Im Kino: "Welcome Goodbye" von Nana A.T. Rebhan

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Im Kino: "Welcome Goodbye" von Nana A.T. Rebhan  

"Welcome Goodbye" im Kino in Berlin

"No more Rollkoffer!"-Graffiti an Neuköllner und Kreuzberger Hauswänden. Feierwütige junge Spanier im Wrangelkiez. Krakeelende Party-People in den Wohnhäusern der Wilhelmstraße. Touristenströme, Touri-Schwemme. Leute, die im Weg stehen, die im Pulk zu langsam alberne Fahrräder fahren, die einen selbstverständlich auf Englisch anquatschen, die sich allerorten breit machen und überhaupt an allem schuld sind, insbesondere aber an der Gentrifizierung. Berlin-Besucher haben es schwer. Und weil es ja wohl nicht angeht, dass eine Stadt, die sich unermüdlich ihrer Weltoffenheit und Toleranz brüstet, mit einem Male Zeter und Mordio schreit, weil ein paar mehr Leute sie besuchen kommen, hat sich die Filmemacherin Nana A.T. Rebhan auf die Suche nach Erklärungen begeben. In ihrer Dokumentation "Welcome Goodbye" geht sie den um sich greifenden berlinischen Anti-Tourismus-Ressentiments differenziert, und dabei doch mit klarem Bewusstsein für die zugrunde liegenden Probleme nach.
In dem Zusammenhang sind ein paar Zahlen hilfreich: 2003 zählten Berliner Hotels 11 Millionen Übernachtungen, zehn Jahre später sind es 27 Millionen. Dazu kommen Aufenthalte in Ferienwohnungen oder bei Verwandten und Freunden, sowie Tagestouristen. All diese Neugierigen spülen freilich, so freut sich die Politik, Geld in die notorisch klammen Kassen der Stadt. Nur, was haben die davon, die in den angesagten Gegenden nachts kein Auge mehr zu tun oder tagsüber zu Fuß im Stau stehen? Rebhan befragt Betroffene (Ladenbesitzer und Kiezbewohner), Fachleute (Tourismusexperten und Stadtsoziologen) und selbstverständlich auch (ganz unterschiedliche) Besucher, sie verschränkt das Selbstbild Berlins mit dessen Image in der Welt, sie zeigt den Zusammenhang auf zwischen touristischer Überfüllung und den Veränderungen einer gegebenen Stadtviertel-Wirklichkeit. Das ist klug, fundiert, immer unterhaltsam und an keiner Stelle unfair oder gehässig. Vor allem aber erschöpft "Welcome Goodbye“" sich nicht in Klagen über den Status Quo, nimmt auch nicht Zuflucht zu wohlfeilen Schuldzuweisungen, sondern bietet gedankliche Ansätze für mögliche Lösungen: Wo bleiben eigentlich die tourismuspolitischen Konzepte des Senats?   

Text: Alexandra Seitz

Foto: Alfaville

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: "Welcome Goodbye" im Kino in Berlin

Welcome Goodbye, Deutschland 2014; Regie: Nana A.T. Rebhan; 83 Minuten; FSK 0

Kinostart: 29. Mai 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 02.06.2014

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