Valeska Gert im Hamburger Bahnhof

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Valeska Gert im Hamburger Bahnhof  

Valeska GertValeska Gert konnte in einer Performance Amme und Kind verkörpern, rasant zwischen beiden Figuren wechselnd. Das war eine Besonderheit ihrer Kunst: als Solistin allein eine polyphone Szene zu entwerfen, den Reiter und das Pferd. Fotografien und einige wenige Filme aus den 1920er- und 1930er- Jahren zeugen davon, als sie zu Berühmtheit gelangte, eigenwilliger noch als andere Künstler der experimentellen Tanzszene. Rückblickend scheint es, dass sie zwar teilnahm an der expressionistischen Überspitzung des Ausdrucks, am dadaistischen Bezug auf den realen Alltag und der Lust am Exotischen, aber – und das macht sie so einmalig – oft einen Schritt darüber hinaus ging und die Moden der Zeit kritisch hinterfragte. Das alles aber mit so flüchtigen Mitteln, dass ihr Werk nur mühsam zu rekonstruieren ist; zumal die Nationalsozialisten für eine nachhaltige Zerstörung solcher Ansätze sorgten.
Im Frühjahr 2009 warf Wolfgang Müller eine Handvoll Braugerste aufs Ehrengrab von Valeska Gert (1892–1978) in Ruhleben. Er wollte damit einen Wunsch der Künstlerin erfüllen: „Ich möchte in einem Kornfeld begraben sein/dann fließt mein Fleisch in Korn hinein/dann werd ich Brot/bin nicht mehr tot.“ Doch Friedhofsgärtner entfernten die Halme als Unkraut.
Müller hat sich für Gert begeistert, seit er sie mit 18 Jahren in einer Talkshow sah, und jetzt ein Buch über sie geschrieben. Es beginnt damit, dass er sie als Leitstern auf seinem Weg zur „Tödlichen Doris“, zu den „Genialen Dilletanten“ und der Westberliner Sub- und Punkszene beschreibt. Findet er doch in ihrer Biografie und ihren Konzepten Motive der eigenen Kunst. Zudem hat Müller mit An Paenhuysen eine Ausstellung zu Valeska Gert kuratiert. Ihren Arbeiten werden Werke etwa von Marcel Duchamp oder Valie Export gegenübergestellt, um die vielen Anknüpfungspunkte zwischen ihr, der zeitgenössischen Performance und weiteren Künsten auszuleuchten. Damit endlich nicht mehr nur die Tanzszene weiß, dass sie mehr war als eine Tänzerin.  


Text: Katrin Bettina Müller

Foto: Wolfgang Müller


Pause. Valeska Gert: Bewegte Fragmente


Hamburger Bahnhof, 17.9.–6.2.2011
Am 16.9., 
20 Uhr, stellt Wolfgang Müller dort sein Buch 
„Valeska Gert. Ästhetik der Präsenzen“ vor

 

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 27.09.2010

tip Ausgabe 13/2016

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