten Ecke vom Chauffeur abholen, aber so, dass es keiner seiner Nachbarn sieht. "Realismus" ist dabei allerdings eine heikle Sache. Wenn man zu nah dran bleibt, wird es entweder schnell satirisch oder journalistisch. Es gibt Sachen, die niemand glauben würde. Etwa die Jagdtrophäen an den Wänden in der Villa des Bankers – die haben wir für den Dreh entfernt. Der echte Villenbesitzer hat sich beklagt, "der Kapitalismus" habe nach der Wende die schönen Hubschrauberjagden in Osteuropa "kaputt" gemacht.

tip: Gab es während der Dreharbeiten noch Berater aus der Bankwelt?
Hochhäusler: Man ist ohnehin unter ständiger Beobachtung, wenn man sich in den Hochhäusern und Chefetagen bewegt. Einmal hatten wir dabei mit einem sogenannten "Reputation Manager" zu tun. Einem dafür abgestellten Banker, der sich das Drehbuch genau ansah und durchaus seine Bedenken äußerte, wie: "Also, diese Figur ist aber nicht positiv."

tip: Klingt wie ein Fernsehredakteur.
Peltzer: Ich fand den Reputation Manager in unserem Fall aber sehr hilfreich. Der meinte immer wieder, durchaus sarkastisch: "Ja, nicht sehr sympathisch, aber schon sehr real".
Hochhäusler: Aber auch das muss man nicht unbesehen glauben. Wir haben immer nach Lieblingsfilmen gefragt und gesehen: Gordon Gekko ist das Idol. Sogar Christian Bale in "American Psycho". Beides Figuren, die bei aller Smartness doch Monster sind. Die Wirklichkeit ist auch immer schon Kino-Imitat.

tip: Und die Sprache selbst: Stimmt das, dass Sie da stark runterdosiert haben, weil das Klischeehafte daran sonst lächerlich gewirkt hätte?
Hochhäusler: Ja, oder andersrum: Wir haben die Fallhöhe erhöht. So "elegant" spricht natürlich niemand. Das ist in der Realität viel stärker zu diesem komischen Denglisch vermengt. "Da war dann das Ego gepleased" – das hat wortwörtlich einer zu uns gesagt.

tip: Das Drehbuch zu "Unter dir die Stadt" war Ihre erste Zusammenarbeit – und für Sie, Herr Peltzer, war es auch das erste Film-Drehbuch. Wie sah diese Zusammenarbeit aus? Wie arbeitet man, wenn man weiß, dass kein für sich stehender Text wie in einem Roman daraus werden soll, sondern ein neunzigminütiger Film?
Peltzer: Was unsere – meine und Christophs Arbeit – unterscheidet, ist zunächst einmal: Ich habe, wenn ich schreibe, keine Vorstellung davon, wie eine Szene im Film aufgelöst wird, wie sie als Filmszene funktionieren wird. Für mich geht es anfangs vor allem um eine bestimmte Vorstellung von Gesellschaft – und eine narrative Struktur.
Hochhäusler Wir sind uns insbesondere im Problembewusstsein nahe. Daraus folgen Fragen wie: Geht das so, kann man das heute so erzählen? Wie vermeiden wir falsche Schließungen und Eindeutigkeiten? Oder: Wie wird das eigentlich wirken? Das Ursprungsdrehbuch war noch viel stärker verästelt, ein großer Teil dieser Äste wurde dann aus eher pragmatischen Gründen weggeschnitten.

tip: Die Kerngeschichte Ihres Films stammt aus dem Alten Testament. Es ist die Geschichte des König Davids, der sich eine verheiratete Frau, Bathseba, nimmt und deren Mann an die vorderste Front schickt. Hier schickt ein Vorstandsvorsitzender den Mann seiner Geliebten auf einen gefährlichen Bank-Außenposten in Ostasien. Was war Ihnen bei der Übertragung der Geschichte wichtig?
Peltzer: Vielleicht der wichtigste Unterschied: In der sehr knappen Bibel-Erzählung ist Bathseba eine Figur, die keine eigene Stimme hat, die nie zum Subjekt wird in dieser Konstellation. Sie ist immer nur Objekt des Begehrens, Objekt der Intrige. Unsere Figur wird selber aktiv, sie handelt selber.

tip: Wobei sie bis sehr spät in der Geschichte die Intrige nicht durchschaut.
Hochhäusler: Ja, einerseits. Andererseits könnte sie vielleicht doch. Da ist zwischen Nicht-Wissen und Nicht-Wissen-Wollen nicht ohne Weiteres zu unterscheiden. Was diese ganze Welt für uns aber vor allem bestimmt, ist ein grundsätzlich unzuverlässiges Erzählen. Es geht die ganze Zeit darum zu erfassen, was der Fall ist. Dazu wird die Welt in ein System aus Zahlen gewoben. Das "Rating" aber, welche Zahl gehört zu welcher Person, die Frage, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt: Das alles ist eine Sache der Erzählung.
Peltzer: Vielleicht könnte man sagen, dass Cordes in seinen privaten Erzählungen mit den Konsequenzen seiner Fiktionen konfrontiert wird. Bei seinen beruflichen Mergers-and-Acquisitions-Erzählungen bekommt er die realen Auswirkungen selbst im Fall des ökonomischen Scheiterns nur sehr vermittelt zu spüren. Wenn er in seinem Privatleben Svenja eine ungedeckte Geschichte erzählt, ist das anders.
Hochhäusler: Das romantische Element unseres Films ist es dann wohl, dass beide Figuren noch eine Sehnsucht nach dem Realen haben, danach "wirklich zu sein". Bei den Bankern, die wir gesprochen haben, haben wir so etwas nicht wahrgenommen. Vor der Finanzkrise nicht und hinterher auch nicht.

Interview: Ekkehard Knörer

Die tip-Kritik zum Film finden Sie hier.

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 01.04.2011

tip Ausgabe 13/2016

Titel
: Der Wilde Sound der Stadt - Wieso Berlin die aufregendste Popstadt Deutschlands ist. || Der Nerd am Herd: Foodpairing verspricht, das perfekte Gericht wissenschaftlich zu ermitteln. || "The Lobster" - Regisseur Yorgos Lanthimos entwirft eine Art Versuchsanstalt für das Verhalten. || "Die Kabale der Scheinheiligen" - Frank Castorf zelebriert…

tip Berlin Kino-Newsletter - jetzt anmelden!