Marko Doringer im Gespräch

Marko Doringer im Gespräch  

Marko DoringerWir trafen Doringer zum Gespräch über Selbstausbeutung und die andere Seite der Berliner Winterdepression.

tip Herr Doringer, "Mein halbes Leben" ist ein Film über ihre Lebenskrise als erfolgloser 30-Jähriger – aber trotzdem oft brüllend komisch.
Marko Doringer Mir war wichtig, dass es ein ironischer Film wird. Es ist ja klar, dass es um Probleme geht, wie sie in meiner Generation in der westeuropäischen Mittelschicht vorkommen. Das heißt, viele Menschen auf der Welt können sich die Fragen, die ich mir da stelle, gar nicht leisten. Wir können das Gott sei Dank. Man muss den Film also schon in dieser Relation sehen.

tip Es ist Ihnen aber spürbar Ernst mit Ihren Selbstzweifeln.
Doringer Ja. Denn wenn man diese Krise hat, ist sie natürlich elementar. Zumindest war es das für mich – auch wenn es dabei nicht um Krieg oder Hunger geht oder um Leben und Tod. Es ist ganz einfach eine Lebenskrise, die manche vielleicht gar nicht haben. Aber aus meinem Bekanntenkreis weiß ich, dass es recht vielen aus meiner Generation so geht. Diese Krise ist ernst zu nehmen und berechtigt. Trotzdem ist es wichtig, das ironisch zu sehen.

tip Viele Leute schaffen es nicht, vernünftig mit ihren Eltern zu reden. Sie stellen sie gleich vor die Kamera. Wie haben Sie Ihre Eltern davon überzeugt, in Ihrem Film mitzuwirken?
Doringer Auslöser für den Film war ja meine persönliche Krise – aber meine Eltern haben sich schon auch Sorgen gemacht um ihren Sohn: dass der mit 30 noch nicht hatte, was man ihrer Ansicht nach in dem Alter haben sollte. Sprich: Absicherungen, wie auch immer die aussehen mögen. Eine Anstellung. Rück­lagen. Ein Haus. Das hatte ich alles nicht. Ihre Sorgen waren also real. Dazu kam meine eigene Sorge, dass ich den Ansprüchen der Gesellschaft, vielleicht auch meinen eigenen, nicht genüge. Damit habe ich meine Eltern einfach vor der Kamera konfrontiert.

tip Wie ist das für Sie, wenn die Leute im Kino herzlich über Ihre Erlebnisse lachen?
Doringer Nun, es war ja meine bewusste Entscheidung, nicht nur Regisseur zu sein, sondern auch Protagonist. Das rührt daher, dass ich persönlich als Regisseur gewisse Schwierigkeiten mit meinem Beruf habe. Nicht, dass ich ihn nicht gerne mache – ich mache das sogar herzlich gerne und werde es auch weiter machen. Nur sehe ich auch Schattenseiten an dem Beruf, Punkte, bei denen man aufpassen muss.
Etwa, dass ich beim Dokumentarfilm auf reale Lebensgeschichten von Menschen angewiesen bin, die ich dann einer Öffentlichkeit präsentiere – und das natürlich auch, weil ich mein Leben damit finanzieren will.

tip Das bereitet Ihnen Gewissensbisse?
Doringer Damit habe ich schon etwas Schwierigkeiten. Ich sehe mich da als kleinen Menschenhändler. Denn es sind ja reale Leben, mit denen ich da meinen Handel betreibe. Um das auch mal selbst zu machen und an der eigenen Haut zu spüren, wie das ist, habe ich mich dazu entschlossen, auch Protagonist zu sein.

tip Wie fühlt es sich denn an?
Doringer Was die komischen Momente angeht: Von der Theorie her weiß man ja ungefähr, an welchen Stellen die Leute lachen werden. Aber wenn man dann im Kinosaal sitzt, als Protagonist, dann ist das wieder was ganz anderes. Dann lachen die Leute eben tatsächlich. Und du merkst schon, dass das keine einfache Rolle ist.

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 07.10.2009

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