Modellprojekt Campus Rütli: Update 2013

Modellprojekt Campus Rütli: Update 2013  

Nur wenige Minuten vom S-Bahnhof Köllnische Heide entfernt liegt die Kepler-Schule. Das Schild am S-Bahnhof weist den Weg zum Arbeitsamt Neukölln. Für viele der Schüler der integrierten Sekundarschule weist es auch den Weg in ihre Zukunft. In ein Leben mit Hartz IV. Ein Leben ohne Perspektiven. Die High-Deck-Siedlung, als sozialer Brennpunkt Neuköllns bekannt, gehört zum unmittelbaren Einzugsgebiet der Schule. 97 Prozent der Schüler sind von der Zuzahlung zu Lernmitteln befreit. Das heißt, ihre Familien sind von staatlichen Transferleistungen abhängig. Einen geregelten Arbeitsalltag kennen die Schüler von zu Hause nur selten. Bei vielen ist die Gewaltbereitschaft hoch. „Es gibt einen kleinen Anteil sehr lautstarker Jugendlicher, die nicht immer ganz geradlinig laufen, bei denen wir eng mit der Polizei zusammenarbeiten“, sagt Wolfgang Lüdtke, Schulleiter der Kepler-Schule. Damit ist die Schule jedoch keine Ausnahme. „Alle Nord-Neuköllner Schulen haben mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Schuldistanz ist ein großes Thema. Es gibt viele Zuzüge von Menschen aus Südosteuropa. Da gibt es große Sprachdefizite“, so Lüdtke.

Vereint gegen Bildungsarmut
Die Kepler-Schule ist das, was man gemeinhin als Problemschule bezeichnet. Schätzungsweise 100 bis 150 der knapp 800 Berliner öffentlichen Schulen fallen in diese Kategorie. Eine, die auch lange dazu gehörte, war die ehemalige Rütli-Schule, jetzt 1. Gemeinschaftsschule Neukölln. Im März 2006 schickten verzweifelte Lehrer der damaligen Hauptschule einen Brandbrief an den einstigen Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner, in dem sie desaströse Zustände beschrieben: Türen werden von Schülern eingetreten, Lehrer mit Gegenständen beworfen und Knallkörper während des Unterrichts gezündet. Die Folgen: ein ständig steigender Krankenstand der Lehrer, Unterrichtsausfälle, Angst und Überforderung. Die hilflosen Lehrer sahen sich am Ende ihrer Kräfte und baten um die Auflösung der Hauptschule.
Seitdem ist an der ehemaligen Rütli-Schule viel passiert. Ein Jahr nach dem Brandbrief bewarb sich die Schule für das Pilotprojekt Gemeinschaftsschule. Mit Erfolg: Zum Schuljahr 2008/2009 wurden die Rütli-Hauptschule, die Heinrich-Heine-Realschule und die Franz-Schubert-Grundschule unter dem neuen Namen „1. Gemeinschaftsschule Neukölln“ zusammengeschlossen. Ein aufwendiger Schulentwicklungs- und Fusionsprozess begann: längeres gemeinsames Lernen bereits ab der ersten Klasse, die Umstellung auf den gebundenen Ganztagsbetrieb.

Aber auch um die Schule herum entstand in den letzten Jahren viel Neues: 2007 entwickelte der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky gemeinsam mit der Stiftung Zukunft Berlin die Idee des Campus Rütli. Ziel des Modellprojektes ist die Bündelung verschiedener Bildungs- und Betreuungsangebote und die Schaffung eines gemeinsamen Sozialraums. Mittelpunkt ist die Gemeinschaftsschule, die seitdem mit zwei Kindertagesstätten und einem Jugendclub auf dem Campus Rütli zusammenwächst. Kinder und Jugendliche sollen hier von der Kita bis zur Oberschule gut betreut und ihre Eltern aktiv in die Entwicklungen einbezogen werden. Finanziert wird das Modellprojekt aus verschiedenen Töpfen: Vom Senat, aus dem Gemeinschaftsschulprogramm, vom Bezirk und von verschiedenen privaten Stiftungen fließen Gelder in den Campus. Schätzungsweise 30 Millionen Euro wird das Gesamtprojekt insgesamt gekostet haben, wenn es fertig ist.

Dauerhaft unter dem Limit
Von so viel finanzieller Unterstützung kann Detlef Pawollek, Schulleiter der Röntgen-Schule, nur träumen. Die integrierte Sekundarschule ist nur wenige Kilometer von der 1. Gemeinschaftsschule Neukölln entfernt und hat ebenfalls mit erschwerten Bedingungen zu kämpfen. Vom Leuchtturmprojekt Campus Rütli sei dennoch bisher nichts für die Röntgen-Schule abgefallen. „Es kommt jetzt nicht plötzlich eine Stiftung auf uns zu, die uns unterstützen möchte“, sagt Pawollek spöttisch. Er hat für seine Schule bescheidene Wünsche: „Ich würde mich schon freuen, wenn ich das Personal, das ich benötige, bekommen würde. Vor allem auch junges Lehrpersonal, das bereit ist, an eine Neuköllner Schule zu gehen.“ Der schulische Pro­blemkiez Nord-Neukölln steht bei Lehrern nicht gerade hoch im Kurs. Erschwerend hinzu kommt der eklatante Lehrermangel in Gesamtberlin. Nahezu jeder Schultyp und jede Schule suchen aktuell Lehrpersonal. Da Berliner Lehrer jedoch nicht, wie in anderen Bundesländern üblich, verbeamtet und mit entsprechenden Privilegien ausgestattet werden, verlassen vor allem viele junge Lehrer die Hauptstadt. Die Nord-Neuköllner Schulen trifft diese Entwicklung besonders hart. Nur wenige Lehrer möchten hierhin. Die besonderen Nöte von Problemschulen hat nun auch die Berliner SPD erkannt und möchte jede Brennpunktschule in Zukunft jährlich mit 100 000 Euro extra unterstützen. Mit diesem frei verfügbaren Budget könnten die Schulen dann etwa dringend benötigte Sozialarbeiter, Psychologen oder Sprachlehrer einstellen. Einer sogenannten „Brennpunktzulage“, einem zusätzlichen Gehalt für Lehrer an Problemschulen, steht Pawollek jedoch skeptisch gegenüber. „Schließlich möchte ich Lehrer einstellen, die voller Überzeugung dabei sind – und nicht nur, weil sie vielleicht 250 Euro mehr im Monat verdienen.“

Vom Problemkind zum Musterschüler
Der früheren Rütli-Schule hat die Finanzspritze offensichtlich gut getan. Das ehemalige Problemkind hat sich mittlerweile zum Musterschüler gemausert: Die Schulabbrecherquote ist hier inzwischen auf fünf Prozent gesunken. Zum Vergleich: In Neukölln verlassen durchschnittlich zwölf Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Auch das Ergebnis des 2012 überreichten Schulinspektionsberichts kann sich sehen lassen: Schulleitung und Lehrer erhielten für ihre Leistung insgesamt zehn Mal die Bestnote „A“ und viermal die Note „B“. Seit Kurzem gibt es nun auch eine gymnasiale Oberstufe. Das Engagement der Schule zahlt sich aus: Die Anmeldezahlen steigen. Betrachtet man ganz Neukölln, ist das längst keine Selbstverständlichkeit. Denn wenn es um die Bildung ihrer Kinder geht, kehren immer noch viele Eltern dem Kiez den Rücken zu. Bei den Anmeldungen für die erste Klasse im Schuljahr 2013/14 liegen dem Schulamt Neukölln über 1 200 Wechselwünsche vor. Das sind 42 Prozent der Eltern, die ihre Kinder nicht in Nord-Neukölln einschulen lassen wollen. Über 300 davon möchten dem Bezirk sogar ganz den Rücken kehren. Übrig bleiben überforderte und desinteressierte Eltern, die das Bildungssystem oftmals nicht verstehen. Gudula Raudszus-Niemann gehört zu den Ausnahmen. Sie ist als Mutter nicht nur sehr engagiert, sondern sie blieb auch in Nord-Neukölln. Ihre Tochter besucht die erste Klasse der Gemeinschaftsschule Neukölln auf dem Campus Rütli. Als es 2006 den großen Eklat um den Brandbrief gab, kam ihre Tochter gerade zur Welt. Damals dachte sie noch daran umzuziehen, sobald die Schulfrage aufkäme. Die Entwicklungen auf dem Campus Rütli bewegten sie jedoch zum Bleiben. Raudszus-Niemann: „Ich wollte meine Tochter nicht zum Versuchskaninchen machen, aber wenn man auf dem Campus ist, spürt man sofort, was für ein schöner Geist dort weht.“ Der Vorwurf, die 1. Gemeinschaftsschule würde besonders viel finanzielle Unterstützung erhalten, ärgert sie. „Natürlich bekommt die Schule aufgrund der medialen Aufmerksamkeit viel Hilfe. Es kommen Delegationen aus aller Welt und es gibt verschiedene Stiftungen, die sich engagieren. Aber vor allem gibt es sehr viele engagierte Eltern und Lehrer, die sich da echt reingehangen haben“, sagt Raudszus-Niemann.
Sie selbst engagiert sich in der Elterninitiative Reuterkiez. Aber auch wenn sie sich für ihre Tochter über die positiven Entwicklungen auf dem Campus Rütli freut, sieht Raudszus-Niemann die Gesamtentwicklung innerhalb des Bezirks kritisch. Schon jetzt melden sich mehr Schüler an der 1. Gemeinschaftsschule  Neukölln an, als es Plätze gibt, sodass die Gefahr besteht, dass schwächere Schüler hintenüber fallen und ihrem Wunsch bei der Schulwahl nicht entsprochen werden kann. Raudszus-Niemann: „Hinzu kommt, dass bildungsnähere Eltern in der Regel schneller dabei sind, sich zu kümmern. Anderen Eltern ist oft gar nicht bekannt, dass es Wahlmöglichkeiten gibt. Sie warten einfach nur auf den Bescheid, wann sie ihre Kinder wo hinbringen sollen.“

Ungeliebte Restschule
Von überforderten oder desinteressierten Eltern und Schülern kann Wolfgang Lüdtke ein Lied singen. Nur wenige Schüler nennen die Kepler-Schule als Erstwunsch. Kein Wunder. Denn während sich die einstige Rütli-Schule vor Medienaufmerksamkeit kaum retten konnte, schien es lange Zeit so, als sei die Kepler-Schule irgendwie vergessen worden. Als bei der Berliner Schulstrukturreform 2010/ 2011 jeweils eine Real- und eine Hauptschule zu einer integrierten Sekundarschule zusammengelegt wurden, war für die Kepler-Schule leider keine Realschule mehr übrig. Der Name der ehemaligen Hauptschule blieb und so gilt die Schule im Kiez auch weiterhin als Hauptschule, obwohl sie ebenfalls in eine Sekundarschule umgewandelt wurde. Die Folgen dieses Missverständnisses sind für die Schule schwerwiegend: Schüler mit schlechten Noten oder hohen Fehlzeiten werden zur Kepler-Schule geschickt. Lüdtke: „In den letzten Jahren mussten wir auch viele Schüler aus anderen Bezirken übernehmen, die eigentlich nicht hierher wollten. Das wirkt sich dann natürlich auch negativ auf die Motivation aus.“ Neidisch auf die besondere Zuwendung und Aufmerksamkeit, die die ehemalige Rütli-Schule erhält, ist Wolfgang Lüdtke trotzdem nicht. „Die Fördergelder können immer nur einmal vergeben werden“, stellt der Schulleiter nüchtern fest. Und demnächst ist auch die Kepler-Schule an der Reihe. Sie wurde als eine von zehn Berliner Schulen für ein spezielles Förderprogramm ausgewählt, das Mitte Februar 2013 startet.

Sensibilisierte Öffentlichkeit
Doch auch wenn es für die meisten umliegenden Schulen bisher noch keine zusätzliche Unterstützung gab, sieht Cordula Heckmann, Schulleiterin der 1. Gemeinschaftsschule Neukölln, auch für die anderen Neuköllner Schulen Erfolge. „Durch die stärkere Medienpräsenz wurde der Öffentlichkeit bewusst gemacht, dass Schulen mit besonderen Problemlagen auch eine besondere Unterstützung brauchen. Schließlich ist es eine ganz besondere Herausforderung, mit Jugendlichen zu arbeiten, deren Eltern nicht bildungsnah sind“, so Heckmann. „Vielleicht hat der Rütli-Brandbrief mit dazu beigetragen, eine Schulstrukturreform anzustoßen, die dazu führte, dass leistungsstärkere und leistungsschwächere Schüler länger zusammen lernen. Ein wichtiger Schritt zu mehr Chancengerechtigkeit wurde getan und die Hauptschule als Schulform, die Schüler ohne Chancen und Perspektiven sammelt, abgeschafft.“ 

Text: Sabine Käsbohrer
Illustrationen: Elke R.Steiner/steinercomix.de

 

Hilfe für Brennpunktschulen

Eigentlich höchst erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis sich diese Erkenntnis endlich durchsetzte: Schulen, deren Schüler zu einem Großteil aus sozial prekären Familien kommen und/oder deren Schüler der deutschen Sprache nur mangelhaft mächtig sind, brauchen eine besondere Unterstützung. Doch nun hat zumindest die
Berliner SPD offenbar verstanden: Sie verspricht diesen sogenannten Brennpunkt- oder Problemschulen künftig zusätzlich 100 000 Euro jährlich zur freien Verfügung, etwa für Sozialarbeiter, Psychologen oder zusätzliche Sprachlehrer. Sogar Finanzsenator Ulrich Nußbaum hat Zustimmung geäußert. Hilfen zur Erziehung, Transferleistungen wie Hartz IV oder Bildungsprojekte für nachzuholende Schul- und Berufsabschlüsse sind unterm Schnitt nämlich deutlich teurer als eine
gute Schulbildung von Anfang an.

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.03.2013

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