Direktorenhaus

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Direktorenhaus  

DirektorenhausAnsprechen kann man sie nicht, die Vorzimmerdamen und Direktoren. Sie tippen unermüdlich auf ihren uralten Adler-Schreibmaschinen oder laufen mit gewichtiger Miene im imposanten Treppenhaus auf und ab. Ein bisschen gespenstig ist das schon, wenn man im Mai 2010 zu einer Ausstellungseröffnung geht und im Jahr 1935 landet. Doch das Direktorenhaus, wo einst der Chef der Reichsmünze saß, wurde in der Zeit erbaut. Und weil die neuen Hausherren in Gesamtkunstwerken denken, haben sie ihren Start und den des Gebäudes mit einer riesigen Inszenierung gefeiert, die trotz des historisch prekären Jahres toll war und bei der die beiden Zeitachsen dank einer großen Torte und einer Rede, die alle Rätsel auflöste, irgendwann zueinanderfanden.
„Wir haben keine Lust auf einen aseptischen White Cube, sondern wollen atmosphärische Räume und Inszenierungen schaffen, die die Besucher mit einschließen“, sagt Katja Kleiss. Das Direktorenhaus ist ihr Projekt, gemeinsam mit Pascal Johanssen. Die beiden Mittdreißiger haben 1996 mit einer Galerie angefangen und schon kurz darauf die „Illustrative“ gegründet, ein Festival, das sich inzwischen zum größten Forum für zeitgenössische Illustration und Grafik weltweit entwickelt hat, das neben Berlin auch in Zürich und Paris stattfindet und jährlich 30 000 Besucher hat. Außer in diesem Jahr. „Wir setzen in diesem Herbst aus, weil wir mit dem Direktorenhaus so viel zu tun haben“, erklärt 
Pascal Johanssen.
Das Haus ist tatsächlich riesig. Zur Eröffnung war die erste Etage saniert, und die reichte völlig aus für eine große Ausstellung mit freien Arbeiten des in Berlin lebenden, aber international gebuchten Illustrators Olaf Hajek und für die vielen Besucher. Vier Stockwerke sind es, Etage für Etage wollen sie sich vorarbeiten, mit sehr viel Eigenleistung, Sachspenden, Sponsoren und der Hilfe von befreundeten Künstlern. Träger ist der gemeinnützige Verein Illustrative e.V. Über den Zustand des Gebäudes, das Johanssen im letzten Winter durch Zufall entdeckte, sagt er, sie hätten es nach 17 Jahren Leerstand vor dem Verfall gerettet.
Miss MarpleEine Riesenaufgabe, für ein noch größeres Ziel: „Wir wollen hier ein Haus für aktuelles Design machen und das Beste zeigen, was es weltweit gibt“, erklärt Johanssen. Mit dieser Vision haben sie das Haus, das in zweiter Reihe versteckt, aber extrem zentral zwischen Rotem Rathaus und Historischem Hafen liegt, vom Land Berlin überlassen bekommen. Gegen Sanierung und kulturelle Bespielung, das ist der Deal. Und temporär. Das Gebäude in Superlage soll verkauft werden. Wann und an wen wissen sie nicht. Aber sie hoffen natürlich, möglichst lange in ihrem Direktorenhaus bleiben zu können.
„Wir sehen das hier als eine Mischung aus Thinktank und Pecha Kucha“, sagt Katja Kleiss. Sie und Pascal Johanssen wirken etwas abgekämpft. Sie sind mit dem Nachtzug aus dem Allgäu gekommen. Und Schlaf findet man in einem Liegewagen, der auch nicht Schlafwagen heißt, eben nur schwer. Sie haben die Allgäuer Werkstätten besucht, wo vielleicht bald Sofas entstehen, wie die schöne Mischung aus Holzkiste, smartiebunten Seitenstreben und klassisch-grauen Stoffkissen, auf denen sie sitzen. „Wir wollen solche Prototypen von jungen Designern in kleinen Auflagen und zu erschwinglichen Preisen auf den Markt bringen“, sagt Kleiss.
NenciniDoch das ist nur ein kleiner Baustein im großen Ganzen. „In den letzten Jahren brechen die fest geglaubten Definitionen von freier Kunst, angewandter Kunst und Design in sich zusammen, weil es immer mehr Leute gibt, die an den Rändern dieser Bereiche arbeiten: Künstler gestalten Möbel, Illustratoren machen Kunst.“ Aus Pascal Johanssen sprudelt es trotz der Nacht ohne Schlaf nur so heraus. Neocraft heißt das in Ländern wie Kanada und Großbritannien, wo die Grenzen weniger eng gesteckt und die Debatten viel weiter sind. Ihr Haus für die Design-Avantgarde soll der Ort in Deutschland sein, der endlich diese Leerstelle füllt.
Die beiden haben eine Mission. Sonst würde sie nicht ein so großes Gebäude auf eigenes Risiko sanieren. Eintritt frei. „Es geht auch um alternative Lebensentwürfe und zu sagen: Überprüft mal wieder eure sinnliche Wahrnehmung. Das hat mit Formen und Farben zu tun, mit Ästhetik, Gerüchen und der Wertschätzung von Gestaltung jenseits der Massenproduktion“, so Johanssen. Sie stellen sich in die Tradition von Werkbund, Bauhaus und der Arts-and-Crafts-Bewegung.  
Johannsen&KleissWie das aussehen kann, zeigt ihr Direktorenhaus. Hier soll man staunen, entdecken und nachdenken können. An den Wänden hängen Bilder von Frauen, aus deren Haarpracht ganze Urwälder samt Tieren entspringen, der phantastische Realismus Olaf Hajeks. In bunten Glasobjekten bricht sich das Licht. Ein Teil der Tapete ähnelt einer Vogelmenagerie. An der Flurecke sieht’s aus wie in einem Baumhaus für Waldorfschüler. Und im unteren Treppenhaus riecht es immer noch nach DDR.
Für die nächste Ausstellung haben Kleiss und Johanssen zwei Künstler-Designer eingeladen, die sich in ihren Arbeiten mit dem Direktorenhaus auseinandersetzten, dessen zweite Etage mit der Schau eröffnet wird. Elisa Strozyk, 1982 in Berlin geboren und hier sowie in London zur Textildesignerin ausgebildet, denkt momentan nicht daran, Decken, Teppiche und Lampen aus Stoff zu machen. Sie nimmt lieber kleine Holzstücke und baut daraus frappierende Faltenwürfe. „Elisa ist aus meiner Sicht die interessanteste Berliner Designerin“, sagt Katja Kleiss. Mit der Meinung steht sie nicht alleine. Strozyk hat gerade den Deutschen Designpreis in der Kategorie „Newcomer“ erhalten. Dazu kommt mit Peter Nencini aus London einer der führenden Intellektuellen der Designkunst ins Direktorenhaus. Er sägt gerade minimalistische Ornamente aus DDR-Furnieren, die er in der zweiten Etage gefunden hat.
Und für den November haben Kleiss und Johanssen sich dann eine Mischung aus Klassiker und Hightech vorgenommen: Sie werden die belgische Comic-Ikone François Schuiten und die Technologie Digital Ink, ein Blatt Papier mit einer animierten Schuiten-Zeichnung, vorstellen. Beides erstmalig in Deutschland.   

Text: Stefanie Dörre

Fotos: Sebastian Gabsch, SebastianNeeb, André C. Hercher


Direktorenhaus


Am Krögel 2, Mitte, Mo-Sa 11-19 Uhr, 
www.direktorenhaus.com
Ausstellung „By, With and Of“ mit Arbeiten von Elisa Strozyk und Peter Nencini 23.9.-9.11.; Performance-Party-Reihe „Ja Ja Ja Ne Ne Ne“, freitags 20 Uhr, bis 30.10.

 

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 30.09.2010

tip Ausgabe 13/2016

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