"Die Irren sind los ..." in der Akademie der Künste

"Die Irren sind los ..." in der Akademie der Künste  

philippe_francoiseEigentlich sollte das erste Fluxusfestival 1962 in Wiesbaden ja eine Promotion für die von George Maciunas geplante Zeitschrift namens "Fluxus" sein. Doch daraus wurde nichts. Stattdessen gründeten die beteiligten Künstler, darunter Nam Jun Paik, Ben Vautier, Wolf Vostell, die Fluxus-Bewegung.

Fluxus, das ist am Anfang vor allem Performance, das sind "Konzerte", die sich ästhetisch und inhaltlich direkt an John Cage anschließen (viele der Fluxus-Künstler besuchten Seminare bei Cage in New York). Sie gehen mit ihm den Weg der Befreiung aus dem polyphonen Harmoniegebäude und der Zwölftonmusik, nicht ohne seine theoretischen Grundlagen mitunter heftig infrage zu stellen und den Begriff der „Musik“ auf das Gebiet der bildenden Kunst auszuweiten. Gleichzeitig ist Fluxus ein Angriff auf das bürgerliche Kunstverständnis und auf die Fixierung auf ein objekthaftes Werk. Natürlich ist das paradox – richtet sich der Angriff gegen das bürgerliche Verständnis von Kunst doch gerade an das bürgerliche Publikum als Kunst rezipierende soziale Gruppe. Zudem übernimmt man im Großen und Ganzen die klassische Aufteilung zwischen Aufführenden (durchaus im Frack) hier und Publikum da. Auch wenn in manchen der Performance-Kompositionen oder Scores, wie man das auch nennt, das Publikum mit einbezogen wird, bleibt dies eher die Ausnahme.

Der Angriff, der da in Wiesbaden gestartet wird, ist aber trotz der – durchaus notwendigen – Inkonsistenz der Ansätze ein voller Erfolg. Das Publikum amüsiert sich, und die Presse überschlägt sich in reißerischen Überschriften und Rezensionen gegen die jungen Künstler, die auf der Bühne mit Eiern und Butter hantieren oder einen Flügel zersägen. So etwas hatte man noch nicht gesehen, ein Zuschauer ritzt in eines der Plakate, die das Festival in Wiesbaden als "Festspiele Neuester Musik" ankündigen, ein griffiges "Die Irren sind los". Die Aufregung, ja der Angriff auf Seh- und Hörgewohnheiten, ist heute kaum mehr nachvollziehbar. Auf der Bühne explodierende Kohlköpfe regen zwar immer noch zum Schmunzeln an, wären aber wohl kaum ein Anlass für eine Skandalisierung. Fluxus, so kann man das sehen, ist heute ein Stück weit überall. Insbesondere der Ansatz, eine alltägliche Handlung "aufzuführen", reicht heute weit hinein in die Popkultur, in Fernsehsketche (einfach mal wieder Monty Python gucken), Spielshows und die Konstruktion von Filmkomödien. Doch trotz der Gewöhnung an die Angriffe auf unser Wahrnehmungssystem, das den meisten Fluxus-Performances und -Events den Stachel genommen hat, birgt gerade der Ansatz der Verwandlung von alltäglichen Handlungen in Kunst auch heute noch eine originäre Kraft. Die Bewusstwerdung, die das Miterleben einer aufgeführten Handlung für das eigene Handeln und die Wahrnehmung dieses Handelns haben kann, ist ungebrochen. Nach einer Aufführung von "Salad Making" nach dem Score von Alison Knowles wird man zumindest das Anrichten des nächsten Salats immer auch als eine Performance (mit oder ohne Publikum) verstehen und so die Erfahrung von kreativer Handlung mit in den eigenen Alltag überführen.

Kein Wunder also, dass Fluxus einen immensen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst hat und von so unterschiedlichen Künstlern wie Ai Wei Wei und Gerhard Richter als eine der Inspirationen für ihre eigenen Arbeiten genannt wird. Andere einflussreiche Künstler wie Yoko Ono und Joseph Beuys, der beim Festum Fluxorum. Fluxus 1963 in Düsseldorf zum ersten Mal Performances als Teil seiner Arbeit aufführte, waren kurzzeitig selbst Teil der Fluxus-Bewegung. Vor allem aber hat Fluxus die Arbeit mit dem Performativen in der Kunst beflügelt, das heute selbst in eigentlich fremden Bereichen wie Bildhauerei und Malerei einen wichtigen Platz einnimmt. Zum Teil geht auch der Primat der "Idee" vor dem des Werkes und der herstellenden Autorenschaft auf Fluxus zurück. Ins Surreale übersteigert findet sich das in der Arbeit von Ben Vautier, der kurzerhand die Signatur zum einzig gültigen Kennzeichen von Kunst, ja zum Kunstwerk selbst erhebt.

philippe_francoiseWie jedes Jubiläum zieht auch 50 Jahre Fluxus eine neue Auseinandersetzung mit den beteiligten Künstlern und eigene Ausstellungen nach sich. In gewisser Weise ist es wohl das „tragische“ Schicksal von Avantgarde-Bewegungen, die sich ja immer gegen das bürgerliche, konventionelle Kunstverständnis und damit gegen die institutionalisierte Kunst, insbesondere das Museum, wenden, dass sie am Ende genau da landen, oder dass sich gar eigene Museen exklusiv mit ihrer Arbeit beschäftigen. Fluxus ergeht es da nicht anders, auch wenn sich gerade die durch Aufführungen geprägte Anfangszeit kaum ins Museum holen lässt. Damals sind die Performances ohne die heute üblichen, konsequent geplanten Dokumentationen abgelaufen, uns sie lassen sich durch ihren ephemeren Charakter sowieso nur schwer "ausstellen". Meist greifen Museen und Ausstellungsmacher in diesem Fall zu Stellwänden mit Fotos und jeder Menge Text, eine alles andere als sinnlich anregende Erfahrung, die dem Charakter der Performance als fließendem Geschehen im Raum geradezu entgegengesetzt ist.

Die Ausstellung "Die Irren sind los" in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, die sich ganz auf die frühen Fluxus-Ereignisse in Europa (insbesondere die Festivals) konzentriert, verlegt sich daher auf eine innovative Art der Ausstellungsarchitektur und stützt sich auf eine Datenbank. An wie auf einem Zeitstrahl an Fäden aufgehängte und miteinander verwobene Täfelchen werden je ein Foto und den Namen der Performance auf Vorder- und Rückseite tragen. Dazu kann man auf iPads, die zum Besuch der Ausstellung ausgeliehen werden können, in der Datenbank nähere Informationen zu Festival, Künstler, Score und Performance aufrufen. In einem zweiten Raum soll den Besuchern zudem durch ausliegende Scores ermöglicht werden, selbst Performances aufzuführen und so zum "Fluxisten" zu werden. Das in Potsdam auf dem Waschhaus-Gelände gelegene Fuxus-Museum bietet demgegenüber einen guten Einblick in die künstlerische Entwicklung von Fluxus, beginnend mit Plakaten der Fluxus-Festivals bis hin zu intermedialen Objekten der bekannteren Fluxus-Künstler. Ein Fokus liegt dabei auf den Arbeiten des 1998 verstorbenen Wolf Vostell, der lange in Berlin lebte und – noch ein Jubiläum – dieses Jahr 80 geworden wäre. Unter den Exponaten befindet sich auch sein Entwurf für die Gestaltung des Potsdamer Platzes: die Skulptur einer sicher hundert Meter hohen Schraube auf freiem Feld. Er konnte sich (manche sagen leider) nicht durchsetzen. Bleibt am Ende nur zu sagen: "Herzlichen Glückwunsch zum Fünfzigsten, Fluxus", und selber einen kleinen Score zu verfassen:
1. Halten Sie den aufgeklappten tip mit beiden Armen vor sich in die Luft.
2. Hüpfen Sie fünf Mal auf und ab und wedeln dabei wild mit der aufgeklappten Zeitschrift.
3. Schleudern Sie den tip mit einem fröhlichen 50-Jahre-Fluxus-Geburtstagsschrei hoch in die Luft.

Text: Philipp Koch

Foto: Philippe Francois

"Die Irren sind los ..." Fluxus-Ereignisse in Europa 1962–1977 Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, Di–So 11–20 Uhr, 13.7.–12.8.

Museum Fluxus+ Schiffbauergasse 4f, Potsdam, Mi–So 13–18 Uhr

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 17.07.2012

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