Jüdische Filmfestival 2012 in Berlin und Potsdam

Jüdische Filmfestival 2012 in Berlin und Potsdam  

Das Plakat sorgt für Aufmerksamkeit: „Mehr Juden ins Kino“ fordert der in großen, gelben, handschriftlich wirkenden Buchstaben gefasste Slogan auf dem schwarzen Plakat, unten rechts das Festival-Logo in Form eines Davidsterns. Ein recht offensichtlicher gestalterischer Bezug zu düsteren Zeiten. Das Poster des in Berlin tätigen Fotografen und Designers Daniel Josefsohn sei „als Hoffnung und Aufforderung“ zu verstehen. Leiterin Nicola Galliner sieht es als Motivation für das Jüdische Filmfestival, die durch Schoah und Vertreibung jüdischer Künstler „in der deutschen Filmwirtschaft hinterlassene Lücke erneut mit Leben zu füllen und vielleicht auch irgendwann einmal wieder zu schließen“.

Zum 18. Mal findet das Festival in Berlin und Potsdam statt, mit gut 30 Filmen werden da die Komplexitäten jüdischen Lebens zwischen Alltag und Geschichte skizziert. In diesem Jahr ist das Jüdische Filmfestival dabei um einiges gewachsen: Nach der Eröffnung am 4. Juni im Potsdamer Hans-Otto-Theater mit der Weltpremiere „Max Raabe in Israel“ werden die Spiel- und Dokumentarfilme des Programms nicht nur in den traditionellen Festivalkinos, dem Filmmuseum Potsdam und dem Arsenal gezeigt, sondern am letzten Tag auch im Eiszeit, dem Filmkunst 66 und dem Kino Toni in Weißensee.

MendelsohnsIncessantVisionsEinen Schwerpunkt des Programms bilden dabei eben jene Lücken, die in der Nazi-Zeit in das jüdische Leben und die Kultur gerissen wurden. Und es ist niederschmetternd zu sehen, welchen Spätfolgen und welcher Ignoranz man auch sechs Jahrzehnte nach Schoah und Nazi-Herrschaft begegnen kann. Eindrucksvoll zeichnet Duki Dror, Sohn irakischer Juden, in „Incessant Visions“ das Leben und Werk des Architekten und Künstlers Erich Mendelsohn nach. Viele kennen wenigstens zwei seiner Arbeiten, den Einsteinturm und den Gebäudekomplex, in dem sich heute die Schaubühne befindet, doch Mendelsohn kennen nur wenige. In imposanten Bildern und begleitet von Tagebuchtexten und Briefen von Mendelsohn und seiner Frau Luise entsteht eine fesselnde Filmbiografie mit starker, emotionaler Sogwirkung, ein fesselndes wie rührendes Werk.

Weniger rührend, eher verstörend fällt Andrew Sheas Dokumentarfilm „P.O.W. – Portrait of Wally“ aus, der das lange, unappetitliche Ringen um Egon Schieles „Porträt von Wally“ illustriert. Das 1912 entstandene Bild war ursprünglich im Privatbesitz der jüdischen Galeristin Lea Bondi in Wien, nach dem „Anschluss“ verlor sie das Bild an den Nazi, der auch ihre Galerie übernahm. Bald verwischten sich Rechtslage und Eigentumsverhältnisse. Erst 1997, fast drei Jahrzehnte nach Bondis Tod, kam der Fall Wally wieder in Bewegung: Als im Museum of Modern Art (MoMa) die Schiele-Werke des österreichischen Sammlers Rudolf Leopold ausgestellt wurden, meldeten sich Bondis Erben, amerikanische Behörden erwogen eine Beschlagnahme des Porträts. Dreizehn Jahre wurde über das Bild verhandelt. Shea macht daraus einen komplexen Kunst-Krimi und eine imposante Fallstudie über Raubkunst und Restitution, Kunstgeschäft, Museumspolitik und Moral: Am Schluss steht ein für Bondis Erben durch Vorwürfe und Winkelzüge fast vergiftetes Happy End, aber immerhin eines mit Signalwirkung.

Oft sind es die Kinder und Enkel, die sich auf eine familiäre, historische Entdeckungsreise begeben: In Tamar Tals „Life in Pic­tures“ soll das Fotogeschäft von Miriam Weissenstein in Tel Aviv abgerissen werden, ihr Enkel Ben hilft ihr im Kampf um ihr Archiv, in dem eine Million Bilder die Geschichte des Landes und der Stadt dokumentieren. „How to Re-Establish a Vodka Empire“ zeigt, wie sich Filmemacher Daniel Edelstyn auf Spurensuche nach seinen Vorfahren in der Ukraine macht und versucht, das Wodka-Unternehmen seiner Familie wiederaufleben zu lassen. In Arnon Goldfingers „Die Wohnung“ stößt der Regisseur nach dem Tod seiner Großmutter in Tel Aviv in deren Wohnung auf Hinweise, dass seine jüdischen Großeltern das erste Mal – und vor ihrer Auswanderung – Palästina in Begleitung des pro-zionistischen Nazis Leopold von Mildenstein bereisten. Was eben noch schwarz und weiß war, wird plötzlich Grauzone. In der bewegt sich auch der 18-jährige Ameer in „Ameer Got His Gun“ von Naomi Levari.

Als arabischer Israeli ist er einer von nur zwanzig, die sich freiwillig zum Militärdienst melden, in seiner Familie hat das Tradition. Doch das ändert wenig an den Anfeindungen, die sich Ameer von Arabern und Juden gefallen lassen muss.
Den schwierigen Schicksalen stellt das Jüdische Filmfestival mit „Footnote“ von Joseph Ceder („Beaufort“) aber auch eine Komödie gegenüber. Seit Jahrzehnten arbeitet der eigenbrötlerische, etwas weltfremde Eliezer Shkolnik (Shlomo Bar-Aba) an einem Ur-Text des Talmud, die einzige akademische Anerkennung war bislang eine lobende Fußnote im mehrbändigen Werk eines Altvorderen. Eliezers Sohn Uriel (Lior Ashkenazi) ist zwar ebenfalls Talmud-Experte, aber auch – gut gelaunt, gesprächig, beliebt und etwas konfliktscheu – Gegenentwurf zum Vater. Als der doch noch den renommierten Israel-Preis erhalten soll, scheint sich auch das Verhältnis beider zu bessern. Aber das hält leider nicht vor. Mit absurdem Humor und tollem Ensemble führt „Footnote“ (2012 für den Auslands-Oscar nominiert) in die Parallelwelt des akademischen Betriebs: leichtfüßig erzählt, visuell einfallsreich und in jeder Hinsicht sehenswert. 

Text: Thomas Klein

Jüdisches Filmfestival Berlin & Potsdam
Mo 4. Juni bis So 17. Juni;
Filmmuseum Potsdam,
Arsenal, Eiszeit, Filmkunst 66, Kino Toni;

Eröffnung am So 4. Juni mit der Festivalgala
„Max Raabe in Israel“ im Hans-Otto-Theater,
Potsdam; www. jffb.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 06.06.2012

Kino-Newsletter

Sie wollen das Kinoprogramm stets aktuell nach Hause geliefert bekommen? Einfach auf den Button klicken, anmelden und Sie erhalten von uns wöchentlich die aktuellen Termine und Filmprogramme aller Kinos.

Zur Anmeldung

tip Ausgabe 08/2014

HIP HOP IS BACK! || She She Pop: Die Performerinnen holen ihre Mütter ins HAU || Judith Holofernes im Interview: Warum sie am liebsten aus der Hüfte schießt || Wohnen Spezial: Berliner Designer & hängende Gärten || Programm- und TV-Kalender vom 10.04. - 23.04.2014.

Abonnieren Sie unseren wöchentlichen Kino-Newsletter

* Pflichtfeld