Die Ganztagsschulen in Berlin sind nicht halb so gut, wie sie sein könnten. Findet die Initiative Volksbegehren Grundschule. Das kürzliche Scheitern ihres Referendums führt sie auf Behinderungen zurück.
Irgendein Gruppenraum in irgendeinem Grundschulhort in Berlin: Es ist mittags gegen zwei, und eine Horde fünf- bis zehnjähriger Kinder stürmt von der Kantine kommend in den Raum hinein. Zielstrebig bewegen sich Freundinnen in Kuschelecken, wo sie nach Stofftieren und Puppen greifen. Kleine Jungs versammeln sich um die Autokiste. Nur wenige Minuten – schon sind alle Kinder in ihrem Spiel versunken.
"Hausaufgaben!", ruft es plötzlich. Einige wenige der größeren Kindern rappeln sich auf und suchen nach ihren Schultaschen. Viele der Kleineren jedoch sind so vertieft, dass sie den Appell nicht vernehmen. "Was ist mit dir?", fragt die Erzieherin prüfend eine Sechsjährige. "Ich hab' nichts auf", murmelt die Kleine verträumt. Weil die Zeit drängt, belässt es die Pädagogin bei dieser Antwort. Sie muss noch weitere Kinder aus anderen Gruppenräumen zusammentrommeln. Was diese als Hausaufgaben aufhaben könnten, weiß sie nicht. In ihrem täglich halbstündigen Hausaufgabenkreis betreut sie Kinder der Klassen eins bis vier, von denen die meisten wegen des modernen, individualisierten Lernens völlig unterschiedliche Aufgaben zu erledigen haben.
"Unsere Tochter ist noch so klein, sie kann sich nicht merken, ob und was sie als Hausaufgaben aufhat", beschwert sich Wiebke Grimm*, die Mutter einer Berliner Erstklässlerin. Jeden Abend, wenn die ganztags berufstätige Frau ihre Kleine kurz vor 18 Uhr aus dem Hort abgeholt hat, geht zu Hause der Ärger los: Gemeinsam mit ihrer Tochter räumt sie den Ranzen leer und rätselt, was für den morgigen Schultag noch zu erledigen ist. Erst kürzlich war sie von der Klassenlehrerin zu einem Elterngespräch geladen worden: Die Tochter kümmere sich nicht ausreichend um die ihr gestellten Aufgaben. Spannungen statt Spielen beherrschen seitdem die äußerst knapp bemessene gemeinsame Zeit zwischen Mutter und Tochter.
Dabei hatte Wiebke Grimm, wie Tausende von anderen Berliner Eltern, ganz auf die 2004 in Berlin eingeführte Ganztagsschule gesetzt. Berufstätigkeit sollte sich besser mit Familie vereinbaren lassen. Kinder aus bildungsfernen Haushalten sollten durch ganztägige Betreuung und Förderung mehr Anregung und bessere Chancen erhalten. Und das Familienleben am Abend sollte nicht mehr durch den Stress um die Hausaufgaben belastet werden. Im Schulgesetz für das Land Berlin aus dem Jahr 2004 wurde das Aufgabenspektrum der neuen Ganztagsschulen in Paragraf 19, Absatz 2 folgendermaßen beschrieben: "Die außerunterrichtliche Förderung und Betreuung umfasst neben der Beaufsichtigung während der Mittagspause insbesondere Hausaufgabenbetreuung, Arbeitsgemeinschaften und Neigungsgruppen."
Dass dieses Gesetz in Berlin tatsächlich auch umgesetzt wird, davon könne, so Burkhard Entrup, Architekt und Vater von zwei Kindern, nicht die Rede sein. "Die Probleme mit den Hausaufgaben sind ein ganz, ganz großes Thema bei den Berliner Grundschuleltern." Burkhard Entrup weiß, wovon er redet. Schließlich gehört er nicht nur zu den Initiatoren des Volksbegehrens Kita, mit dem bis 2009 erfolgreich für mehr Personal und Bildung an Berliner Kitas gekämpft wurde. Er hat auch das am 1. Juli 2010 gestartete "Volksbegehren Grundschule" mit angeschoben. "Uns hatten im Rahmen des Volksbegehrens Kita viele Eltern darauf aufmerksam gemacht, dass sich in den Berliner Horten der Erzieher-/Gruppengröße-Schlüssel seit 2002 stark verschlechtert hatte." Statt dass ein Erzieher 16 Hortkinder betreut wie zuvor, wurde nur noch ein Erzieher bei 22 Hortkindern eingesetzt. Und das, ohne Fehlzeiten etwa durch erkrankte Pädagogen zu berücksichtigen.
Kein Wunder, dass bildungsbewusste Eltern ihre Kinder, sofern ihnen das möglich ist, nur wenige Stunden – oder, falls es sich um eine offene Ganztagsschule handelt, oft gar nicht – im Schulhort unterbringen. Statt ihre Kinder angesichts des unzureichenden Personalschlüssels tagtäglich im Hort lediglich verwahren zu lassen, haken sie mit ausgeruhten Kindern nachmittags die Hausaufgaben ab, gehen mit ihnen schwimmen, eislaufen oder schicken sie in den Chor. Freizeitbeschäftigungen, die außerhalb der Ferienbetreuungen in den meisten Horten längst gestrichen wurden. Damit sich das ändert, wurde im Rahmen des Volksbegehrens Grundschule nicht nur eine "intensive Förderung und Betreuung durch Verbesserung der Personalausstattung", sondern auch eine "verbindliche Fortbildung (der Erzieher) auf Basis des Berliner Bildungsprogramms" gefordert. Außerdem verlangte man "Mittagessen für alle Grundschulkinder" und ein "Hortangebot für alle Grundschulkinder durch Wegfall der Bedarfsprüfung". Bislang müssen Eltern von Fünft- und Sechstklässlern den Betreuungsbedarf ihrer Kinder nämlich rechtfertigen. Eigentlich erstaunlich, wo doch in Sonntagsreden von Politikern und anderen Multiplikatoren die Vorzüge von Ganztagsschulen immer wieder gebetsmühlenartig heruntergerasselt werden.
Dass das Volksbegehren Grundschule an seinem Stichtag, dem 17. November, dann dennoch erfolglos auslief, scheint umso überraschender: Statt der benötigten 172.000 Unterschriften waren nur rund 34.000 Unterschriften zusammengekommen. Was die Initiatoren allerdings lange zuvor befürchtet hatten. So war der Beginn der zweiten Phase des Volksbegehrens, so Burkhard Entrup, durch lange Amtswege im Vorfeld nicht nur ungünstig auf den Anfang der Sommerferien 2011 gefallen, eine Zeit, in der sich potenzielle Unterzeichner im Urlaub befinden. Die Landeswahlleitung hatte sich auch gegen den gewünschten Titel ("Volksbegehren für eine Verbesserung und Förderung von Grundschulkindern") gesperrt und nötigte den Initiatoren die unverständliche und sperrige Formulierung "Volksbegehren 'Grundschulkinder, leben und lernen in der Ganztagsschule, 1+ für Berlin'" auf. Behinderungen, die die Initiatoren des Volksbegehrens Grundschule nicht auf sich beruhen lassen wollen. "Wir bereiten eine Klage beim Landesverfassungsgericht vor", sagt Burkhard Entrup. Und: "Ich habe die Hoffnung, dass wir das Volksbegehren dann wiederholen können." Sollte der Plan aufgehen, ist es an nun den Berlinern, aufmerksam zu sein und tätig zu werden. Nur wenn sie verstehen, wie wichtig die Forderungen der Initiative für die Kinder und die Zukunft Berlins sind – und sie eine Unterschrift leisten –, macht Ganztagsschule in der Hauptstadt wirklich Sinn.
Text: Eva Apraku
Foto: Zekiye Eren
*Name von der Redaktion geändert
www.volksbegehren-grundschule.de
Um den Gerichtsweg, aber auch ein künftiges Volksbegehren Grundschule finanzieren zu können, braucht die Initiative dringend Spenden (an Pro Kita e.V., Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00, Kto.-Nr. 2 080 740 002, Verwendungszweck: Volksbegehren Grundschule).