"The Shooting" + "Ride In The Whirlwind" von Monte Hellman

"The Shooting" + "Ride In The Whirlwind" von Monte Hellman  

The Shooting

Kahle rote Felsen, baumlose gelbe Steppen und blanke weiße Wüsten bis zum Horizont - Monte Hellmans Western sind in endlos leeren, glutheißen, menschenfeindlichen Landschaften angesiedelt. Nirgends ein pittoresker Schauplatz für Helden, wie sie John Ford in seinen Filmen gefeiert hat.
"The Shooting" und "Ride in the Whirlwind", beide 1965 innerhalb von drei Wochen in Utah abgedreht, handeln von arbeitslosen Cowboys, frustrierten Goldsuchern, Banditen und rachsüchtigen Einzelgängern, die unerbittlich abrechnen wollen und die sture tranceartige Dynamik der Jagd und Flucht antreiben.
Eine Frau (Millie Perkins), deren Mann und Kind von einem betrunkenen Goldsucher zu Tode geritten wurden, zieht in "The Shooting" den Bruder des Täters (Warren Oates) in dessen Verfolgung hinein und heizt den Hass zusätzlich an, indem sie einen schwarz gestylten Kopfjäger (Jack Nicholson) anheuert. "Ride in the Whirlwind" ist noch dichter um die düstere Stringenz des tödlichen Zufalls zentriert. Drei Cowboys (einer davon Nicholson) stoßen in den Bergen auf Postkutschenräuber, die ihnen Essen (einen "Schlangenfraß") und Quartier anbieten, anderntags jedoch unter Beschuss geraten, als selbst ernannte Gesetzeshüter das Gangsternest ausheben, die Cowboys kurzerhand hinzu rechnen und ihre Verfolgung aufnehmen.
The Shooting + Ride In The WhirlwindMänner mit Lederhosen, verschwitzten Hüten und locker sitzenden Colts - Jack Nicholson, der Produzent und Drehbuchautor von "Ride in the Whirlwind", und sein Kompagnon Monte Hellman kennen sich mit den typischen Charakteren, Sets und Requisiten des Genres aus. In beiden Filmen lauern irgendwo da draußen im Gelände Indianer, doch als der wahre Feind der Männer (und Ausnahmefrauen) erweist sich die Ausweglosigkeit ihres eigenen Thanatos-Triebs, eine verzweifelte Todesgewissheit, in deren Logik es darum geht, bis zuletzt Spielraum für Aktionen und eigene Entscheidungen zu behalten. 
Spannend wird diese unerbittlich konsequente Mechanik durch die Plastizität der Inszenierung. Die alltägliche Arbeit und Mühsal um die Pferde und das Trinkwasser oder die Entscheidung über den richtigen Trail im unwegsamen Gelände ziehen einen entschleunigt suggestiv ins Geschehen. Die austrocknende Hitze verknappt den Atem für Dialoge, das Sonnenlicht verzerrt die Mienen der Guten und Bösen gleich.
Western seien immer noch kommerziell interessant, riet der legendäre B-Movie-Macher Roger Corman Anfang der sechziger Jahre, als das Gespann gemeinsam Karriere machen wollte. Doch das mythische Narrativ vom Kampf zwischen Recht und Unrecht hatte längst Risse bekommen. Unter der Hand gerieten Monte Hellmans und Jack Nicholsons Fingerübungen zu Spätwestern, die bei ihrer Doppelpräsentation in einer Nebensektion des Filmfestivals von Cannes 1966 mit euphorischen Kritiken bedacht wurden.  Existentialistisch antiheldische Helden seien den beiden gelungen. Es half nichts, "The Shooting" und "Ride in the Whirlwind" kamen in Deutschland nicht in den kommerziellen Vertrieb.
Die Western Edition von Pierrot le Fou macht beide Filme jetzt als Doppel-DVD zugänglich. Leider verzichtete man auf ein Booklet und erläuternde Extras zu Jack Nicholsons Karriere, bevor er mit "Easy Rider" zur Kultfigur avancierte. Auch der konsequente Hollywood-Außenseiter Monte Hellman hätte eine größere Würdigung verdient.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Sehenswert

The Shooting + Ride in the Whirlwind, USA 1966; Regie: Monte Hellman; 2 DVD, erschienen bei Pierrot le Fou

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 14.11.2011

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