5. Europäischer Monat der Fotografie Berlin

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5. Europäischer Monat der Fotografie Berlin  

PhilipRizkThibault Brunet hat seine Kamera zusammen mit dem Computerspiel Grand Theft Auto erworben. Der französische Künstler fotografiert mit einem virtuellen Fotoapparat in den digitalen Welten dieses auch ästhetisch harten Gangsterspiels. Was dabei herauskommt, sind Bilder, die aussehen wie träumerische Gemälde in bezaubernden Pastelltönen. Brunets Serie "Vice City (2007–2012)" wird thematisch korrekt im Computerspielemuseum gezeigt, einem von 100 Orten, an denen der Monat der Fotografie stattfindet.

Zudem ist "Vice City" Teil des Ausstellungsprojekts "distURBANces – Can Fiction Beat Reality?" und gehört damit zu einem der Schwerpunkte des Festivals. Bei "distURBANces" geht es darum, wie die Fotografie auf die zunehmende Verschränkung der physisch erfahrbaren Nahwelten mit den digitalisierten Fernwelten in Zeiten der Globalisierung reagiert. Wobei sich in manchen Arbeiten Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden lassen, denn zumindest in der Dimension von Grand Theft Auto sind Thibault Brunets Kamera und Avatar real. Brunet ist nicht der Einzige, der sich mit solch komplexen Fragen beschäftigt. Die Künstler der Gruppenausstellung "Kairo. Offene Stadt. Neue Bilder einer andauernden Revolution" (Foto oben: Philip Rizk) setzen sich mit der Rolle von Handyfotos und -videos in der ägyptischen Revolution auseinander, darunter Kaya Behkalam, in Berlin geboren. Er lebt in Kairo. Sein Mittel ist die Videokamera. In starren Einstellungen von 10 bis 20 Sekunden, also fast mit fotografischen Mitteln, hat er das nächtliche Kairo während der Sperrstunden dokumentiert, um zu sehen, wie sich die Revolution in den Stadtkörper einschreibt.

MdF_Jahrhundertwinter_Mooney"In ´Kairo. Offene Stadt´ geht es einerseits darum, die Geschichte einer jungen Generation zu erzählen, aber andererseits auch um den medialen Gebrauch von Fotografie und darum, wie Bilder instrumentalisiert werden können, um politische Umstürze und Handlungen hervorzurufen", sagt Katia Reich. Die Kunsthistorikerin kuratiert nach dem viel zu frühen Tod ihres Vorgängers Thomas Friedrich den diesjährigen Monat der Fotografie. Sie versteht sich als "Herausgeberin von Ausstellungen" und das passt zum Format dieses Festivals. Angestoßen durch den Monat der Fotografie in Paris findet das Großereignis mittlerweile neben Berlin auch in Bratislava, Budapest, Wien, Ljubljana und Luxemburg statt. Unter der Themenvorgabe "Der Blick des Anderen" hatten sich in Berlin 150 Orte beworben, 100 wurden von einer Jury ausgewählt, zu der unter anderem Matthias Harder von der Helmut Newton Stiftung, Felix Hoffmann von C/O Berlin und Gereon Sievernich vom Martin-Gropius-Bau gehörten. Fotoschulen wie Ostkreuz und Lette-­Verein dürfen ungefiltert mitmachen, das ist Nachwuchsförderung. Und jeder der 100 ausgewählten Partner, große Institutionen wie die Berlinische Galerie ebenso wie kleine Galerien, richtet die Ausstellung an seinem eigenen Ort aus.

Katia Reich, Jahrgang 1969, war Kuratorin der Arbeitsgruppe Fotografie bei der NGBK, Projektleiterin des Deutschen Pavillons der Biennale Venedig sowie bei der Berlin Biennale. Fotografie und zeitgenössische Kunst sind ihre Arbeitsschwerpunkte. "Wir sind heute an einem Übergang, wo Bildinformationen die Textinformationen immer mehr ersetzen", sagt sie. "Ich halte es für sehr wichtig, und das kann der Monat der Fotografie leisten, dass wir Bilder sehr genau betrachten: Wer hat fotografiert, wann, mit welcher Intention? Wo ist das Bild erschienen? Wer liest es? Eigentlich müsste es schon in der Schule ein Fach Bilderkunde geben, in dem Bildkompetenz gelehrt wird." Einige der ausstellenden Fotografen arbeiten mit alten Techniken – Stephen Mooney (Foto mitte)  mit der Plattenkamera, Ono Ludwig sogar mit einer Lochkamera – als wollten sie sich von der Bilderflut des Internets absetzen. Ein anderer, Björn Siebert, inszeniert digitale Bilder, die er im Netz findet, mit realen Personen und analogen Mitteln nach. Fotografie ist in vielerlei Hinsicht Übersetzung.

Text: Stefanie Dörre

Foto: Philip Rizk (oben), Stephen Mooney

Monat der Fotografie 19.10.–25.11., Festivalzentrum, Pariser Platz 4A, Mitte, www.mdf-berlin.de, Infoline 24 74 98 88

Verlosung: 10 x 1 Freikarte für die Fotografenführung "Unterwegs mit ...Andreas Mühe" im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie am 11.11., 14–17 Uhr.  Bitte senden Sie eine E-Mail mit dem Kennwort "Monat der Fotografie" bis 7.11. an: geschenkt@tip-berlin.de

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 25.10.2012

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