"Between Walls and Windows" im Haus der Kulturen der Welt

"Between Walls and Windows" im Haus der Kulturen der Welt  

Between_W_c_Harry_schnittgerDer chinesische Architekt Wang Shu wird auf dem Dach des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) die beliebte Weisheit widerlegen, dass man zu Architektur nicht tanzen kann, so wie man über Musik angeblich nicht ­schreiben sollte. Denn in und auf Architektur kann man sehr wohl tanzen, und wenn es nach Pritzker-Preisträger Wang Shu geht, sollte man das auf dem Dach des HKW und in seiner Pavillon-Skulptur dort oben auch gern tun. In seiner begehbaren neuen Skulptur könnte man neben tanzen aber auch singen, sitzen oder einfach ungezwungen umherlaufen – alles vom Architekten und seiner Partnerin Lu Wenyu erwünscht.

Das Haus der Kulturen der Welt wird zur Großskulptur und öffnet sich zehn internationalen Künstlern als Reflexionsfläche über Architektur und Ideologie – von den Konferenzräumen bis zum Auditorium, vom Erdgeschoss bis zum Dach.
Wang Shus Kons­truktion "Tiles Theater" aus Holz und Tausenden alten chinesischen Dachziegeln ist dann Teil der Ausstellung "Between Walls And Windows", die sich mit Architektur und Ideologie auseinandersetzt. Kuratiert wurde die Schau, die auch ein umfangreiches Rahmenprogramm bietet, von Valerie Smith, die bis Jahresende den Bereich bildende Kunst am HKW leitet und das Haus in Teilen in seinen Ursprungszustand und in seine Ursprungsfunktion als Kongresshalle zurückversetzte. Das ganze Haus, das als ein Freiheitsversprechen vom US-Architekten Hugh Stubbins für Westberlin gebaut wurde – und das ja selbst mit seinem geschwungenen Dach eine Architekturikone der Nachkriegsmoderne ist –, soll nicht nur während der Ausstellung wie eine einladende Skulptur funktionieren. Es hat auch gleichzeitig in seiner Form, mit seiner alten Funktion als Kongresshalle und mit seinem Ikonenstatus die Künstler zu ihren Ausstellungsbeiträgen inspiriert. Zehn neue Arbeiten aus dem Bereich Installation, Montage, Film und Skulptur sind für die Ausstellung entstanden.

Between_W_2_c_Harry_SchnittgerDer weltweit gefeierte Architekt Wang Shu, der versucht, sich von den Stars seiner Zunft durch Bauten mit lokalem Bezug und alten Materialien abzugrenzen, hat für seine Arbeit "Tile Theater" Dachziegel recycelt, die bereits Teil einer Arbeit für die Architektur-Biennale 2006 in Venedig waren. Auch im Haus der Kulturen der Welt sollen diese ­"Tiles", diese Ziegel aus chinesischen Fabrik-Ruinen, eine möglichst leicht zugängliche Einladung für die Ausstellungsbesucher sein: "Es ist uns ein Anliegen, dass Menschen diese Arbeit nicht als abstraktes Werk verstehen, sondern wirklich körperlich erfahren können", sagt Wang Shu. Mit Ideologie haben Wang Shus Ziegel-Arbeiten und auch seine größeren Museumsbauten in China in so weit zu tun, als dass sie bewusst auf die Formensprache verzichten, die viele bombastische Großbauprojekte in seinem Heimatland zurzeit ausmachen. Wang Shus Bauten stehen in der Materialwahl und in den Dimensionen sogar in starkem Kontrast dazu. Statt gleißenden Glas– und Stahlfassaden wählt er neben alten Ziegeln auch Bambus und Holz. Damit orientiert er sich an einer kleinteiligen, traditionellen chinesischen Handwerkskunst, die lieber berühren als staunen machen will. Er mischt dies durchaus mit modernen Elementen wie Beton, und gilt in seinem Heimatland als einer der ersten Architekten, die sich mit Themen wie Nachhaltigkeit beschäftigen. Und als der Architekt, der die Opfer der Modernisierung in seinem Land durch alte, nicht mehr gebrauchte Ziegel darstellen kann.

Ein unideologischer Architekt also, der in einem ideologischen Umfeld arbeitet? "Eigentlich gibt es ja kaum unideologische Architektur", sagt sein deutscher Kollege Arno Brandlhuber, Mitgründer der Akademie c/o. "Es geht letztlich immer um eine Deutungsebene, eine Intention oder um eine Demonstration." Brandlhuber, ebenfalls mehrfacher Biennale-Teilnehmer, ist mit zwei Arbeiten an der Ausstellung im HKW beteiligt. Zum einen stellt er zusammen mit Tobias Hönig und Christian Posthofen die Weltkulturerbe-Initiative "Doppeltes Berlin" vor (siehe Link), die das ideologische Wettrüsten der Architektur in beiden Teilen der ehemals getrennten Stadt thematisiert. Die drei suchen noch weitere Mitstreiter für ihren Versuch, Bauten wie der Kongresshalle West eine Entsprechung wie die Kongresshalle Ost zuzuordnen – denn weltweit einmalig gibt es in Berlin prestigeträchtige Staats–, Wohn– und Kulturbauten wie Volksbühnen und Universitäten gleich zweimal, ebenso wie ganze Stadtzentren und Großsiedlungen. Das zweite Projekt von Arno Brandlhuber in der Ausstellung "Between Walls And Windows" ist auf eine ganz andere Art ideologisch aufgeladen. Er hatte die charmante Idee, den Kassencounter im Eingang des Hauses durch eine Orchideen-Installation zu ersetzen. Und zwar durch Orchideen, die nach Politikern, Diktatoren und Würdenträgern benannt sind.

Between_W__3_c_Harry_SchnittgerBeispiel Kim Il-Sung: Seine Orchidee, die "Kimilsungia", ist mittlerweile die Nationalblume Nordkoreas und wird ähnlich angebetet wie der Führer selbst. "Die Blume hat quasi eine Stellvertreter-Funktion übernommen", erklärt Arno Brandlhuber. Zu der Kimilsungia gesellen sich weitere illustre, wenn auch vielleicht weniger angebetete Orchideen wie die "Brassolaeliocattleya Margaret Thatcher" oder die "Dendrobium Angela Merkel". Alle zusammen bilden sie Brandlhubers "Garten der Ideologien". Dass der überhaupt dort stehen kann, hat wiederum mit dem Gesamtkonzept der Kuratorin Valerie Smith zu tun, weite Teile des Hauses in den ursprünglichen Zustand einer Kongresshalle zurückversetzen zu wollen. Dafür musste das nachträglich dort eingebaute Kassenhäuschen weichen, um die originale, großzügige Eingangssituation wiederherzustellen. An die Vergangenheit des Hauses als Kongresshalle erinnert auch die Installation "You can say anything you want as long as you want" von Iñigo Manglano-Ovalle. Der spanische Künstler hat dafür inmitten des Auditoriums ein Mikrofon aufgebaut. Allerdings wird das dort Hineingesprochene nicht verstärkt zurück ins Auditorium geworfen, sondern lautlos als Text auf einer Internetseite angezeigt. Und erst dort, ungefiltert und unsortiert, kann es vom Publikum rezipiert werden. Zugang zu diesem Mikrofon als Symbol der Rede– und Meinungsfreiheit hat jeder. Ebenso wie zum ganzen Haus, das für einen Monat bei freiem Eintritt aus allen vier Himmelsrichtungen zugänglich sein wird. Und natürlich zum Dach, wo Wang Shus Pavillon-Skulptur über der gesamten Ausstellung schwebt und von dort zur Reflexion über Vergangenheit und Zukunft der Architektur einlädt.

Text: Iris Braun

Foto: Harry Schnittger

"Between Walls and Windows" – Architektur und Ideologie Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Eröffnung 1.9., 16 Uhr, 2.9.–30.9, tgl. 10–19 Uhr, Eintritt frei, www.hkw.de

Kongress Initiative Weltkulturerbe "Doppeltes Berlin" HKW Auditorium, 1.9., 11–16 Uhr, www.doppeltes-berlin.de (ab 1.9)

Verlosung 5 x 2 Ausstellungsguides: Bitte senden Sie bis 3.9. eine Mail an geschenkt@tip-berlin.de, Kennwort: Walls And Windows

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 12.09.2012

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