Stefan Grissemann über Ulrich Seidls "Paradies: Liebe"

Stefan Grissemann über Ulrich Seidls "Paradies: Liebe"  

Seidl_LiebeWir haben tip-Autor und Ulrich-Seidl-Biograf Stefan Grissemann um eine Bedienungsanleitung für den ersten Teil der Trilogie gebeten, die mit "Paradies: Hoffnung" auf der kommenden Berlinale ihren Abschluss finden wird. Was man wissen sollte, ehe man sich auf "Paradies: Liebe" einlässt ...

Herzlichen Glückwunsch und eine höfliche Direktive vorab: Sie haben sich für ein Qualitätsprodukt von Ulrich Seidl entschieden – für Paradies: Liebe", einen leistungsstarken Spielfilm mit zahlreichen künstlerischen Vorzügen, geeignet für Einsteiger und Fortgeschrittene. Um möglichst viel Freude an dem von Ihnen gewählten Werk zu haben, bitten wir Sie, folgende Gebrauchsinformationen konzentriert durchzulesen und nach Möglichkeit zu beherzigen. Bei falscher Bedienung oder unsachgemäßem Gebrauch dieses Films wird keine Haftung für sich einstellende Unzufriedenheit oder den Verlust romantischer Illusionen übernommen. Garantieleistungen sind nicht nur in solchen Fällen ausgeschlossen.

Vor erstmaliger Verwendung
Bitte überprüfen Sie, ob Sie diesen Film tatsächlich unter einwandfreien Projektionsbedingungen sehen können. Um die ästhetischen Entscheidungen des Regisseurs nachvollziehen zu können, ist eine ungestörte und technisch hochwertige Vorführungssituation unabdingbar.

Grundlegendes zur "Paradies"-Trilogie
Als ein großer Film, in dem drei Urlaubsgeschichten, drei Frauenschicksale abwechselnd erzählt werden sollen, wurde "Paradies" zunächst konzipiert. Der Film sollte Aspekte weiblicher Sexualität ausloten, die von der verbotenen ersten Liebe eines Teenagers bis zum libidinösen Gottvertrauen reichen. In der kenianischen Episode, die später zu dem Film "Paradies: Liebe" ausgeweitet wurde, sollte eine österreichische Touristin namens Teresa, furchtlos dargestellt von der Wienerin Margarethe Tiesel, erste Erfahrungen im Umgang mit den sich anbietenden Beachboys machen. "Nach ewig langen Schnittversuchen", sagt der Regisseur heute, habe sich herausgestellt, "dass die vernetzte Fassung aller drei Geschichten gute fünfeinhalb Stunden in Anspruch nahm. Hätten wir uns auf verträglichere zweieinhalb Stunden Laufzeit heruntergearbeitet, so hätten alle Geschichten an Substanz und Inhalt verloren. Letztlich entschied ich mich dafür, die drei Geschichten einzeln zu erzählen, da die Vernetzung die Aufmerksamkeit des Zuschauers zu sehr belastet hätte." "Paradies: Liebe", "Paradies: Glaube" und "Paradies: Hoffnung" erzählen also drei lose miteinander verknüpfte Frauengeschichten, als deren Hauptschauplätze ein Luxus-Hotelkomplex in Mombasa, ein katholisch-muslimisch umfehdetes Reihenhaus am Wiener Stadtrand und ein Diätcamp für übergewichtige Teenager fungieren. Das fünfeinhalbstündige Triptychon dreht sich um Sextourismus, religiösen Fanatismus und erste Liebe – somit auch um Kolonialismus, Rassismus, Ehekrisenalltag, Kulturkampf, Autoritätssysteme und libidinöse Verstrickungen. Mit Kleinigkeiten gibt sich Ulrich Seidl nicht zufrieden. Die "Paradies"-Trilogie entsteht, wie schon Seidls "Import/Export" (2007), als österreichisch-deutsch-französische Koproduktion.

Paradies_Liebe_Ulrich_SEIDL_045079_c_SeidlFilm_ReinerRiedleSicherheitshinweise
Verwenden Sie "Paradies: Liebe" nur für die vom Regisseur vorgesehenen Zwecke: als kreativen Diskussionsbeitrag zu den finsteren Aspekten des Massentourismus und den Marktwerten weiblicher Sexualität. Halten Sie Kinder von diesem Film fern oder beaufsichtigen Sie diese, um sicherzustellen, dass sie nicht mit Bildern und Weltsichten konfrontiert werden, deren kritisches Potenzial sie nicht ermessen könnten.

Erste Schritte. In diesem Kapitel werden vorbereitende Maßnahmen und Basis-Charakteristika des Films „Paradies: Liebe“ erklärt
Für Ulrich Seidls Verhältnisse ist "Paradies: Liebe" erstaunlich locker angelegt. Im direkten Vergleich mit "Import/Export" erscheint die Inszenierung zärtlicher, sanfter, weniger heftig, weniger provokant. Überraschend unangestrengt zeichnet der Regisseur hier die wechselnden Stimmungen nach, die sich unter österreichischen Sextouristinnen abzeichnen: die Hysterie in einer von Animateuren, Urlaubsfreiheit und vulgären Phantasien befeuerten Frauengruppe im Hotel; die Frivolität im Umgang mit den ebenso geschäftstüchtigen wie charmanten Beachboys, aber auch die Ungeschicktheit der ersten erotischen Kontakte in den billigen Motels abseits der Touristenzonen – und das unauslöschliche Gefühl der Einsamkeit, das mit der Erkenntnis der ökonomischen Realität hinter der fingierten Gefühlsduselei korrespondiert. Die nonchalante Form entspricht der Anlage des Films perfekt: Der Ernst der Lage – die Armut der Afrikaner, das Überlegenheitsgefühl der Europäer, das System gedankenloser gegenseitiger Nutzbarmachung – wird hier in eine Inszenierung verpackt, in der das amüsante Blendwerk trotz allem zu seinem Recht kommt, in der sich die Lügen und Selbstbetrugsroutinen finden, die sexuell motivierte Pauschaltraumreisen dieser Art ausmachen.
Achtung: Eine Veränderung des Bildausschnitts während der Vorführung ist nicht möglich. Auch mehrfaches Abspielen besonders gelungener Szenen wird im Kino aus grundsätzlichen Erwägungen nicht zugelassen.

Erweiterte Wahrnehmungen
"Paradies: Liebe" ist ein entschieden sinnlich gestalteter Film, eine Inszenierung mit erhöhtem Sinn für Kleinigkeiten, über die andere locker hinwegsehen. Seidls Akteure sind körperlich so sehr präsent, dass man ihre Erschöpfung nachvollziehen und den Schweiß auf ihrer Haut wahrnehmen kann: Hundstage in Mombasa. Den streng materiellen Hintergrund, vor dem Teresas zwischen Scham und Exhibitionismus changierende Einlassungen stattfinden, blendet sie zunächst erfolgreich aus; aber bald muss sie sich der Verzahnung von Sex und Geschäft stellen. Sie beginnt, sanft dazu gedrängt, die verarmte Familie ihres Liebhabers zu finanzieren. "Paradies: Liebe" zeichnet einen Prozess der Desillusionierung auf.

Paradies_Liebe_c_NeueVisionenHinweis bei Verwendung über einen längeren Zeitraum
Die relative Heftigkeit des Seidl’schen Kinos lässt es ratsam erscheinen, für einen wohldosierten Umgang mit den Filmen dieses Regisseurs zu sorgen. Sorgloser Konsum dieser Arbeiten kann zu Bewusstseinstrübungen und einem Gefühl der Abgeschlagenheit und Mutlosigkeit führen.

Häufig gestellte Fragen
Darf ich angesichts der aberwitzigen Situationen, in die Seidl seine Figuren bringt, lachen, obwohl eigentlich deprimierende Dinge verhandelt werden? Selbstverständlich. Der Filmemacher bittet sogar darum; es liege ihm viel daran, Humor in seine Filme zu bringen – am liebsten in tiefschwarzer Färbung. Am besten sei es, so Seidl, "wenn die Menschen lachen können und es ihnen im nächsten Moment kalt über den Rücken läuft: Ich will Schnittstellen finden zwischen Tragödie und Komödie."

Was hat die frenetische Szene am Anfang des Films, die eine Gruppe behinderter Menschen beim Autodromfahren zeigt, mit dem Rest der Erzählung zu tun?
Auf den ersten Blick scheint sie bloß eine relevante Information zu bergen: Die Frau, die wir später als Sextouristin auf ihren Wegen durch die Slums von Mombasa begleiten, arbeitet als Behindertenbetreuerin. Aber die Szene hat mit einigen grundlegenden Aspekten zu tun, die auch den Massentourismus betreffen: Es geht um Freizeit und Hedonismus, um kurzfristige Ekstase und die institutionalisierte Gewährung "verbotener" Freuden unter der Prämisse von Unverbindlichkeit und Gefahrlosigkeit. Oft sind es eben Bilder, die bei Seidl bestimmte Erzählungen in Gang bringen; das Behinderten-Autodrom etwa ist eine Filmidee, die er seit 20 Jahren im Kopf hat.

Sind die Menschen, die in "Paradies: Liebe" auftauchen, hauptsächlich Laiendarsteller?
Zwar verdingen die drei jungen Männer, an die Teresa gerät, sich tatsächlich als Beachboys, sind also im engeren Sinn nicht Schauspieler zu nennen. Aber alle vier Darstellerinnen, die hier Sextouristinnen spielen, sind bühnen- und filmerprobte Profis, die nur durch den Mut, sich Seidls eigenwilligen Methoden anzuvertrauen, zu jener radikal naturalistischen Qualität kommen, die da unentwegt insinuiert wird, hier spielten vier Frauen sich einfach selbst. Und sogar wenn man ahnt, dass die Protagonistinnen Margarethe Tiesel und Inge Maux durchaus Berufsschauspielerinnen sind, so ist es doch verblüffend, zu erfahren, dass auch die beiden anderen Frauen (Dunja Sowinetz und Helen Brugat), die Seidl als Urlaubsbekanntschaften auftreten lässt, über ebenso langjährige Erfahrung in dieser Profession verfügen. Die Eliminierung jedes gekünstelten, "hohen" Schauspielertonfalls hat Ulrich Seidl über die Jahrzehnte perfektioniert. Das ist auch eine Frage des (von der langjährigen Seidl-Mitarbeiterin Eva Roth betreuten) perfekten Castings.

tip-Bewertung: Herausragend

Foto: Ulrich Seidl, Seidl Film / Neue Visionen Filmverleih / Porträt: Reiner Riedler 

Orte und Zeiten: "Paradies: Liebe" im Kino in Berlin

Paradies:Liebe: Österreich/Deutschland/Frankreich 2012; Regie: Ulrich Seidl; Darsteller: Margarethe Tiesel (Teresa), Peter Kazungu (Munga), Inge Maux (Inge); 121 Minuten; FSK 16; Kinostart: 3. Januar

Stefan Grissemann: "Sündenfall. Die Grenzüberschreitungen des Filmemachers Ulrich Seidl" Sonderzahl Verlag, 296 Seiten, 19,90 €

Ulrich Seidl: Paradies. Liebe Glaube Hoffnung
C/O Berlin präsentiert vom Sa 19.1. bis So 17.3. rund 60 Filmstills aus der Trilogie. Postfuhramt, Oranienburger Straße 35/36, Mitte

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 11.01.2013

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