Johannes Odenthal über die Ausstellung "Nothing to declare?"

Johannes Odenthal über die Ausstellung "Nothing to declare?"  

Johannes_Odenthal_c_ANAISHerr Odenthal, nicht nur die Kunstwelt, sondern auch die Weltkarte der Kunst hat sich nach 1989 extrem verändert. Warum?
Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts haben sich Europa und die USA als die Zentren der Kunstwelt verstanden. Die Moderne verbreitete sich von dort aus in die Welt. Heute haben wir Kunstzentren überall auf der Welt. Ein Auslöser dafür ist der Postkolonialismus. Mit der Emanzipation von der politischen und kulturellen Bevormundung Europas entstand auch eine parallele Kunstproduktion. Zweitens wirkten Imperialismus und Kolonisierung durch eine Welle der Migration auf Europa zurück. Kulturelle Identitäten lösten sich auf. Außerdem sind neue, wirtschaftliche Machtzentren in den Ländern der damaligen Dritten Welt entstanden, was die Kunstszenen beflügelte.

Inwiefern beeinflusst dieser geopolitische Wandel die Kunst inhaltlich?
Durch diesen Emanzipationsprozess hat sich die zeitgenössische Kunst immens politisiert. Viele Künstler setzen sich heute mit der westlichen Moderne kritisch auseinander. Dabei entstehen neue Repräsentationsformen der Kunst, die soziale Konflikte und kulturelle Unterschiede in den Mittelpunkt rücken – gesellschaftskritische Kunst statt Marktmalerei.

Zum Beispiel?
Halil Altindere aus der Türkei etwa schuf die Fotoarbeit "My Mother likes Fluxus, because Fluxus is Anti-Art" (1998). Die Aufnahme zeigt die kurdische Mutter des Künstlers, wie sie in ihrem ostanatolischen Dorf den Fluxus-Katalog von René Block liest, der zur Istanbul-Biennale erschien. Die Arbeit steht symbolisch für die Gratwanderung nicht nur der türkischen Kunst zwischen Tradition und Moderne. Oder nehmen Sie den acht Meter messenden Foto-Fries von Nusra Latif Qureshi an, in dem sie Gesichter aus der indischen Miniaturmalerei überblendet mit ihrem eigenen und Por­träts der italienischen Renaissance. In beiden Werken geht es da­rum, die starken kulturellen Traditionen in ihrer abrupten Konfrontation mit einer globalisierten Gegenwart als produktives Konfliktfeld zu begreifen.  

Nach welchen Kriterien haben Sie die Werke  für die Ausstellung ausgewählt?
Wir konzentrieren uns auf Werke, die die beschriebenen kulturpolitischen Veränderungen reflektieren. Die Ausstellung ist Ergebnis eines fünfjährigen Forschungsprojektes von Kunstwissenschaftlern um Hans Belting und Andrea Buddensieg. Sie zeigte ursprünglich im Karlsruher ZKM unter dem Titel "The Global Contemporary" über 100 künstlerische Positionen, kuratiert von Andrea Buddensieg und Peter Weibel. Für uns in Berlin ging es nicht darum, das ganze Spektrum aufzufächern. Wir betonen den dokumentarischen Aspekt zu den Veränderungen in der Kunstwelt. So haben wir 16 ästhetische Beiträge ausgewählt: Fotos, Installationen, Filme, die den weltweiten Paradigmenwechsel veranschaulichen – von der Auflösung einer universalen Moderne hin zu einer komplexen Vielfalt individueller Positionen.  

Nothing_to_declareDer Ausstellungstitel stellt eine rhetorische Frage – "Nothing to declare?" 
Das ist provozierend gemeint, weil durch die Globalisierung von Kunstmärkten und durch die rund 100 Biennalen, die es heute gibt, der Eindruck entstanden ist, Kunstwerke wären unabhängig von ihrem regionalen Kontext überall verständlich. Tatsächlich aber transportieren doch gerade diese künstlerischen Positionen von auswärts kritische Gedanken über die Grenzen hinweg. Diese Werke sind nicht nur auf einer ästhetischen Ebene zu lesen. Insgesamt ist das kritische Bewusstsein gewachsen. Künstler lassen sich nicht mehr vereinnahmen. Der Titel unserer Schau spielt auf das Verzollen von Inhalten und Werten an. Wobei die Frage ist, ob wir von den gleichen Wertsystemen reden? Die Künstler stellen die konventionellen Wertsysteme jedenfalls infrage.    

Warum hat die Wende 1989 den Aufschwung Berlins zum Kunstzentrum so anhaltend beflügelt?
Das Jahr des Mauerfalls war eine radikale politische Veränderung. Berlin mutierte von der Frontstadt des Kalten Krieges zu einer globalen Metropole. In Paris zeigte Jean-Hubert Martin 1989 die Ausstellung "Die Zauberer der Erde". Es war das erste Mal, dass zeitgenössische Kunst aus dem Westen und traditionelle Objekte aus Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika gemeinsam auf gleicher Ebene präsentiert wurden. Heute können wir nicht mehr zwischen moderner Kunst, „Westkunst“ und Weltkunst unterscheiden. Künstler aus China oder Lateinamerika stehen gleichberechtigt neben europäischen. Die Hierarchien lösen sich zunehmend auf und mit ihnen die Begriffe. So wurde der Begriff Weltkunst von dem der Global Art abgelöst.

Wir hatten eigentlich wissen wollen, was Berlin so interessant macht, oder gibt es Anzeichen dafür, dass die Karawane weiterzieht und Berlin als Global Art Village seinen Marken-Status verlieren könnte?
Berlins Chance war, dass die Stadt viel Freiraum für Veränderung bot, Ateliers und Wohnmöglichkeiten, und so selbst zu einem Symbol der Globalisierung werden konnte. Ich glaube nicht an eine Karawanenbewegung. Würden Ai Weiwei, Douglas Gordon oder Olafur Eliasson hier in große Atelier-Häuser investieren, um morgen weiterzuziehen? Wir haben, wie gesagt, Dutzende von Zentren parallel über den Erdball verteilt. Berlin, Beijing, Istanbul usw. Sie befruchten sich alle gegenseitig.  

Im zentralen Raum der Ausstellung steht eine Medieninstallation.
Die Daten, die in den Jahren des Forschungsprojekts gesammelt wurden, hat das ZKM in eine 360-Grad-Medieninstallation eingespeist. In diesem Panorama kann man im Verlauf von 30 Minuten den Prozess der Kunstentwicklung seit den 80er-Jahren im globalen Maßstab verfolgen – die Entwicklung der Biennalen, der Kunstmärkte, der Reisewege von Kuratoren und Künstlern. Das ist spannend. Es verdeutlicht, dass wir von einer lokalen Entwicklung gar nicht mehr reden können und dass sich Berlin in einem globalen Netzwerk perspektivisch, vor allem kulturpolitisch positionieren muss, wie es Berlin
Biennale, Gallery Weekend und Art Week bereits tun.

Wird die Kunstgeschichte nicht mehr nach inhaltlichen Richtungen wie Expressionismus oder Neue Wilde geschrieben, sondern nach Regionen auf der Weltkarte?
Es sind mehr Fragen formaler Art, der Medien, die genutzt werden, und der politischen Hoheit über die Bilder. Ich sehe eine Parallelität von Entwicklungen, die nicht mehr unter einer kunsthistorischen Lesart zusammengefasst werden können.

Verliert der universale Geltungsanspruch der westlichen Moderne an Einfluss?
Ja! Michel Foucault glaubte, dass mit dem Ende des Imperialismus die Vorherrschaft des europäischen Denkens endete und dass ein imaginäres neues Denken nur im Austausch mit den Partnern weltweit zu entwickeln sei. Dafür steht auch so eine Ausstellung wie diese.

Interview: Andrea Hilgenstock

Foto: Anais (Johannes Odenthal),Ho-Yeol Ryu. ZKM / Karlsruhe

Nothing to declare? Akademie der Künste, Pariser Platz 4, Mitte, Di–So 11–19 Uhr, 1.2.–24.3.

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 13.02.2013

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