"Midnight in Paris" im Kino

"Midnight in Paris" im Kino  

Midnight_in_ParisWenn man Woody Allen glauben will, dann hat er das erste Mal 1967 ernsthaft überlegt, sein Leben zu ändern und in Paris ein ganz neues zu beginnen. Nach dem Ende der Dreharbeiten zu "Casino Royale", in dem er eine Rolle übernommen hatte, war das. Die kurze, wahrscheinlich doch nur kokette Überlegung, in Paris ein bohèmehafteres Dasein als ganz ernsthafter Schriftsteller zu beginnen, hat Allen bekanntlich rasch verworfen. Jetzt mit 75 Jahren mag er überlegen, was das Leben in diesem Paralleluniversum geboten hätte, aber allzu unzufrieden kann er mit seiner Entscheidung für New York und die Weltkarriere als Comedian, Autorenfilmer und Schauspieler wahrscheinlich auch nicht sein.

Sein jüngster Film "Midnight in Paris" hat gerade rund 50 Millionen Dollar in den USA eingespielt, ein sagenhafter Erfolg, der nebenbei auch Allens Strategie bestätigt, in seinen jüngeren Arbeiten eine Art europäisches Sightseeing für Fortgeschrittene zu betreiben – aber sein Paris-Film ist doch weit mehr als das.

"Midnight in Paris" beginnt mit der Überlegung, die auch Allen vor mehr als vierzig Jahren hatte. Was, wenn man hier bleiben würde und das alte amerikanische Leben gegen ein neues tauschen würde? Gil (Owen Wilson) ist ein erfolgreicher Autor von läppischen Fernsehserien, der auf seinem Paris-Trip davon träumt, einen seriösen Roman zu publizieren. Vielleicht ist es der abfällige Widerstand seiner Verlobten (Rachel McAdams) und deren bornierten Eltern, vielleicht seine freilaufende Fantasie, möglicherweise ein besonderer Zauber – jedenfalls erlaubt ihm der Film eines Nachts, ins Universum der Zwanzigerjahre einzutreten, in jene Epoche, nach der er sich am meisten sehnt.

Der Witz, den Allen aus dieser schon gar nicht so simplen Prämisse gewinnt, ist ungeheuer, aber nie nur einfach albern, auch dank des zurückgenommenen Humors, den Owen Wilson in jedem seiner verwirrten Augenblicke ausstrahlt. Die Zusammenkünfte mit der Kulturprominenz dieser Jahre inszeniert Allen, indem er Klischees ebenso lustvoll überhöht, wie er in anderen Momenten den Glorifizierungen der Kulturgeschichte vergnügt den Boden entzieht. Gil lässt seinen Roman von Gertrude Stein redigieren, nimmt Männlichkeitslektionen bei Hemingway und verliebt sich in Picassos Geliebte Adriana (Marion Cotillard), die allerdings auch nicht ganz in ihrer Gegenwart verankert ist: Sie sehnt sich aus den Zwanzigern weiter zurück in die Belle Époque und will sich auch von Gil nicht warnen lassen: "Diese Menschen haben keine Antibiotika!"

Allens Meisterschaft ist in den überdrehten Dialogen immer spürbar, aber "Midnight in Paris" steigert die Verrücktheiten immer weiter, verknotet die Zeitlinien, schickt Tagebücher aus der Vergangenheit in die Bouquinistenstände der Gegenwart oder Detektive von hier zurück ins Rokoko. Mittendrin steht Gil: Platzhalter eines aufgeklärten Amerikas, das, wie er beiläufig  sagt, "Fürsprecher des rechten Flügels der republikanischen Partei für durchgedrehte Irre" hält, aber zugleich niemandem den eigenen Willen aufzwingen will. So fremd, wie ihm seine Gegenwarts-Landsleute sind, so nah fühlt er sich dagegen der "Lost Generation".  

Midnight_in_ParisHemingways posthum erschienene Paris-Memoiren "A Moveable Feast" waren für Allen offenbar auch eine willkommene Quelle, mit der er nicht nur den Tonfall der hyperlakonischen Figur abgleichen konnte. Für den heutigen Leser ist der Text eine wertvolle Referenz wegen der Alltagseindrücke aus den frühen Zwanzigerjahren, die Hemingway, damals selbst künstlerische Prekariats-Existenz par excellence, darin aufzeichnet. Da wird der Winterausflug in die österreichischen Alpen schnell zum Anlass, über die Hyperinflation nachzudenken, die das Hotelbett jeden Tag billiger macht – ein Kinderspiel gegen die Umwälzungen der Währungsordnung, die Hemingway zuvor in Deutschland beobachtet hat: "There was no desperate inflation and poverty there as there had been in Germany. The schilling went up and down."

Inzwischen sieht es so aus, als hätte Woody Allen unwissentlich auch noch den Begleitfilm zum Ende des amerikanischen Banken-Jahrhunderts geliefert, eine Anleitung, wie man auch unter Ernstfallbedingungen noch großartigen Spaß haben kann. Allens Filmheld scheint jedenfalls vor dem kommenden Abstieg keine Angst zu haben, aber er startet auch auf hohem Niveau. Der Gang aus der langweilig vergoldeten Sechs-Sterne-Suite in Pariser Bestlage, die die Boom-Geschäfte des republikanischen Beinahe-Schwiegervaters finanziert hat, in die Niederungen des französischen Alltags sieht aus wie der Weg ins Paradies. Es gibt, sagt uns Allen, der optimistische Pessimist, ein besseres Leben nach der Krise. Nichts ist schöner als der Regen der Gegenwart.

Text: Robert Weixlbaumer

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: "Midnight in Paris" im Kino in Berlin

tip-Interview mit Woody Allen im Audioformat

Midnight in Paris USA/Spanien 2011; Regie: Woody Allen; Darsteller: Owen Wilson (Gil), Rachel McAdams (Inez), Marion Cotillard (Adriana); 94 Minuten; FSK 0

Kinostart: 18. August

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.08.2011

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