Jung-Galerist Tore Süßbier

Jung-Galerist Tore Süßbier  

Tore_Suessbier_c_Harry_SchnitgerDas nennt man Aussicht: Blickt Jung-Galerist ­Tore Süßbier, der mit seinen 25 Jahren eigentlich noch im Alter für Projekträume steckt, aus den Fenstern seiner Galerie in der Oranienburger Straße, bietet ihm Berlin das volle Programm. Gegenüber rottet das Tacheles vor sich hin und verbreitet den spröden Charme der Hausbesetzerkunst-Jahre, etwas weiter im Hintergrund kündet ein trotz frischer Fertigstellung schon wieder veraltet wirkender Bau im ­hypermodernen Stil der Nullerjahre vom welken Dotcom-Hype. Als Parkplätze zwischengenutzte Brachflächen dokumentieren den prekären Ist-­Zustand der Stadt – die leider nur bei Techno und Kunst das „Weltniveau“ hat, das der ebenfalls gut sichtbare Fernsehturm einst für den Ostteil der Stadt markieren sollte.

Was den studierten Management-Experten, dessen verschlungener Lebensweg durch München, Berlin, Klein-Machnow, Manhattan, Frankfurt am Main, Indien und die Schweiz führt, nicht weiter stört: Das Big Business kennt er schon aus seiner Zeit als Praktikant bei Merrill Lynch in New York – wo ihn die Firmen-Dauerkarte fürs Guggenheim überredet hat, sein Leben fürs Erste der Kunstvermittlung zu widmen. Interessanterweise gibt es zwischen beiden Branchen strukturelle Analogien, über die er erstaunlich freimütig spricht: "Das spannende am Kunstmarkt ist, dass er auf dem Insiderhandel beruht, der im Investmentbanking verpönt ist. Es läuft nichts ohne das Netzwerk, das man sich aufbaut, und man muss einige Jahre einrechnen, bevor eine Galerie überhaupt läuft." Und wo er schon dabei ist, verrät er auch noch das Betriebsgeheimnis, um das sich der größte Teil des kommerziellen Kunstbetriebes dreht: Die nötigen Sammlerkontakte, verbunden mit der persönlichen Empfehlung eines etablierten Mentors, der in seinem Fall der Münchener Sammler, Händler und Galerist Alfred Gunzenhauser ist.

Derart solide versorgt und lieber antizyklisch denkend fällt es ihm leicht, das derzeit in Kunst-Berlin grassierende Klima von Rezession und Sezession auszublenden. Nahezu sinnbildlich wird es, wenn er Besuchern die Werke der ersten Einzelausstellung aus der Nähe zeigt: Während man auf den großformatigen Arbeiten Jan Davidoffs aus der Ferne nur deprimierende Waldstücke in Schwarz und Weiß zu entdecken meint, weist Tore Süßbier gerne darauf hin, dass sich auf den Leinwänden zahllose kleine, erst auf den zweiten Blick erkennbare bunte Farbpunkte befinden. Dennoch macht sich der mit einer in der Szene seltenen Mischung aus Optimismus und an ­Bescheidenheit grenzender Nüchternheit ausgestattete Galerist, der in einem von Hype ­geprägten Umfeld auch gerne mal laut über Nachhaltigkeit nachdenkt, keine Illusionen: Obwohl er im Bermuda-Dreieck zwischen Grill Royal, King Size Bar und Jüdischer Mädchenschule kaum eine bessere Lage für seine Räume hätte finden können, wird er die Hälfte der Woche seiner zukünftigen Kundschaft hinterherreisen müssen, Ausstellungen außerhalb Berlins hat er bereits fest eingeplant.

Auch seinen eigenen Überblick organisiert er nicht in den dreieinhalb Trend-Vierteln, in ­denen bereits alle Jungkuratoren, Nachwuchsgaleristen und Kunst-Scouts übereinander stolpern. Stattdessen zieht es ihn an Orte wie Djerba. Denn: "Berlin ist eine superinternationale Stadt und deswegen ist es auch gut, wenn wir ­Berliner mit offenen Augen durch die Welt gehen." Eine zweifellos privilegierte, aber dennoch notwendige, glaubwürdige und überzeugende Einsicht – der man gute Aussichten wünscht.

Text: Gunnar Lützow

Foto: Harry Schnittger

Jan Davidoff: Hide ’n Seek TS Art Projects, Oranienburger Straße 45, 2. OG, Mitte, Eröffnung: Do 21.6. 18–21 Uhr, Ausstellung: 22.6.–30.7., Do–Sa 13–18 Uhr, www.toresuessbier.com

 
von  tip-Redaktion
Zuletzt aktualisiert: 02.07.2012

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