"Parada" im Kino

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"Parada" im Kino  

Parada

Srdjan Dragojevic streitet gern über seinen Film "Parada". Dass der Serbe starke Reaktionen ernten würde auf seine Satire, in der homophobe Kriegsveteranen gemeinsame Sache machen mit schwulen Aktivisten, war abzusehen. Für "Parada" gab es in den Ländern Ex-Jugoslawiens Kritik von rechts wie links – doch der Film mauserte sich dort zum Kassenhit. Auch auf der diesjährigen Berlinale, wo Dragojevic mit dem Panorama-Publikumspreis geehrt wurde, stach die schwarzhumorige Balkan-Posse heraus.
Erzählt wird von einem grummeligen Kriegsveteranen in Belgrad, der sein Geld mit zwielichtigen Security-Jobs verdient. Auf Druck seiner resoluten Braut muss der Chauvi dem gebuchten Hochzeitsberater widerwillig einen Dienst erweisen. Der junge Mann gehört mit seinem Partner dem Organisationsteam der schwul-lesbischen Pride-Parade­ an. Da von der Polizei keine Hilfe zu erwarten ist, trommelt der Veteran also eine Schutztruppe zusammen. Besonders die Akquise schlagkräftiger, einst verfeindeter Ex-Kämpfer gestaltet sich als Feuerwerk der Jugo-, Macho- wie auch Schwulenklischees. Dennoch klingt der Film ernst aus, begleitet von Doku-Bildern der Belgrader Pride-Parade­ 2010, die von einem unheimlichen Verbund aus Neonazis und fundamentalistischen kirchlichen Gruppen attackiert wurde.
"Einen Film dazu wollte ich schon seit 2001 machen", erzählt Dragojevic im Interview. "Damals war die erste Gay-Parade in Belgrad in Krawallen untergegangen. Das war zu einer Zeit, als Milosevic endlich weg war und es Hoffnung gab auf Veränderungen und Demokratie. Plötzlich geschah dieser Gewaltakt, bei dem Menschen mitten in Belgrad zusammengeschlagen wurden, nur weil sie anders leben. Das hat mich wütend gemacht und beschämt."
ParadaBis dahin kannte man den Regisseur vor allem für seine Filme "Pretty Village, Pretty Flame" (1996) und "The Wounds" (1998), die sich mit den gesellschaftlichen Nachwirkungen des Kriegs befassen, etwa der Jugendkriminalität. Von ähnlicher dunkler Tonart waren erste Skript-Entwürfe für "Parada". "Doch damit war ich nie glücklich", sagt der 49-Jährige. "Es wäre ein Film dabei herausgekommen, der ein sehr depressives Bild vom Leben der Schwulen und Lesben in Belgrad gezeichnet hätte. Dafür hätte man sich höchstens auf Festivals interessiert. Aber ich wollte eine größere gesellschaftliche Wirkung erreichen." Erst Jahre später sei ihm die zündende Idee gekommen, "nämlich einen Film für Homophobe zu machen!"
Der deftige Humor in "Parada" funktioniert überraschend gut, denn häufig eröffnet sich dahinter noch eine tiefere Dimension. Wenn der Film etwa die kruden Jobs der Kriegsveteranen am Rande der Legalität ausmalt, so erzählt das nebenbei etwas darüber, wie die Ex-Kämpfer den Anschluss an die neokapitalistische Gesellschaft verpasst haben. "Ich kenne alle diese Charaktere. Ich habe sie mir nicht ausgedacht, sondern abgeleitet von Menschen, die mir begegnet sind", betont der Filmemacher, der auf eine schillernde Laufbahn zurückblickt mit Stationen als Punksänger, Armee-Koch, Musikjournalist und studierter Psychotherapeut.
Für die Entrüstung von rechter Seite hat der Psychologe eine interessante These: "Für mich sind diese Leute gefangen in ihrer analen Phase", erzählt er und fügt eine bissige Erläuterung an: "Sie erinnern in ihrer Haltung an das Kleinkind, das auf seinem Pott sitzt und mit rotem Kopf mächtig Druck ausübt. Menschen, die dieser Phase verhaftet sind, haben viel mit sexuellen Impulsen aus der unteren Körperregion zu schaffen. Es ließe sich diskutieren über ihre unterdrückten homosexuellen Impulse. Besonders gut geht das im Übrigen in einer Macho-Kultur!" An dieser delikaten Grenzlinie setzt Dragojevics wunderbar besetzte Filmsatire effektvoll an. Möglicherweise ist es zum Teil auch diesem Film zu verdanken, dass es dieser Tage zu einem neuen Versuch in Belgrad kommen soll, eine Pride-Parade zu feiern.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Vukasin Veljic / Neue Visionen Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: "Parada" im Kino in Berlin

Parada, Serbien/Slowenien/Kroatien/Makedonien 2011; Regie: Srdjan Dragojevic; Darsteller: Nikola Kojo (Lemon), Milos Samolov
(Radmilo), Hristina Popovic (Pearl); 115 Minuten; FSK 12

Kinostart: 13. September

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.09.2012

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