Arbeiten von Sophie Holstein in der Galerie LackeFarben

Arbeiten von Sophie Holstein in der Galerie LackeFarben  

Sophie_Holstein_c_harry_schnittgerSich schon am Fronttresen eine blutige Nase zu holen, wie viele junge Künstler bei der Suche nach einer Galerie, das wollte Sophie Holstein vermeiden. Vier Jahre lang ließ die junge Malerin daher Ideen und Techniken reifen, um dann eine geeignete Galerie zu finden. Es ist Holsteins erste eigene Ausstellung mit Zeichnungen und Leinwänden in der 2008 gegründeten Galerie LackeFarben, ein Ausstellungsort, der sich fast ausschließlich der Malerei widmet und seinen Namen einem Geschäft verdankt, das in den 1930er-Jahren Farben verkaufte.Kurz vor der Ausstellung ist Holsteins schmales Atelier in einer ehemaligen Kreuzberger Fabrik­etage bis zum Bersten gefüllt. Wo früher Werkzeugteile gefertigt wurden, stapeln sich dutzende Leinwände. Die Kunstwerke sind in den letzten zwölf Monaten entstanden. Die enorme Schaffenskraft der 28-Jährigen manifestiert sich auch auf der beklecksten Malerhose oder den schnell zum Turm hochgezwirbelten dunkelblonden Haaren. Und sie redet so schnell, dass die Worte nur so aus ihrem Mund purzeln. Holstein geht an die Malerei mit einer großen Unbefangenheit heran. Beinahe schon mit einer bewussten Blindheit gegenüber diversen Tabus – sie malt in Öl. Auch dass die Malerei schon so oft totgesagt wurde, ist ihr offenbar egal. Die Figuren in ihren Bildern finden sich direkt im Bildzentrum und scheinen in der eigenen Realität wie gefangen. Ein großes Ölgemälde etwa zeigt junge Menschen in einem Wohnzimmer versammelt. Ein Mädchen mit roten Gummistiefeln hat sich von der Gruppe distanziert. Sie trägt einen Helm mit Schnabel dran, in dem eine Lampe leuchtet. Das Mädchen wirkt damit beinahe wie ein Tiefseefisch.

In ihrem Werk thematisiert Holstein unter anderem Isolation und Unglücklichsein in einem Überreichtum von gebotenen Chancen, eine Gefühlslage, die sie bei vielen in ihrer Generation beobachtet hat. Jeder kann angeblich alles erreichen, die privaten und beruflichen Wahlmöglichkeiten scheinen grenzenlos. In dieser vermeintlichen Freiheit ist alles schön bunt, doch hinter der Farbhülle lauert eine latente Depression. Wie in Arthur Schnitzlers "Reigen" (1920) will jede Figur des Bildes etwas anderes und bekommt es nicht. Holstein fürchtet sich nicht, ihre Haltung zu zeigen. Aber sie hütet sich, es zu offensichtlich zu tun. Der Titel der Einzelschau, "Ich sehe was, was du nicht siehst", ist ein Verweis auf das Suchspiel für Kinder und die Einladung, ihre Bilder auf spielerische Weise zu betrachten. Das Spielerische hat sich die Malerin aus Schleswig-Holstein bewahrt. Holsteins Eltern ermöglichten ihr und ihren drei jüngeren Brüdern eine sorgenfreie "Bullerbü-Kindheit zwischen Mähdreschern und Kühen". Die Kinder erschufen eine reiche Fantasiewelt, ein Repertoire, aus dem die Künstlerin noch heute schöpft. Kuriose Objekte sammeln sich in ihren Bildern: altes Kinderspielzeug, Masken, ein Pferdekopf.

Nach dem Abitur brach Holstein zum Kunststudium in Paris und New York auf. In Frankreich rieb sie sich am harten akademischen Alltag und schulte ihr Auge an den alten Meistern. Sie entdeckte auch deutsche Malerei für sich, etwa Paula Modersohn-Becker, Beckmann, Grosz und Dix. Während der Abschlussausstellung ihres Studiums in New York kaufte ein portugiesisches Sammlerpaar alle Arbeiten von Holstein. Trotz des Erfolgs zog sie vor vier Jahren nach Berlin, in "die Stadt, von der alle schwärmten". Sie mietete ein Atelier und beteiligte sich an ein paar Gruppenschauen. Ihre Bilder verkaufen sich.
Holstein bezeichnet ihre Malerei als intuitive Mischung aus Realität und Fantasie. Im vergangenen Jahr belegte sie einen Kurs bei dem begehrten Maler Jonas Burgert. Die Zwerge und Riesen in Burgerts Bildern erinnern an die fantastischen Geschichten aus "Gullivers Reisen". Auch Holsteins Bilder besitzen diese Art magischen Realismus. Es mag anachronistisch erscheinen, dass Holstein sich nur einem Medium zuwendet. Dass sie nicht den Hunger des Kunstmarkts stillen will, indem sie auch noch Video, Fotografie oder Installationen macht. Für Holstein aber ist eine Leinwand nur so lange flach, bis Ideen hinzukommen. "Dann verwandelt sich die Fläche noch immer in ein Fenster."

Text: Laila Niklaus

Foto: Harry Schnittger

Ich sehe was, was Du nicht siehst. Sophie Holstein Galerie LackeFarben, Brunnenstraße 170, Mitte, Mi+Do 15–19 Uhr, Fr+Sa 16–20 Uhr, 25.5.–28.7.

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 01.06.2012

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