"Gerhard Richter: Panorama" in der Neuen Nationalgalerie

"Gerhard Richter: Panorama" in der Neuen Nationalgalerie  

gerhard_richter_bettyEilig streift der lebensgroße Tiger durch den Dschungel. Er ist fast zur Unkenntlichkeit verwischt, genau wie der ebenfalls Mitte der 60er-Jahre entstandene "Ferrari". Diese von Fotos abgemalten Bilder in Schwarz-Weiß werden zum Markenzeichen von Gerhard Richter. Schriftreste verweisen auf die Herkunft der Vorlagen, etwa Zeitungen. Doch zur gleichen Zeit greift Richter auch zu Farben, wenn er etwa triviale Urlaubsbilder abmalt, wie den Ramses-Tempel oder Menschen aus dem Stamm der Nubier, die schon Leni Riefenstahl gefesselt hatten. Doch wo die naziaffine Fotografin von der Schönheit der Körper fasziniert war, ist die Intention Richters nicht so klar. Bis heute greift er immer wieder auf Fotos seiner Familie zurück. Längst sind seine Tochter – die Abbildung oben zeigt sein 1977 entstandenes Gemälde "Betty" – wie seine jetzige Frau Sabine Moritz als "Lesende" zu Ikonen der Gegenwartsmalerei avanciert. "Ich finde manche Amateurfotos besser als den besten Cézanne", bekennt der Maler freimütig – und entthront damit leichthin den viel beschworenen "Vater der Moderne".

Dabei ringt der Kölner seit 50 Jahren mit ähnlichen Problemen wie sein französischer Kollege: Beiden geht es nicht um narratives Nacherzählen auf der Leinwand, sondern um die Frage, wie Realität mit malerischen Mitteln hergestellt werden kann. Richter ist der festen Überzeugung, "dass man Wirklichkeit gar nicht darstellen kann". Sogar das permanente Scheitern hat er mit Cézanne gemein, wenn er im Gespräch mit Tate-Direktor Nicholas Serota seine Malerei definiert als "Balanceakt, um die richtige Form zu finden, ein ständiger Kampf gegen die Möglichkeit des Scheiterns". Wichtiger als die "eigene Handschrift" ist ihm das Was der Auswahl: "Das so genannte Handwerkliche, das ist ja eine Selbstverständlichkeit, und als bloße Virtuosität hat sie gar nichts mit Kunst zu tun." Dies verblüfft nun wieder diejenigen, die jüngst Corinna Belz’ Richter-Porträt im Kino sahen, zeigt es doch einen sehr bedächtig mit dem sukzessiven Bildaufbau beschäftigten Maler. Bereits das Anrühren und Mischen der Farben hat für ihn "etwas Rituelles". Beinahe Zen-buddhistisch setzt er die Rakel an und zieht Farbschlieren so über die Leinwand, dass immer wieder neue Strukturen entstehen. "Meine Bilder sind klüger als ich", sagt der Künstler in einem anderen, 1992 gedrehten Film.

Richter wurde am 9. Februar 1932 in Dresden geboren, floh 1961 aus der DDR, studierte weiter an der Kunstakademie Düsseldorf und lebte ab 1983 in Köln, also dort, wo damals Deutschlands Kunstzentrum war. Misst man den Wert von Kunst an den Preisen eines komplett überhitzten Marktes, dann ist Gerhard Richter unbestritten der höchst dotierte deutsche Maler der Gegenwart: Seine im Oktober 2011 versteigerte "Kerze" erhielt bei 11,98 Millionen Euro den Zuschlag. Das schien selbst dem Künstler, der laut "Manager-Magazin" zu den 500 reichsten Deutschen zählt, verstiegen: "Das ist genauso absurd wie die Bankenkrise – unverständlich, albern, unangenehm." Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann und Kuratorin Dorothee Brill attestieren ihm, "einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit" zu sein. Mit ihrer Übersichtsschau "Panorama" vermessen sie das Terrain von Richters Schaffen seit dessen Übersiedlung in den Westen, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag. Es ist keine originale Übernahme der Schau, die diesen Winter in der Tate Modern zu sehen war. Jedes Museum verlange nach einer eigenen Konzeption. Und so wird der Besucher nun mit der Arbeit "4900 Farben" konfrontiert, die sich 200 Meter lang um die Neue Nationalgalerie reiht: Erstmals hat Richter die Version I seiner abstrakten aleatorischen Arbeit aus Tausenden bunten Tafeln realisiert. Das Werk erinnert an sein aus 11?263 Glasquadraten zusammengewürfeltes Fenster, das der "Atheist mit Hang zum Katholizismus" vor fünf Jahren dem Kölner Dom schenkte. Er bekam nicht nur Dank. So entblödete sich Kardinal Meisner nicht, die Arbeit als "entartet" zu diffamieren, die "besser in eine Moschee passt".

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von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 02.03.2012

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